Die prekäre journalistische Nähe zur Macht

Uwe Krüger im Gespräch mit Michael Walter

Wie eng sind Journalisten der deutschen Leitmedien mit politischen und wirtschaftlichen Elitenetzwerken verbandelt? Und inwieweit führt die prekäre journalistische Nähe zur Macht zu einer Identifikation mit elitären Diskurspositionen? Diese Fragen stehen im Zentrum von Uwe Krügers kommunikationswissenschaftlicher Studie Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse,1 die eine intensive Debatte in Wissenschaft und Medien ausgelöst hat.

Michael Walter: Herr Krüger, Sie sind mit Ihrem 2013 erschienenen Buch Meinungsmacht einer breiten wissenschaftlichen wie medialen Öffentlichkeit bekannt geworden. Darin gehen Sie mittels einer „kritischen Netzwerkanalyse“ der Frage nach, wie nah Leitmedien und deren „Alpha-Journalisten“ Politik- und Wirtschaftseliten stehen sowie welchen Einfluss dieser Kontakt auf ihre Berichterstattung hat, genauer: inwieweit dadurch eine Konformität mit elitären Diskurspositionen entsteht. Könnten Sie zunächst kurz Ihr Forschungsdesign und die grundlegenden Ergebnisse Ihrer Arbeit skizzieren?

Uwe Krüger: Ausgehend von Theorien aus den USA, denen zufolge sich große Medien in ihrer Berichterstattung und Kommentierung recht eng am Diskurs der Eliten in Politik und Wirtschaft orientieren, habe ich zwei Dinge gemacht: In einer sozialen Netzwerkanalyse habe ich nach Indikatoren für die Nähe leitender Redakteurinnen und Redakteure der wichtigsten deutschen Medien zu Eliten aus Politik und Wirtschaft gesucht. Ich fand vielfältige Verbindungen über elitäre Organisationen, in denen man gemeinsam involviert war – am auffälligsten waren die Vernetzungen von vier Außenpolitikredakteuren im transatlantisch geprägten Elitenmilieu. In einem zweiten Schritt habe ich dann überprüft, ob diese Journalisten auch grundlegende Argumentationsmuster der Eliten aus ihrem Umfeld verwendeten, und zwar am Beispiel des erweiterten Sicherheitsbegriffs und der Bundeswehreinsätze im Ausland. Das Ergebnis war positiv.

Von der bemerkenswerten – und nach wie vor anhaltenden – Resonanz Ihrer Dissertationsstudie Meinungsmacht können die meisten Doktoranden nur träumen. Sowohl das ZDF-Satiremagazin Die Anstalt als auch Udo Ulfkottes umstrittener Bestseller Gekaufte Journalisten. Wie Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz Deutschlands Massenmedien lenken (2014) nutzten Ihre Ergebnisse für ihre Medienkritiken. Renommierte Printmedien wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung widmeten Ihrer Studie ausführliche Rezensionen. Schließlich haben sich – als Folge der medialen Resonanz – auch bekannte professorale Vertreter Ihrer Zunft wie Christoph Neuberger und Hans Mathias Kepplinger2 mit Ihrer Studie auseinandergesetzt. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Provokation von Meinungsmacht?

Es gibt aus meiner Sicht zwei Momente, die provozieren und polarisieren. Erstens: Es geht bei mir um konkrete Personen. Zwar gab es vorher schon einige Studien zu informeller Kommunikation auf der politisch-medialen Hinterbühne, doch wurden darin die Politiker und Journalisten als Experten befragt und anschließend anonymisiert. Die Strukturen, die dabei zum Vorschein kamen, waren sehr bemerkenswert, aber für eine breite Öffentlichkeit wohl nicht fassbar genug. Ich habe hingegen mit Namen und Adressen gearbeitet, also einige Akteure ins Scheinwerferlicht der medienkritischen Öffentlichkeit gestellt – dadurch hatte die Studie Nachrichtenwert, weil die Faktoren Prominenz und Personalisierung enthalten waren. Für einige betroffene Journalisten war schon meine Untersuchungsanlage ein Affront: Netzwerk- und Inhaltsanalyse, aber keine Expertenbefragung. Ich hatte sie lediglich vor der Veröffentlichung mit den Ergebnissen konfrontiert und ihnen angeboten, für die Buchveröffentlichung ihre Sicht der Dinge aufzuschreiben, aber Interviews mit ihnen waren nicht Teil des Forschungsdesigns. Das hat zum Beispiel Süddeutsche-Ressortleiter Stefan Kornelius stark gestört.3 Der ZEIT-Mitherausgeber Josef Joffe hatte wiederum den Eindruck, die Kabarettnummer der Anstalt spreche ihm seine journalistische Integrität ab.4

Zweitens: Meine Arbeit ist aus dem Verdacht heraus entstanden, dass eine in politischer Hinsicht geeinte Elite in wichtigen Fragen gegen einen Großteil der Bevölkerung regieren kann und dass hochrangige Journalisten zu stark in das Milieu der Entscheider eingebunden sein könnten, um ihre kritisch-kontrollierende Aufgabe noch zu erfüllen. Darin steckt ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den Dynamiken im Elitenmilieu, das wiederum mit dem Selbstbild der Akteure und anderer Leute kollidierte, die mehr Vertrauen in die real existierende repräsentative Demokratie und die gegenwärtigen Strukturen der Öffentlichkeit haben.

Ihr letzter Punkt manifestiert sich ja auch in den erwähnten wissenschaftlichen Rezensionen, die in der Tendenz kritisch ausgerichtet sind und auf grundlegende methodische wie theoretische Mängel Ihrer Arbeit hinweisen. Ich möchte gerne einige der artikulierten Kritikpunkte aufgreifen.

Besonders drastisch fällt das Urteil von Neuberger aus, auf das Sie ja auch schon in einer Replik öffentlich reagiert haben. In seinem „Verriss“5 attestiert er Ihnen selektives und voreingenommenes Vorgehen bei Ihrer Frame-Analyse, in der Sie verschiedene Artikel von vier „Alpha-Journalisten“ zum Thema Sicherheitspolitik auswerten. Kernvorwurf: Sie unterstellten den Journalisten in Ihren Hypothesen eine „einseitige Sicht zugunsten der USA und der NATO“6 und hätten offenbar dementsprechend nur solche Frame-Elemente ausgesucht, die dieser Hypothese entsprächen, sodass die Analyseergebnisse notwendigerweise Ihre Thesen bestätigen mussten – nämlich dass eine Konformität der journalistischen Sichtweise mit der des Elitediskurses vorliege. Was können Sie dieser Kritik entgegnen?

Die Hypothesen vermuteten bei den Journalisten in der Tat eine einseitige Argumentation zugunsten der USA und der NATO, weil die zuvor durchgeführte soziale Netzwerkanalyse eine solche Haltung nahegelegt hatte. Bei der Überprüfung der Hypothesen habe ich aber keineswegs nur bestätigende Frame-Elemente gesucht, sondern alle, die einen Bezug zur Forschungsfrage hatten. Diese lautete: „Wie positionieren sich die vier im transatlantischen Elitenmilieu vernetzten Journalisten von SZ, FAZ, ZEIT und Welt hinsichtlich des Paradigmenwechsels in der sicherheits- und verteidigungspolitischen Programmatik und hinsichtlich der Kluft zwischen Elite und Bevölkerung [in Sachen Auslandseinsätze der Bundeswehr]?“ (163f.) Die empirische Überprüfung verlief ergebnisoffen und hätte auch widersprechende Argumente einbezogen. Es fanden sich aber keine. Im Übrigen ergab die Überprüfung, dass nicht alle Hypothesen in gleichem Maße bestätigt werden konnten.

Zudem moniert Neuberger die ungenügende Datenbasis der Studie. So würden Ihre Ergebnisse der Frame-Analyse lediglich auf „2,3 Artikeln pro Journalist und Jahr“ beruhen und seien daher nicht generalisierbar…

Ein quantitatives Argument gegen qualitative Forschung. Die Frage der Quantität halte ich für nachrangig, wenn es darum geht, Sinnhorizonte von Kommentaren zu erfassen. Ich habe alle Artikel der Journalisten einbezogen, die ich mit festgelegten Suchbegriffen in einer Datenbank gefunden habe. Natürlich haben die Journalisten noch mehr geschrieben, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie sich in anderen Artikeln selbst widersprochen haben, was ihre grundsätzliche Haltung zur Ausrichtung der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik angeht. Ich nehme auch an: Wenn es solche Artikel gegeben hätte, hätte man mir sie inzwischen längst um die Ohren gehauen.

Ich würde gerne im Anschluss an Kepplinger noch auf den meiner Meinung nach gewichtigsten methodischen Einwand gegen Ihr Forschungsdesign eingehen, dem ich mich nach der Lektüre weitgehend anschließen würde. In Ihrer Frame-Analyse vergleichen Sie die analysierten sicherheitspolitischen Artikel von vier mit Wirtschaft- und Politikeliten eng vernetzten „Alpha-Journalisten“, die jeweils für Süddeutsche Zeitung, Welt, ZEIT und Frankfurter Allgemeine Zeitung tätig sind, mit Artikeln aus der Frankfurter Rundschau und der taz. Vergleichen Sie damit nicht, zugespitzt formuliert, Äpfel mit Birnen, indem Sie einerseits den Vernetzungsgrad individueller Journalisten und andererseits Redaktionen sowie damit verbundene redaktionelle Leitlinien als erklärende Variablen zugrunde legen? Wäre es nicht sinnvoller gewesen, systematisch Akteure mit unterschiedlichem Vernetzungsgrad innerhalb derselben Redaktion zu vergleichen?

Die redaktionelle Linie ist tatsächlich eine Drittvariable, die bei meiner Untersuchung mit hineinspielt. Aber auch das von Ihnen vorgeschlagene Design hat Schwächen, denn dann haben Sie als neue Störvariablen die Personalauswahl und die Machtverhältnisse innerhalb der Redaktion. Darf ein US-kritischer Außenpolitikredakteur tatsächlich nach Lust und Laune vom Leder ziehen, wenn sein Ressortleiter Transatlantiker ist? Er schreibt vielleicht aus einem Konformitätsdruck heraus ähnlich, obwohl er keineswegs entsprechend vernetzt ist – oder er darf erst gar keine Kommentare verfassen. Zudem verlangt der Axel-Springer-Verlag von seinen Journalisten in seinen redaktionellen Leitlinien die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses, zumal er vermutlich nur zu dieser Anforderung passende Leute einstellen wird. Wenn diese Springer-Angestellten also auch US-freundlich schreiben, ohne im Elitenmilieu vernetzt zu sein, kann man immer noch nicht daraus ableiten, dass die Vernetzung der vier Leute keine Auswirkungen auf ihre Haltung hat. Generell gilt ja: Kausalitäten sind rein forschungslogisch nur mit einer experimentellen Untersuchungsanlage nachzuweisen. Mit meinem Design kann ich nur beschreiben, nicht erklären.

Ihre Kritiker sehen neben methodischen auch theoretische Defizite. Um an einen Kritikpunkt anzuknüpfen: Ihrem theoretischen Rahmen liegt im Prinzip ein monokausales Modell zugrunde, demzufolge politische und wirtschaftliche Eliten die Sichtweisen von Journalisten prägen, aber nicht umgekehrt. Andere medienwissenschaftliche und soziologische Studien betonen jedoch, Massenmedien würden in gegenwärtigen Mediengesellschaften wie der Bundesrepublik zunehmend einer Eigenlogik folgen und könnten durch ihre Themenstrukturierungsmacht politische Akteure zunehmend unter Druck setzen, sich diskursiv an mediale Deutungsmuster und Selektionsmechanismen anzupassen. Wäre es nicht angebracht, mit Blick auf die Formierung von Elitediskursen stärker die Wechselwirkungen zwischen Politik und Medien in den Blick zu nehmen?

Ich habe keine rein monokausale Vorstellung von der Beziehung zwischen Journalisten und Eliten, denke aber, dass der Einfluss von Eliten auf Journalisten bei den Themen, die sie als Akteure ja auf die Agenda setzen und vorantreiben, größer ist als der Einfluss umgekehrt. Diese Vermutung speist sich zum Beispiel aus Interviews, die ich im Rahmen einer anderen Recherche mit Journalisten über die Bilderberg-Konferenz geführt habe:7 Die Machthaber und Macher sind viel interessanter für die Journalisten als die Journalisten für die Mächtigen. Natürlich gibt es Wechselwirkungen, Journalisten wirken auch auf Eliten ein, wenn alle zusammen in einer vertraulichen Konferenz, einem Vereinsvorstand oder einem Stiftungskuratorium sitzen. Wie groß diese Wirkung ist, ist tatsächlich eine interessante Forschungsfrage (sie zu beantworten, erforderte wohl aber die Kooperation der Beteiligten). Grundsätzlich denke ich: Politiker und Wirtschaftsleute passen sich zwar der Logik, dem Tempo und den „Gefäßen“ der Medien an, die Medien aber übernehmen häufig die Themen wie auch die Deutungsmuster der Eliten. Es trifft ja zu, dass die Beziehung nicht einseitig ist, sondern symbiotisch: Man tauscht Information gegen Publizität. Was die Inhalte angeht, sitzen jedoch die Träger politischer oder wirtschaftlicher Macht am längeren Hebel. Sie liefern den Stoff, der den Medien dann zur Verarbeitung zur Verfügung steht.

Wie schon angeklungen ist, geht es in der gerade behandelten wissenschaftlichen Kontroverse nicht nur um theoretisch-methodische Aspekte, sondern auch um konträre normativ-politische Überzeugungssysteme, die der jeweils eigenen Forschungsperspektive zugrunde liegen. Während Sie Öffentlichkeit in modernen Demokratien als grundsätzlich vermachtete Arena verstehen, als „geschlossene Gesellschaft“, in der politische, wirtschaftliche und eben auch mediale Eliten ihre Dogmen und Interessen gegenüber der Bevölkerung durchzusetzen versuchen, vertreten Ihre Kritiker eine eher pluralistisch-demokratietheoretische Perspektive. Sehr eindrücklich wird dies etwa, wenn Neuberger Ihnen eine fehlende demokratietheoretische Fundierung vorwirft und entgegnet, dass demokratische Öffentlichkeit „– trotz einiger Abstriche – funktioniert“. Welche Gründe sprechen für Ihre Perspektive? Wo liegen Ihrer Meinung nach die Defizite dieser pluralistisch-demokratietheoretischen Perspektive, die der kommunikationswissenschaftliche „Mainstream“ einnimmt?

Dass demokratische Öffentlichkeit „trotz einiger Abstriche funktioniert“, scheint mir eine ebenso unbewiesene These wie mein eigener Ausgangspunkt, dass die Arena zu vermachtet ist. Wir können beide nur versuchen, Indikatoren für unsere Großbehauptungen zu finden, um dann entsprechende Informationen zu sammeln und miteinander zu diskutieren. Für meine These sprechen jedenfalls auch Befunde von Politikwissenschaftlern, die unsere westlichen Gesellschaften auf dem Weg zu Postdemokratien sehen.

Welche Studien haben Sie da im Sinn?

Natürlich den grundlegenden Essay Postdemokratie von Colin Crouch,8 ganz aktuell auch die Dissertation von Kolja Möller Formwandel der Verfassung.9 Möller sagt, vor allem Freihandel und Austeritätspolitik würden auf transnationaler Ebene so verrechtlicht, dass sie kaum noch befragbar seien. Viele Bürger hätten das Gefühl, die eigentliche Politik entziehe sich zunehmend ihrem Einfluss, da auf höheren Ebenen substanzielle Entscheidungen getroffen würden, die den gewählten Parlamenten wenig mehr als die Verwaltung von Sachzwängen übrig ließen.

Mit Blick darauf kommt mir eine aktuelle Umfrage in den Sinn, die im Zusammenhang mit dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos in den Medien diskutiert wird.10 Ich meine das sogenannte „Trust Barometer“, das auf internationaler Ebene das Vertrauen zwischen Bevölkerung und Eliten misst. Der Studie nach ist das Vertrauen in „die da oben“, also in die Eliten aus Politik und Wirtschaft, aber auch in die Medien in einem Großteil der Länder spürbar gesunken – auch in Deutschland...

Ja, Vertrauensverlust und Entfremdung sind aus meiner Sicht auch Reaktionen auf besagten „Formwandel der Verfassung“. Wir haben eine auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich, und sozioökonomische Ungleichheit setzt sich in politische Ungleichheit um. Die großen Medien befinden sich in dieser Entwicklung oft auf Seiten der Mächtigen – denn sie gehören größtenteils global operierenden Medienkonzernen, haben andere Konzerne als Werbekunden und sind auf gute Beziehungen zu politischen wie wirtschaftlichen Eliten als Informationsquellen angewiesen. Die Medienkonsumenten merken das natürlich, wenn nicht ihre Fragen gestellt werden, sondern die Perspektive der Eliten eingenommen wird.

Doch zurück zu Ihrer Studie: Im Zuge der Reflexion Ihrer Ergebnisse betätigen Sie sich ja auch selbst als Kritiker, indem Sie auf die Erkenntnisgrenzen Ihrer Arbeit hinweisen. Ihre Arbeit könne lediglich „Indizien“ (22) bereitstellen. Dies gilt insbesondere für die Frage nach der Kausalität: So räumen Sie ein, dass aus der in Ihrer Studie diagnostizierten Übereinstimmung zwischen Sichtweisen von in Elitenetzwerken eingebundenen „Alpha-Journalisten“ und Elitediskurs keine einfache Kausalität abgeleitet werden könne. Sie schreiben: “Wenn Kommentare und Leitartikel den Elitendiskurs fortschreiben und dessen Prämissen nicht kritisch hinterfragen, muss das nicht heißen, dass sie von unsichtbaren Händen mitgeschrieben wurden bzw. dass eine kognitive Vereinnahmung durch das Milieu vorliegt; es kann genauso gut heißen […], dass die Netzwerke aufgrund einer bereits vorhandenen geistigen Nähe zwischen Journalist und Eliten überhaupt erst entstanden sind.“ (258) Dies ist ja zugegebenermaßen ein wenig zufriedenstellender Befund. Es liegt auch auf der Hand, dass man diese Frage nicht mit einer Netzwerkanalyse beantworten kann. Wie könnte man Ihre „Indizien“ in wissenschaftliche „Beweise“ überführen? Und könnte hier nicht der Einbezug soziologischer Theorien und Methoden – ich denke da z.B. an Milieu- und Sozialisationstheorien sowie an ethnografische Untersuchungen der Interaktionsprozesse in den von Ihnen behandelten Elitenetzwerken – ein fruchtbarer Ansatz sein?

Theoretisch schon – aber Eliten lassen sich nicht gern untersuchen. Ethnografische Untersuchungen des journalistischen ‚Fußvolks‘, etwa in Newsrooms, sind ja noch durchführbar, aber wenn es um vertrauliche Telefonate und Treffen zwischen High-Potentials geht, wird schwerlich ein protokollierender Beobachter an der Seite geduldet. Einen Versuch wäre es gleichwohl wert, sich an die Fersen von Alpha-Journalisten etwa während der Münchner Sicherheitskonferenz zu heften, falls diese das zulassen.

Und die Sozialisation spielt bei journalistischen Karrieren wie auch der Bildung von Elitennetzwerken ganz sicher eine zentrale Rolle. Die ist mit einer empirischen Untersuchung mit Biografieanalysen und Interviews bestimmt leichter zu erforschen.

Der fehlende Zugang zur Lebenswelt der Eliten ist sicherlich ein zentrales Problem. Andererseits ließe sich allerdings auch die Frage stellen, ob nicht auch ein strukturelles Aufmerksamkeitsdefizit auf Seiten wissenschaftlicher Akteure besteht. Ich denke da etwa in der Soziologie an die Kritik von Hans-Jürgen Krysmanski, der einen „Nichtangriffspakt“ zwischen Soziologie und Eliten diagnostiziert und bemängelt, dass die wissenschaftliche Aufmerksamkeit sich nahezu ausschließlich auf die Mittel- und Unterschichten richte.

Das Aufmerksamkeitsdefizit sehe ich ebenfalls. Krysmanski hat das sehr schön zugespitzt: „Die Mittelschichten beobachten die Unterschichten im Auftrag der Oberschicht.“11 Auch Universitäten und Forschungsinstitute werden im Grunde nur aus zwei Geldquellen gespeist: dem Staat und der Wirtschaft. Zieht sich der Staat immer mehr aus der Hochschulfinanzierung zurück, sind Wissenschaftler verstärkt auf die Großzügigkeit externer Geldgeber angewiesen und müssen sich auch deren thematischen Wünschen bei Ausschreibungen beugen. Radikale Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse hat es auch deshalb schwer, weil Forscher nur mit hochwertigen Publikationen in Zeitschriften mit Peer-Review-Verfahren Karriere machen – dort haben es Themen leichter, die an wissenschaftliche Mainstreamdebatten anschließen.

Schaut man sich die Mediendebatte der jüngsten Zeit an, scheint das Thema Ihrer Studie keineswegs an Brisanz verloren zu haben. Ich denke da in erster Linie an die Gräben zwischen Medienrezipienten und Leitmedien, die sich etwa anhand der Ukraine-Krise und aktuell der Flüchtlingskrise aufgetan haben. In beiden Fällen beklagen offenkundig viele Rezipienten, die Berichterstattung der Leitmedien propagiere einseitig und verzerrend die Sichtweisen der (westlichen) politischen und wirtschaftlichen Eliten. In extremer Form verschafft sich dieser Vorwurf in dem Begriff „Lügenpresse“ Ausdruck. Wie betrachten Sie diese Entwicklung im Lichte Ihrer Studie?

Ich sehe eine seit der Krim-Annexion im März 2014 grassierende Vertrauenskrise, die sich in katastrophalen Umfragewerten zur Glaubwürdigkeit der Medien niederschlägt. Sie betraf ursprünglich die Ukraine- und Russlandberichterstattung, hat sich aber mittlerweile auf die von Ihnen angesprochene Flüchtlingskrise und andere Themen ausgeweitet. Meine Ergebnisse zur Vernetzung im Elitenmilieu können zum Teil erklären, wie es zu einer solchen Entfremdung zwischen Journalisten und Nutzern – ich würde sie auch Repräsentationskrise nennen – gekommen ist. Es sind aber auch weitere Faktoren zu nennen, die die Mainstreamkorridore enger und die Kluft zwischen Bevölkerung und Leitmedien haben größer werden lassen: zum Beispiel die Beschleunigung und PR-Abhängigkeit des Journalismus, die Orientierung am Meinungsspektrum der im Parlament vertretenen Parteien, das enger geworden ist, oder die Sozialisation und Herkunft der Medienmacher. Ich habe diese Faktoren in einem populärwissenschaftlichen Buch aufgedröselt, das im März erscheinen wird.12

Bleibt die Frage, wie es wissenschaftlich bei Ihnen weitergeht: In Ihrem Buch zählen Sie ja weitere Forschungsfelder auf, in denen man mithilfe Ihrer kritischen Netzwerkanalyse die Zusammenhänge von Elite- und Leitmediendiskurs analysieren könnte. Sie führen z.B. den Europäischen Integrationsprozess oder – im Kontext der Finanzkrise 2008/2009 – grundsätzliche wirtschaftspolitische Positionen an, also zwei Felder, auf denen offenkundig eine breite Diskrepanz zwischen einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung auf der einen Seite und Leitmedien, Polit- und Wirtschaftseliten auf der anderen Seite besteht. An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?

Wissenschaftlich arbeite ich an derzeit an Themen, die etwas anders gelagert sind: Zum einen geht es mir darum, Beschleunigungsprozesse im Journalismus zu beschreiben, denn die Zeitstrukturen sind wesentliche Ursachen für einige Missstände in den Medien. Zum zweiten interessiert mich die neue Bewegung des „Solution-oriented journalism“ bzw. der „Constructive News“: Vergessen die Journalisten bei der Nachrichtenauswahl vielleicht die guten Sachen, vielversprechende soziale Innovationen aus der Zivilgesellschaft, die Inseln der Zukunft? Beide Forschungsinteressen hängen aber durchaus mit dem Thema von Meinungsmacht zusammen. Denn wir müssen uns bestimmte Strukturen und Routinen im Journalismus – das gilt für Elitenorientierung genauso wie für Zeitstrukturen und Nachrichtenfaktoren – erst bewusst machen, um sie verändern zu können.