Tobias Heinze, Judith-Frederike Popp | Literaturessay |

Arbeit an der Theoriepraxis

Literaturessay zu „Critique on the Couch. Why Critical Theory Needs Psychoanalysis“ von Amy Allen

Amy Allen:
Critique on the Couch. Why Critical Theory Needs Psychoanalysis
USA
New York 2020: Columbia University Press
280 S., 22.00 £
ISBN 9780231198615

Die Frage nach ihrem Verhältnis zur Psychoanalyse begleitet die Kritische Theorie seit ihren Anfängen. Die Kategorien der psychoanalytischen Subjekttheorie informieren die Frankfurter Spielart neomarxistischer Gesellschaftstheorie ebenso wie sie sie herausfordern. In der Ideengeschichte der Kritischen Theorie finden sich daher höchst unterschiedliche Zugänge zu dem Vokabular und dem praktischen Instrumentarium der Psychoanalyse: Während Theodor W. Adorno häufig und an zentralen Stellen auf psychoanalytische Motive zurückgreift, distanziert sich Jürgen Habermas in der Folge seines Werks Erkenntnis und Interesse von der Psychoanalyse und wendet sich der Entwicklungspsychologie Jean Piagets zu. In den 1990er-Jahren wurde die Frage nach dem Verhältnis von Kritischer Theorie und Psychoanalyse im Kontext sozialphilosophischer Zugänge zur Frankfurter Schule durch Axel Honneths Anerkennungstheorie und ihren Bezug auf die Objektbeziehungstheorie Donald W. Winnicotts erneut virulent. Die US-amerikanische Philosophin Amy Allen schaltete sich 2020 mit einer Publikation in die bis heute anhaltende Debatte ein. Das Buch ist in einem größeren Projekt, mit dem sie Kernelemente der früheren Kritischen Theorie aktualisieren will, angesiedelt.[1] In Critique on the Couch. Why Critical Theory Needs Psychoanalysis argumentiert Allen, dass die Kritische Theorie auch heute noch auf die Psychoanalyse angewiesen ist. Sie plausibilisiert ihre These mittels einer Kritik an Leerstellen in der jüngeren Kritischen Theorie, denen psychoanalytisches Denken entgegenzuwirken vermag. In drei Hinsichten kann die Psychoanalyse die Kritische Theorie ihr zufolge bereichern: erstens durch die Problematisierung von deren normativen Idealismus, zweitens durch eine Revision des durch die psychoanalytische Entwicklungspsychologie informierten linearen Verständnis der Entwicklung von Subjekt und Gesellschaft sowie drittens durch eine Kritik an utopischen und rationalistischen Verkürzungen der Methode Kritischer Theorie (S. 23 f.).

Die der jüngeren Kritischen Theorie eigenen Tendenzen zum normativen Idealismus diskutiert Allen anhand von Honneth, den sie vor allem dafür kritisiert, dass er die frühkindliche Beziehung zur primären Bezugsperson zu einer universellen Grundlage für ein anerkennendes Miteinander verkläre (S. 3–9). Den zweiten und dritten Punkt verdeutlicht Allen anhand einer Auseinandersetzung mit den Überlegungen von Habermas. Hinsichtlich der attestierten Übernahme linearer entwicklungspsychologischer Modelle in die Kritische Theorie stellt sie zur Disposition, ob es eine progressive Entwicklung von Individuum und/oder Gesellschaft grundsätzlich geben kann und inwiefern sich Parallelen zwischen beiden Entwicklungsprozessen ziehen lassen (S. 10–17). Nach ihrer Lesart vernachlässige Habermas‘ Ansatz die störende Kraft des Unbewussten ebenso wie die Vergeblichkeit des Versuchs, diese rational zu beherrschen. Das hängt wiederum mit dem dritten Punkt zusammen: Habermas sei auf einen rationalen Reformismus verpflichtet, der den ambivalenten Charakter, der jeder utopischen Perspektive eigen ist, nicht fassen kann (S. 17–23). Allen schlussfolgert: „critical theory needs psychoanalysis in order to articulate a meaningful conception of resistance to social norms and the prospects for emancipation without falling into problematic forms of utopian thinking or false models of reconciliation.“ (S. 22)

Die ebenso produktive wie an entscheidenden Stellen kritikwürdige Hauptthese des Buches ist, dass sich in der im Kontext der Kritischen Theorie bislang eher wenig rezipierten psychoanalytischen Theorie Melanie Kleins Ansätze finden, um allen drei genannten Problemen zu begegnen (S. 24). Allen sieht das Potenzial des Denkens dieser Psychoanalytikerin vor allem in seinem realistischen Bild von Subjekt- und Personsein (S. 28).[2] Dieses zeichne sich durch eine Vorstellung psychophysischer Entwicklung aus, die weder einem naiven Fortschrittsmodell noch einer rationalistischen Vereindeutigung psychodynamischer Prozesse anheimfalle.

Kleins psychoanalytische Metapsychologie knüpft an Sigmund Freuds Charakterisierung psychischer Entwicklung anhand der Ausbildung des Ichs in der Kindheit an, revidiert diese jedoch in entscheidenden Punkten.[3] Nach Freud ist diese Entwicklung vor allem durch das individuelle Erringen von Eigenständigkeit und Anpassung geprägt. Das Individuum befindet sich in der frühkindlichen Beziehung zur Mutter in einem Zustand primärer Wunscherfüllung – seine Bedürfnisse nach Nahrung und Zuneigung werden unmittelbar erfüllt. Die weitere psychische Entwicklung des Kindes setzt an der Enttäuschung dieser Erfüllung und einer resultierenden Anerkennung der unabhängigen Realität an (S. 92).[4]

Klein entwickelt in Auseinandersetzung mit Freuds Überlegungen die Theorie einer Entwicklungsdynamik, für die nicht die Opposition zwischen Individuum und Realität, sondern ein spannungsvolles Miteinander von Bestrebungen nach Eigenständigkeit auf der einen und interpersonaler Bezogenheit auf der anderen Seite im Zentrum steht. Dieses Miteinander bildet den Hintergrund für die Entwicklung des Ich, die von Klein als Prozess der Verinnerlichung von zwischenmenschlichen Erfahrungen in der Form von Objekten verstanden wird.[5] Der Verinnerlichungsprozess ist von Konflikten begleitet, da das Ich am Anfang noch instabil und unfähig ist, gute und schlechte Erfahrungen mit ein und derselben primären Bezugsperson zu integrieren sowie die resultierenden Ambivalenzen zwischen Begehren und Enttäuschung auszuhalten. Aus diesem Grund sieht sich das frühe Ich mit der Gefahr von Auflösung, Desintegration oder Fragmentierung konfrontiert: die nicht-integrierten Objekterfahrungen stellen es auf eine existenzielle Zerreißprobe. Die für ein kohärentes Subjekt unverzichtbare Fähigkeit zur Integration von Ambivalenz erlangt das Individuum im Durchleben zweier Stadien, die Klein als paranoid-schizoide und als depressive Position bezeichnet. In ersterer versucht das frühe Ich, die Ambivalenzen abzuwehren indem schlechte Erfahrungen und bedrohliche Objektanteile nach außen projiziert und gute Erfahrungen, und damit geliebte Objektanteile, nach innen introjiziert werden (S. 31 f.). Ein reifer Umgang mit den Ambivalenzen, die die Realität zwischenmenschlicher Beziehungen auszeichnen, entsteht jedoch erst aus der depressiven Position heraus. In ihr stehen Empfindungen von Schuld angesichts der destruktiven Impulse gegenüber bösen Objekten sowie der Wunsch nach Wiedergutmachung im Mittelpunkt. Daraus entwickelt sich in einem unabschließbaren Prozess sukzessive die Fähigkeit, innere und äußere Objekte in Einklang zu bringen und so ihre Ambivalenzen auszuhalten (S. 33).

Die zentralen Antriebskräfte dieses Prozesses sind bei Klein, der psychoanalytischen Triebtheorie entsprechend, der Lebens- und der Todestrieb.[6] Sie sind nicht nur aufeinander, sondern immer auch auf die reale Umwelt bezogen (S. 38), was für Klein mittels der Phantasie realisiert wird: Zum einen lässt diese die Triebe im unbewussten Erleben Gestalt gewinnen, was wiederum die innere Objektwelt formt. Zum anderen bleibt die Phantasie bei dieser Gestaltung immer auch auf die Außenwelt bezogen, denn sie formt die verinnerlichten Objekte als Repräsentationen realer äußerer (S. 47). Allen schlussfolgert: „we are always at the same time relating to both the outside other and the other within.” (S. 54)

Das hier in aller Kürze umrissene Modell psychischer Reifung nach Klein eröffnet für Allen Möglichkeiten, den anfangs erwähnten Kritikpunkten an der Kritischen Theorie zu begegnen: Das Modell geht nicht von einer linearen Entwicklung mitsamt der Überwindung primitiver Entwicklungsstufen, sondern von einer fortlaufende Erarbeitung eines Lebens mit Spannungen und Konflikten aus. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Triebe und ihre konstruktiven wie destruktiven Dynamiken, die sich nicht zu einem idealen Bild des Menschseins harmonisieren oder von einer rationalisierenden Instanz aus kontrollieren lassen.[7] Aus Kleins Überlegungen lassen sich daher keine abstrakten Utopien eines gelingenden zwischenmenschlichen Miteinanders ableiten, wohl aber eine konkrete Vorstellung des psychoanalytischen Behandlungsdialogs (S. 73). Diese dient Allen als Vorbild für ein Verstehen auf Augenhöhe, welches sie für eine kritische Theoriepraxis nutzbar machen möchte.

Allens Versuch, eine konstruktive Neufassung der Kritischen Theorie durch eine korrigierende Intervention mittels der psychoanalytischen Theoriebildung Kleins vorzunehmen, ist allerdings in mindestens dreierlei Hinsichten grundlegend zu kritisieren: Erstens unterschlägt Allen gesellschaftstheoretische Einsichten der Kritischen Theorie und damit auch die soziohistorische Kontextualisierung ihrer Überlegungen. Zweitens wird das Verhältnis von Kritischer Theorie und Psychoanalyse als eigenständige Disziplinen sowie die Art und Weise, wie sie interdisziplinär ins Verhältnis gesetzt werden, nicht hinreichend geklärt.[8] Damit geht drittens einher, dass Allens Reflektion über das Verhältnis von psychoanalytischer Deutung und der Praxis der Kritik zentrale Aspekte beider verfehlt.

1

Allens Intervention ist eine von Klein informierte Auseinandersetzung mit Motiven der älteren Frankfurter Schule im Kontext zeitgenössischer Debatten der Kritischen Theorie, die vor allem das korrigierende Potenzial der psychoanalytischen Theoriebildung betont. Obwohl Allen mit ihrem Buch weniger auf die für die Kritische Theorie klassische Vermittlung von (neomarxistischer) Gesellschafts- und (psychoanalytischer) Subjekttheorie zielt,[9] erschöpft sich ihre Diskussion nicht im Versuch einer korrigierenden Intervention von außen in die Kritische Theorie. Im Gegenteil: Allens Überlegungen stellen selber eine Arbeit an der Kritischen Theorie dar. Einer der zentralen Ausgangspunkte ihrer Überlegungen ist eine durch Klein informierte Kritik des Entwicklungs- und Fortschrittsverständnisses der Kritischen Theorie,[10] die eng mit der Verhältnisbestimmung von kritischer Praxis und Gesellschaftstheorie verbunden ist. Fraglich ist jedoch, ob Allen dabei nicht zentrale Aspekte derjenigen Varianten Kritischer Theorie unterschlägt, denen ihre Sympathie gilt.

Allens kritische Betrachtung von Fortschrittsverständnissen innerhalb der Kritischen Theorie setzt an einer Parallelisierung subjektiver und gesellschaftlicher Entwicklung an, die auch in Freuds Werk auffindbar ist, dieses jedoch nicht in Gänze charakterisiert (S. 89 ff.). Allen bezieht sich auf Joel Whitebooks Unterscheidung zwischen einer offiziellen und einer inoffiziellen Position Freuds. Erstere nehme an, dass das Subjekt von vornherein von der Welt getrennt sei und unter der Herrschaft des Realitätsprinzips schmerzhaft lernen müsse, diese anzuerkennen (S. 92). Dies bedeute auch, dass vermeintlich primitive Entwicklungsstufen von ‚Wilden, Frauen und Kindern‘ überwunden werden müssten (S. 98–105). Die inoffizielle Position fasse die Psychogenese hingegen ausgehend von einem Zustand primärer Verbundenheit des Subjekts mit seiner Außenwelt, die graduell, aber nie gänzlich, abgebaut werde (S. 94, 105–111). Für Allen stehen diese Überlegungen, vor allem die der offiziellen Position, in direktem Zusammenhang mit den rassistischen und eurozentrischen Implikationen der Annahme eines ‚Primitiven‘, dessen Entwicklung noch ausstehe (S. 98 ff.). So lange eine Parallele von subjektiver und gesellschaftlicher Entwicklung behauptet werde, so lange bleibe der Prozess psychischer Reifung ein Modell für die Entwicklung von Gesellschaften, die aus kolonialer Perspektive als frühe Versionen der eigenen westlichen Zivilisation betrachtet werden (S. 99).

Den kolonialen Ballast, der der Parallelisierung der Entwicklung von Subjekt und Gesellschaft in Freuds Metapsychologie anhänge, könne Whitebooks Unterscheidung zwischen der offiziellen und der inoffiziellen Position Freuds jedoch nur zum Teil abwerfen, da Whitebook weiterhin an einem Verständnis der gereiften Psyche festhalte, das aus kolonialismuskritischer Perspektive als kompromittiert gelten muss (S. 97 f.). Mittels einer Rekonstruktion von Freuds Das Unbehagen in der Kultur zeigt Allen, dass Freud in dieser Schrift ein nicht-teleologisches Modell von Geschichte entwickelt, das fragt, ob der Fortschritt der Kultur die innerpsychischen Repressionen, die ihn möglich gemacht haben, wirklich wert gewesen sei (S. 109 f.). Freuds gegenüber früheren kulturkritischen Schriften wie etwa Totem und Tabu neue Perspektive impliziert für Allen zudem eine fundamental unversöhnliche Perspektive gegenüber jeglicher Idee von historischem Fortschritt. Seine Theorie sei nun weder mit der These vereinbar, dass noch nicht hinreichend entwickelte Gesellschaften notwendigerweise eine Entwicklung wie diejenige von Subjekten rekapitulieren müssen, noch könne Freud in der neuen Perspektive an der Unterscheidung von Gesellschaften auf Grund ihrer ‚Reife‘ festhalten (S. 110 f.). Bei Klein macht Allen eine vielversprechende Radikalisierung dieser Kritik des Freud’schen Entwicklungsmodells aus: ihr Verständnis eines Wechselspiels zwischen der depressiven und der paranoid-schizoiden Position impliziere einen vollends nicht-linearen Begriff psychischer Entwicklung (S. 112).

In Abgrenzung von Kleins Vorstellung eines unabschließbaren Prozesses betont Allen jedoch die Möglichkeit, die depressive Position tatsächlich zu überwinden (S. 115 f.). Damit ist allerdings keine Verabschiedung von ihr, sondern ein veränderter Umgang mit ihr gemeint. Das von Allen ausformulierte Entwicklungsziel ist nun nicht nur das glückende Erhalten des äußeren Objekts. Sie geht zudem davon aus, dass dieser Umgang eine von Schuldgefühlen und Reparationsphantasien gekennzeichnete Beziehung zu äußeren Objekten ermögliche. Diese Beziehung rufe vertiefte moralische Erwägungen und ein ambivalenzfreudiges Verhältnis zur Außenwelt hervor (S. 116).

Mittels eines moderaten Kulturrelativismus grenzt sich Allen also von eurozentrisch-rassistischen Vorstellungen psychischer Entwicklung ab, um sich im Anschluss dem Fortschrittsbegriff und der Kritischen Theorie zuzuwenden. Die psychoanalytische Praxis wiederum verfüge zwar über einen Fortschrittsbegriff, da sie zu wissen meine, was besser sei als das Gegenwärtige. Diese Grundannahme stehe jedoch im Konflikt mit dem psychoanalytischen Begriff des Todestriebs, dem eine fortschrittsskeptische Position eingeschrieben sei (S. 122 f.). Allen wendet an sich an dieser Stelle Herbert Marcuses These von der Entstehung des Todestriebs aus der Lebensnot zu.[11] Dessen Überlegungen zur Einrichtung einer Gesellschaft ohne Lebensnot überzeugen Allen jedoch nicht. Die Annahme, die sozialen Grundlagen des Todestriebs könnten überwunden und die Kräfte des Eros damit befreit werden, zielt in ihrem von Klein inspirierten Verständnis nicht auf die Herstellung einer gesellschaftlichen Situation, die ethisches Handeln ermögliche, sondern bedeute vielmehr die Verabschiedung der Triebkonstellation, die in ebenjenem ethischen Handeln ihren Ausdruck fände (S. 136). Anders als Marcuse geht Klein also davon aus, dass ein reifer Umgang mit der Welt durch die Akzeptanz der Unausweichlichkeit von Verlust und Zerstörung gekennzeichnet ist und nicht durch den Wunsch, den Todestrieb abzuschaffen. Mit dieser Einsicht, die der depressiven Position entstammt, gehe ein Reparationswille einher, der einerseits aus Angst- und Schuldgefühlen und andererseits aus einer Liebe zum Objekt resultiere. So bestimmt Allen den Todestrieb mit Klein als Ausgangspunkt statt als Bedrohung ethischen Verhaltens (S. 135). Fortschritt versteht sie dann als eine graduelle Anpassung an eine sich verändernde Realität: Es gibt keine finale Heilung, sehr wohl aber einen voranschreitenden Umgang mit einer sich im Wandel befindlichen Welt (S. 150).

Hier zeichnet sich ein grundlegendes Problem für Allens Intervention in die Kritische Theorie ab. Allen diskutiert Kleins Denken und ihr Modell psychischer Entwicklung – mit Ausnahme von Kleins kolonialistischen Ansichten (S. 117–120) – an keiner Stelle anhand von konkreten, historisch kontextualisierten gesellschaftlichen Verhältnissen. Dieser Verzicht auf eine Probe aufs Exempel führt allerdings unter Umständen zu einer Fehlbeurteilung politischen Protests. Denn möglicherweise braucht es gerade eine von gewissen Ambivalenzen befreite Haltung, um nachdrücklich einzufordern, was die Gesellschaft dem Subjekt verwehrt. Sieht man das als gesetzt, hätte Allens unkontextualisiertes Lob eines reifen Umgangs mit der depressiven Position durch eine Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse ersetzt werden können, für die auch weniger reife Begründungen von Kritik durchaus als progressiv gelten könnten.[12] Zwar vermögen Allens Problematisierung der kolonialen Implikationen und ihre nicht durch das Erbe kolonial-rassistischer Eurozentrismen geprägter Entwicklungsbegriff zu überzeugen, es bleibt jedoch fraglich, ob ihr Insistieren auf die Potenziale der depressiven Position nicht ihrerseits einen normativ aufgeladenen Begriff psychischer Reife impliziert. Dieser bleibt als Maßstab kritischen Handelns zumindest dann unreflektiert, wenn die gesellschaftstheoretische Durchdringung der problematisierten Herrschaftsverhältnisse ausbleibt.

Die Konsequenzen der Nichtbeachtung gesellschaftlicher Verhältnisse zeigen sich auch an einer anderen, für die Kritische Theorie ebenso zentralen Stelle: an Allens Begriff von Kritik beziehungsweise kritischer Praxis. Ihr Konzept einer von der psychoanalytischen Praxis inspirierten Kritik zielt auf eine Einebnung der epistemischen Hierarchien zwischen Kritiker*innen und sozialen Akteur*innen (siehe hierzu auch Abschnitt 3). Dabei zeigt sich, dass Allen ihren eigenen Ansatz nicht immer sorgfältig mit ihren Quellen kontrastiert. Ihre auf die praktischen Aspekte von Kritik zielenden Erwägungen laufen auf die Feststellung hinaus, dass kritische Theoretiker*innen als solidarisch Beteiligte sozialer Bewegungen keinen externen Beobachter*innenstandpunkt haben, von dem aus sie die Kritisierten erfolgversprechend mit objektivem Wissen konfrontieren können. Vielmehr seien sie in der Lage, ihre eigene Erfahrung der Transformation ihrer Objektbeziehungen einzubringen und so zu zeigen, dass die Welt auch anders gestaltet sein könnte (S. 175). Wie der Buchtitel bereits andeutet, besteht ein Ziel von Allens Bemühungen also darin, die psychoanalytische Einsicht in die Grenzen subjektiver Vernunft zur Aufklärung der Kritiker*innen selbst heranzuziehen.

Damit stellt Allen sich jedoch gegen die von ihr selber rezipierten Überlegungen Horkheimers zum Begriff der Kritik (S. 182 f.): Gerade aus der Möglichkeit, dass Theoretiker*innen sich im Konflikt mit der Weltsicht unterdrückter sozialer Gruppen befinden ergibt sich für die Kritische Theorie nach Horkheimer der Bedarf nach Theorie und Ideologiekritik.[13] Allen übernimmt von Horkheimer, dass eine Kritische Theorie keinen überhistorischen Wahrheitsanspruch geltend machen kann. Sie unterschlägt aber fälschlicherweise die Schlussfolgerungen, die er aus dieser Einsicht zieht. Dadurch gerät ihr Entwurf gesellschaftstheoretisch zu wenig ausgearbeitet und ihre Subjekttheorie bleibt unhistorisiert.[14]

Es ist diskutabel, ob Allen mit ihrem an der Analyse von sozialen Strukturen und Produktionsverhältnissen eher desinteressierten Ansatz nicht noch einen weiteren locus classicus der Psychoanalyserezeption der frühen Kritischen Theorie verfehlt: In ihrem Buch entfällt die kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus gänzlich, er findet nur ein einziges Mal Erwähnung (S. 65). Allen diskutiert an keiner Stelle systematisch, welche Implikationen ihre Überlegungen für die Kritik des antisemitischen Ressentiments hat. Damit lässt sie den wohl vielversprechendsten Ansatzpunkt, über die Potenziale und Grenzen ihres Kritikbegriffs zu reflektieren, ungenutzt. Sie übergeht die für das kritisch-theoretische Interesse am Antisemitismus zentrale Feststellung, dass es sich dabei um ein Weltbild handelt, dessen Unwahrheit sich auch aus gesellschafstheoretischen Einsichten und nicht allein aus einem solidarisch-kritischen Gespräch ergibt.[15] Allen stutzt den Kritikbegriff damit an einer Stelle zurecht, die für die frühe Kritische Theorie entscheidend war.

2

Eine der Stärken von Allens Buch besteht darin, inhaltlich-systematische Überlegungen mit einer methodischen Reflektion über die Gemeinsamkeiten philosophischer und psychoanalytischer Perspektiven zu verbinden. Auf diese Weise skizziert sie in den auf die Auseinandersetzung mit Entwicklungs- und Fortschrittsverständnissen folgenden Kapiteln einen Schritt von der Theorie hin zur Praxis, der bei einem empathischen Nachvollzug der Erfahrungsmuster sozialer Akteur*innen ansetzt. So untersucht Allen unter anderem, inwieweit die Kritische Theorie dazu tendiert, die psychoanalytische Praxis zu rationalisieren. Es ließe sich allerdings zurückfragen, inwieweit Allen dort selbst einer solche Rationalisierung anheimfällt, wo sie die Grenzen ihrer Analogisierung von Psychoanalyse und Kritischer Theorie nicht reflektiert.

Konkret diskutiert Allen die psychoanalytische Praxis anhand der Übertragungsbeziehung, die häufig als Kommunikation missverstanden wird, die auf epistemische Einsicht zielt. Nicht das einzige, aber ein prominentes Beispiel dafür findet sich in Erkenntnis und Interesse. Allen wirft Habermas vor, die psychoanalytische Methode darauf zu reduzieren, unbewusste Gehalte in diskursfähige Äußerungen zu transformieren (S. 154). Ihr zufolge liegt diesem Modell, ebenso wie Honneths Denken (S. 157 ff.), eine rationalistische Verzerrung des Selbstverständnisses psychoanalytischer Praxis zugrunde: Sowohl der Fokus auf rationale Einsicht wie auch der Versuch, soziale Pathologien zu reparieren, könnten sogar als Rationalisierungen dienen und so dazu beitragen, die psychische Abwehr zu stärken und damit Transformation zu erschweren (S. 176).

Eine angemessene Charakterisierung der Übertragung müsse dagegen einen Weg finden, das Oszillieren zwischen Einsicht und affektiver Wiederaneignung zu erfassen: „The key to overcoming resistance is thus not more or better analytic insight but rather allowing ‚the patient time to become more conversant with this resistance with which he has now become acquainted, to work through it, to overcome it, by continuing, in defiance of it, the analytic work.‘“ (S. 163, mit Zitat von Freud). Allen zieht daraus den Schluss, in ihrem eigenen Ansatz das Erleben der Übertragung in den Mittelpunkt zu stellen (S. 165). Eine Referenz ist dabei der Ansatz von Jonathan Lear. Dieser begreift das Unbewusste als mentale Aktivität, die einer Logik der Verdichtung und Verschiebung, der Zeitlosigkeit und der Widersprüchlichkeit folgt. So erscheint die Psyche als ein Prozess, in dem sich das Unbewusste fragmentarisch entfaltet. In der Übertragung wird dieser Prozess zum Gegenstand der Bearbeitung. Die Analytiker*in eröffnet einen Spielraum, indem sie ein gutes Objekt bereitstellt, mit dem die Analysand*in nacherleben kann, wie sie bestimmte Erfahrungsmuster entwickeln konnte. Das asymmetrische Verhältnis ermöglicht der Analysand*in eine Stärkung ihres Ichs sowie Ansatzpunkte zur Selbsttransformation. Dabei gibt es auch ein tragisches Moment, das in der Unerfüllbarkeit liegt: Die Übertragungsbeziehung muss ein Ende haben und auch die Selbsttransparenz hat Grenzen.

Diese Charakterisierung ermöglicht es Allen zufolge, die Übertragungspraxis in einen weiteren Kontext zu übersetzen: Sie lässt sich als Weise fassen, die Welt der Objektbeziehungen – und damit die interpersonale Welt – in einem gemeinsamen Verstehensprozess zu betrachten und die Erfahrung zu machen, dass sie transformierbar ist.

Allens Verarbeitung des Übertragungsphänomens ist in sich schlüssig, ihr Anspruch auf eine nicht-rationalisierende Zusammenführung von Kritischer Theorie und Psychoanalyse geht jedoch wesentlich weiter. Es geht ihr nicht nur darum, einen sozialphilosophischen Zugang zur Kritischen Theorie und die Psychoanalyse miteinander zu vergleichen. Allen beansprucht, sie in ein Gespräch zu bringen. Ihrem Buch fehlt allerdings der Raum, die Regeln dieses Gesprächs zu explizieren. Ein wichtiges Schlagwort für eine solche Regelbestimmung wäre das der Interdisziplinarität. Dieser für ihr Anliegen zentrale Begriff taucht im Buch jedoch nicht auf. Daraus ergeben sich mindestens drei Probleme bei der Klärung des Verhältnisses von Psychoanalyse und Kritischer Theorie.

Das erste Problem wird bereits deutlich, wenn Allen im zweiten Kapitel Adornos Psychoanalyse-Rezeption diskutiert. Das geschieht im Kontext von Allens Exploration der Frage, wie mit Hilfe von psychoanalytischen Modellen der Ich-Integration ein realistisches Bild von Person- und Subjektsein entwickelt werden kann. Sie stellt fest, dass Adornos Verständnis der Ich-Konstitution paradoxal ist: Einerseits sei ein starkes Ich notwendig, um Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen üben zu können. Andererseits wohne dem Ich jedoch ein Kontrollimpuls inne, der gewaltvoll über die innere Natur herrsche (S. 61). Dieses Paradox nimmt nach Allen zwei unterschiedliche Formen an: Während das „paradox of self-defeat“ (S. 62) darauf verweist, dass das Ich gar nicht mehr ohne Pathologie und Verformung gedacht werden kann, steht das „paradox of authoritarianism“ (S. 65) dafür, dass Autorität im Rahmen der Initiierung in die jeweilige Gesellschaft erst internalisiert werden muss, um an ihren Realisierungsformen Kritik üben zu können. Allerdings, so Allen, nimmt Adorno die konstruktiven Kräfte von Ich und Subjektivität im Prozess der Ich-Konstitution nicht genügend in den Blick. Im Gegensatz dazu verspreche Kleins intersubjektiver Ansatz eine Neubetrachtung des Ich und seiner integrativen Potenziale (S. 60), mithin eine Neuperspektivierung der klassischen Position Freuds, die Adorno nicht in den Blick genommen hat.

Anknüpfend daran bestimmt Allen Ich-Integration als Ziel der psychoanalytischen Behandlung, die verstanden wird als als ein Prozess „where integrating and strengthening the ego means augmenting or enriching the personality in a way that doesn’t eliminate but rather embraces both ambivalence and difference.“ (S. 78) Psychoanalyse zielt damit auf ein fortlaufendes Erlangen der depressiven Position. Allen unterstellt Adorno allerdings, allein die Konstitution der paranoid-schizoiden Position als Bezugspunkt von Subjektivität einzusetzen (S. 81).

Kleins Überlegungen entsprechen denjenigen Adornos dagegen dort, wo Allen das psychoanalytische Setting mit ihr als einen Prozess erfasst, in dem die eigene Unverfügbarkeit als Objekt und damit Nichtidentisches erfahren werden kann. Sie spricht von einem „account of integration that focuses on preserving and gathering together in a nonviolent, nondominating, even loving way the nonidentity of identity and nonidentity – that is, of subject and objects (both internal and external)” (S. 85). Jedoch berücksichtigt Allen Adornos Kritik an der revisionistischen Strömung der Psychoanalyse nur teilweise (S. 70).[16] Zwar geht sie darauf ein, dass diese Kritik sich gegen die harmonistische Vereinigung von Psyche und Gesellschaft richtet und erwähnt auch, dass Adorno gegenüber dem revisionistischen Impuls, Psychoanalyse und Soziologie ungebrochen zusammenzuführen skeptisch bleibt und die Unterschiede zwischen den Disziplinen selbst auch als Ausdruck sozialer Entzweiung begreift.[17] Sie stellt jedoch keine Überlegungen dahingehend an, inwieweit diese Skepsis auch im Hinblick auf ihre eigene Verbindung von Kritischer Theorie und Psychoanalyse angebracht sein könnte.

Das zweite Problem, das aus der nicht explizierten interdisziplinären Anlage des Buches folgt, betrifft ebenfalls die Grenzen der disziplinären Vergleichbarkeit und die Relevanz der Unterschiede und Eigenheiten der diskutierten Disziplinen, zielt jedoch auf die Empirie. Allen übergeht, dass die Psychoanalyse zuallererst eine angewandte Disziplin mit einem klinischen Heilungsauftrag ist. Sie übernimmt Kleins fortschrittliche Metapsychologie, während sie ihre klinische Arbeit und die damit einhergehende, an Freud anknüpfende Modellierung der menschlichen Psyche problematisiert: „It is to say that one can accept her metapsychology without also being committed to those models and thus without becoming entangled in complex and thorny debates about the normalizing conceptions of gender and sexuality that such models may imply.” (S. 16) Die dem zugrunde liegende Annahme ist, man könnte bei einer psychoanalytischen Position die Metapsychologie gleichsam ‚abtrennen‘, um sie mit einer Gesellschaftstheorie zusammenzuführen und die historisch situierte klinische Arbeit sowie konkrete Fälle als empirisches Beiwerk außen vor lassen. Dies verfehlt die gerade für die psychoanalytische Erkenntnis zentrale wechselseitige Erhellung von Metapsychologie und Fallmaterial.

Das dritte Problem, das an Allens Diskussion des Verhältnisses von Kritischer Theorie und Psychoanalyse deutlich wird, besteht in der fehlenden Anerkennung der disziplinären Eigenständigkeit der Psychoanalyse. Allens philosophisierende Aneignung der Psychoanalyse als abstrakte Metapsychologie entspricht keiner Öffnung der beteiligten Disziplinen für die methodischen Eigenheiten der jeweils anderen.[18] Dabei führt etwa der Philosoph und Psychoanalytiker Lear an anderer Stelle vor, wie sich lebendiges Philosophieren aus einer dialogischen Haltung heraus und psychoanalytische Fallgeschichten verbinden lassen.[19] Auf diese Weise öffnet sich ein nicht nur narrativer Raum, in dem auch nicht-sprachliche und körperlich-affektive Elemente der Übertragungsbeziehung vermittelt werden können. Leider kommen diese Aspekte bei Allen zu kurz, da sie sich in ihrer Auseinandersetzung mit Lear vor allem auf dessen Freud-Lektüre konzentriert.

Alle drei Probleme zeigen, dass Allen der disziplinären Grenze zwischen Psychoanalyse und Kritischer Theorie zu wenig Bedeutung beimisst. Das wird besonders dort offensichtlich, wo es um die Eigenheiten der psychoanalytischen Praxis geht. Diese bestehen einerseits im Wechselspiel der konkreten körperlichen wie psychischen Reaktionen der Analysand*in und der Analytiker*in in der Behandlungssituation und andererseits in ihrer Weiterverarbeitung in Falldarstellungen, die der Diskussion mit anderen Psychoanalytiker*innen und Forscher*innen dienen. Unter anderem mit ihrer Parallelisierung philosophischer Interpretation und psychoanalytischer Deutung rationalisiert Allen allerdings die psychoanalytische Praxis: Diese ist nicht nur sprachliche Kommunikation, sondern ebenso ein Beziehungsgeschehen, das nicht im Propositionalen aufgeht. Allen betont dagegen, dass deutende Philosophie auf die Form der Sprache zurückgeworfen ist (S. 181, vgl. Abschnitt 3). Sie übergeht damit genau diejenige Unterscheidung von Wort- und Dingvorstellungen, an der sich ihre eigene Kritik an Habermas‘ Analogie von Psychoanalyse und Kritik orientiert (S. 14).[20]

3

Ein zentraler Bezugspunkt für Allens überzogene Parallelisierung des sozialphilosophischen Zugangs zur Kritischen Theorie und der von Klein her erschlossenen Psychoanalyse liegt darin, dass sie die psychoanalytische Gesprächs- und Beziehungssituation als Vorlage für die Beziehung zwischen kritischen Theoretiker*innen und sozialen Akteur*innen begreift. In ihrer Lesart teilen beide ein transformatives Potenzial (S. 82): Sie zielen auf die konkrete Erfahrung mit einem Gegenstand beziehungsweise mit einem Gegenüber, welche die Beziehung zu diesem tatsächlich verändert. Als Scharnier von Kritischer Theorie und Psychoanalyse dient dabei die schon erwähnte Übertragungsbeziehung. Deren Modell überträgt Allen auf die kritische Theoretiker*in, der damit eine Stellung ähnlich der Analytiker*in zukommt: Sie deckt in Auseinandersetzung mit sozialen Akteur*innen deren Weltzugang auf, was transformative Kräfte freizusetzen vermag (S. 171).

Dabei gehe es nicht allein darum, abstrakte Einsichten zu gewinnen, sondern eine falsch verstandene Distanz zu überwinden. Diesen Punkt untermauert Allen durch den Hinweis auf Adornos Verständnis von Philosophie als Interpretation. Dieses trage dem fragmentarischen Charakter des menschlichen Daseins Rechnung und sehe das Allgemeine im Besonderen, Zerstreuten und Randständigen aufscheinen. Erst wenn Kritische Theorie Haltung und Interpretationspraxis verbinde, könne sie „the social-theoretical analogue of what Jonathan Lear calls ‘the illusion of reflective distance’” (S. 176) entgehen.

Für den zwischenmenschlichen Transformationsprozess, den Allen anstrebt, stellt sich allerdings die Frage, wie die nicht-sprachlichen Aktualisierungen psychodynamischer Prozesse mit Interpretationen verknüpft werden sollen. Im psychoanalytischen Setting wird nach Klein dem Störpotenzial der Triebe ein Raum zugestanden, der nicht harmonistisch überbrückt werden kann. Die Analytiker*in bietet der Analysand*in nicht „affirmation, consolation, or warmth but rather interpretations” (S. 73) an. Das bedeutet auch: Es manifestiert sich eben keine gleichberechtigte zwischenmenschliche Beziehung, sondern ein Verhältnis, das nur innerhalb strenger Regeln Bestand hat und in dem die Analytiker*in als reale Person immer auf Abstand bleibt. Auch von dieser Seite zeigt sich daher ein klarer und von Allen erneut nicht beachteter Unterschied, der die Parallelisierungsmöglichkeiten des analytischen und des kritisch-praktischen Gesprächs begrenzt.

Allen wird nicht konkret, wie genau Interpretationen die Transformation sozialer Akteur*innen ermöglichen sollen, weshalb folgende wichtige Fragen offenbleiben: Wie genau können sich Deutungen und Interpretationen in Präsenz und anhand von Reaktionen eines konkreten Gegenübers entwickeln? Gibt es ein philosophisches Äquivalent dazu, Deutungen mittels Fallgeschichten nicht nur zu vermitteln, sondern auch immer wieder zur Disposition zu stellen?[21] Inwieweit unterscheidet sich die Verantwortung gegenüber den Adressat*innen der Deutungen im Kontext von Psychoanalyse, Philosophie und Kritischer Theorie? Und garantiert die Thematisierung der psychoanalytischen Topoi von Trieben und begrenzter Rationalität schon den Realitätsbezug, der für eine gesellschaftstheoretische Theoriebildung notwendig ist? Für die Beantwortung dieser Fragen wäre eine Gegenüberstellung von konkreten Beispielen philosophischer beziehungsweise praktisch-kritischer und psychoanalytischer Deutungen dienlich. Erst auf deren Grundlage ließe sich auch die von Allen geforderte Praktikabilität beziehungsweise Anwendbarkeit ihres Ansatzes bewerten.

4

Allens Intervention in die Kritische Theorie krankt nicht an einer unterkomplexen Auseinandersetzung mit den Problemen, derer sie sich annimmt. Als kritikwürdig erscheint uns vielmehr ihre in Teilen zu sehr auf die subjektphilosophischen Zugänge fokussierte Perspektive, die die sozialwissenschaftlichen sowie empirisch gelagerten Zugänge zur Kritischen Theorie ausblendet. Dieses Vorgehen vermag nicht einzuholen, was Allen aus der Frühphase der Kritischen Theorie für ihr Projekt retten möchte. Zugleich ist es die im Vorgehen kaum explizierte, in der Sache aber die Parallelen überstrapazierende Gleichsetzung einzelner Aspekte von kritischer und psychoanalytischer Praxis, die Anlass zu kritischen Rückfragen an Allens Position geben.

Trotz dieser Spannungen zwischen Anspruch und Umsetzung findet sich zum Abschluss des Buches ein erster Ansatz für eine Konfrontation von Allens Theorieangebot mit einer soziopolitischen Konstellation. Im Fazit bezieht Allen ihre Überlegungen auf die Präsidentschaft Donald Trumps und den Diskurs über den Umgang mit seinen Wähler*innen (S. 191). Aus Kleins Überlegungen zum Verhältnis von Moral und Aggression (S. 109 f.) sowie Allens Betonung der Möglichkeit eines ethischen und politischen Umgangs mit dem Todestrieb (S. 136) entwickelt letztere ein Plädoyer für einen ambivalenten Begriff von Moralität. Sie stellt sich damit gegen eine Politik der Feindschaft im Modus des Populismus und bietet zugleich eine Kritik an einigen Spielarten der Populismuskritik an, die sich vor allem durch Moralisierung auszeichnen.[22] In der Betrachtung beider Modi der Politik sind Kleins Überlegungen zur paranoid-schizoiden und zur depressiven Position eine zentrale Referenz für Allen. Etwas zu leise zeigt sie damit indirekt die Potenziale ihrer Arbeit vor allem für die Analyse politischer Kontexte auf: Um auf die gesellschaftliche Konfliktlage reagieren zu können, die für die USA der letzten Jahre charakteristisch ist, gilt es, sich an den Ressourcen der Debatte über das Verhältnis von Kritischer Theorie und Psychoanalyse zu orientieren. Auch wenn es wünschenswert wäre, hier eher auf das gesellschaftstheoretische Verstehen von Widersprüchen als auf das Aushalten von Ambivalenzen abzuzielen, gibt Allens Buch einer Beforschung dieser Dynamiken vielversprechende und gerade durch die Erschließung Kleins für die Kritische Theorie auch neue Impulse. Die Baustellen, die in der Gesellschaftsanalyse, der Begriffsarbeit und der Einbeziehung empirischen Wissens zweifellos noch vorhanden sind, würden davon profitieren, weitere Überlegungen nicht von vornherein auf die Form einer Literaturstudie zu beschränken.

  1. Neben dem hier diskutierten Band zählt dazu Allens Auseinandersetzung mit dem Fortschrittsbegriff der Kritischen Theorie, siehe Amy Allen, The End of Progress, New York 2016. Siehe hierzu auch Tobias Albrecht, Die Dekolonialisierung der Kritischen Theorie. Amy Allen versucht, das Begründungsproblem neu aufzurollen, in: Soziopolis, www.soziopolis.de/die-dekolonialisierung-der-kritischen-theorie.html (13.12.2021).
  2. Hier soll auf eine begriffliche Vagheit in Allens Ausführungen hingewiesen werden: Sie spricht in ihrem Buch davon, mithilfe der Psychoanalyse ein realistischeres Bild sowohl der Person als auch von Subjektivität zu entwickeln. Dabei verwendet sie die beiden Begriffe oft synonym und geht nicht auf ihre Unterschiede ein (siehe S. 3 sowie S. 28). Dieses Vorgehen lässt sich gerade vor dem Hintergrund einer disziplinenübergreifenden Betrachtung problematisieren (vgl. Fn. 9): Bereits aus philosophischer Perspektive wird deutlich, dass die Begriffe nicht deckungsgleich sind. Exemplarisch lässt sich anführen, dass Subjektbegriffe häufig im Spannungsverhältnis von epistemisch oder teleologisch erschlossenen Subjekt-Objekt-Relationen lokalisiert werden. Der Term ‚Person‘ wird dagegen eher im Kontext von theoretisch philosophischen Fragen der Individualität oder von ethischen Betrachtungen des Personenstatus verwendet. Die Perspektive der Psychoanalyse fügt weitere Bedeutungsfacetten gerade auch mit Blick etwa auf die Objektbeziehungstheorie, auf deren Gebiet sich Allen mit Klein bewegt (vlg. Fn. 6), hinzu: Hier wird der Status beziehungsweise die Perspektive der sich entwickelnden Psyche als Subjekt bezeichnet. Als Personen treten dagegen diejenigen auf, die als Objekte beziehungsweise Objektbeziehungen in diese Entwicklung eingehen. Generell weist der Personenbegriff in der Psychoanalyse eher eine soziale, nach außen auf die Welt gerichtete Konnotation auf, während das Subjekt vor allem als Rahmenbegriff für innerpsychische Zusammenhänge dient. Im Unterschied der Bezeichnungen ‚Subjekt‘ und ‚Person‘ sind somit Feinheiten der von Allen verhandelten Themen aufbewahrt. Um dem Rechnung zu tragen, werden in diesem Literaturessay beide Begriffe genannt, ohne sie ineinander aufzulösen. Vgl. auch: Wolfgang Tress / Claudia Sies (Hg.), Subjektivität in der Psychoanalyse, Göttingen 1995; Werner Bohleber (Hg.), Vom Werden des Subjekts, Herbsttagung der DPV, Wiesbaden 1998.
  3. Unter dem Terms Metapsychologie fassen psychoanalytische Theoretiker*innen wie Freud und Klein, Modelle der Entstehungs- und Funktionsweisen des gesamten psychischen Apparats.
  4. Diese Anpassungsleistung charakterisiert Freud auch mit der Ablösung des sogenannten Lustprinzips durch das Realitätsprinzip. Siehe Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips, in: Anna Freud (Hg.), Sigmund Freud. Gesammelte Werke, Bd. 13, Frankfurt a.M.: Fischer 1999, S. 1-69.
  5. Aus diesem Grund wird Kleins Position als wesentliche Grundbedingung für die Entwicklung der sogenannten Objektbeziehungstheorie in der Psychoanalyse bestimmt, auch wenn sie nicht mit dieser gleichzusetzen ist, da Klein einen deutlichen Fokus auch auf angeborene Dispositionen legt. Vgl. das Kapitel zu Objektbeziehung und Objektbeziehungstheorie in Mertens, Wolfgang/Waldvogel, Bruno (Hg.), Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe, Stuttgart: Kohlhammer 2008, S. 502–508 sowie Michael Ermann, Der Andere in der Psychoanalyse. Die intersubjektive Wende, Stuttgart: Kohlhammer 2014, hier vor allem S. 25 f.
  6. Der Todestrieb ist einer der umstritteneren Begriffe der Psychoanalyse. Kurz gefasst steht dieser für das nach Freud allen Lebewesen eigene Streben einer Aufhebung von Spannung und damit für die Zurückführung des Lebens in einen anorganischen Zustand. Primär nach innen gerichtet, kann der Todestrieb sich sekundär nach außen richten und sich dann durch Aggressionen äußern (vgl. Jean Laplanche / Jean-Bertrand Pontalis, Art. „Todestrieb“ in: Jean Laplanche / Jean-Bertrand Pontalis, Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt am Main 1973, S. 494–503, hier S. 494 f.).
  7. An die Stelle von Affirmation und Harmonie treten vermittelt durch Klein Aggression und Trauer, die Allen wiederum als wesentliche Elemente eines realistischen Bildes von Subjekt- und Personsein bestimmt. Vgl. Allen, Critique as Melancholy Science, in: M. del Rosario Acosta López/J.C. McQuillan (Hg.), Critique in German Philosophy. From Kant to Critical Theory, Albany (NY): Suny Press, S. 410-435.
  8. Dieser Kritikpunkt verweist auf eine begriffliche Differenzierung, die von Anfang in die Argumentation dieses Essays eingepflegt werden muss: Allens Vorhaben der Verknüpfung von Kritischer Theorie und Psychoanalyse rekurriert auf die Herangehensweise, erstere als grundsätzlich disziplinenübergreifendes Vorhaben der Beforschung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse zu fassen. Diese methodologische Bestimmung Kritischer Theorie wird von ihr allerdings in Critique on the Couch nicht explizit reflektiert. Gleichzeitig argumentiert Allen in diesem Kontext eindeutig aus philosophischer Perspektive: Sie beruft sich primär auf philosophische Autor*innen und nimmt gegenüber der Psychoanalyse vor allem eine begriffsanalytische Perspektive ein. Vor diesem Hintergrund lässt sich Allens Ansatz eher als Verknüpfung eines sozialphilosophischen Zugangs zur Kritischen Theorie auf der einen und Psychoanalyse auf der anderen Seite bestimmen. Diese Formulierung wird von uns für den weiteren Verlauf dieses Essays übernommen. Der darin angesprochene Kritikpunkt, dass Allen mit ihrem Ansatz auf eine interdisziplinäre Offenheit Kritischer Theorie vertraut, diese dann jedoch nicht selbst konsequent aktualisiert, wird wie angekündigt im zweiten Abschnitt des Essays ausführlich behandelt.
  9. Vgl. hierzu beispielsweise Theodor W. Adorno, Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, in: ders., Soziologische Schriften I (3. Aufl.), Frankfurt am Main 2015, S. 42–85, Helmut Dahmer, Libido und Gesellschaft. Studien über Freud und die Freudsche Linke (3. erw. Aufl.), Münster 2013 oder Ulrich Sonnemann, Negative Anthropologie. Vorstudien zur Sabotage des Schicksals, in: ders: Schriften 3. Negative Anthropologie. Spontaneität und Verfügung, Sabotage des Schicksals, Springe 2011, S. 19–359.
  10. Dieser Aspekt korrespondiert mit dem ersten Bestandteil von Allens größer angelegter Neuperspektivierung der frühen Kritischen Theorie, siehe Fn. 1.
  11. Die Lebensnot bezeichnet bei Freud das, „was als Statthalter der Natur in die Subjektkonstitution eingreift.“ (Christine Kirchhoff, Neues vom Felsen. Psychoanalytische Sozialpsychologie mit Rücksicht auf die Subjekttheorie, in: Freie Assoziation. Zeitschrift für das Unbewusste in Organisation und Kultur 15 (2012), 3–4, S. 79–89, hier S. 82) Auf diesem Wege erlangt in der Subjektkonstitution nicht nur die eigene, phantasmatische Realität des Subjekts Geltung, sondern auch eine äußere Realität. Freud bestimmt dieses Naturmoment jedoch nicht positiv und vermeidet so eine inhaltliche Bestimmung der Lebensnot (ebd., vgl. hierzu die Ausführungen zu offizieller und inoffizieller Position Freuds weiter oben). Marcuse setzt dieser Rekonstruktion einer Subjektgenese durch verwehrte Lustbefriedigung entgegen, es handele sich bei dieser These um „the most effective rationalization for repression“ (Herbert Marcuse, Eros and Civilization. A Philosophical Inquiry into Freud, Boston 1974, S. 17). Er weist den Mangel, der zur Lebensnot führt, als sozial bedingt und in diesem Sinne behebbar aus (ebd., S. 36 f., 151).
  12. Es macht allein schon hinsichtlich des Interesses, Herrschaftsverhältnisse zu transformieren, einen großen Unterschied, welchen Platz in einer sozialen Struktur einem diese zuweisen. So dürften sich die Verstrickungen der depotenzierten Subjekte des Kolonialismus in koloniale Herrschaftsformen grundlegend von denjenigen der Bürger*innen der USA unterscheiden, deren Umgang mit den Trumpismus Allen am Abschluss ihres Buches diskutiert (siehe hierzu das Fazit dieses Texts). Daher ist auch zu erwarten, dass die berechtigten Ansprüche der antikolonialen Kämpfe, auf deren Einsichten auch Allens kritische Perspektivierung der Fortschritts- und Entwicklungsbegriffe der Kritischen Theorie zurückgeht, anders vorgebracht werden, als eine mehr oder weniger differenzierte Populismuskritik in den Vereinigten Staaten der 2010er und 20er Jahre. Die Kriterien für eine Unterscheidung beider Fälle arbeitet Allen nicht aus.
  13. Max Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie, Ditzingen 2021, S. 40, 42, 49 f.
  14. Eine stärker gesellschaftstheoretische Ausrichtung hätte Allen zudem vor der unglücklichen Parallelisierung gegenwärtiger politischer Verhältnisse mit denjenigen soziopolitischen Umständen bewahrt, unter denen die frühe Kritische Theorie ihr Interesse an der Psychoanalyse entwickelte (S. 198). So ist die derzeit zu beobachtende Konjunktur der Auseinandersetzung mit dem Begriff des autoritären Charakters (vgl. z.B. Andreas Stahl u. a. (Hg.), Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters. Berlin 2020) mit einer transformierten Gesellschaftsstruktur konfrontiert: Es ist plausibel, im Vergleich zum Entstehungskontext der Studien in den 1940er Jahren zum autoritären Charakter von einer zugleich durch zunehmende Vergesellschaftung wie soziale Differenzierung gekennzeichneten Gesellschaft zu sprechen (Maurits Heumann / Oliver Nachtwey, Autoritarismus und Zivilgesellschaft. Eine empirische Studie zum neuen Autoritarismus, in: IfS Working Papers 16 (2021), www.ifs.uni-frankfurt.de/wp-content/uploads/Heumann-Nachtwey_final.pdf (13.12.2021), S. 66). Dies impliziert zumindest die Notwendigkeit, die Begriffe an einer aktualisierten theoretischen Durchdringung gesellschaftlicher Verhältnisse zu prüfen und erlaubt Zweifel an der wohlwollenden, aber verkürzten Parallelisierung der 20er Jahre des 20. und des 21. Jahrhunderts.
  15. Dass Allens für die Kontinuitäten kolonialer Denkmuster sensibler Ansatz hier tatsächlich an eine Begriffsarbeit erfordernde, möglicherweise sogar systematische Grenze stoßen könnte, erhellt sich aus der idealtypischen Kontrastierung von Rassismus (als sozialem Macht- und Dominanzverhältnis) und Antisemitismus (als projektiver Deutung der Welt) wie sie u. a. ausgearbeitet ist in Floris Biskamp, Ich sehe was, was Du nicht siehst. Antisemitismuskritik und Rassismuskritik im Streit um Israel (Zur Diskussion), in: PERIPHERIE 40 (2020), 3–4, S. 426–440.
  16. Beim psychoanalytischen Revisionismus handelt es sich um eine US-amerikanische Strömung, die sich schon ab den 1930er-Jahren in deutlicher Abgrenzung von einer orthodoxen Orientierung an Freud und vor allem seinen triebtheoretischen Überlegungen entwickelt hat. Siehe dazu auch Theodor W. Adorno, Die revidierte Psychoanalyse, in: ders./Max Horkheimer, Sociologica II. Reden und Vorträge, Frankfurt am Main 1962, S. 119-138.
  17. Siehe hierzu Adorno, Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie.
  18. Eine solche Vorgehensweise findet sich auch in philosophischen Konzeptionen von Irrationalität, die sich bei der Psychoanalyse bedienen, etwa in den Ansätzen von Donald Davidson und Sebastian Gardner. Siehe Donald Davidson, How is Weakness of the Will possible? In: ders., Essays on Actions and Events, Oxford/New York 2001, S. 21-42; ders., Paradoxes of Irrationality, in: ders., Problems of Rationality, Oxford/New York 2004, S. 169-188; Sebastian Gardner, Irrationality and the Philosophy of Psychoanalysis, Cambridge/New York 1993. Interdisziplinäres Denken basiert hingegen auf einer gegenseitigen Öffnung der Disziplinen füreinander (vgl. zu diesem Verständnis von Interdisziplinarität Sebastian Lerch, Interdisziplinäre Kompetenzen. Eine Einführung, Stuttgart/Münster/New York 2017).
  19. Jonathan Lear, A Case for Irony. Cambridge, MA 2011, siehe auch Fn. 21.
  20. Diese Unterscheidung werden beispielsweise bei Alfred Lorenzer und in an ihn anknüpfenden Überlegungen zu einer materialistischen Sozialisationstheorie und einer tiefenhermeneutischen Kulturanalyse betont, siehe Hans-Dieter König u. a., Alfred Lorenzer zur Einführung, Opladen / Toronto 2020, S. 30. Die an Lorenzer anknüpfende und vertiefte Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Kritischer Theorie und Psychoanalyse in der psychoanalytischen Sozialpsychologie rezipiert Allen bedauerlicherweise nicht.
  21. Eine Möglichkeit für die Verknüpfung von Philosophie und Psychoanalyse unter diesen Vorzeichen findet sich wiederum bei Lear, der psychoanalytische Fallgeschichten und philosophische Narrative wie sie sich z.B. in Platons Dialogen finden lassen, in ähnlicher Weise behandelt sowie in seinen philosophischen Überlegungen miteinander verbindet (vgl. Lear: A Case for Irony sowie Judith-Frederike Popp: Irrationalität als Wagnis, Weilerswist 2019, hier Kapitel IV). Auch wenn Lear hierbei selbst keine dezidiert ästhetische Theorie entwickelt, weist er den ästhetischen Qualitäten dieser Erzählungen doch eine relevante und vor allem analoge Funktion zu: Konkrete Beispiele aus Fallgeschichten und philosophischen Erzählungen teilen das Potenzial, mit phänomenalen Qualitäten wie Anschaulichkeit, Intensität oder Uneindeutigkeit theoretische Selbstverständlichkeiten in einem offenen und dialogischen Verstehensprozess zur Disposition zu stellen. Die Reichhaltigkeit konkreter Beispielnarrative dient in diesem Kontext als Korrektiv für einseitige, da in sich geschlossene, und allzu abstrakte Theoriemodelle. Während Lear nicht zur Kritischen Theorie gerechnet wird, lässt sich eine solche Berücksichtigung ästhetischer Dimensionen als Teil philosophischer Theoriepraxis auch bei Adorno finden (vgl. Antje Giffhorn, In der Zwischenzone. Theodor W. Adornos Schreibweise in der „Ästhetischen Theorie“, Würzburg 1999 sowie zu den Möglichkeiten, diese methodische Ausrichtung wiederum mit der Psychoanalyse zusammen zu bringen: Judith-Frederike Popp, Theory and Practice of Self-Reflection. Adorno’s Aesthetic Theory and Psychoanalytical Thought, in: S. Gandesha/J. Hartle/S. Marino, The „Aging“ of Adorno’s Aesthetic Theory, Milan 2021, S. 191–215).
  22. Siehe für eine in der Problematisierung von Moralisierung ähnlich gelagerte, im Theorieangebot aber divergierende Rekonstruktion dieser Dynamiken in Deutschland Dirk Jörke / Veith Selk, Der hilflose Antipopulismus, in: Leviathan 43 (2015), 4, S. 484–500.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Gesellschaftstheorie Kritische Theorie Philosophie Psychologie / Psychoanalyse

Tobias Heinze

Tobias Heinze promoviert am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main mit einer sozialphilosophischen Arbeit zu Schelling, der Kritischen Theorie und der ökologischen Krise. Er studierte Politische Theorie und Soziologie in Frankfurt, Darmstadt, Münster und New York. Zuletzt erschien: „Denn das Wahre ist das Ganze nicht…“ Beiträge zur Negativen Anthropologie Ulrich Sonnemanns (Neofelis Verlag 2021, herausgegeben gemeinsam mit Martin Mettin).

Alle Artikel

Judith-Frederike Popp

Judith-Frederike Popp ist promovierte Philosophin und wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post-Doc) für Ästhetik und Designphilosophie an der Fakultät Gestaltung der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. In ihrem aktuellen Forschungsprojekt arbeitet sie an einer produktionsästhetischen Konzeption von Subjektsein mit einem Fokus auf aktuelle Spannungsfelder zwischen Kunst und Design. Zuletzt erschienen sind: Theory and Practice of Self-reflection, Adorno’s Aesthetic Theory and Psychoanalytical Thought, in: S. Gandesha/J. Hartle/S. Marino (eds.) (2021): The „Aging“ of Adorno’s Aesthetic Theory: Fifty Years Later, Mimesis International, S. 191-215 sowie Aufklärung durch Gestaltung in digitalen Umwelten (Springer 2021, hrsg. Mit Gerhard Schweppenhäuser und Christian Bauer).

Alle Artikel

Empfehlungen

Bastian Ronge

Geburtstagsgeschenk mit Ausblick

Rezension zu „Debating Critical Theory. Engagements With Axel Honneth“ von Julia Christ, Kristina Lepold, Daniel Loick und Titus Stahl (Hg.)

Artikel lesen

Iris Dankemeyer

Dialektik des Ohrs

Rezension zu „Kritische Theorie des Hörens. Untersuchungen zur Philosophie Ulrich Sonnemanns“ von Martin Mettin

Artikel lesen

Gunzelin Schmid Noerr

Nach Halle kam Hanau

Rezension zu „Antisemitismus, Xenophobie und pathisches Vergessen. Warum nach Halle vor Halle ist“ von Helmut Dahmer

Artikel lesen