Catherine Davies | Rezension |

Alles andere als exzeptionell

Rezension zu „Vom Antun und Erleiden. Eine Soziologie der Gruppenvergewaltigung“ von Laura Wolters

Laura Wolters:
Vom Antun und Erleiden. Eine Soziologie der Gruppenvergewaltigung
Deutschland
Hamburg 2022: Hamburger Edition
312 S., 35 Euro
ISBN 978-3-86854-360-5

Nur auf den ersten Blick kommt Laura Wolters’ Studie Vom Antun und Erleiden. Eine Soziologie der Gruppenvergewaltigung bescheiden daher: Nicht warum Gruppenvergewaltigungen stattfinden, möchte sie erklären, sondern wie sie sich vollziehen. Ihr Ziel ist keine Theorie des Delikts; es geht ihr darum, Muster und Motive herauszuarbeiten, die sich in den von ihr untersuchten Fällen (die sie mit dem Begriff „Vignetten“ überschreibt) in ganz unterschiedlichen Konstellationen finden lassen. Kurzum: Es geht um eine „Phänomenologie der Tat“ (S. 31, 200).

So bescheiden das so umrissene Forschungsprogramm zunächst wirkt, so ertragreich und vielfach anschlussfähig ist die Studie. Wie nebenbei, in durchweg unangestrengter und klarer, fast kühler Prosa, führt Laura Wolters die Leserin in Grundkategorien der Sozialtheorie ein. Noch einmal gründlich dekonstruiert wird, und das ist für die Historikerin ebenso lehrreich wie für die Juristin, die allzu leichtfertige Rede vom „Motiv“, denn damit können sehr unterschiedliche Dinge gemeint sein: „Motivation, Intention, (Beweg-)Grund, Wunsch, Rechtfertigung, normative Überzeugung – ob bewusst, unbewusst, rational, kognitiv oder emotional.“ (S. 134) Seit den 1970er Jahren kritisieren Feministinnen, darin Susan Brownmiller folgend, die althergebrachte Theorie, der zufolge Männer vergewaltigten, um ihren Trieb zu befriedigen. Stattdessen begreifen sie Vergewaltigung als politische Tat, als Auswuchs und Mittel des Patriarchats, Macht zu demonstrieren und Frauen in Angst zu halten. Auch dieses Argument fußt jedoch wie auf einer Theorie des Instrumentellen, in der sexuelle Gewalt als bloßes Mittel zum Zweck in Erscheinung tritt.

Wolters grenzt sich von dieser Lesart ab, indem sie „Motive, Intentionen und Rechtfertigungen“ nicht als „(vorgelagerte) Ursachen“ (S. 140) begreift, sondern sich für „Motivvokabularien“ (S. 139) interessiert, die sich situativ aus der Interaktion zwischen Opfern und Täter:innen sowie aus der zwischen den (überwiegend männlichen) Täter:innen untereinander ergibt. Mit diesen Vokabularien oder „Skripten“ schreiben Akteure dem Geschehen einen Sinn zu. Ist eine solche interaktionistische Perspektive für die Soziologie als Ganze nicht neu, so ist sie es schon eher für die Untersuchung von Gewalt, die in vielen geistes- und sozialwissenschaftlichen Kontexten und nicht zuletzt in den Medien noch immer als exzeptionell gedeutet wird. Als besonders innovativ erscheint sie schließlich für das insgesamt wenig erforschte Phänomen der Gruppenvergewaltigung.

Mit Blick auf den Untersuchungsgegenstand der Studie bedeutet dies zunächst, dass Gruppenvergewaltigung nicht durch die Mentalität, Kultur oder Religion der Täter:innen erklärt werden kann. Die untersuchten Vignetten reichen zwar geografisch von Köln über Hamburg, Kairo, Sydney und Paris nach New York und Delhi. Über Täter und Opfer erfahren wir dabei wenig. Geschlecht und Alter werden genannt, teils auch, dann aber eher im Vorbeigehen, deren Herkunft oder Nationalität. Einzig das Geschlecht – in den beschriebenen Gewaltszenen kommt nur eine weibliche Täterin vor – ist eine zuverlässige Analysekategorie. Für dieses bewusste Abstrahieren von sozialstrukturellen Faktoren gibt es gute Gründe, denn, wie Wolters überzeugend darlegt, die Versuche, die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2016 mit Verweis auf die arabische oder islamische Sozialisierung der Täter zu erklären und dabei Parallelen zu sehen zu den aus der Gruppe begangenen Vergewaltigungen und sexuellen Belästigungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo, verdunkeln mehr als sie erhellen – nicht zuletzt, weil man nach wie vor kaum etwas Brauchbares über die Täter von Köln weiß.

Wo die Täter durch Ansprache des Opfers versuchen, ein normales Sexualitätsskript zu inszenieren, zeigt sich – und das ist einer der verstörenden Befunde der Studie –, dass eine Gruppenvergewaltigung nichts durch und durch Exzeptionelles ist, sondern teils in Kontinuität steht zu alltäglichem Handeln.

Was also geschieht in einer Gruppenvergewaltigung? Wolters beschreibt das Phänomen entlang dreier Achsen: Gewalt, Sexualität und Gruppe/Kollektivität. In den drei Vignetten, die im ersten Teil des Buches behandelt werden, sieht Wolters „Strafaffekte“ am Werk, das heißt „emotionale, handlungsleitende, vielleicht vorbewusste oder zumindest nicht rationale Situationsdeutungen, die die eigene ausgeübte Gewalt legitimierend einhegt oder neutralisiert.“ (S. 175) Wenn Täter dem Opfer zu verstehen geben, dass die Gewaltpraktiken, die teils unter Zuhilfenahme von Gegenständen ausgeübt werden, eine Reaktion seien auf dessen unterstelltes Fehlverhalten – etwa dass es sich zu später Stunde an einem „zwielichtigen“ Ort aufgehalten oder an einer politischen Demonstration teilgenommen hat –, dann heißt dies nicht, dass sie ihr Motiv tatsächlich im Sinne einer dem Geschehen vorgelagerten Ursache artikulieren. Dies wäre wiederum zu rational-instrumentell gedacht. Es heißt lediglich, dass eine solche Deutung von Gewalthandlung und Vergewaltigung als gerechter Strafe den einmal gefassten Entschluss zur Tat zumindest nachträglich legitimiert oder neutralisiert und den Vollzug der Tat so subjektiv erleichtert, was den Täter von Verantwortungs- und Schuldbewusstsein entlastet.

Ein weiteres Mittel der Neutralisierung besteht in der Sexualisierung. Hier grenzt die Autorin sich von feministischer Literatur über Vergewaltigung ab, die betont, dass Sexualität dem Phänomen äußerlich ist und deshalb vorzugsweise von „sexualisierter“ statt sexueller Gewalt spricht. In einigen Fällen aber, das zeigt Wolters im zweiten Teil, verwenden die Täter viel Energie darauf, „ihr Verhalten als ‚normal‘ zu rahmen, was in Kontexten sexueller Gewalt bedeutet, dass sie … ihre Taten entweder pornografisieren oder Akte der Einwirkung und der Mitwirkung zu erzwingen suchen.“ (S. 221) Gerade Letzteres, also der als weiteres Gewalthandeln hinzukommende Zwang, die Opfer zu Kompliz:innen zu machen, empfinden diese als besonders demütigend und belastend. Denn indem sie „die erlebte sexuelle Gewalt nicht (nur) als Ausnahmezustand […] erfahren, der das Alltägliche auslöscht, sondern gerade auch in Kontinuitäten mit dem Sexuellen, mit der Welt und mit sich selbst“, wird ihnen „die Deutungshoheit über die ihnen angetane Gewalt“ (S. 222) entzogen.

Die dritte von Wolters untersuchte Achse schließlich betrifft das Handeln als und in der Gruppe. Was das meint, wird anhand der letzten Vignette gezeigt: Einzig in diesem Fall nämlich ist das Opfer fast von Beginn der Tat an nicht bei Bewusstsein, die Interaktion vollzieht sich also fast ausschließlich zwischen den Täter:innen (nur hier, und auch das ist wohl kein Zufall, ist eine weibliche Täterin beteiligt und nur hier wird das Geschehen gefilmt; Letzteres wird allerdings nicht eigens analysiert). Die Täter:innen versuchen dabei nicht, die mehrfache „digitale Vergewaltigung“ (also eine Vergewaltigung mit Fingern oder Gegenständen) zu sexualisieren, jedenfalls nicht ihre eigene Rolle darin. Sie inszenieren vielmehr „eine von den Beteiligten als lächerlich gedeutete, spaßhafte Imitation von Geschlechtsverkehr“ (S. 242), die sich sukzessive steigert und erst endet, als das Opfer erwacht und zu schreien beginnt. In dieser Spaß-Dynamik und der Interaktion der Täter:innen untereinander erkennt Wolters Merkmale und Mechanismen, die von der soziologischen Literatur bereits für andere Gruppenaktivitäten analysiert und beschrieben wurden. Dort, wo Täter durch Ansprache des Opfers versuchen, ein „normales“ Sexualitätsskript zu inszenieren, zeigt sich – und das ist einer der verstörenden Befunde der Studie –, dass eine Gruppenvergewaltigung nichts durch und durch Exzeptionelles ist, sondern zahlreiche Kontinuitäten zu alltäglichem Handeln aufweist.

Wolters benennt, wo es angemessen erscheint, Lücken und Defizite in der Forschung und macht gleichzeitig klar, wie viel sie der Literatur verdankt und wo ihre eigenen Befunde diese ergänzt oder relativiert. Diese konsequent praktizierte Haltung des Dialogs kann sich manch eine Wissenschaftler:in zum Vorbild nehmen.

Wolters‘ Studie ist der deutschen „Neueren Gewaltsoziologie“ verpflichtet, zu deren Programmatik es gehört, nicht nach den Ursachen der Gewalt zu fragen, geschweige denn, diese zu quantifizieren, sondern die Gewalthandlung selbst zum Gegenstand der Analyse zu machen. Damit ist eine radikale Dekontextualisierung verbunden: Das, was der Handlung unmittelbar vorangeht, wird ebenso wenig untersucht wie der weitere (gesellschaftliche, politische, kulturelle) Kontext, in dem sie stattfindet. Das bedeutet auch, dass die sprachliche Verfasstheit der „Skripte“, von denen die Rede ist, nicht eigens problematisiert wird, ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Aussagen der Beteiligten teils nur in Übersetzung vorliegen. Von der Lektüre angeregt kann man sich weitergehend fragen, welchen Akteuren welche Skripte zur Verfügung stehen und warum sie diese in bestimmten Situationen als Deutungs- und Legitimationsfiguren aktualisieren. Und umgekehrt: Wann werden solche Skripte nicht abgerufen? So wichtig das Anliegen, so aufschlussreich der methodische Entschluss für eine „Ent-Exzeptionalisierung“ kollektiv verübter sexueller Gewalt sind, so sehr muss man doch davon ausgehen, dass die Situationen, in denen es letztlich doch nicht zu einer Gruppenvergewaltigung kommt, obwohl ähnliche Umstände vorliegen und ähnliche Skripte zur Verfügung stehen, die tatsächlich vollzogenen Fälle bei weitem übersteigen. Diese Fälle mit einzubeziehen, müsste nicht zwangsläufig dazu führen, die erkenntnishemmende Dominanz des Kausalitätsmodells durch die Hintertür wieder einzuführen. Stattdessen wäre auch hier ein Festhalten am interaktionistischen Ansatz denkbar, der nach den Situationsdeutungen der Beteiligten fragt, in denen bestimmte Grenzen eben gerade nicht überschritten werden.

Als Historikerin, der die methodologische Frage der Bedeutung von Kausalität für das geschichtswissenschaftliche Argumentieren in ihrer Disziplin zunehmend ungeklärt und unzulänglich reflektiert erscheint, habe ich die dezidiert „anti-kausalistische“ Perspektive von Laura Wolters’ Studie als so herausfordernd wie augenöffnend empfunden. Nicht hoch genug einschätzen kann man außerdem ihre souveränen Ausführungen zu den verschiedenen Theorien und Forschungspositionen sowie die dialogische Ethik, die ihnen zugrunde liegt: Wolters benennt, wo es angemessen erscheint, Lücken und Defizite in der Forschung und macht gleichzeitig klar, wie viel sie der Literatur verdankt und wo ihre eigenen Befunde diese ergänzt oder relativiert. Auch diese kollegiale Haltung des Dialogs können sich viele Wissenschaftler:innen zum Vorbild nehmen. Am meisten beeindruckt jedoch, wie geduldig, respektvoll, sensibel und dabei doch jederzeit klar und präzise Laura Wolters aus den ausgewählten Fällen neue und wichtige Erkenntnisse über das verstörende Phänomen der Gruppenvergewaltigung gewinnt, die für die disziplinenübergreifende Erforschung von Gewalt von großer Bedeutung sind.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Feminismus Gender Gewalt Interaktion Körper

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Catherine Davies

Catherine Davies arbeitet als wissenschaftliche Oberassistentin am Historischen Seminar der Universität Zürich. 2018 erschien „Transatlantic Speculations. Globalization and the Pancis of 1873“ bei Columbia University Press. Aktuell arbeitet sie an ihrer Habilitation zum Thema „Rechtsstaat und Patriarchat: eine Geschichte sexueller Gewalt in (West)deutschland, 1969–1997.“

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