Care! Feminism Confronts Capitalism – Herrschaft, Protest, Visionen im Feld der Sorgearbeit

Jahrestagung der Sektion Feministische Theorie und Geschlechterforschung in der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS), 29.–30. Januar 2015

Am 29. und 30. Januar 2015 fand die Jahrestagung der Sektion Feministische Theorie und Geschlechterforschung an der Johannes Kepler Universität Linz und in der Arbeiterkammer Oberösterreich statt. Im Zentrum der Veranstaltung standen das in der feministischen Forschung traditionsreiche Motiv der Sorge und Sorgearbeit sowie die sich daran entfaltende Kapitalismuskritik. Aus Österreich, Deutschland und der Schweiz waren etwa 110 Teilnehmerinnen aus Praxis, Zivilgesellschaft und Wissenschaft gekommen, um über den gegenwärtigen Zustand und die zukünftige Gestaltung von Care zu diskutieren.

CORNELIA KLINGER (Wien) legte in ihrem Eröffnungsvortrag ein breites Verständnis von Sorge zugrunde, indem sie die feministische Forderung nach der „Care-Revolution“ an der neoliberalen Wirklichkeit maß. Während sie die Entwicklungen seit den 1990er-Jahren nachzeichnete, warnte sie vor einem romantisch verklärten Blick auf die in der Vergangenheit im Privaten geleistete Lebenssorge. Care sei immer schon arbeitsteilig und herrschaftlich strukturiert gewesen.

In dem Panel „Vercarete Verhältnisse: Arbeitsarrangements, Arbeitsteilung und Macht in der Pflege“ widmete sich KARINA BECKER (Trier) migrantischer Pflegearbeit in Deutschland und untersuchte die spezifische Situation von Beschäftigten in den nicht-standardisierten Arbeitsformaten der 24-Stunden-Betreuung. Diese Arbeitsmigrantinnen hätten kaum institutionelle Machtressourcen, auf die sie zurückgreifen könnten. Da sie ihre Arbeitskraft der familialen Logik unterwerfen müssten, würden sie außerdem strukturell entmachtet, wodurch den Beschäftigten lediglich die individuelle Primärmacht bleibe, um ihre Lage zu verbessern. MARGARETA KREIMER (Graz) setzte sich angesichts der Prämisse der (Nicht-) Marktfähigkeit von Care-Work mit den Besonderheiten des Privathaushaltes als Arbeitsplatz auseinander. Zwar werde bereits versucht, diesen Beschäftigungsbereich zu regulieren, dennoch sah Kreimer einen großen Handlungsbedarf; denn es gebe zurzeit eine Fülle an Sonderregelungen, die die existierenden Probleme nicht konsequent einhegen könnten. EVA FLEISCHER (Innsbruck) lieferte schließlich eine Bestandsaufnahme zu informeller Pflege und Intersektionalität in Österreich. Sie warnte davor, dass interkategoriale Analysen „intersektionelle Unsichtbarkeit“ bewirken könnten, sodass lediglich die „typischen“ Pflegenden in den Blick gerieten und Akteure wie Kinder und Jugendliche, die Angehörigen pflegen (sogenannte Young Carer), oder Männer unberücksichtigt blieben. Fleischer plädierte für anti- und intrakategoriale Ansätze, um die notwendige Differenziertheit zu erlangen.

Das Panel „Pflege als Geschäft?“ eröffnete CLAUDIA GATHER (Berlin), die die Bandbreite der Motive von Existenzgründungen in der Pflegebranche in Deutschland aufzeigte. Die Existenzgründerinnen würden die Selbständigkeit vielfach nutzen, um die Situation für sich und/oder die zu Pflegenden erträglicher zu machen, als dies vielfach in den gegebenen Pflegearrangements der Fall sei. Den privatwirtschaftlich organisierten Markt der 24-Stunden-Pflege in der deutschsprachigen Schweiz wählte KATHARINA PELZELMAYER (Zürich) als Ausgangspunkt für ihre Forderung, die feministisch-kritische Auseinandersetzung mit der Kommodifizierung von Care müsse aufgewertet werden. SARAH SCHILLIGER (Basel) zeigte anhand ebendieses Marktes, dass sich an den Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen in der Pflegepraxis in den Privathaushalten inzwischen Widerstand entzündet habe. Migrantische Arbeitskräfte hätten begonnen, sich zu organisieren, um Forderungen nach „Respekt“ zu formulieren (so die Selbstbezeichnung einer Protestinitiative).

Ausklang des ersten Tages war ein Gespräch zwischen ERNA APPELT (Innsbruck) und HELMA LUTZ (Frankfurt am Main) über „Zukunftsfragen im Wohlfahrtsstaat“. Sowohl Deutschland als auch Österreich seien konservativ-korporatistische Regime, in welchen aufgrund widersprüchlicher Politiken nach wie vor Frauen die Hauptverantwortung für Sorge trügen. Das in beiden Staaten forcierte Leitbild des Adult-Workers1 entspreche – trotz der Neoliberalisierungen der Sozialpolitik – nicht der Lebenswirklichkeit, denn die Reformen in beiden Staaten würden auf bestehenden intersektionellen Herrschaftsstrukturen aufbauen und diese verfestigen. Beispielsweise stünden je nach Klassenzugehörigkeit unterschiedliche Optionen für Sorge zur Verfügung, durch verschiedene Reformen wie etwa in Deutschland das Betreuungsgeld werde Familialismus nach wie vor forciert, zugleich werde aber für Betreuung häufig auf Migrantinnen zurückgegriffen, um nationale Frauenerwerbsarbeit zu fördern. Beide Care-Regime seien in Bewegung und stünden vor ähnlichen Herausforderungen, würden diese freilich auf Kosten derselben Gruppen in vergleichbarer und doch verschiedener Art und Weise bearbeiten. In Österreich etwa wurde migrantische 24-Stunden-Betreuung legalisiert, während dieses Modell in Deutschland nach wie vor illegal, aber gesellschaftlich akzeptiert ist.
Das von Nancy Fraser entwickelte Modell des Universal Caregiver2 erschien Helma Lutz und Erna Appelt als eine interessante Überlegung, um die Care-Krise zu bewältigen. Lutz hob in ihrem Ausblick hervor, man müsse dieses Modell transnational denken, hierfür seien jedoch globale Regulierungsinstitutionen wie etwa ein globaler Gewerkschaftsbund vonnöten.

Der zweite Tag schloss durch ein Panel zu „Care-Policy im Sozialstaat“ an das Gespräch vom Vorabend an. Zunächst verglich DORIAN WOODS (Tübingen) die Elternzeitpolitiken kapitalistischer Demokratien mit denen von Autokratien. Mit Kinderbetreuung in Deutschland beschäftigte sich der Vortrag von STEFAN KERBER-CLASEN (Nürnberg). Der Kitabereich diente ihm als Folie, um widersprüchliche Entwicklungstendenzen in der Kinderbetreuung aufzuzeigen. ROLAND ATZMÜLLER (Linz) sprach sich in seinem Beitrag dafür aus, über die Rolle des Staates neu nachzudenken, und trug kritische Überlegungen zu den Konzepten der Aktivierung, Workfare und des Social-Investment-State im Kontext von Sorge vor.

Der Frage nach guter Arbeit und der Chance auf Selbstsorge widmete sich das vierte Panel. KRISTINA BINNER und MARIA DAMMAYR (Linz) erörterten, wie und ob Selbstsorge unter veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen möglich sei. Selbstsorge werde unter den Vorzeichen von Aktivierung und Entgrenzung immer mehr zu einem Stück eigener Arbeit. Ob die in Österreich erlaubte 24-Stunden-Betreuung gute Arbeit ermögliche, fragte anschließend ALMUT BACHINGER (Wien). Sie widerlegte im Rahmen ihres Vortrages einige Mythen bezüglich dieser Betreuungsform, welche entgegen der allgemeinen Ansicht weder kostengünstig noch relational bedeutsam sei.

In der Mittagsvorlesung betonte BIRGIT RIEGRAF (Paderborn), dass nicht nur die Anforderungen an Care steigen, sondern auch die tragenden Säulen der Sorgearbeit erodieren würden. Ein zentraler Grund hierfür sei, dass die in der Nachkriegszeit etablierten Arbeitsarrangements instabil geworden seien und vermehrt hinterfragt würden. Den Rückbau des Wohlfahrtsstaates und die damit einhergehende Rückverlagerung von Sorgeverantwortung ins Private nannte Riegraf als eine weitere Entwicklung, die die Care-Regime unter Anpassungsdruck setzen würden. Häufig werde versucht, diese Veränderung unter Rückgriff auf geschlechtliche, ethnische und kulturelle Herrschaftsstrukturen zu bewältigen.

Auf dem Abschlusspodium suchten Vertreterinnen aus Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft Wege aus der Sorgekrise. LUZENIR CAIXETA (Linz), die Mitbegründerin des Autonomen Zentrums von & für Migrantinnen maiz, merkte an, dass die Perspektive der migrantischen Care-Workerinnen in den akademischen Debatten fehle. Sie betonte, diese müsse nicht nur wiedergegeben werden, sondern die Forschung müsse gemeinsam mit den Beschäftigten an der Situation arbeiten. TINE HAUBNER (Jena) sprach in Anlehnung an Silvia Federici von einer „doppelten Entwertung“ im Sorgebereich. Sorgearbeit sei nach wie vor nicht als „richtige“ Lohnarbeit anerkannt und werde dementsprechend auch nicht nur nicht als wertschöpfend, sondern vielmehr als wertabsorbierend angesehen. Auf dieser Grundlage finde eine Ausbeutung von Erwerbslosen, Angehörigen, Migrantinnen und Ehrenamtlichen als Care-Reserve statt. Haubner wies ferner auf den systemischen Charakter der Sorgekrise hin und mahnte an, die Rolle des Wohlfahrtsstaates als Akteur im Feld zu erkennen. Als Leiterin der Abteilung für Gleichstellungspolitik betonte MARGIT WAID (Linz), dass die in prekären Situationen befindlichen Akteurinnen sich solidarisieren müssten, nicht aber unterschiedliche Prekaritäten gegeneinander aufrechnen sollten. Die aktuellen Debatten rund um den demografischen Wandel und die Kinderbetreuung würden neue Räume eröffnen, in denen Sorge diskutiert werden könne. KARIN JURZCYK (München) betonte als Mitverfasserin des „Care Manifestes“ und Mitbegründerin der „Initiative Care.Macht.Mehr“ im Einklang mit Cornelia Klinger: „Krise war immer“. Sie forderte nicht nur nationale und kommunale Care-Berichte, um gesellschaftliche Zusammenhänge aufzeigen zu können, sondern auch breitenwirksame öffentliche Aktionen. IRIS WOLTRAN (Arbeiterkammer Oberösterreich) verwies auf die Notwendigkeit eines umfassenden staatlichen Leistungsangebotes, um die aktuelle Krise lösen zu können. Weiterhin sei eine Neuverteilung von Sorgetätigkeiten zwischen den Geschlechtern notwendig, und die Arbeitsbedingungen in der Sorgearbeit müssten verbessert werden.

Kurzum: In Linz traf kritische Zivilgesellschaft auf kritische Wissenschaft, um das Thema Sorge und Sorgearbeit sowohl in die Tiefe als auch in die Breite gehend zu betrachten und zu diskutieren. Dank neuer Analysen, Befunde und Erkenntnisse wurden gemeinsame Handlungsbedarfe und Ziele identifiziert, über deren Gestaltungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten im Anschluss gesprochen wurde. Besonders hervorzuheben ist, dass die Tagung ein Forum für einen grenzübergreifenden Austausch zwischen Österreich, Deutschland und der Schweiz eröffnete, sodass Herrschaft, Proteste und Visionen sowohl national als auch trans- und trinational debattiert und neue Perspektiven der Kritik und des Handelns erschlossen werden konnten.

Konferenzübersicht:

Eröffnung und Begrüßung

Brigitte Aulenbacher/Ilona Horwath/Fabienne Décieux, Begrüßung durch die Sektion FTh.G in der ÖGS

Johann Bacher, Grußwort des Dekans der SOWI-Fakultät der Johannes Kepler Universität Linz

Doris Weichselbaumer/Franz Wagner, Grußworte vom Institut für Frauen- und Geschlechterforschung und der Abteilung für Theoretische Soziologie und Sozialanalysen des Instituts für Soziologie

Eröffnungsvortrag

Cornelia Klinger (Wien), Sorge um Care in den Strukturen einer sich wandelnden kapitalistischen Gesellschaft

Panel 1: Vercarete Verhältnisse: Arbeitsarrangements, Arbeitsteilung und Macht in der Pflege

Karina Becker (Trier), Migrantische Pflegearbeit in Deutschland: Zwischen struktureller Machtlosigkeit und individueller Primärmacht

Margareta Kreimer (Graz), Putzen und Pflegen rund um die Uhr – Zur Verschränkung von haushaltsnahen Dienstleistungen und Care Work am Beispiel Österreich

Eva Fleischer (Innsbruck), Intersektionalität und informelle Pflege – Bestandsaufnahme und offene Fragen

Panel 2: Pflegen als Geschäft? Über die Kommerzialisierung des Sorgens

Claudia Gather (Berlin), Selbstständige in der Pflegebranche – Unternehmertum zwischen Fürsorge und Markt in Deutschland

Katharina Pelzelmayer (Zürich), 24h Betagtenbetreuung organisiert von privaten, profitorientierten „care agencies“ in der Deutschsprachigen Schweiz: Entwicklungstendenzen in der Sorge-Arbeit und Geschlechternormen

Sarah Schilliger (Basel), „Bezahlbare Pflege – unbezahlbare Herzlichkeit“ – Kommerzialisierung von Care-Arbeit zwischen Markt und Familie

Abendveranstaltung

Christine Lengauer, Grußwort der Vizepräsidentin der Arbeiterkammer Oberösterreich

Erna Appelt (Innsbruck)/Helma Lutz (Frankfurt am Main), Im Gespräch: Zukunftsfragen im Wohlfahrtsstaat – Wer sorgt, betreut und pflegt in Österreich und Deutschland?

Panel 3: Care Policy im Sozialstaat: Entwicklungstendenzen in der Sorgearbeit

Dorian Woods (Tübingen), Eltern- und Pflegezeit: Autokratien und kapitalistische Demokratien im Vergleich

Stefan Kerber-Clasen (Erlangen-Nürnberg), Keine Krise? Zur widersprüchlichen Entwicklung des Kita-Bereichs in Deutschland

Roland Atzmüller (Linz), Soziale Ungleichheiten im Workfare Staat

Panel 4: Gute Arbeit und die Chance, für sich selbst zu sorgen – geht das (noch)?

Kristina Binner/Maria Dammayr (Linz), Von der Freiheit, gut für sich selbst zu sorgen. „Doing Selbstsorge“ im Alltag von Altenpflegerinnen und Wissenschaftlerinnen

Almut Bachinger (Linz), Faire Arbeitsbedingungen in der 24-Stunden-Betreuung – geht das? Das österreichische migrant-in-a-family-care Modell in kritischer Betrachtung

Mittagsvorlesung

Birgit Riegraf (Paderborn), Care, Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit im Postwohlfahrtsstaat

Abschlusspodium

Wege aus der Sorgekrise: Care und Care Work lebensgerecht gestalten

Teilnehmerinnen:

Luzenir Caixeta (Linz)

Tine Haubner (Jena)

Karin Jurzcyk (München)

Margit Waid (Linz)

Iris Woltran (Oberösterreich)

Fußnoten

1Mit dem geschlechterübergreifenden Leitbild des Adult-Worker wird das bisherige Modell des männlichen Familienernährers weitgehend abgelöst, an dessen Stelle nun das Ideal erwerbstätiger Frauen und Männer tritt. Beide Geschlechter gelten als fähig, für ihren eigenen Lebensunterhalt aufzukommen. Insofern in diesem Modell individualisierte und eigenverantwortliche Erwerbstätige vorausgesetzt werden, bleibt unberücksichtigt, wer Sorgearbeit übernimmt. Somit werden Menschen implizit als versorgt gedacht.

2Frasers Konzept stellt eine Alternative zu den verschiedenen Modellen des Male-Breadwinner, zum Adult-Worker, aber auch zum Caregiver-Parity-Modell der bezahlten Betreuungsarbeit dar. Dahinter steht die Idee einer gleichberechtigten Integration bzw. Verteilung von Lohn- und Sorgearbeit – unabhängig von bestehenden Herrschaftsstrukturen. Es handelt sich hierbei nicht um ein erwerbsarbeits-, sondern um ein carezentriertes Modell, welches nicht nur mehr geschlechtliche und soziale Gleichheit ermöglichen, sondern zudem zu einer Aufwertung von Sorgearbeit, zu einem höheren Maß und einer gleichen Verteilung von Freizeit sowie zu mehr Zeit beispielsweise für zivilgesellschaftliches Engagement beitragen soll.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.