Fachinformationsdienst Politikwissenschaft

Zur Einführung

Der Fachinformationsdienst Politikwissenschaft (FID) soll die Literatur- und Informationsspitzenversorgung für das Fach Politikwissenschaft in seiner ganzen Breite nachhaltig verbessern. Im Zentrum des eng an den Bedarfen der Fachcommunity orientierten Informationsangebotes steht der Aufbau eines umfassenden Suchraums, der standortunabhängig den direkten Zugriff auf politikwissenschaftlich relevante elektronische Verlagspublikationen (E-Books, E-Journals, E-Articles), wissenschaftliche Open Access-Dokumente, Forschungsdaten sowie Inhalte aus Fachdatenbanken und Zeitungsarchiven eröffnet.

Gedruckte Publikationen, die für die Politikwissenschaftler/innen nach wie vor von Bedeutung sind, ergänzen das Angebot dort, wo elektronische Ressourcen noch nicht verfügbar sind. Der Kauf und die Lizenzierung von Ressourcen werden durch die Nutzer/innen des FID erst bei konkretem Bedarf ausgelöst, wobei die sogenannte Patron-Driven-Acquisition für E-Books und gedruckte Bücher sowie das Pay-per-View für Zeitschriften angeboten werden können.1

Ausgangsvoraussetzungen

Bei der Entwicklung des FID arbeitet die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen (SuUB Bremen), die über eine langjährige Expertise in der Entwicklung und Optimierung von Suchräumen sowie Discovery-Systemen verfügt, eng mit dem GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, der führenden Infrastruktureinrichtung für die Sozialwissenschaften in Deutschland, zusammen. Durch die Projektpartnerschaft werden der Fachcommunity neben den inhaltlichen Angeboten zugleich wichtige Mehrwertdienste wie Benachrichtigungsdienste, Archivierungsfunktionen für Open-Access-Publikationen und Forschungsprimärdaten offeriert.

Die Auswahl der politikwissenschaftlich relevanten Inhalte wie auch der Services soll in kontinuierlicher Abstimmung mit den Fachwissenschaftler/innen, die u.a. durch einen wissenschaftlichen Beirat vertreten sind, erfolgen.

Bereits vor der Antragstellung haben wir Fachwissenschaftler/innen einbezogen, um den aufzubauenden Fachinformationsdienst eng an den Bedarfen der Politikwissenschaftler/innen auszurichten. In zwei Workshops und in begleitenden Telefoninterviews wurden ausgewiesenen Vertreter/innen der Politikwissenschaft nach ihren Wegen der Informationsbeschaffung, nach der Bedeutung von Open Access und Forschungsprimärdaten, nach ihren jeweiligen Literaturbedarfen sowie nach der Bedeutung von Digitalisierung gefragt.

Die Fachcommunity formuliert ein großes Interesse, besseren Zugang zu politikwissenschaftlicher Forschungsliteratur und Fachinformation zu bekommen. Der schnelle und direkte Zugriff auf elek-tronische Volltexte wird dringend gewünscht. Auch die Integration von Forschungsdaten in den Suchraum wird einhellig befürwortet. Passgenaue Neuerscheinungs- und Themendienste werden als sinnvolle Unterstützung im wissenschaftlichen Arbeitsprozess wahrgenommen. Darüber hinaus besteht Interesse an der digitalen Bereitstellung ausgewählter Quellen, die bisher nur gedruckt verfügbar sind. Die Integration von Open-Access-Dokumenten in den Suchraum wird ebenso wie eine Unterstützung im Open-Access-Publikationsprozess ausdrücklich begrüßt; dies schließt die Unterstützung bei der Veröffentlichung von Forschungsprimärdaten ein.

Grundsätzlich wird die Politikwissenschaft als ein interdisziplinär ausgerichtetes Fach verstanden. Zwar bestätigen die Befragten überwiegend eine gute bis sehr gute Literatur- und Informationsversorgung an ihren jeweiligen Standorten, insbesondere im Bereich der Fachzeitschriften. Allerdings sind nicht an allen Standorten alle für die Spitzenversorgung notwendigen Quellen verfügbar. Der FID wird ein möglichst breites politikwissenschaftliches Themenspektrum abdecken, jedoch soll eine Doppelung von Zeitschriftenlizenzen vermieden werden. Die Bereitstellung der Inhalte des FID folgt daher konsequent nutzergesteuerten Erwerbungs- und Lizenzmodellen.

Für den Aufbau eines an die Anforderungen der Fachcommunity ausgerichteten Suchraums, der insbesondere Fachdatenbanken, personalisierte Dienste, Repository-Funktionen und Forschungsprimärdaten bereithält, kooperiert die SuUB Bremen mit der GESIS. Als Projektpartner bringt die GESIS Kompetenzen aus dem Bereich der Informationstechnologien und der politikwissenschaftlichen Informationsdienste ein. Durch diese Zusammenarbeit entsteht ein dynamisches Entwicklungspotenzial, so dass der Fachinformationsdienst Politikwissenschaft jederzeit von aktuellen Forschungsergebnissen auf dem Gebiet der Informationssuche und neuesten Webtechnologien profitiert.

Ausrichtung

Vorrangig soll eine zentrale Suchmaschine für alle relevanten Inhalte entwickelt werden. Dabei steht der direkte Zugang zum digitalen Volltext im Zentrum aller Entwicklungsbemühungen, also zu E-Books und E-Journals. Wie von der Fachcommunity gewünscht, wird beim inhaltlichen Zuschnitt des Suchraumes ein interdisziplinärer Ansatz gewählt, der die große thematische Bandbreite des Faches berücksichtigen wird und heterogene Quellen zusammenführen kann. Dieses Ziel lässt sich nur in einem fortlaufenden Prozess verwirklichen, in den die Fachcommunity - vermittelt durch den wissenschaftlichen Beirat - kontinuierlich einbezogen sein wird.

Bereitstellung von Inhalten

Bei der Bereitstellung ist die schnelle Verfügbarkeit aller Inhalte von zentraler Bedeutung. Gemäß dem Prinzip „e-first“ wird dem Erwerb von elektronischen Ressourcen der Vorzug gegeben. Sollte dies nicht möglich sein, werden die Publikationen in gedruckter Form erworben. Bei der Erwerbung kommen vor allem nutzergesteuerte Modelle wie die Patron-Driven-Acquisition für E-Books und gedruckte Bücher sowie Pay-per-View für Zeitschriften zum Tragen, damit der Mitteleinsatz bedarfsgerecht gesteuert werden kann. Dabei geht es verstärkt um die Bereitstellung von wissenschaftlich relevanten Fachinformationen, nicht mehr um den Aufbau von Sammlungen. Dies stellt eine grundsätzliche Abkehr von der bisherigen Erwerbungspraxis der Sondersammelgebiete dar.

Konzept des Suchraums

Die Suchmaschine des FID Politikwissenschaft führt Inhalte2 in einen zentralen Index zusammen. In diesem neu geschaffenen umfassenden Suchraum wird die übergreifende Suche nach unterschiedlichen Informationstypen, wie z.B. Volltexte oder Forschungsdaten, möglich sein. Alle angezeigten Informationsquellen werden für die Nutzer/innen auch verfügbar sein, entweder in elektronischer oder in gedruckter Form. Wie bereits beschrieben, sind die breite inhaltliche Abdeckung des Suchraums sowie die Aktualität und Qualität der verfügbaren Fachinformationen unverzichtbar.

Mehrwertdienste für die Wissenschaft

Es wird ein Benachrichtigungsdienst aufgebaut, über den Nutzer/innen regelmäßig aktuelle Informationen zu Themenclustern erhalten. Der FID wird sowohl vorgegebene als auch frei definierbare Themendienste anbieten. Neben fachspezifischen Themen sind auch Informationen zu Personen, Institutionen oder Zeitschriften für registrierte Nutzer/innen des FID abonnierbar. GESIS analysiert dazu den Suchraum des FID anhand global verfügbarer Sacherschließungselemente und implementiert innovative Verfahren der Kategorisierung und Feldabgrenzung.

Im Rahmen der Telefoninterviews artikulierten die Fachwissenschaftler/innen zudem den Wunsch, dass bisher nur in gedruckter Form vorliegende politikwissenschaftliche Quellen auch digital zugänglich gemacht werden. Die SuUB Bremen verfügt über umfangreiche Erfahrungen auf diesem Gebiet und wird die von FID-Nutzer/innen vorgeschlagenen Bestände nach Klärung der urheberrechtlichen Aspekte digitalisieren (Digitisation on Demand) sowie mit Struktur- und Metadaten erschließen.

Eine umfangreiche Sammlung elektronischer Volltexte aus dem Bereich wissenschaftlicher Open-Access-Archive ist ein weiterer zentraler Bestandteil des Suchraums. Dazu zählen u.a. frei verfügbare elektronische Publikationen der GESIS aus SSOAR. Aufgrund der Zusammenarbeit mit dem Projekt BASE der UB Bielefeld hat die SuUB Bremen bereits langjährige Erfahrungen bei der Bereitstellung von Nachweisen universitärer Repositorien.

Neben der Nutzung frei verfügbarer Open-Access-Dokumente werden auch frei verfügbare Forschungsprimärdaten im Rahmen thematischer Recherchen immer stärker nachgefragt. Die GESIS wird ein Konzept entwickeln, um geeignete politikwissenschaftliche Daten aus ihrem Angebot im Suchraum verfügbar zu machen.

Auch bei der Veröffentlichung eigener Texte wird die Fachcommunity durch den FID Politikwissenschaft unterstützt. Ein weiteres Ziel ist daher die nahtlose Integration der Dienste SSOAR (Open-Access-Publikationen) und datorium (Sozialwissenschaftliche Forschungsprimärdaten) in den FID, um den Wissenschaftler/innen die Publikation entsprechender Daten zu ermöglichen.

Ausblick

Wie die im Rahmen der Antragstellung erfolgte Befragung zeigte, geht die Mehrheit der Fachwissenschaftler/innen von einer wachsenden Bedeutung der elektronischen Publikationen aus. Mit dem oben skizzierten e-first-Konzept reagiert der FID Politikwissenschaft auf diese Erwartung. Die elektronische Versorgung hat – sofern verfügbar – Vorrang. Allerdings sind auch gedruckte Publikationen für die Fachwissenschaftler/innen derzeit noch von Relevanz. Es ist aber davon auszugehen, dass sich elektronische Medien in der Politikwissenschaft mittelfristig durchsetzen werden. Die potenziellen Auswirkungen auf die Verlagsangebote und die Lizenzpolitik der Verlage lassen sich derzeit noch nicht abschließend einschätzen.

Tim Schardelmann im Interview

Soziopolis: Sie betonen mehr als einmal, dass die Angebote des FID als „Spitzenversorgung“ zu verstehen sind. Was genau ist damit gemeint?

Tim Schardelmann: Es geht bei den Fachinformationsdiensten um die Versorgung der Fachcommunity mit wissenschaftlicher Fachinformation. Die Ausrichtung der Informationsversorgung soll die Bedürfnisse der Wissenschaft bedienen, die über den Grundbedarf hinausgehen. Die DFG spricht diesbezüglich in ihren Richtlinien zu den Fachinformationsdiensten von einem „Spitzenbedarf“.

Können Sie mit Ihrem Konzept die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Teilbereiche der Politikwissenschaft gleichermaßen bedienen? Die politische Theorie und die Ideengeschichte arbeiten ja beispielsweise auf ganz andere Weise als empirische Forschungsbereiche.

Die unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Teilgebiete der Politikwissenschaft wurden bereits bei der Antragstellung berücksichtigt. Mit der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) wurde im Vorfeld eine enge Abstimmung hinsichtlich der Ermittlung der Bedarfe der Fachcommunity gesucht. Mithilfe von Telefoninterviews und Workshops wurden Fachwissenschaftler/innen und Vertreter aller genannten Teilgebiete befragt. Auch durch den im FID Politikwissenschaft berufenen wissenschaftlichen Beirat wird die Unterschiedlichkeit der Bedarfe der einzelnen Disziplinen gesichert. Die DVPW benannte hierfür Vertreter/innen der unterschiedlichen Teilgebiete. Dies soll die zukünftige Ausrichtung des FIDs bei der notwendigen Versorgung mit wissenschaftlichen Fachinformationen und relevanten Services in allen Bereichen des Faches sicherstellen.

Werden Sie im Rahmen der vom FID angebotenen Beratung auf Wissenschaftler/innen dahingehend Einfluss nehmen, dass diese ihre Publikationen frei zugänglich machen?

Open-Access-Publikationen spielen bereits heute eine wichtige Rolle in der Politikwissenschaft. Der FID Politikwissenschaft wird über das Fachrepository SSOAR Angebote zum Open Access Publizieren machen und die Fachcommunity entsprechend beraten und unterstützen. Dieser Wunsch wurde bei der Ermittlung der Bedarfe der Fachcommunity wiederholt geäußert.

Dieser Beitrag ist Teil eines gemeinsamen Themenschwerpunkts zu Fachinformationsdiensten von Soziopolis und H-Soz-Kult. Weitere Beiträge finden Sie hier und hier.

Fußnoten

1 Bei Patron-Driven-Acquisition handelt es sich um eine nutzergesteuerte Erwerbung von Büchern in gedruckter und elektronischer Form. Die Erwerbung erfolgt durch den Fachinformationsdienst Politikwissenschaft und wird durch diesen finanziert.

2 Hierfür werden Metadaten aus unterschiedlichen Quellen gesammelt. Dazu zählen sowohl Nachweise verfügbarer E-Books als auch Metadaten von gedruckten Monografien. Aufsätze aus den Zeitschriften des Faches ergänzen das Angebot. Weitere Nachweise politikwissenschaftlicher Dokumente werden von der GESIS geliefert, die über umfangreiche Erfahrungen bei der Sammlung und Aufbereitung sozialwissenschaftlicher Metadaten verfügt.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.