Florian Mühlfried | Essay |

Am Ende des Vertrauens

Gedanken aus der Sozialanthropologie zur „Zeitenwende“

Kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine erklärte der Politikwissenschaftler Herfried Münkler in einem vielbeachteten Interview die Zeit des Vertrauens für beendet.[1] Statt eines in der internationalen Politik bis dato vorherrschenden „Grundvertrauens“ in die Rationalität des Gegenübers – inklusive dessen Fähigkeit zu begreifen, dass der Einsatz von Nuklearwaffen zu Angriffszwecken hochgradig unvernünftig sei – müsse nun jederzeit mit „Worst-Case-Szenarien“ gerechnet werden. Es könne auch nicht mehr darauf vertraut werden, dass auf weltpolitischer Ebene gemeinsam an der Lösung globaler Probleme wie der Klimaerwärmung gearbeitet wird. „Jetzt [...] sollte auch dem letzten klargeworden sein,“ so Münkler bilanzierend, „dass an [...] Stelle von Vertrauen und vertrauensfördernden Maßnahmen generalisiertes Misstrauen angezeigt ist“.[2]

Diese Feststellung Münklers reflektiert die von Bundeskanzler Olaf Scholz konstatierte Zeitenwende, verlagert aber die Begrifflichkeit. Was hier behauptet wird, ist der Verlust eines politisch und gesellschaftlich tragfähigen Grundvertrauens und das beklemmende Erwachen in der unheimlichen Welt des Misstrauens. Zwar bleibt unklar, um wessen Vertrauen es sich handelt, das da angeblich verloren geht. Hat beispielsweise jemand mit Bezügen zum ehemaligen Jugoslawien sein Vertrauen auf den Verzicht kriegerischer Gewalt „mitten in Europa“ erst mit dem russischen Überfall auf die Ukraine verloren? Außerdem erscheint fragwürdig, dass der durch den Angriff auf die Ukraine ausgelöste Vertrauensverlust ein singuläres Ereignis darstellt. Vielmehr erscheint die von Münkler konstatierte Vertrauenskrise als Kontinuum einer ganzen Reihe solcher Krisen, ausgelöst unter anderem durch die von Edward Snowden aufgedeckte NSA-Überwachungsaffäre, die unter „Dieselgate“ bekannt gewordenen Manipulationen von Abgaswerten durch große deutsche Automobilkonzerne sowie die Banken- und Finanzkrise von 2008.

Allerdings hat durch den Krieg in der Ukraine der Vertrauensverlust nicht nur weiter um sich gegriffen, sondern wurde deutlich intensiviert, da auf wesentliche Aspekte des (westlichen) Lebens nicht mehr vertraut werden kann. Daraus resultiert eine fundamentale Unsicherheit: Droht der 3. Weltkrieg? Wie sicher ist unsere Energieversorgung? Wie schützt man sich vor nuklearer Strahlung? Von dieser Unsicherheit sind auch Industrievertreterinnen betroffen, die nun Worst-Case-Szenarien in ihren Kalkulationen zu berücksichtigen haben – ein typisches Anzeichen von Misstrauen.[3]

Damit stellt sich die Frage, wie es sich leben lässt in einer Welt, die nicht nur von Misstrauen geprägt, sondern in der, in den Worten Münklers, „generalisiertes Misstrauen angezeigt ist“. Wenn das Misstrauen also nicht mehr ein Problem darstellt, das überwunden werden kann und sollte, um das reibungslose Funktionieren von Gesellschaft und Markt zu gewährleisten, sondern zur Grundausstattung einer vernünftigen Weltwahrnehmung gehört. Was macht dieses Misstrauen mit uns und aus unserer Gemeinschaft? Was können wir mit dem Misstrauen machen? Sieht man die Welt ohne Vertrauen besser oder schlechter?

Die Sozialwissenschaften sind relativ schlecht auf solche Fragen vorbereitet, schenkten sie dem Misstrauen doch jahrzehntelang kaum Beachtung – wenn überhaupt zumeist als Gegenteil oder Abwesenheit von Vertrauen, aber kaum als Untersuchungsgegenstand per se. Wenige Ausnahmen bestätigen diese Regel. So hat etwa Pierre Rosanvallon darauf hingewiesen, dass demokratische Staaten für ihre Legitimation und ihr Funktionieren auf das Misstrauen ihrer Bevölkerungen angewiesen sind,[4] und Matthew Carey hat aufgezeigt, wie gegenseitiges Misstrauen Machtverkrustungen aufbrechen kann.[5]

Basierend auf diesen beiden Ansätzen versuche ich im Folgenden, mich den genannten Fragen anzunähern. Dazu beschäftige ich mich zunächst anhand einiger Beispiele mit der Frage, ob und wie Misstrauen politisch konstitutiv wirken und Gemeinsinn unterlegen kann. Anschließend geht es um Versuche, Worst-Case-Szenarien zu antizipieren, indem man weniger eigene Belange in die Hände anderer legt, wie das beim Vertrauen der Fall ist. Zum Schluss komme ich auf die misstrauensgenerierte Neigung zu sprechen, hinter die Dinge blicken zu wollen. In diesem Hang zum Verschwörungswahn begünstigt Misstrauen Phänomene wie Populismus und Querdenken und verschleiert den Blick auf die Realität. Soll Misstrauen zu einer realistischeren Einschätzung der Welt führen, wie von Münkler gefordert, muss es reflexiv gewendet werden.

Vergemeinschaftung

Richtet sich Misstrauen gegen den oder das Fremde, wird es meist akzeptiert.[6] Dabei erzeugt oder zumindest verstärkt die Vergemeinschaftung eines solchen Misstrauens häufig ein Gefühl von Zugehörigkeit. Charles Tilly spricht in diesem Zusammengang von Vertrauensnetzwerken, die sich durch den Imperativ des Vertrauens nach innen und den des Misstrauens nach außen auszeichnen.[7] Beispiele für solche Netzwerke sind etwa kriminelle Verbünde wie die Mafia, religiöse Sekten wie die Waldenser oder Motoradklubs à la Hells Angels. Man könnte diese Gruppen allerdings genauso gut als Misstrauensnetzwerke bezeichnen, schließlich ist Misstrauen für sie ebenso konstitutiv wie Vertrauen.

Wendet sich Misstrauen hingegen gegen Mitglieder oder Elemente der eigenen Gemeinschaft, wird es vielfach (wenn auch nicht immer) als problematisch betrachtet. Grund dafür sind die vermeintlich sozial zersetzenden Eigenschaften, die dem Misstrauen zuggeschrieben werden:

Where trust builds relationships, mistrust sunders them; where trust breeds wealth, mistrust generates poverty; where trust gives rise to effective communication and extensive social ties, mistrust is the mother of confusion and isolation. Mistrust is, in short, uniquely corrosive of human bonds—it is social acid.[8]

In diesem Sinne sind für Francis Fukuyama Staaten, in denen Misstrauen vorherrscht, in wirtschaftlicher wie politischer Hinsicht weniger effizient.[9] Jörg Baberowski erklärt die sozialen Hintergründe:

„Wer Teil einer Misstrauensgesellschaft ist, [...] wird Wandel möglicherweise als nicht kalkulierbare Bedrohung verstehen, [den] andere als Chance begreifen, weil seine alltäglichen Lebensrisiken durch Regelvertrauen kompensiert werden können.“[10]

Die Bereitschaft, dieses Risiko einzugehen, setzt also Vertrauen voraus und scheint das Erfolgsrezept moderner Gesellschaften zu sein, im Gegensatz zu „vormoderne[n], nicht differenzierte[n] Misstrauensgesellschaften“, die „ihre Stabilität dadurch gewinnen, dass sie den Wandel durch Bewahren des Bewährten bewältigen“.[11] Diese Haltung einer durch Misstrauen hervorgerufenen Verhinderung von Erfolg und Fortschritt in „vormodernen“ Gesellschaften hat Eric Gable ironisch auf die Formel der „Gleichheit als Alptraum“ (nightmare egalitarianism) gebracht – alle seien mehr oder weniger gleich, weil sich alle misstrauen.[12] Gesellschaften, in denen Misstrauen einen großen Stellenwert hat, können in diesem Sinne weder modern noch dynamisch sein.

Diese Sichtweise ist aus mindestens zwei Gründen fraglich: Zum einen unterschlägt sie die konstitutive Rolle von Misstrauen in modernen demokratischen Gesellschaften zur Regulierung von Herrschaft in Form von Gewaltenteilung und checks and balances.[13] Die Institutionalisierung von Misstrauen als Gegenmacht ist zentral in demokratischen Verfassungen eingeschrieben. Besonders die US-amerikanische Verfassung ist von einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber denjenigen geprägt, die Herrschaft ausüben, wird in ihr doch stets der Möglichkeit Rechnung getragen (und diese misstrauisch antizipiert), dass Machtinhaber ihren Machtbereich immer weiter auszudehnen versuchen. Benjamin Constant formulierte ähnliche Befürchtungen; für ihn ist „jede [demokratische] Verfassung [...] ein Akt des Misstrauens“.[14] In diesem Sinne verstand auch John Stuart Mill die Macht des Parlamentarismus in erster Linie als eine negative, die durch Präventivmaßnahmen darauf auszurichten sei, Missbrauch zu verhindern.[15]

Zum anderen berücksichtigt die Perspektive von Misstrauen als sozialem und politischem Bremsfaktor nicht den dynamischen Beitrag, den misstrauensbasierte Praktiken bei der Verhinderung der Institutionalisierung von Herrschaft in nicht-staatlichen Gesellschaften – und damit beim Entstehen stabiler hierarchischer Strukturen als Prototypen des Staates [16] – leisten. Dieses Misstrauen zeigt sich unter anderem in der Belustigung über machtaffine Männer, dem ostentativen Ignorieren von Anweisungen oder deren ironischer Kommentierung.[17] Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass so gut wie all jene Gesellschaften, die ohne ein Zentrum der politischen Macht auskommen und klassisch als „egalitär“ bezeichnet werden, Machtasymmetrien in Bezug auf Alter und gender aufweisen[18] und von Metawesen wie Gottheiten, Geistwesen, verstorbenen Vorfahren oder Tiergeistern umgeben sind, die mehr Macht besitzen als sie selbst.[19] Ob diese Metawesen allerdings als Herrscher anzusehen sind, wie Sahlins behauptet, ist umstritten.[20]

„Zeitenwende“

Schenkt man Münkler Glauben, sind auch wir mit dem russischen Angriff auf die Ukraine zu einer Misstrauensgemeinschaft geworden – wenn auch wider Willen. Zunächst beschränkt sich diese Gemeinschaft auf eine Abgrenzung zu einem Außen, das kein Vertrauen verdient: Putins Russland. Diese Abgrenzung kann durchaus konstitutiv wirken, und die affektive Qualität eines geteilten Misstrauens verbindend. Misstrauen funktioniert hier ähnlich wie Furcht im „Liberalismus der Furcht“ von Judith Shklar: Es zwingt zu einer Positionierung in Bezug auf das nicht Hinnehmbare. Eine solcherart konstituierte politische Gemeinschaft hat es statt mit dem summum bonum mit dem summum malum zu tun, „das wir alle kennen und nach Möglichkeit zu vermeiden trachten“.[21] Die Suche nach Möglichkeiten zur Vermeidung ist ein aktiver Prozess, der eine Form des misstrauensbasierten politischen Engagements fundiert.

Allerdings bliebe die Gemeinschaft eine geschlossene, würde sich ihr Misstrauen nur nach außen richten. Es bekäme eine andere (zivilgesellschaftliche) Qualität, wenn es auch einen Blick auf das Innere eröffnen würde. Im Falle einer sich selbst misstrauenden Gemeinschaft wäre nie ausgeschlossen, dass sich das externalisierte Ziel des Misstrauens im Inneren reproduziert. Im konkreten Fall hieße das anzuerkennen, dass die eigene Gemeinschaft selbst „russische Verhältnisse“ erzeugen könnte. Ansatzpunkte bieten ein autokratischer Regierungsstil wie der Orbanismus, eine Gleichschaltung des Justizwesens wie in der Justizreform der PIS-Partei in Polen angelegt, eine zunehmende Verschränkung von Politik, Medien und Meinungsforschung, wie sie unter Bundeskanzler Sebastian Kurz von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) betrieben wurde, eine Konzentration von Medienunternehmen in regierungstreuen Händen unter gleichzeitiger Einschüchterung regierungskritischer Journalisten wie in Bulgarien oder der militärische Expansionismus des Vertragspartners Türkei.

Flankierend zu derlei Herrschaftspraktiken breitet sich in den europäischen Bevölkerungen ein mindset aus, der auf Misstrauen gegenüber im Mainstream verorteten Personen und Institutionen beruht und populistische Bewegungen, Parteien und Politiker begünstigt. In der Corona-Krise brach sich dieses Misstrauen in der Querdenker-Bewegung Bahn. Deren misstrauische Haltung wird allerdings kaum verschwinden, indem ihr ihre Berechtigung abgesprochen wird; zu deren Bearbeitung ließe sich besser kritisch hinterfragen, worauf in dieser Bewegung vertraut wird – nämlich auf die Echos aus den eigenen Echokammern, auf Verschwörungserzählungen und populistische Volkstribunen. Vielsagend ist in dieser Hinsicht die Kontinuität, in der sich Protagonisten der Querdenkerszene zu Putin-Apologeten gewandelt haben – gerade als es so schien, dass ihnen ihr Thema abhandengekommen sei.[22]

Ebenfalls nicht zu übersehen sind die strukturellen Ähnlichkeiten zum System Putin: die gleiche nach innen wie außen aggressive Wirtschaftspolitik und die Macht der Oligarchen – nur, dass sie in westlichen Gesellschaften nicht so heißen und noch weniger Steuern zahlen als in Russland. Dennoch bleibt die Arbeit an den Grenzen konstitutiv für eine Misstrauensgemeinschaft jedweder Art. In diesem Sinne wäre die Europäische Union nicht zuletzt darüber zu begreifen, was sie nicht mit Russland teilt: politische Verfahren, soziale Praktiken, aber auch Märkte. Eine solche Vergegenwärtigung eigener Merkmale bedeutete nicht nur das Ende der Globalisierung als Ideologie eines schrankenlosen Austausches von Waren, sondern auch eine Abkehr vom „Fetisch der Konnektivität“.[23]

Zurückhaltung

Wer vertraut, legt eigene Geschicke in die Hände anderer – eben derjenigen, denen vertraut wird. Eine solche Handlung ist nicht notwendigerweise auf ein Gefühl zurückzuführen, sondern durchaus rational, schließlich erweitert eine so handelnde Person die eigenen Spielräume, macht sich riskante Potenziale zugänglich und ist nicht ständig mit der Antizipation des Scheiterns befasst. In diesem Sinne geht Vertrauen auch nicht verloren, wenn man es schenkt.[24] Misstrauische Menschen hingegen versuchen, möglichst wenige ihrer eigenen Belange den Geschicken anderer zu überlassen. Sie sind daher stets auf eine Minimierung ihrer Abhängigkeit und eine Maximierung eigener Reserven bedacht.[25]

Die Abhängigkeit von Russland, genauer gesagt, von russischen Energielieferungen, hat sich im Zuge des Krieges in der Ukraine für viele Länder der Europäischen Union als veritables Problem herausgestellt. Vorher herrschte weitgehendes Vertrauen auf die Verlässlichkeit Russlands als Lieferant, schließlich sind solche Lieferungen selbst während besonders kritischer Phasen im Kalten Krieg nicht unterbrochen worden. Nun aber erscheinen vertragliche Regelungen mit Russland bezüglich der Lieferungen von Gas nicht länger belastbar; auch die vollständige Einstellung der Lieferungen steht im Raum. Dazu kommt, dass die russischen Einkünfte aus dem Verkauf von Öl und Gas an westliche Länder wie Deutschland und Österreich wesentlich zur Finanzierung des Krieges beitragen. Vor diesem Hintergrund entspricht die Reduzierung von Abhängigkeit durch wirtschaftliche Entflechtung und die Entwicklung alternativer Energieressourcen einem nicht nur begründeten, sondern notwendigen Misstrauen. Der Ausbau erneuerbarer Energien als Reserven in situ entspricht sowohl den Anforderungen an eine nachhaltige Energiesicherheit als auch denen zur Begrenzung des Klimawandels. Eine rationale post-trust Politik würde deshalb sowohl auf eine Minimierung der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Russland als auch auf eine Maximierung eigener Energiereserven setzen.

In der Corona-Krise und im bisherigen Verlauf des Ukrainekrieges definierte das Anlegen von Reserven durch Teile der Bevölkerung in Form von Hamsterkäufen einen Kipppunkt des Vertrauens in bestehende stabile Verhältnisse. Im ersten Fall waren es lange Zeit haltbare Nahrungsmittel wie Zucker oder Mehl sowie Desinfektions- und Hygieneprodukte, die mancherorts zu begehrten Mangelwaren avancierten. Nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine und im Zuge der Kämpfe um Atomkraftwerke waren in vielen europäischen Städten Jodtabletten ausverkauft. Es folgten Bevorratungen mit Klebeband, um Fenster im Fall von Radioaktivität effektiver verschließen zu können, mit Kurbelradios, um auch ohne Strom Nachrichten hören zu können, mit Gaskartuschen, um auch bei Ausfall der Energieversorgung kochen zu können, mit Heizstrahlern, Schutzanzügen, Wasserfiltern und -kanistern sowie emergency food. Später gelangte auch Speiseöl, das für den europäischen Markt überwiegend in der Ukraine und in Russland erzeugt wird und durch den Krieg knapp zu werden drohte, auf die Liste der Mängelwaren. Auch Geigerzähler waren beim Versandhandel Amazon über Monate ausverkauft. Mit dem erstarkenden Misstrauen offenbaren sich anachronistisch wirkende Reflexe des Überlebens, die auf beunruhigende Art und Weise auf eine Präsenz des bis dato verdrängten Krieges hindeuten.

Wahrnehmung

Im Sommer 2021 liefen große Gasspeicher der Gasprom-Tochter Astora in Deutschland leer. Im Nachhinein ist deutlich geworden, dass die Gasprom den russischen Angriff auf die Ukraine antizipiert und Gas in Deutschland verknappt hat, um Energiereserven aufzubrauchen und somit Deutschlands Abhängigkeit von Russland zu verstärken. Allerdings ist dieses ungewöhnliche Ereignis beinahe vollständig übersehen worden. War es das Vertrauen auf die Stabilität politischer Verhältnisse und auf die Verlässlichkeit Russlands, das dessen Wahrnehmung verhinderte? Ähnliche Fragen stellen sich bei der Lektüre einer Erklärung des Kreml vom Sommer 2021, die unter dem Titel Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern faktisch das Existenzrecht der Ukraine in Frage und damit in Aussicht stellte, diese „Heim ins Reich“ zu holen. War es auch hier Vertrauen, das es erlaubte, diese Erklärung nicht wörtlich nehmen zu müssen und die konkrete Drohung übersehen zu können? Sieht man schlechter mit Vertrauen?

Niklas Luhmann hat darauf hingewiesen, dass Vertrauen und Misstrauen funktionsäquivalent sind: Sie sind Weisen der Reduktion von Komplexität zum Zweck ihrer Bewältigung.[26] So kann Vertrauen auf der Annahme der Verlässlichkeit von Menschen, Beziehungen oder Situationen beruhen (oder in diesen Annahmen zum Ausdruck kommen). Misstrauen hingegen zeigt sich nicht selten in der Annahme, dass die Dinge, Situationen oder Menschen nicht so sind, wie sie scheinen, dass die Oberflächen trügerisch sind und von einem dahinterliegenden Eigentlichen ablenken. Die Funktionsäquivalenz von Misstrauen und Vertrauen offenbart sich in dem Umstand, dass beide selektive Wahrnehmungsdispositionen begründen, die die Aufnahme bestätigender Informationen begünstigen. Mit anderen Worten: Sowohl der vertrauensvolle also auch der misstrauische Mensch nimmt bevorzugt solche Dinge zur Kenntnis, die sein Vertrauen beziehungsweise sein Misstrauen bestätigen. Nicht nur Vertrauen, auch Misstrauen kann einen klaren Blick auf die Verhältnisse verstellen.

Deutlich geworden ist dies in der Querdenkerszene, die ein unheimliches Vertrauen in Verschwörungserzählungen entwickelt hat. In der misstrauischen Annahme, von Expertinnen manipuliert, von Politikern betrogen und den Medien belogen zu werden, müssten die eigentlichen Wirkmächte im Verborgenen identifiziert werden. Diese Wirkmächte und ihre Folgen aufzuzeigen ist der Inhalt von Verschwörungserzählungen, deren Beliebtheit sich auch dadurch erklärt, dass sie das eigene Misstrauen bestätigen. In diesem Sinne reduzieren Verschwörungserzählungen Irritationen, die durch den Ausbruch einer Pandemie und der manchmal hilflos erscheinenden Versuche zu deren Eindämmung entsteht.

Auf ähnliche Art und Weise funktionieren Erzählungen, die hinter dem für viele überraschend ausgebrochenen Krieg in der Ukraine eine andere Macht als Russland vermuten, die nur für Eingeweihte zu erkennen ist: die Nato. Aus dieser Perspektive betrachtet steckt in jedem ukrainischen Kämpfer ein amerikanischer Soldat – eine klassische Trope des Kolonialismus, die denen in der Peripherie abspricht, handelnde Subjekte zu sein. Eine Gefahr des routinierten Misstrauens wie das gegen die Nato liegt also darin, nur das zu sehen, was die eigene misstrauische Haltung bestätigt. Ein realistischer Blick auf die Verhältnisse scheint nur möglich, wenn dem eigenen Misstrauen misstraut wird. Ein solcherart reflexives Misstrauen erfordert einen hohen Aufwand, fördert allerdings Wahrnehmung und Verständnis komplexer Sachverhalte.

Fazit

Mit dem Begriff „Zeitenwende“ wird in der Politik eine Situation im Anschluss an den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine bezeichnet, die sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass Routinen des Vertrauens zu einem Ende gekommen sind. Vertrauenswerte erodierten zwar schon vorher, etwa im Zuge der Corona- oder Weltfinanzkrise. Besonders gravierend scheint allerdings der Verlust eines Grundvertrauens breiter Kreise der europäischen Bevölkerung in die Fähigkeit zur Vermeidung eines Atomkrieges bzw. in eine allgemeine Ächtung des Einsatzes von Atomwaffen zu aggressiven Zwecken.

Ein solcher Vertrauensverlust kann in lähmende Angst münden – und damit in einen Zustand, der für Niklas Luhmann charakteristisch für den Verlust von Vertrauen ist.[27] Diese lähmende Angst ist allerdings nicht dasselbe wie Misstrauen, das – wie Vertrauen – eine Haltung des Engagements darstellt. Diese Erkenntnis formulierte bereits Thomas Hobbes, der Misstrauen als den Zweifel begriff, „der uns veranlasst, uns nach anderen Mitteln umzusehen“.[28] In diesem Sinne stellt Misstrauen eine Produktivkraft dar, die die Suche nach Alternativen befördert. In krisenhaften Situationen, die nicht länger perpetuiert werden können, sind solche Alternativen von vitaler Bedeutung.

Die Suche nach Alternativen zu bisherigen Verhaltensroutinen in der aus dem russischen Angriffskrieg resultierenden „Zeitenwende“ verdeutlicht die Notwendigkeit, eigene Abhängigkeiten (und damit Vulnerabilität) zu reduzieren, etwa durch die Kultivierung von Gasreserven und die Nutzung anderer Energiequellen. Darüber hinaus sind ebenso Praktiken der wirtschaftlichen und politischen Entflechtung von Nöten. Was aber passiert mit einer Gemeinschaft, in der Misstrauen immer größere Teile von ihr erfasst, wie das für so gut wie alle westlichen Gesellschaften seit Jahren zu beobachten ist? Wird sie durch dieses Misstrauen zersetzt, oder kann sie es produktiv machen?

Der konstituierende Effekt einer Vergemeinschaftung von Misstrauen ist für Gemeinschaften zentral, die von Charles Tilly als Vertrauensnetzwerke beschrieben wurden.[29] Innerhalb dieser Netzwerke wird Vertrauen vorausgesetzt, der Außenwelt hingegen wird Misstrauen entgegengebracht. Eine solche Zweiteilung der Welt entlang der Linie von Vertrauen und Misstrauen erzeugt weitgehend geschlossene Gesellschaften. Auch die stark misstrauensgeleitete Querdenkerszene ist von dieser Zweiteilung geprägt und grenzt sich immer stärker von ihrer Umgebung ab. Das bringt hermetische Zirkel hervor, die sich auf eigenen Social-Media-Kanälen gegenseitig bestärken – auch und ganz besonders in ihrem Misstrauen gegenüber dem Mainstream. Vertrauen wird entkoppelt, personalisiert und in Narrative gesteckt, die häufig Anschlüsse an Verschwörungserzählungen bieten. Es ist diese Form der Instrumentalisierung von Misstrauen in populistische Bewegungen, die Misstrauen so suspekt gemacht hat.

Anders verfahren Gesellschaften, die dem Misstrauen auch intern Platz einräumen, wie demokratisch verfasste Gemeinwesen oder „egalitäre Gesellschaften“. Auf diese Weise machen sie sich zwar angreifbarer, reduzieren allerdings auch die Gefahr eines blinden Misstrauens. Statt einer Reduktion von Komplexität findet hier eine Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der komplexen Lebenswelt statt, die auch beinhaltet, die Grundlagen von Vertrauen und Misstrauen hin und wieder zu hinterfragen. Das ist besonders in krisenhaften Situationen wie denen der „Zeitenwende“ von Bedeutung, in denen es darum geht, ein realistisches Bild der Lage und der Handlungsoptionen zu entwickeln.

Eine solche kritische Überprüfung der eigenen Vertrauens- und Misstrauensdispositionen wird gerade von osteuropäischen Intellektuellen angemahnt.[30] Ein besonderes Anliegen ist ihnen die Revision eines Grundvertrauens in ein Narrativ, das Handlungsmacht stets in westlichen Gesellschaften angesiedelt sieht – ob nun positiv als demokratische, wirtschaftliche, politische oder militärische Kompetenz oder negativ als despotischer Wille zur Unterwerfung. Ein solches Narrativ schließt das Misstrauen ein, dass nicht-westliche Akteure wie Russland allein für ihre kriegerische Handlungen verantwortlich gemacht werden können. In diesem Sinne gibt die „Zeitenwende“ Anlass zur misstrauischen Überprüfung dieses Narrativs. Diese Form von reflexivem Misstrauen würde allerdings einen gewissen Grad an Whataboutism zulassen müssen. Denn ein reflexives Misstrauen kann der Frage nicht aus dem Weg gehen: Ist das, was uns angetan wird, tatsächlich so anders als das, was wir antun?

  1. Vgl. Herfried Münkler im Gespräch mit Ute Welty, „Das mit der Weltgemeinschaft können wir uns abschminken“, in: Deutschlandfunk, 25.2.2022 sowie Wie der Konflikt die Nachkriegsordnung verändert, in: Deutschlandfunk, 27.3.2022.
  2. Ähnlich äußerte sich kürzlich der ehemalige außenpolitische Berater von Helmut Kohl, Horst Teltschik: „Vertrauen ist die Grundlage des Geschäfts. Im Augenblick sind die Vertrauensbeziehungen zwischen Putin und dem Westen mehr oder weniger tot.“ (Horst Teltschik im Gespräch mit Denis Huber, Ex-Kohl-Berater: „Es gibt nur eine Person, die noch mit Putin verhandeln könnte“, GMX, 28.4.2022.
  3. So etwa der Vertreter des Verbandes der Chemischen Industrie Jörg Rothermel in einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 11. Mai 2022.
  4. Pierre Rosanvallon, Counter-Democracy. Politics in an Age of Distrust, Cambridge: 2008.
  5. Matthew Carey, Mistrust. An Ethnographic Theory, Chicago 2017.
  6. Vgl. Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin 1908, hier: S. 509–512.
  7. Charles Tilly, Trust and Rule, Cambridge 2005.
  8. Carey, Mistrust, S. 2.
  9. Francis Fukuyama, Trust. The Social Virtues and the Creation of Proseperity, London 1995.
  10. Jörg Baberowski, Erwartungssicherheit und Vertrauen. Warum manche Ordnungen stabil sind, und andere nicht, in: Jörg Baberowski (Hg.), Was ist Vertrauen? Ein interdisziplinäres Gespräch, Frankfurt am Main / New York 2014, S. 7–30, hier S. 9.
  11. Ebd.
  12. Eric Gable, A Secret Shared. Fieldwork and the Sinister in a West African Village, in: Cultural Anthropology 12 (1997), 2, S. 213–233.
  13. Pierre Rosanvallon, Counter-Democracy: Politics in an Age of Distrust. Cambridge: 2008.
  14. Benjamin Constant, Recueil d'Articles, 1829–1939, Paris 1992 [1830], hier S. 53.
  15. John Stuart Mill, Considerations on Representative Government, London 1861.
  16. Pierre Clastres, Archäologie der Gewalt, Zürich 2008.
  17. Christopher Boehm u. a., Egalitarian Behavior and Reverse Dominance Hierarchy [mit Kommentaren und Antwort], in: Current Anthropology 34 (1993), 3, S. 227–254, hier: S. 5.
  18. Marshall Sahlins, Social Stratification in Polynesia, Seattle 1958.
  19. Marshall Sahlins, The Original Political Society. The 2016 Inaugural A. M. Hocart Lecture, in: HAU, Journal of Ethnographic Theory 7 (2017), 2, S. 91–128.
  20. Natalia Buitron / Hans Steinmüller, State Legibility and Mind Legibility in the Original Political Society, in: Religion and Society 12 (2021), 1, S. 39-55.
  21. Judith Shklar, Der Liberalismus der Furcht, Berlin 2018, hier: S. 43.
  22. Ein gutes Beispiel für diese Kontinuität liefert die Facebook-Seite von Markus Gelau, der mittels PR und dem Modelabel „Harlekin“ erst die Querdenker-Szene und nun auch Anhängerinnen des Kreml unterstützt.
  23. Morten Axel Pedersen, The Fetish of Connectivity, in: Gillian Evans / Elizabeth Silva / Nick Thoburn (Hg.), Objects and Materials. A Routledge Companion, London 2013, S. 197–207.
  24. Martin Hartmann, Die Praxis des Vertrauens, Frankfurt am Main 2011, hier: S. 376.
  25. Florian Mühlfried, Introduction. Approximating Mistrust, in: Florian Mühlfried (Hg.), Mistrust: Ethnographic Approximations, Bielefeld 2018, S. 7–22, hier: S. 13 f.
  26. Niklas Luhmann, Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität [1968], 5. Aufl., Konstanz 2014.
  27. Luhmann, Vertrauen, S. 1.
  28. Thomas Hobbes, Naturrecht und allgemeines Staatsrecht in den Anfangsgründen, Darmstadt 1983, hier S. 40.
  29. Tilly, Trust and Rule.
  30. Etwa hier: Russian Socialist Movement & Sotsialnyi Rukh, Against Russian Imperialism, in: Left East, 7.4.2022.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Anthropologie / Ethnologie Gesellschaft Gesellschaftstheorie Gewalt Militär Politik Sicherheit

Florian Mühlfried

Florian Mühlfried ist Professor für Sozialanthropologie an der Staatlichen Ilia-Universität in Georgien. Sein Essay „Misstrauen. Vom Wert eines Unwertes“ wurde 2019 für den Tractatus-Preis des Philosophicum Lech nominiert. Im Juli 2022 erscheint sein neues Buch über „Unherrschaft und Gegenherrschaft“.

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