Sabine Hübgen | Rezension |

Alleinerziehende unter Druck

Rezension zu „Care. Macht. Arbeit. Lebenswelten von Alleinerziehenden“ von Valerie Jochim

Abbildung Buchcover Care.Macht.Arbeit von Valerie Jochim

Valerie Jochim:
Care. Macht. Arbeit. Lebenswelten von Alleinerziehenden
Deutschland / USA
Frankfurt am Main / New York 2020: Campus
314 S., 39,95 EUR
ISBN 978-3593512969

Alleinerziehende und ihre Kinder sind immer wieder Gegenstand politischer und wissenschaftlicher Diskurse – nicht zuletzt aufgrund ihres seit Jahren gleichbleibend hohen Armutsrisikos: Im Jahr 2018 lebte ein Drittel aller Alleinerziehenden-Haushalte in Deutschland unterhalb der Armutsrisikogrenze – das sind mehr als doppelt so viele wie in der Gesamtbevölkerung.[1] Um die Ursachen der häufig prekären Lebensumstände von Alleinerziehenden zu verstehen, ist eine gendersensible Perspektive notwendig: Denn nach wie vor handelt es sich bei Alleinerziehenden in rund neunzig Prozent der Fälle um Frauen.[2] Die feministische Forschung bezeichnet Alleinerziehen deshalb auch als „weiblichen Lebenslage“.[3] Der Grund hierfür liegt in der langen Tradition einer geschlechterspezifischen Aufteilung von Sorge- und Lohnarbeit, die sich nach wie vor auch in institutionellen Strukturen reproduziert. Dadurch bleiben geschlechtertypische Lebensverläufe bestehen, die mit einer systematischen Benachteiligung von Frauen einhergehen.[4]

Alltag und Geschlecht von Alleinerziehenden

Valerie Jochim forscht in ihrem kulturwissenschaftlichen Buch qualitativ zu Alleinerziehenden und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu einem Feld, das zumindest in der deutschen Soziologie stark quantitativ geprägt ist. Ihr Ziel ist es, „Lebenswelten Alleinerziehender im sozialräumlichen Kontext München in Bezug auf Teilhabeprozesse und Ressourcen empirisch zu untersuchen“ (S. 11) und damit die individuellen Selbstermächtigungsprozesse sowie Alltagsstrategien in den Vordergrund zu stellen, die mit der veränderten Familiensituation einhergehen (S. 20). Dabei analysiert sie den Zusammenhang von Geschlecht und Verantwortung für Care- sowie Lohnarbeit und betrachtet zugleich die Bedeutung institutioneller Strukturen (staatlich wie zivilgesellschaftlich) für den Umgang der Alleinerziehenden mit den ausgemachten Verflechtungen.

Theoretisch ist die Arbeit in der kritischen Frauen- und Geschlechterforschung zu verorten. Es gibt starke Bezüge zu „Care“ als herrschaftskritischem Konzept, zu dekonstruktivistischen Überlegungen, zum ‚doing gender‘-Ansatz,[5] zum Konzept der „Gouvernementalität“[6] sowie zur feministischen Erweiterung des soziologischen Lebenslagenansatzes.[7] Der empirische Teil des Buches stützt sich auf 18 qualitative leitfadengestützte Interviews mit Alleinerziehenden im Großraum München, die Jochim per inhaltlich-strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse auswertet. Die Ergebnisse der Datenanalyse präsentiert sie – entsprechend der herausgearbeiteten Kategorien – in sechs Kapiteln, wobei sie jedem Kapitel ein ausführlicheres Fallporträt als einführende Sequenz voranstellt.

Umstände und Probleme des Alleinerziehens

Jochims Buch lebt von den ausführlichen und illustrativen Darstellungen der vielfältigen Lebenswelten von Alleinerziehenden in München – dem „Herzstück der Arbeit“ (S. 23). Eindrücklich arbeitet sie heraus, welche persönlichen Umstände und Schicksalsschläge dem Alleinerziehen vorausgehen und auf welche vielfältigen Weisen alleine, getrennt oder verwitwet Kinder erzogen werden können. Alleinerziehen sorgt schon aufgrund des Spagats zwischen Sorge- und Lohnarbeit für viel Druck auf allen Alltagsebenen des alleinerziehenden Elternteils. Die Belastung kann sich durch zusätzliche Problemlagen oder soziale Benachteiligungen noch potenzieren: fehlende Sprachkenntnisse, chronische Krankheit des Kindes oder Elternteils, akute psychische Probleme. Deshalb benötigen insbesondere Alleinerziehende einen niedrigschwelligen Zugang zu Leistungen und Hilfsangeboten.

In der Praxis scheint dies für viele der befragten Alleinerziehenden jedoch nicht der Fall zu sein: Zum einen beklagen sie zu niedrig bemessene Leistungen, beispielsweise beim Wohngeld, zum anderen erscheinen die verschiedenen staatlichen (Hilfs-)Strukturen und Leistungssysteme als undurchsichtig. Es muss viel Zeit aufgewendet werden, um sich im „bürokratischen Dschungel“ (S. 264) zurechtzufinden. Kontakte mit dem Jobcenter nahmen die Interviewten häufig als emotional belastend wahr, auch bei der Suche nach einem Kinderbetreuungsplatz machten einige stigmatisierende Erfahrungen. So empfahl man ihnen mitunter, lieber SGBII-Leistungen zu beziehen und ihr Kind zu Hause zu betreuen, anstatt erwerbstätig zu sein. Aufgrund solcher Erlebnisse und weil sie sich häufig mit dem normativen Familienbild von Mutter, Vater, Kind konfrontiert sehen, fühlen sich Alleinerziehende immer wieder sozial ausgegrenzt.

Wie gut die befragten Alleinerziehenden ihren Alltag meistern können, hängt sehr stark von ihrem eigenen kulturellen sowie sozialen Kapitel ab: Für höher gebildete Alleinerziehende scheint es deutlich einfacher zu sein, sich in den komplexen Leistungssystemen zurechtzufinden und sich schnell strategisches Wissen zu bestehenden Anlaufstellen anzueignen (S. 268). Aufgrund des erschwerten Zugangs zu Kinderbetreuungsplätzen sind einige der befragten Alleinerziehenden auf die Unterstützung der Familie oder Freund*innen angewiesen, um überhaupt erwerbstätig sein zu können. Darüber hinaus stellen zivilgesellschaftliche Anlaufstellen eine wichtige Stütze im Alltag dar, insbesondere um sich mit anderen Alleinerziehenden zu vernetzen und Erfahrungen sowie strategisches Wissen auszutauschen.

Kritik und Fazit

Neben interessanten Ergebnissen und Erkenntnissen weist Jochims Studie jedoch auch grundlegende Schwächen auf, die sich durch das gesamte Buch ziehen: So ist das Forschungsinteresse zu weit gefasst und es fehlt eine eindeutige Fragestellung. Das Anliegen der Autorin, die Vielfalt des Alleinerziehens in den Vordergrund zu stellen, geht leider auf Kosten der analytischen Qualität der Arbeit. Jochim behandelt schlichtweg zu viele verschiedene inhaltliche Stränge, die zwar für sich genommen relevant sind, jedoch aufgrund der schieren Quantität nicht analytisch und tiefgehend genug untersucht werden können. Deshalb liest sich das Buch sehr collagenartig, die einzelnen theoretischen wie empirischen Kapitel stehen recht unverbunden nebeneinander. Dadurch ist es als Leserin schwer, einen roten Faden oder den zentralen Forschungsgegenstand zu identifizieren und von zahlreichen ‚Nebenschauplätzen‘ abzugrenzen. Ich möchte meine Kritik an vier Punkten verdeutlichen:

1. Während sich Jochim in der Einleitung explizit auf die soziologische Lebensverlaufsforschung bezieht, führt sie diese im Theorieteil nicht explizit aus. Zum einen ignoriert sie dadurch wichtiges theoretisches wie empirisches Wissen zu den Lebensumständen von Alleinerziehenden, zum anderen hätte sie die Systematik der Lebensverlaufsforschung nutzen können, um den eigenen analytischen Rahmen zu entwickeln. Stattdessen gibt es sechs theoretische Unterkapitel, in denen verschiedenste theoretische Ansätze zwar gut, aber ohne erkennbare Systematik dargestellt werden. Es fehlt der zentrale Schritt, diese Ansätze auf den konkreten Forschungsgegenstand anzuwenden und zuzuspitzen: Was bedeuten die theoretischen Überlegungen für die Sample-Bildung, die methodische Herangehensweise oder später für die Einordnung der Ergebnisse?

2. Meiner Meinung nach begründet die Autorin ihre Auswahl der Stadt München als sozialräumlichen Kontext nicht überzeugend: Wir erfahren zwar, dass der Großraum München die teuerste Region Deutschlands ist, dass verfügbare Kinderbetreuungsplätze „mangelhaft“ sind (S. 75) und dass sich deshalb zivilgesellschaftliche Anlaufstellen als unterstützende Infrastruktur etabliert haben. Diese Informationen werden jedoch nicht eingeordnet. Es bleibt unklar, was wir auf einer analytischen Ebene von dem ‚Fall‘ München lernen können, wo Differenzen zu und Kongruenzen mit anderen Regionen oder Städten bestehen.

3. Jochims Arbeit berücksichtigt bisheriges Forschungswissen zu Alleinerziehenden in Deutschland nicht, um ein theoretisch informiertes Sample zu entwickeln. Weil die Autorin ihren Feldzugang über Aushänge in Anlaufstellen für Alleinerziehende und ein daran anschließendes Schneeballverfahren bekommt, hat ihr Sample ein Bias: Alleinerziehende mit sehr jungen oder chronisch kranken Kindern, die deswegen mehr Unterstützung brauchen, scheinen deutlich überrepräsentiert zu sein. Eine kritisch-wissenschaftliche Reflexion darüber, wer solche Anlaufstellen aufsucht und inwiefern sich dies auf das Sample und auf die Ergebnisse auswirkt, findet jedoch nicht statt. Darüber hinaus ist die Erläuterung der methodischen Vorgehensweise unzureichend: Jochim listet zwar „gesprächsstrukturierende Themen“ des Leitfadens auf (S. 93), lässt aber offen, ob sie diese aus der Theorie abgeleitet hat. Da das Buch auch keinen Kodierleitfaden enthält, ist die Analyse des Materials nicht nachzuvollziehen. Damit ist ein zentrales Gütekriterium in der qualitativen Forschung nicht erfüllt.

4. In ihrer Schlussbetrachtung bleibt die Autorin zu dicht am empirischen Material, sodass ihr eine breitere Einordnung der Ergebnisse in die bestehende Theorie und Forschung kaum gelingt. Genauso findet wenig kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit statt. Wir erfahren nichts zu Grenzen, blinden Flecken oder Selektivitäten des gewählten Forschungsdesigns und der Befunde. Jochim beschränkt sich in ihrer selbstkritischen Reflexion auf die Rolle des eigenen Geschlechts im Feld und die Reproduktion eines binären Geschlechterverständnisses, da auch sie mit ‚Geschlecht‘ als Strukturkategorie arbeitet (S. 99 f.).

Valerie Jochim behandelt in ihrem Buch über den Alltag von Alleinerziehenden ein gesellschaftlich hoch relevantes Thema. Die Arbeit liefert einige gute und innovative Gedanken sowie spannende Einblicke in die Alltagsstrategien von Alleinerziehenden, die jedoch in der Menge und Strukturlosigkeit der Informationen häufig untergehen. Ihr Anspruch, diese Lebenswelten in ihrer ganzen Fülle und Komplexität nachzuvollziehen und zu analysieren, ist löblich, geht jedoch stark zulasten der analytischen Schärfe und an eigenen Stellen auch der wissenschaftlichen Güte.

  1. Martina Kott, 6.2 Armutsgefährdung und materielle Entbehrung [8.4.2021], in: Statistisches Bundesamt / Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung / Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hg.), Datenreport 2021. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2021, S. 222–228.
  2. Statistisches Bundesamt (Hg.), Alleinerziehende in Deutschland 2017. Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 2. August 2018 [8.4.2021], Wiesbaden 2018.
  3. Uta Enders-Dragässer / Brigitte Sellach, Weibliche „Lebenslagen“ und Armut am Beispiel von allein erziehenden Frauen, in: Veronika Hammer / Ronald Lutz (Hg.), Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung. Theoretische Ansätze und empirische Beispiele, Frankfurt am Main / New York 2002, S. 18–44.
  4. Brigitte Aulenbacher, Geschlecht als Strukturkategorie. Über den inneren Zusammenhang von moderner Gesellschaft und Geschlechterverhältnis, in: Sylvia Marlene Wilz (Hg.), Geschlechterdifferenzen – Geschlechterdifferenzierungen. Ein Überblick über gesellschaftliche Entwicklungen und theoretische Positionen, Wiesbaden 2008, S. 139–166; Helga Krüger, Lebenslauf. Dynamiken zwischen Biografie und Geschlechterverhältnis, in: Ruth Becker / Beate Kortendiek (Hg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden 2010, S. 219–227.
  5. Regine Gildemeister / Angelika Wetterer, Wie Geschlechter gemacht werden. Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenforschung, in: Gudrun-Axeli Knapp / Angelika Wetterer (Hg.), Traditionen, Brüche. Entwicklungen feministischer Theorie, Freiburg 1992, S. 201–254.
  6. Michel Foucault, Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I, Vorlesung am Collège de France 1977-1978, übers. von Claudia Brede-Konersmann und Jürgen Schröder, Frankfurt am Main 2004.
  7. Veronika Hammer / Ronald Lutz (Hg.), Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung. Theoretische Ansätze und empirische Beispiele, Frankfurt am Main / New York 2002.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Bildung / Erziehung Care Familie / Jugend / Alter Gender

Abbildung Profilbild Sabine Hübgen

Sabine Hübgen

Sabine Hübgen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Ihre Forschungsschwerpunkte sind das Armutsrisiko von Alleinerziehenden in Deutschland (im Länder- und Zeitvergleich) sowie der Zusammenhang von Gender, Familie und sozialen Ungleichheiten. Aktuell untersucht sie die Auswirkungen von COVID-19 auf die wirtschaftliche und soziale Situation von Frauen in Berlin.

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