Dynamistische Anthropologie

Georges Balandier und der Bereich des Politischen

Es gab einmal eine Zeit, und man kann sie sich heute kaum mehr vorstellen, als sich die Theorieentwicklung in den einzelnen Disziplinen der Sozialwissenschaften in eine ähnliche Richtung bewegte. Man diskutierte intensiv eine Reihe von Grundfragen und -problemen, weshalb es ganz selbstverständlich war, dass man – zumal in Frankreich – zugleich Soziologe und Anthropologe sein konnte; dass man sich aus unterschiedlichen Fachperspektiven an bestimmten hegemonialen Paradigmen abarbeitete; und dass man die ganz großen fächerübergreifenden Fragen stellte, an die man sich nicht zuletzt auch deshalb herantraute, weil man sich beim Arbeiten in interdisziplinären Kontexten gehöriges Selbstbewusstsein geholt hatte. Die Rede ist – natürlich – von den goldenen 1950er- und 60er-Jahren, als die Soziologie noch mit gehöriger Arroganz von sich behauptete, Leitwissenschaft zu sein. Das stimmte zwar auch für diesen Zeitraum nicht ganz, führte aber immerhin dazu, dass man sich intensiv mit ihr auseinandersetzte und sie herausforderte, was dann wiederum die Soziologen in die benachbarten Fächer blicken ließ.

In jener Epoche, genauer 1967, erschien ein Buch, das sofort Aufmerksamkeit erregte und weit über die Grenzen der Fachdisziplin hinaus Bekanntheit erlangte. Die Rede ist von Georges Balandiers Anthropologie politique,1 einem vergleichsweise dünnen Bändchen, das aber relativ schnell ins Deutsche übersetzt2 wurde und schließlich in einer preisgünstigen, um ein Vorwort von Kurt Sontheimer bereicherten Taschenbuchausgabe3 auch hierzulande ein größeres Publikum erreichte. Den meisten deutschen Lesern dürfte der Autor bis dato vermutlich kaum vertraut gewesen sein. Einige kannten vielleicht seinen berühmten (und zu diesem Zeitpunkt auch schon ins Deutsche übersetzten) Aufsatz über „Die koloniale Situation“,4 in dem er den unvermeidlichen Gewalt- und Konfliktcharakter jener auf vermeintlicher kultureller Unter- bzw. Überlegenheit beruhenden Situation herausgearbeitet hatte. Die anderen, thematisch stark auf Afrika zentrierten Werke Balandiers hingegen dürften – jenseits anthropologischer Fachkreise – in Deutschland zuvor kaum wahrgenommen worden sein. So interdisziplinär war man – jenseits der Grundsatzfragen – dann doch auch wieder nicht.

Aber die Politische Anthropologie schlug sofort ein, und zwar weil Balandier mit großem Mut und souveränem Zugriff zentrale Phänomene des Zusammenlebens in menschlichen Gesellschaften analysierte: In Kapitelüberschriften war die Rede von „Verwandtschaft und Macht“, von „Religion und Macht“, von „sozialer Schichtung und Macht“, von „Tradition und Moderne“, und – allem übergeordnet – vom „Bereich des Politischen“. Was das Buch auch heute, nach fast 50 Jahren, noch immer lesenswert macht, ist Balandiers präzise und konsequente Argumentation, die den Leser an die Hand nimmt und in die damals virulenten (und alles andere als erledigten) theoretischen Kontroversen einführt. Dabei war er keineswegs der einzige, der sich bemühte, den statischen Strukturalismus eines Claude Lévi-Strauss und seiner Schüler zurückzudrängen. Ähnliche Bemühungen waren auch in den Nachbardisziplinen der Anthropologie zu bemerken, nicht zuletzt in der Soziologie, wo heterodoxe Funktionalisten an der Überwindung des nicht minder statischen Strukturfunktionalismus arbeiteten. Was Balandier aber von den anderen Reformern unterschied, war, wie konsequent er seine „dynamistische Anthropologie“ vorantrieb, wie präzise er die Konflikte in ‚vormodernen‘ Gesellschaften in den Blick nahm und wie massiv er die Unterschätzung des Politischen in der Ethnologie kritisierte. Die damals gängige Rede von ‚Gesellschaften ohne Staat‘ und ähnlich lautende Unterstellungen in anderen theoretischen Paradigmen schienen ihm das eben immer auch durch Machtbeziehungen strukturierte Wesen des Sozialen fundamental zu verkennen.

Balandier beschritt damit einen Weg, auf dem in der damaligen Soziologie – mit unterschiedlichem theoretischem Gepäck, aber ähnlicher Zielsetzung – auch andere Autoren wie etwa Lewis Coser unterwegs waren. Zusammen mit ihnen avancierte Balandier zu den Begründern der Konfliktsoziologie, einer anregenden, aber kurzlebigen Theorietradition, deren frühes Absterben die Soziologie heute, in sehr viel stürmischeren Zeiten, schmerzlich bedauern dürfte. Was ihn von Coser und den anderen durchaus unterschied, war die Schärfe, mit der er die gängigen Definitionen des Politischen sezierte und deren theoretische Schwachstellen freilegte. Balandiers eigene positive Begriffsbestimmung, der zufolge das Politische sich ganz wesentlich über die notwendige Einhegung von (interner) Konkurrenz und die ebenso notwendige Abwehr äußerer Bedrohungen herleiten lässt, hat schon damals nicht alle vollständig überzeugen können und kann das heute noch viel weniger. Aber wer immer über das Wesen des Politischen nachdenken und nicht sofort auf die schiefe Ebene der von Carl Schmitt eingeführten Kategorien geraten will, der tut gut daran, sein eigenes Urteilsvermögen an den entsprechenden Passagen der Politischen Anthropologie zu schulen. Dass eine (Neu-)Lektüre dieses trotz seines vergleichsweise geringen Umfangs gewichtigen Buches in systematischer Absicht immer noch lohnt, mag man zudem an der Bedeutung ermessen, die den dort geführten Grundsatzdiskussionen für die von Michael Mann und anderen vorangetriebene Entwicklung der anglo-amerikanischen Historischen Soziologie zukam.

Am 5. Oktober 2016 ist Georges Balandier im Alter von 95 Jahren in Paris gestorben. Er wird der Soziologie fehlen, nicht nur in Frankreich.

Fußnoten

1 Georges Balandier, Anthropologie politique, Paris 1967.

2 ders., Politische Anthropologie, übers. von Friedrich Griese, München 1972.

3 ders., Politische Anthropologie, m. e. Vorwort von Kurt Sontheimer, nach d. 2., durchges. u. erw. Aufl. übers. von Friedrich Griese, München 1976.

4 ders., Die koloniale Situation. Ein theoretischer Ansatz, in: Rudolf von Albertini (Hrsg.), Moderne Kolonialgeschichte, Köln u.a. 1970, S. 105–124.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.