Zukunft von Gender?

Feministische Kritik als Theoriediskurs und wissenschaftliche Reflexionsform

Die Auseinandersetzung mit Gewalt und Ungleichheit im Geschlechterverhältnis sowie dem Warum und Wozu feministischer Kritik ist auch nach mehr als vierzig Jahren trotz allerlei Toterklärungen der Frauenbewegung nicht abgeebbt. Aber sie hat sich verändert. Sie findet inzwischen in vielen verschiedenen Arenen statt, sie ist unübersichtlicher geworden und sie vollzieht sich unter Bedingungen, in denen feministische Kritik inzwischen auch ihren eigenen, teilweise ambivalenten, Wirkungen begegnet. Mit den Erfolgen ist auch der Gegenwind wieder kräftiger geworden.

Ein aktuelles Epizentrum solcher Auseinandersetzungen ist die heißlaufende öffentliche Debatte um sexualisierte Gewalt, die durch die skandalösen Ereignisse in der Silvesternacht 2015 ausgelöst wurde. Mit ihrer polarisierenden Affektlage, die eher reflexhafte als reflektierende Reaktionen begünstigt, ähnelt sie dem sogenannten „Anti-Genderismus“1, einem weiteren Feld gegenwärtiger Kämpfe um Deutungsmacht in Sachen Sexualität und Geschlecht. Es ist ein dissonanter Chor, der sich seit einigen Jahren im Netz und in den Feuilletons zunehmend lauter zu Wort meldet: Treibt die einen die Angst, der aus Natur oder Schöpfung herzuleitende Zusammenhang von Geschlechterdifferenz, Heterosexualität, Familie und Generativität werde zerrüttet, mit desaströsen Folgen für die Nation, äußern sich andere genervt bis wutentbrannt über die europäische „Gender-Mafia“ der Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik, die mit ihrem bürokratischen Regulierungswahn sowohl die Freiheit der Rede als auch die Verhaltensspielräume einschränke. Zielscheibe und organisierendes Zentrum dieses heterogenen Protestdiskurses sind das Konzept „Gender“ und die Einrichtungen, die sich mit ihm befassen.

Der von der Berliner Literaturwissenschaftlerin Anne Fleig schon 2014 herausgegebene Band Die Zukunft von Gender. Begriff und Zeitdiagnose ist vor diesem Hintergrund, obschon der „Anti-Genderismus“ in ihm nicht explizit verhandelt wird, hochaktuell. Nicht nur, weil er Differenzierungsbedürfnisse in Sachen Feminismus anspricht und bedient, die in den Medien wenig Resonanz finden; er führt auch im Widerspruch zu kursierenden Zerrbildern von akademischen Geschlechterideologien exemplarisch vor, wie feministische Kritik als Theoriediskurs und wissenschaftliche Reflexionsform sich selbst mit einem ihrer prägenden Begriffe auseinandersetzt. Welten liegen dabei nicht nur zwischen den Beweggründen der anti-genderistischen und der feministischen Kritik des Genderkonzepts, sondern auch zwischen den Formen, in denen diese sich jeweils artikuliert. Passt den einen die ganze Richtung nicht, für die Gendertheorie und Politik in ihren Augen stehen, geht es den anderen um eine Abwägung der theoretischen bzw. politischen Gewinne und Verluste, die mit dem Genderkonzept verbunden sind, im Dienste der Stärkung feministischer Kritik. Nutzen die einen die Mittel der gezielten Desinformation und hasserfüllten Karikierung, so äußert sich die nicht minder engagierte Rede der anderen im begründenden Sprachspiel einer wissenschaftlichen Diskussion.

Im Titel „Die Zukunft von Gender“ deutet sich eine historisierende Intention an, die den Band durchzieht. Für Fleig beginnt die Zukunft (auch) von Gender mit den Antworten auf die Frage, welche Implikationen und Folgen der Wandel von Begriffen wie Leitperspektiven hatte, der den Feminismus und seine akademischen Strömungen seit den 1990er-Jahren charakterisiert. Anders als eine nur verwerfende Kritik des Konzepts erlaubt es die historisch-kontextualisierende Re-Vision, auch die spezifischen Einsätze und Hintergründe zu vergegenwärtigen, denen das Konzept Gender seinen Sinn und Siegeszug verdankt. Die im Untertitel „Begriff und Zeitdiagnose“ angesprochene Doppelperspektive erinnert daran, dass Kritik und ihre Begriffe unausweichlich einen Zeitkern haben, dem Rechnung zu tragen ist. In der Einleitung wird als Gewährsperson dieser Fokussierung auf das mögliche Überholt- und Stumpfwerden einstmals kritischer Begriffe die amerikanische Historikerin Joan Scott genannt, deren eigene Texte zu Gender einen solchen Wandel sowohl initiiert haben als auch abbilden.

War die aus dem sexualmedizinischen Diskurs der 1950er-Jahre stammende Unterscheidung von Sex (Körpergeschlecht) und Gender (soziokulturellem Geschlecht) von Feministinnen früh aufgegriffen worden, um biologistisch-deterministische Verlötungen von körperlichen Gegebenheiten und sozialen Rollenzuschreibungen zurückweisen zu können, so erwiesen sich bald die Tücken dieser Unterscheidung. Seit Ende der 1980er-Jahre erinnerten vor allem sozialkonstruktivistische und sogenannte dekonstruktivistischen Ansätze an die – erkenntnistheoretisch eher schlichte – Einsicht, dass auch die biologische Unterscheidung von geschlechtlich differenten Körpern keinen unvermittelten Zugang zum „Körper an sich“ eröffnet. Als Konsequenz der daran anschließenden Perspektivverschiebung auf kulturelle Praxen des Unterscheidens standen nicht mehr nur die großen Folgen des kleinen Unterschieds2 im Zentrum des Interesses, sondern zunehmend auch seine großen Voraussetzungen. Indem sie sich epistemologischen Fragen zuwandte, folgte die Geschlechterforschung ganz dem Trend der Zeit. In allen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern vollzog sich ein Cultural Turn, der sich zwar in unterschiedlichen Ansätzen artikulierte, insgesamt aber ein Stück weit wegführte von den gesellschafts- und strukturtheoretischen Fragestellungen, die die 1970er- und teilweise auch noch 1980er-Jahre geprägt hatten.

Radikalisiert wurde die anti-essenzialistische Sicht auf Geschlecht als kulturelle Unterscheidungspraxis durch Judith Butlers Problematisierung der Normalitätsregime, die mit der Geschlechtsunterscheidung verbunden sind.3 Nun rückte zum einen der normative Zusammenhang von binärer Geschlechtsunterscheidung und Heterosexualität in den Blick, zum anderen die Frage nach den Lebensmöglichkeiten derer, die durch die Raster dieser Kategorisierung fallen und damit per definitionem als nicht normal gelten. In der weiteren Ausarbeitung der normalisierungskritischen Perspektive formierten sich um die Jahrtausendwende auch im deutschsprachigen Bereich die Queer Studies und queerfeministische Ansätze.

Ein drittes, von der poststrukturalistischen Gendertheorie weitgehend unabhängiges Verbreitungsgebiet des Genderbegriffs ist die internationale Entwicklungs- sowie die europäische Antidiskrimierungs- und Gleichstellungspolitik. Hier markiert der Begriff Gender Mainstreaming allgemein eine gleichstellungspolitische Strategie, in der es nicht mehr um reine Frauenförderung geht, sondern um die systematisierte Abschätzung der divergierenden Konsequenzen, die politische Entscheidungen für Männer und Frauen haben (können). Dass der Genderbegriff sprachlich stärker als andere für die Einbeziehung von Männern steht, dürfte wesentlich zu seiner Durchsetzung beigetragen haben, auch wenn Gender Studies und Gleichstellungspolitik faktisch weitgehend feminisierte Bereiche geblieben sind.

In den Beiträgen des Sammelbandes wird die Frage nach der Gegenwart und Zukunft von Gender in unterschiedlicher Weise gerahmt. Sie reichen von einem literaturwissenschaftlichen status-quo-Bericht zu „Gender, wie's im Lehrbuch steht“ (Sigrid Nieberle) über zeitdiagnostische Beobachtungen wie „Feminismus, die Familie und die neue ‚mediatisierte‘ Mutterschaft (Angela McRobbie) bis hin zur – ebenfalls literaturwissenschaftlichen – Analyse weiblicher Autorschaft nach dem Gender-Turn (Anne Fleig). Den Kern des Bandes bilden sechs – teilweise durchaus voraussetzungsvolle – Aufsätze, die sich explizit mit dem kritischen Gehalt des Konzepts Gender sowie der Frage nach dem Subjekt wie dem Zustand feministischer Kritik befassen. An ihnen lässt sich ablesen, wie stark die jeweilige Einschätzung von der vorausgesetzten Theorieperspektive geprägt ist. Während die Philosophin Hilge Landwehr mit leibphänomenologischen Argumenten noch einmal gegen die völlige Kontingentsetzung körperlicher Gegebenheiten in poststrukturalistischen Gendertheorien argumentiert und vermittelnde Konzepte (leiblich-affektive Betroffenheit) vorschlägt, die die anti-naturalistische Intention des Genderbegriffs retten sollen, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten, sind die Einwände in anderen Beiträgen grundsätzlicher Art.

Prinzipielle Probleme mit dem Genderkonzept äußern vor allem diejenigen Autorinnen, deren Einschätzung durch die psychoanalytische Theorie (in Jacques Lacans Lesart) und das Insistieren auf dem Zusammenhang von Gesellschafts- und Subjekttheorie geprägt ist (Rita Casale, Barbara Rendtorff, Tove Soiland). Ihre Kritik bezieht sich nicht nur auf die banalisierte Verwendung eines blaurosa Genderbegriffs in verschiedenen Praxisfeldern, sondern setzt tiefer an, auf der Ebene der grundbegrifflichen Zuschnitte, die mit dem Genderkonzept sowie den mit ihm assoziierten Begriffen (z.B. identity) verbunden sind.

Barbara Rendtorff leitet den Block dieser Kritiken mit Reflexionen über die Frage ein, wie über Gender zu sprechen sei. Ihre Beobachtungen aus dem pädagogischen Feld verweisen auf einen eklatanten Widerspruch zwischen den kritischen Intentionen, die mit dem Begriff einmal verbunden waren, und seiner depolitisierten Verwandlung in eine Personvariable. Wie auch andere Autorinnen des Bandes ist Rendtorff skeptisch, ob der Begriff der Komplexität der Probleme, die auf der Tagesordnung stehen, gewachsen ist. Sie plädiert für die weitere Ausarbeitung eines Begriffs von Geschlecht, der sowohl die geschlechtliche Strukturierung der symbolischen Ordnung als auch der Gesellschaft begreift und der geeignet ist, die Zusammenhänge zwischen beiden Dimensionen differenziert zu fassen.

Rita Casale diskutiert in einem lesenswerten Beitrag die Verwechslung von Subjekt und Identität in den Gender Studies, und Tove Soiland untersucht in einer nicht minder prägnanten Argumentation theoretische und wissenssoziologische Implikationen des Genderkonzepts im Kontrast zum Konzept der sexuellen Differenz, wie es von der Philosophin Luce Irigaray entwickelt wurde.4 Soiland wirft der dekonstruktivistischen Gendertheorie vor, dass diese ihre eigenen Prämissen selbst nicht mehr kritisch reflektiere, sondern ontologisiere. So setze sie immer schon voraus, dass im Rahmen der heterosexuellen Matrix die Geschlechter als zwei binär aufeinander bezogene Positionen hervorgebracht würden. Dagegen gehe die Theorie der sexuellen Differenz, die ebenfalls eine nicht-essenzialistische Vorstellung von Geschlechterunterschieden vertrete, von einer basalen kategorialen Asymmetrie im Bereich der androzentrischen symbolischen Ordnung aus, die nur für die männliche Seite überhaupt eine Subjektposition vorsehe. Es „gibt“ also in dieser Sicht keine zwei Geschlechter.

Aus den unterschiedlichen Theorieperspektiven ergeben sich unterschiedliche politische Folgerungen. Problematisch an der Gender-Theorie Butler ‘scher Prägung ist für Soiland, dass die Zweigeschlechtlichkeit an sich und deren heterosexuelle Normierung ins Zentrum rückt, während die genuin feministische Frage nach Herrschaft und Ungleichheit im Verhältnis von Männern und Frauen bzw. nach dem Subjektstatus von Frauen tendenziell an Gewicht verliert. Die Lösungen würden dann nur noch im Aufsprengen dieses normalisierenden binären Rahmens, etwa in Formen der Vervielfältigung von Identitäten und Begehrensformen, gesucht. Aus Soilands Sicht, die damit ihrem theoretischen Einwand noch eine zeitdiagnostische Wendung gibt, können diese aber unter den Bedingungen eines hedonistischen Kapitalismus nicht subversiv sein. Sie sollten daher besser als Teil des Problems analysiert anstatt als Lösung behauptet werden.

Auch die Philosophin Cornelia Klinger wirft einen skeptisch-bösen Blick auf „Gender in Troubled Times: Zur Koinzidenz von Feminismus und Neoliberalismus.“ Anders als Casale, Rendtorff und Soiland kreidet sie es weniger dem Genderkonzept selbst als den Entwicklungen, die in seinem Gefolge stattgefunden haben, an, dass sein kritisches Potenzial weitgehend abhandengekommen sei. Zum einen hätten die idiosynkratischen und selbstbezüglichen Formen, die die Grundlagenkritik in einigen akademischen Zirkeln angenommen habe (sie spricht von verbissenen Eiertänzen um Benennungen, grassierender Pluralbildung), zunehmend die Problembestimmungen erschwert, vereinseitigt und die feministische Kritik geschwächt. Zum anderen gebe es offenkundige Konvergenzen zwischen Gender-Mainstreaming-Politiken und neoliberalem Turbokapitalismus, in denen Emanzipationsforderungen von Frauen auch im Medium der Gleichstellungspolitik an Systemerfordernisse adaptiert würden.

Angesichts der zahlenmäßigen Übermacht von Autorinnen, die unterschiedlich begründete Zweifel am Kritikpotenzial des Genderbegriffs äußern, steht Sabine Harks Verteidigung des Konzepts im Sammelband zwar etwas isoliert da, sie bewältigt die Aufgabe aber mit gewohnter Souveränität. Hark kontextualisiert ihr Argument zunächst mit einem Blick auf Grundzüge der öffentlichen Debatten, in denen Gender als postmoderner Kontrastbegriff zum Feminismus eingesetzt worden sei, und skizziert dann Neu-Konstellierungen von Gender und feministischer Kritik im Zuge jener Prozesse, in denen feministische Kritik selbst akademisch und damit Teil einer Institution mit besonderer gesellschaftlicher Definitionsmacht geworden sei. Mit Edgar Forster fasst sie das Konzept Gender nicht als isolierte Kategorie, sondern als historisch situierten „Wahrheitsraum“, der Fragen nicht beantworte, sondern eröffne. Voraussetzung dafür, diesen Raum für Erkenntnis- und Sozialkritik nutzen zu können, sei ein Kontingenzbewusstsein, das erlaube, auch die (Voraus-) Setzungen des eigenen Denkens immer als vorläufig zu betrachten. Diese Positionierung lässt sich – auch – als Einladung verstehen, die bislang als unvereinbar behaupteten Ansätze von Gender und sexueller Differenz in ihren jeweiligen Setzungen und Potenzialen noch genauer auszuloten.

Gegenwärtig überwiegt die Betonung der Divergenzen. Aber es ergibt weder theoretisch noch politisch einen Sinn, die normalisierungskritischen Anliegen des Queerfeminismus und die feministische Kritik am Androzentrismus in Kultur und Gesellschaft gegeneinander auszuspielen. Ebenso wenig Sinn ergibt eine historisierend-postistische Erzählung, die den Queerfeminismus als avantgardistische Überwindung des auf Machtdisparitäten zwischen Männern und Frauen konzentrierten „alten“ Feminismus feiert. Dass in der Perspektive der einen die legitimen Anliegen der Anderen tendenziell an den Rand rücken, ist systematischer als bisher zu bedenken. Vielleicht wäre die kritische Befassung mit dem Begriff identity und den Reduktionismen von Identitätspolitik, die sich in einigen Beiträgen andeutet, ein geeigneter Fokus für weiteren Widerstreit.

Zusammengenommen bietet Die Zukunft von Gender informative, substanzielle und weiterführende Einblicke in die grundlagenkritische Befragung zentraler Begriffe feministischer Kritik. Auch wenn der Band den anti-genderistischen öffentlichen Diskurs kaum beeinflussen wird und sich eher an eine auch theoretisch interessierte Leser_innenschaft wendet, ist ihm ein möglichst breites Publikum zu wünschen. Nicht zuletzt deshalb, weil man wieder einmal etwas lernen kann über eine spezifische Qualität feministischer Debatten: Bei aller Unterschiedlichkeit der Ausgangspunkte und Einschätzungen merkt man dem Ringen um angemessene Begriffe an, dass es im Kern um eine gemeinsame Sache geht.

Fußnoten

1 Sabine Hark/ Paula-Irene Villa (Hrsg.), Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplatz aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld 2015.

2 Ein einflussreicher Text für die deutsche Frauenbewegung der 1970er-Jahre war Alice Schwarzer, Der "kleine Unterschied" und seine großen Folgen. Frauen über sich, Beginn einer Befreiung, Frankfurt am Main 1975.

3 Judith Butler, Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity, New York 1990; dt.: Das Unbehagen der Geschlechter, übers. von Kathrina Menke, Frankfurt am Main 1991.

4 Luce Irigaray, Ethik der sexuellen Differenz, übers. von Xenia Rajewsky, Frankfurt am Main 1991.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Imke Schmincke.