Das iterative Moment akademischer Sartre-Schelte

Patrick Baert über Sartres Aufstieg als öffentlicher Intellektueller

Der Cambridger Soziologe und Intellektuellenforscher Patrick Baert geht in seiner Studie zwei Fragen nach: Welche Bedingungen haben es Jean-Paul Sartre (1905–1980) ermöglicht, samt seiner Philosophie so große gesellschaftliche Akzeptanz zu finden? Und: Warum gelang ihm das genau in den Jahren nach der Besatzung Frankreichs durch die Deutschen, also zwischen 1944 und 1947? Nach einer sechs Kapitel umfassenden Analyse, die historische, soziale, philosophische und diskursive Aspekte dieser Phase im Verhältnis zu Sartres Handeln und Denken erörtert, sowie der Skizze einer „neuen soziologischen Theorie des Intellektuellen“ im letzten Kapitel, lautet sein Befund: „Seen through this theoretical lens, we can say that during Second World War (and especially during the end of it), Jean-Paul Sartre has repositioned himself as an authoritative public intellectual.“ (184, Hervorhebung von mir). Wie kommt Baert zu diesem Urteil, das seiner die Studie tragenden Intention entspricht?

Zunächst grenzt sich Baert einleitend von anderen soziologischen und literaturwissenschaftlichen Intellektuellenforscher_innen ab, indem er deren Leistungen würdigt – namentlich Anna Boschetti, Randall Collins und Ingrid Galster, die alle drei über Sartre, insbesondere mit Bezug auf seinen Status als Intellektueller geforscht haben. Boschetti, so Baerts Einschätzung, vernachlässige den historischen Kontext, indem sie die intellektuelle Sphäre als relativ autonom beschreibe. Der Soziologe Collins historisiere zwar, greife aber zu kurz, indem er auf persönliche Beziehungen, auch in Netzwerken, fokussiere. Galsters Buch schließlich komme dem geforderten Anspruch am nächsten – allerdings seien die einzelnen Kapitel ungleich und ohne systematische Verbindung. Problematisch erscheint ihm bei allen dreien die fehlende Sozialanalyse, sprich ein zu enger Fokus auf die Figur Sartre.

Baert hingegen versucht, eine systematische „multi-level“-Analyse des Phänomens Sartre vorzulegen, indem er die positiven Aspekte der anderen Zugänge aufnimmt und in einer methodologisch einwandfreien „positioning theory“ (158 f.) verankert. Mit dieser „weiteren soziologischen Theorie der Intellektuellen“ sollen fünf wiederkehrende systematische Problematiken dieser Forschung überwunden werden: vier Spielarten der Überschätzung, namentlich von Empirie, Motivation (bzw. Intention), Authentizität und Stabilität, sowie ein struktureller Trugschluss. Diesen Theorievorschlag skizziert Baert im siebten und letzten Kapitel.

Baert untersucht einen relativ kurzen Zeitraum, nämlich die Zeit, in der der Großteil Frankreichs unter deutscher Besatzung stand, während der Süden von General Philippe Pétain bzw. der sogenannten Vichy-Regierung ‚regiert‘ wurde, sowie die zweieinhalb Jahre danach. Das erste Kapitel ist den drastischen kulturellen Veränderungen gewidmet, die die politische Situation sowie die mit ihr einhergehende Kollaboration mit dem NS-Regime mit sich brachte. Im zweiten Kapitel werden die „Reinigungsprozesse“ analysiert, durch die sich Frankreich anschließend von seinen kollaborierenden Denker_innen und damit auch von einer (Mit-)Schuld befreien wollte. Anschließend geht Baert auf die resultierenden Verschiebungen im intellektuellen Feld ein.

Hier kommt Sartre ins Spiel, dessen Veröffentlichungen diese Veränderungen aufgenommen und so den Geist der Zeit affirmierend gespiegelt hätten (s.u.). Das vierte Kapitel vollzieht das nach, was Simone de Beauvoir einmal die „existentialistische Offensive“ genannt hat: den Aufstieg Sartres zum Gewissen und Sprecher der Grande Nation im Gewand des intellektuellen Résistance-Mitglieds. Die Herausgabe der Zeitschrift Les temps modernes, die im Oktober 1945 zum ersten Mal erschien, und der Vortrag „L‘existentialisme est un humanisme“ von 1946 markieren den Beginn dieser Entwicklung. Im fünften Kapitel festigt Baert seine Beurteilung Sartres als selbstinstituierten Super-Intellektuellen der Résistance anhand der Analyse dreier Texte – La république du silence (1944), Réflexions sur la question juive (1946) sowie Qu’est-ce que la littérature? (1947) –, mit deren Hilfe Sartre seine Inszenierung gleichsam perfektioniert habe. Das Thema Sartre abschließend bringt Baert im sechsten Kapitel eine zusammenfassende Interpretation sowie eine Erklärung für den „Abstieg“ Sartres, den er zu Beginn der 1960er-Jahre einsetzen sieht.

Insgesamt soll die Untersuchung zeigen, dass in Frankreich im genannten Zeitraum eine gesellschaftliche Verschiebung stattgefunden hat, die sich in den zeitgenössischen Schriften Sartres nicht nur spiegele, sondern die er sich opportunistischerweise auch willentlich für seinen eigenen Aufstieg zunutze gemacht habe. Sartre sei vom Schweigenden zum Engagierten geworden, oder, um es noch drastischer zu formulieren: vom degenerierten Bourgeois zum reinigenden Hoffnungsträger. Dabei ist aus philosophischer Perspektive zu bemängeln, dass Baert viele Allgemeinplätze wiederholt, die längst widerlegt sind. So argumentiert er etwa, Sartre habe in den 1960er-Jahren seine Subjektphilosophie korrigieren oder gar negieren müssen etc. Hier fehlt jegliche Referenz auf die Cahiers pour une morale, die zwar erst 1980 postum veröffentlicht, aber bereits zwischen 1946 und 1948 niedergeschrieben wurden. Darin finden sich vor allem sozialphilosophische Analysen, die an die Subjektontologie anschließen1, indem sie sie erweitern und auf diese Weise überschreitend aufheben – im Hegel‘schen Sinne. Die anderen ‚üblichen‘ Vorwürfe sind es nicht wert, immer und immer wieder kolportiert zu werden, da man sie längst als unhaltbar entkräftet hat.2 Es drängt sich die Frage auf, ob es Baert darum geht, Sartre eine Schuld nachzuweisen – nur in welcher Hinsicht und: in welcher besonderen Funktion?

Dennoch lässt sich auch mit einem philosophischen Interesse aus Baerts Studie etwas lernen. Sie ist explizit gegen die These geschrieben, die intellektuelle Sphäre sei relativ autonom (148), und kann also als Beleg dafür dienen, dass intellektuelle Leistungen weder außerhalb der sozio-kulturell-historischen Sphäre entstehen noch unabhängig von ihr zur Kenntnis gelangen oder gar Achtung erzeugen. Angesichts der auch trotz Thomas Kuhns The Structure of Scientific Revolutions (1962) immer noch weitverbreiteten Vorstellung, Ideen und Theorien könnten zeitlose und objektive Gültigkeit beanspruchen und sich aus diesem Grund auch durchsetzen, ist ein solcher Befund nicht trivial. Vielmehr lässt sich mit Baert verstehen, dass (philosophischen) Theorien ein relativ kleines Zeitfenster offensteht, innerhalb dessen sie populär werden können. Leichter wird ihnen das freilich, wenn sie ihre Gegenwart vor dem philosophischen Hintergrund kritisch in den Blick zu nehmen und wenn sie Zeitbedürfnisse zu artikulieren bzw. zu bedienen vermögen. Insofern die Studie nach den Erfolgsbedingungen intellektueller Stars mitsamt ihrer Theorien fragt, ist sie nicht nur erhellend, sondern stellt einen wichtigen Beitrag zur Entmystifizierung ‚großer Denker_innen‘ dar. Geradezu widersprüchlich erscheint es dann jedoch, Sartre zum großen Puppenspieler zu stilisieren, der die Fäden seines Aufstiegs in der Hand gehabt habe, indem er ihn minutiös geplant und ins Werk gesetzt habe.

Zur Stützung der letzteren These erklärt Baert, Sartre habe seine Philosophie ab Mitte der 1940er-Jahre vollkommen verändert, um sie dem Gewollten, sprich dem Zeitgeist anzupassen (z.B. 174) – das kann nur behaupten, wer sie nicht wirklich kennt. Beispielhaft sei hier darauf verwiesen, dass Baert die Konzeption der mauvaise foi erst in L’être et le néant (1943) verortet. Dabei reicht es, sowohl auf den der Phänomenologie Edmund Husserls gewidmeten Essay La transcendance de l’Ego (1936) als auch auf die Kurzgeschichte „L’enfance d’un chef“ (1939) hinzuweisen, die aus unterschiedlichen Perspektiven beide u.a. genau dieses Konzept versuchter Selbsttäuschung thematisieren: »Aber vielleicht ist es die wesentliche Rolle des Ego, dem Bewußtsein dessen eigene Spontaneität zu verheimlichen.«.3

Zwar muss man Baert zugestehen, dass Sartre sicherlich ein verbreitetes gesellschaftliches Bedürfnis nach der Unschuld der ‚wahren‘, intellektuell redlichen Franzosen im Gegensatz zu den kollaborierenden nicht nur bedient hat, sondern ihm auch selbst entsprechen wollte. Und auch wenn Baerts keineswegs neue These zutrifft, dass Sartre sein „politisches Bewusstsein“ – zumindest was die Realpolitik betrifft – erst 1943/44 entdeckt hat: Hätte er den Rest seines Lebens peinlich betroffen schweigen sollen? Obwohl die Studie wichtige und interessante Hinweise auf die sozio-kulturell-historischen Hintergründe des Phänomens Sartre gibt (wie Ingrid Galster das einmal genannt hat), wirkt sie insgesamt wie der hundertste Versuch, Sartre und sein Denken (politisch) zu diskreditieren. Warum das notwendig ist und welche Funktion eine solche Verurteilung erfüllt, begründet Baert an keiner Stelle.

Da ich keine Soziologin bin, kann ich schwerlich abschließend beurteilen, inwiefern Baert eine für dieses Feld tatsächlich neue Herangehensweise erarbeitet hat. Es sei aber darauf hingewiesen, dass der Autor zwar die angloamerikanische wie auch die französische (sozialwissenschaftliche) Sartre-Forschung zumindest teilweise zur Kenntnis genommen hat, nicht aber die deutschsprachige. Deshalb fehlt beispielsweise ein Hinweis oder gar eine Auseinandersetzung mit der 2010 erschienenen, ausführlichen und sehr erhellenden Studie Formenwandel der französischen Intellektuellen von Jan Christoph Suntrup.

Fußnoten

1 Vgl. etwa Tatjana Schönwälder-Kuntze, Authentische Freiheit. zur Begründung einer Ethik nach Sartre, Frankfurt am Main 2001.

2 Vgl. hierzu etwa die ausgezeichnete Studie von Paige Arthur, Unfinished Projects. Decolonization and the philosophy of Jean-Paul Sartre, London 2010, auf die Baert allerdings keinen Bezug nimmt.

3 Jean-Paul Sartre, Die Transzendenz des Ego. Philosophische Essays 1931–1939, übers. von Uli Aumüller, hrsg. von Traugott König, Reinbek 1994, S. 88 (Originalausgabe: La transcendance de l’Ego, Paris 1936).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.