Künste der Wissenschaft – Wissenschaft der Künste

Spring School des Doktoratsprogramms »Soziologie und Geschichte der Sozial- und Kulturwissenschaften«

Eine institutionelle, diskursive und praktische Trennung von Kunst und Wissenschaft im Hinblick auf ihre jeweiligen Wirkungs- und Handlungsbereiche ist nur auf den ersten Blick als gegeben anzunehmen. Denn sie setzt zugleich eine Differenzierung von Wissenschaftler/in und Künstler/in, von Theorie und Praxis, Wissen(schaft) und künstlerischem Handeln voraus, was angesichts der engen Verhältnisse von Wissen und Künsten in unterschiedlichen Epochen in Frage gestellt werden kann. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass eine Grenzziehung zwischen Künsten und Wissenschaften nur eine Perspektive unter anderen ist.

Besonders in den gegenwärtigen Diskussionen steht sie vielfach zur Disposition, wird die Beziehung zwischen Wissenschaften und Künsten allgemein in unterschiedlichsten Disziplinen und in den Künsten selbst diskutiert. Das gilt für Ansätze, die Kunst als eine Praxis (des Wissens) verstehen, bzw. Künste, die sich einer künstlerischen Forschung (i.S. v. artistic research) verschreiben ebenso, wie für Modelle, die Philosophie als Kunstform oder Kunstformen als Denkformen auffassen. Ausgangspunkt ist dabei nicht ein umfassender Ästhetikbegriff und/oder ein formalistisches Interesse an Wissenschaft, sondern ein Wissenschaftsbegriff, der Wissen auch an Erfahrung, Situationen, Körper, Erlebnis, Gemeinschaft/Kollektivität und Potentialität knüpft. Die Frage nach Trennung oder Zusammenführung von Künsten und Wissenschaft ist auch eine, die den Ästhetikbegriff im Kontext der Praxistheorien (Rancière, Reckwitz) diskutieren lässt. Welche Theoriemodelle oder Methoden ergeben sich daraus für einzelne Disziplinen? Inwiefern ist die Diskussion für die Künste selbst relevant? Wo und in welchen Formen und Spielarten fand oder findet sich künstlerische Forschung?

Die Spring School des Doktoratsprogramms „Soziologie und Geschichte der Sozial- und Kulturwissenschaften“ (DP SHSCS) der Karl-Franzens-Universität Graz soll Diskussionen zu unterschiedlichen Aspekten der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft und/oder Reflexionen über eigene Wissens- bzw. Kunstpraktiken ermöglichen. Dabei interessiert nicht nur, welche konzeptuellen Fragestellungen und Begriffe hilfreich sein können, um die Komplexität einer möglichen chiastischen Beziehung zwischen Wissenschaft und Kunst angemessen zu erfassen, sondern auch, wie Erkenntnisse im Nachdenken über diese Beziehung Konsequenzen für die Praktiken (der Kunst und der Wissenschaften) selbst nach sich ziehen – sowohl innerhalb des institutionellen Bildungsrahmens wie auch darüber hinaus. Ebenso sind wissenschaftshistorische und -soziologische Arbeiten von Interesse, die die jeweiligen Grenzziehungsprozesse (boundary works) und/oder Verbindungen zwischen Wissenschaft und Kunst in der Entstehung der Sozial- und Kulturwissenschaften rekonstruieren und reflektieren.

Dieser Call richtet sich an Sozial- und Kulturwissenschaftler*innen und Künstler*nnen, an Kunstwissenschaftler*innen und künstlerische Philosoph*innen, die sich an einem Austausch zu folgenden Fragestellungen beteiligen wollen:

  • Wie sahen und sehen Grenzziehungspraktiken aus, wo gab und gibt es Auflösungen der Trennung zwischen Kunst und Wissenschaft in den Sozial- und Kulturwissenschaften?
  • Welche Chancen und Risiken bietet die Ästhetisierung von wissenschaftlichen Prozessen?
  • Welche Chancen und Risiken bietet die Verwissenschaftlichung von künstlerischen Prozessen?
  • Welche Arten von Wissen, welche Kunstfertigkeiten (i.S. des engl. ‚skill‘) und welche möglicherweise notwendigen ‚blinde Flecken‘ setzt eine jeweilige Wissenschaft oder Kunstpraxis voraus?
  • Welche Modi des Handelns (z. B. aktiv oder passiv), welche konkrete methodische Praktiken (z. B. Lesen, Interpretieren, Klassifizieren, Wiederholen) und welche zeitlichen Rhythmen bzw. Geschwindigkeiten werden im jeweiligen künstlerischen oder wissenschaftlichen Kontext eingesetzt?
  • Wie wird dieses Wissen (bzw. ‚Unwissen‘) verhandelt und kommuniziert?

Die vom Doktoratsprogramm „Soziologie und Geschichte der Sozial- und Kulturwissenschaften“ bereits zum achten Mal veranstaltete Spring School heißt Vortragsvorschläge von Forscherinnen und Forschern auf Master-, Doktorats- und Post-Doc-Niveau willkommen, deren Projekte den oben angeführten Überlegungen thematisch nahe stehen. Dabei kann es beispielsweise um grundlegende methodologische Überlegungen gehen, aber auch um die Vorstellungen von Projekten und Forschungen, die im beschriebenen Themenfeld angesiedelt sind. Ausgewählte Projekte werden im Rahmen der Spring School vorgestellt und von den Faculty-Mitgliedern des DP in konstruktiver Weise diskutiert. Vorschläge aus allen Fächern der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sind willkommen.

Die Spring School beginnt am 18. März 2019 mit einer Keynote von Prof. Dr. Alice Lagaay. Die 20-minütigen Präsentationen der Projekte erfolgen am 19. und 20. März 2019. Vorschläge in der Länge von max. 500 Wörtern sind bis 10. Januar 2019 per Email an Frau Sabine List (sab.list(at)uni-graz(dot)at) zu richten. Zudem soll auf einer Skala von 0 bis 100 angegeben werden, wie weit das Projekt bereits fortgeschritten ist. Dies dient rein der Orientierung und hat keine Auswirkungen auf die Entscheidung des Programmkomitees. Über die Auswahl ihres Beitrags werden Autor*innen binnen zwei Wochen nach Ende der Einreichfrist verständigt. Erfolgreiche AutorInnen werden gebeten, eine schriftliche Version des 20-minütigen Vortrags bis 5. 2. 2019 einzureichen.

Zum Call for Papers (PDF)