Axel Honneth | Literaturessay |

Arbeit unter genealogischer Perspektive

Literaturessay zu „Über die Arbeit“ von Raymond Geuss

Raymond Geuss:
Über die Arbeit. Ein Essay
aus dem Englischen übersetzt von Martin Bauer
Deutschland
Hamburg 2023: Hamburger Edition
200 S., 15 EUR
ISBN 978-3-86854-372-8

Es wird häufig gesagt, Argumente verlören durch die Beimischung von persönlichen Erfahrungen an Stichhaltigkeit und Überzeugungskraft; und als Daumenregel genommen wird die Behauptung, dass ein Gedanke umso größere Nachvollziehbarkeit und damit Objektivität besitzt, je weniger er von biografischen Reminiszenzen zehrt, wohl ihre Richtigkeit haben. Doch gehen in die Dutzende auch die Ausnahmen von dieser Regel; man denke nur an Montaigne, Nietzsche oder Adorno, um sich vor Augen zu führen, dass gelegentlich die Stringenz eines philosophischen Arguments mit seinem Ausweis an persönlichen Erlebnissen eher anwächst, statt abnimmt. Allerdings war der philosophischen Strömung, die sich selbst gerne als „analytisch“ bezeichnet, eine solche autobiografisch eingefärbte Redeweise schon immer ein Dorn im Auge; stolz auf das gemeinsame Erbe begrifflicher Genauigkeit und logischer Beweisbarkeit, gilt es in der analytischen Tradition bis heute eher als Frevel, ein Argument dadurch belegen zu wollen, dass es mit Erfahrungen aus der eigenen Lebensgeschichte unterfüttert wird. Zu den wenigen Repräsentanten dieser Schule, die das Tabu autobiografischen Sprechens zu durchbrechen versuchen, gehört an vorderster Stelle gegenwärtig der Philosoph Raymond Geuss. In seinen Büchern aus den letzten Jahren legt er all die analytischen Tugenden einer möglichst klaren Begrifflichkeit, zielführender Unterscheidungen und durchsichtiger Argumente an den Tag und entwickelt sein philosophisches Thema doch jedes Mal in Form einer Auslegung lebensgeschichtlicher Erfahrungen.

Wie schwierig dieses Genre ist, weiß man von den vielen missglückten Versuchen autobiografischen Philosophierens; bestenfalls kommt dabei gewöhnlich Erbauungsliteratur heraus, schlimmstenfalls bieten sie populäre Handreichungen zur Bewältigung von Lebenskrisen. Das Gegenteil von all dem stellen die jüngeren Bücher von Raymond Geuss dar; in ihnen bilden persönliche Erinnerungen nicht den Anlass für existenzialistischen Tiefsinn, werden nicht für Ratschläge an sinnsuchende Zeitgenossen missbraucht, sondern sollen den Weg bahnen zu einem besseren Verständnis der Argumente, mit denen der Autor ein Thema der praktischen Philosophie einzukreisen versucht. Wäre der Titel nicht für so manch andere, eher fragwürdige Publikation aus populärphilosophischen Zirkeln bereits vergeben, so ließen sich diese Bücher von Geuss im besten Sinn als „philosophische Romane“ bezeichnen; sie sind fesselnd zu lesen und sprudeln nur so voller origineller Einfälle, ohne dafür auch nur ein Gramm an gedanklicher Schärfe, Differenziertheit und Überzeugungskraft einzubüßen.

Eine Variante des Produktivismus

Von derselben bewunderungswürdigen Machart ist auch das Buch, das Raymond Geuss vor zwei Jahren zum Stellenwert der Arbeit in unseren Gesellschaften vorgelegt hat und das nun dankenswerterweise bei der Hamburger Edition auf Deutsch erschienen ist. Mit Recht betont der Autor gleich zu Beginn, dass dieses Thema im letzten halben Jahrhundert von der Philosophie sträflich vernachlässigt worden ist; nur ganz sporadisch, wenn überhaupt, wurde die Sphäre der gesellschaftlichen Arbeit von Autoren wie Habermas, Foucault oder Rawls mal gestreift, für deren systematische Anliegen in der politischen Philosophie spielte die Welt der Arbeit jedoch keine nennenswerte Rolle. Das möchte Geuss mit seinem neuen Buch ändern, indem er relativ freihändig und wieder zunächst am Leitfaden persönlicher Erfahrungen über die Bedeutung der Arbeit für unser gesellschaftliches Leben in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachdenkt. Den Einstieg in diese komplexe Thematik bietet die Frage nach der Bedeutung von „Arbeit“ überhaupt, die in einem ersten Anlauf wie in den jüngsten Büchern von Geuss auch durch eine Erinnerung an die eigene Lebensgeschichte beantwortet wird (Kap. 1).

Freilich zahlt Geuss für seine Strategie, philosophische Begriffe zunächst anhand von persönlichen Erfahrungen zu erläutern, einen – wie sich gleich zeigen wird – nicht geringen Preis: Sein Vater war in den 1950er- und 1960er-Jahren Mechaniker in der Stahlindustrie im östlichen Pennsylvania, sein Onkel übte neben landwirtschaftlichen Verrichtungen auf dem Hof seiner Frau nebenberuflich die Tätigkeit eines Industriereinigers aus, seine Mutter war als „Schreibkraft, Buchhalterin, Stenotypistin und Sekretärin“ (S. 16) für unterschiedliche industrienahe Firmen tätig, er selbst schließlich nahm als Heranwachsender während der Ferien gelegentlich Jobs in einem Stahlwerk der örtlichen Umgebung wahr – ausnahmslos also berufliche Tätigkeiten, die mehr oder weniger direkt mit der Erzeugung und Vermittlung industrieller Güter zu tun hatten. Tatsächlich ist die Industriearbeit jedoch nur über einen kurzen Zeitraum hinweg der dominante Beschäftigungssektor im westlichen Kapitalismus gewesen, während im langen 19. Jahrhundert die Landwirtschaft und das Dienstgewerbe diesen Platz einnahmen und heute die Dienstleistungstätigkeiten alle anderen beruflichen Verrichtungen umfangsmäßig in den Schatten stellen – gleichwohl formt Geuss seinen Begriff der Arbeit nahezu ausschließlich am Erfahrungsvorbild industrieller Tätigkeiten.

Die wesentlichen Bestandteile, mit deren Hilfe wir im Alltag seiner Auffassung nach die Arbeit im allgemeinen bestimmen und von anderen, etwa bloß privaten Tätigkeiten abgrenzen, sind die des Einsatzes von kräftezehrender Energie, der sozialen „Notwendigkeit“ ihrer Ausübung und der Erzeugung eines objektiv wahrnehmbaren Produkts (S. 19); weniger wichtige, aber ebenfalls offenbar bedeutende Komponenten sind für Geuss darüber hinaus, dass Arbeit an einem separaten Ort ausgeübt, als Gegenteil von Spaß oder Vergnügen erfahren und schließlich gegen Lohnzahlung verrichtet wird (S. 21/22). Problematisch an dieser anfänglichen Begriffsbestimmung, die im Laufe weiterer Erläuterungen allerdings noch ein wenig aufgelockert wird, sind natürlich die Bindung der Arbeit an ein „äußerliches“ Produkt einerseits und ihre Reduzierung auf die Lohnarbeit andererseits. Zwar bemüht sich Geuss, die Mündung aller Arbeit in ein Produkt so weit wie nur eben möglich zu verstehen, so dass am Ende selbst die Verrichtungen der Psychotherapeutin oder des Lehrers dazugehören sollen, weil sie entweder der psychischen Wiederherstellung oder der Erziehung des produzierenden „Werktätigen“ dienen (S. 46/47); doch wird damit nur der Eindruck unterstützt, alle begrifflichen Elemente gesellschaftlich notwendiger Arbeit seien hier vom Zentrum der industriellen Fertigung her konstruiert, weshalb viele andere arbeitenden Tätigkeiten wie das Dienen, Sorgen und Erziehen nur als darauf bezogene Hilfeleistungen begriffen und nicht in ihrer eigenen Logik entfaltet werden können.

Bei Geuss scheint aufgrund des Ausgangs von seinen eigenen Erfahrungen eine Variante jenes marxistischen Produktivismus vorzuherrschen, der sich schwer damit tut, den Eigensinn und sozialen Wert von Verrichtungen anzuerkennen, die nicht direkt oder indirekt mit der Fabrikation von physischen Gütern befasst sind; sowohl das Aufziehen kleiner Kinder als auch das Umsorgen pflegebedürftiger Menschen sind zwar sozial erforderliche Tätigkeiten, die überdies Mühe und Anstrengung kosten, haben aber nicht im Entferntesten etwas mit der Produktion und Zirkulation von Gütern zu tun, weil sie keine instrumentelle, sondern eine kommunikative Struktur besitzen.[1]

Zu dieser Konzentration auf die Industriearbeit passt auch, dass Geuss alles Arbeiten begrifflich an die Erwartung eines Gegenlohns geknüpft wissen möchte. Das gilt nämlich nicht, wie er selber einräumt, für die unentgeltliche Tätigkeit im Haushalt, die weiterhin vor allem von Frauen ausgeübt wird und einen beträchtlichen Anteil an den sozial erforderlichen Verrichtungen in den heutigen Gesellschaften ausmacht – bei Jürgen Osterhammel heißt es sogar, dass das „Kochen die am weitesten verbreitete und insgesamt zeitaufwendigste Verausgabung von Arbeitskraft in der gesamten Geschichte gewesen sein dürfte“.[2] Aber Geuss zieht daraus nicht die Konsequenz, die Bindung der Arbeit an die finanzielle Vergütung einfach fallenzulassen, um auf diese Weise auch die nicht-bezahlten Tätigkeiten in seinen Begriff einbeziehen zu können; stattdessen lautet seine Auskunft lapidar, bei Anwendung der Kriterien der Entlohnung und räumlichen Separierung müsse die „Hausarbeit“ „für ein randständiges Phänomen der Arbeitswelt“ gehalten werden (S. 22).

Eine nachträgliche Rechtfertigung dafür, warum er in seinem ersten Kapitel derart nachlässig mit den nicht-bezahlten, dennoch sozial erforderlichen Tätigkeiten etwa der Hausfrau umgesprungen war, scheint Geuss in dem anschließenden Kapitel liefern zu wollen, das sich mit den gegenwärtigen und alternativen Organisationsformen der gesellschaftlichen Arbeit beschäftigt; die Begründung, die er dort für seine stiefmütterliche Behandlung unbezahlter Tätigkeiten liefert, mag zwar plausibel klingen, nur erklärt sie weiterhin nicht die mangelnde Beschäftigung mit Tätigkeitsweisen, die statt instrumentell mit Materialien umzugehen auf die kommunikative Umsorgung, Pflege und Erziehung anderer Menschen gerichtet sind. In diesem zweiten Kapitel soll geklärt werden, wie die sozial notwendigen Arbeiten heute in den westlichen Gesellschaften gewöhnlich organisiert werden und welche Alternativen es dazu in anderen Kulturen gegeben hat; wieder beeindruckt die Fähigkeit des Autors, seine Ausführungen stets an Beispielen aus seiner eigenen Lebensgeschichte zu erhellen und ihnen dadurch größtmögliche Anschaulichkeit zu geben.

Nach Geuss ist die Weise, in der die gesellschaftliche Arbeit typischerweise organisiert wird, die des Berufs; damit sind „sozial konstruierte“ Bündel von dauerhaft und regelmäßig ausgeübten Tätigkeiten gemeint, die je nach Qualifikationsstufe mit unterschiedlichen Autoritätsbefugnissen und Karrieremöglichkeiten ausgestattet sind: Besitzt man einen „Job“, so bezieht man lediglich einen Lohn, nimmt man einen höherqualifizierte Beruf wahr, so erhält man ein Gehalt und garantierte Aufstiegsmöglichkeiten, ist man schließlich in einer „Profession“ wie der Medizin, des Rechts oder des Ingenieurswesens beschäftigt, so verfügt man über Anweisungsrechte und über eine soziale Einbindung in eine Gruppe mit entsprechenden Verhaltenscodizes (S. 54–57). Aus dieser stark hierarchisch strukturierten Berufsorganisation, die rein artifiziellen, auf keinerlei funktionalen Zwängen beruhenden Charakters ist, fallen Geuss zufolge nicht nur alle nicht finanziell entlohnten Tätigkeiten heraus, sondern auch die weiterhin existierenden untypischen Beschäftigungsweisen der Sklaverei oder der Zwangsarbeit; sie zählen im gesellschaftlichen Bewusstsein nicht im eigentlichen Sinn als „Arbeiten“, weil sie nicht in Form einer beruflichen Tätigkeit organisiert sind – weswegen Geuss offensichtlich auch glaubte, sie im ersten Kapitel bei seiner sich an den Gemeinsinn anlehnenden Definition der „Arbeit“ ausschließen zu können. Hier beißt sich die Katze allerdings in den Schwanz, weil Geuss ja bei einer strengen Verfolgung seines eigenen Vorsatzes, sich nur an das gesellschaftliche, durch seine eigene Verwandtschaft repräsentierte Verständnis von „Arbeit“ halten zu wollen, gar nicht erwähnen dürfte, dass auch unter Zwang verrichtete oder nicht vergütetet Arbeiten gegenwärtig zu den sozial erforderlichen, unverzichtbaren Tätigkeiten gehören. Dass es sich so verhält, Zwang und Nichtbezahlung also durchaus zur heutigen Arbeitswelt dazugehören, kann er nur wissen, wenn und weil er sich über das gesellschaftliche Alltagswissen erhebt und dieses noch einmal kritisch hinterfragt.

Unerfreuliche Aufgaben erledigen

In dem restlichen Teil des zweiten Kapitels will Geuss uns mit einigen Tätigkeitsformen bekannt machen, die längst aus unserem Wahrnehmungsfeld verschwunden sind und doch weiterhin aus der Ferne einen gewissen Reiz auf uns auszuüben scheinen; ob wir jemals zu ihnen zurückkehren können, hängt nach seiner Überzeugung im Wesentlichen davon ab, zu welchen Einbußen an wirtschaftlichem Wohlstand wir zukünftig bereit wären, und gehört insofern für ihn zu den „eminent politischen Fragen“ (S. 72). Geuss präsentiert diese historischen Alternativen des Arbeitens notgedrungen hintereinander, obwohl er im Unterschied zur landläufigen, noch heute wissenschaftlich vertretenen Meinung der Überzeugung ist, sie hätten nebeneinander existiert und sich sogar häufig wechselseitig ergänzt: Das Jagen und Sammeln war eine hochgradig nachhaltige Form des Wirtschaftens, die in egalitärer Kooperation ausgeübt wurde, nur geringe Arbeitsteilung kannte und zudem weniger Zeit und Mühsal verlangte als die „industrielle“ Arbeit (!) der Gegenwart (S. 77–82); der „Pastoralismus“, ein Ausdruck, mit dem Geuss das Hüten und Pflegen von Nutztieren bezeichnet, diente ebenfalls wie das Jagen und Sammeln ausschließlich der Selbstversorgung eines Gemeinwesens, zeichnete sich durch einen sorglichen Umgang mit dem der Ernährung dienenden Vieh aus, war eine kraftraubende Tätigkeit und erlaubte erste, noch rudimentäre Formen der individuellen Vermögensbildung (S. 82–89); die landwirtschaftliche Tätigkeit , die hier behandelt wird, als sei sie bereits dem endgültigen Untergang geweiht, erfordert große körperliche Anstrengungen und ist stärker als andere Tätigkeiten den Jahreszeiten und dem Wetter ausgesetzt, so dass von alters her nach Möglichkeiten gesucht wurde, sie durch entweder zwangsrekrutierte oder geringst bezahlte Arbeitskräfte verrichten zu lassen (S. 89–93); dem Handwerk schließlich widmet Geuss nur wenige Zeilen, die mit einer gewissen Skepsis deutlich machen sollen, dass sich an dieser stark selbstkontrollierten, materialnahen und den eigenen Vorstellungen Raum gebenden Tätigkeit das Bild geformt hat, das noch heute vom „Stolz“ auf die Arbeit in unseren Gesellschaften zirkuliert (S. 93–95).

Hat man all diese anregenden, teilweise historisch weitausholenden Ausführungen mit Gewinn gelesen, so stellt sich trotzdem eine gewisse Ratlosigkeit ein; man weiß angesichts der starken Unterschiede zwischen den vier Fällen von Arbeitsorganisation nicht so recht, ob sie uns tatsächlich irgendwie zur Nachahmung bewegen oder doch eher mit Zuversicht in einen gewissen Fortschritt erfüllen sollen. Der Stellenwert dieser historischen Rückbetrachtungen hat sich mir daher nicht vollkommen erschlossen; sie schwanken zwischen nostalgischen Schilderungen einer untergangenen Gemeinwirtschaft und realistischen Beschreibungen der scheinbar unaufhaltsamen Zunahme körperlich oder mental anstrengendster Arbeit.

Diese letzte Beobachtung ist es, die Geuss als Sprungbrett für die Frage benutzt, die er in seinem nächsten Kapitel behandeln möchte. Angesichts des Umstands, dass wir heute unter dem Zwang zu leben scheinen, ständig „unerfreuliche Aufgaben“ mit großer Anstrengung erledigen zu müssen, uns also einer Arbeitsethik verpflichtet fühlen, will er untersuchen, welche Bedeutung der Arbeit in der menschlichen Lebensweise überhaupt zukommt (S. 97). Mit diesem Wechsel im Thema ändert sich aber auch die methodische Vorgehensweise des Autors; er argumentiert nicht mehr aus dem Verstehenshorizont seiner eigenen Lebenswelt heraus, zitiert nicht mehr die Sichtweisen des Vaters, der Mutter oder des Onkels, sondern blickt aus ziemlich großer Distanz auf das gesamte Möglichkeitsfeld der menschlichen Geschichte; und erst damit kommt vollständig zum Vorschein, dass Geuss in seiner Studie nicht nur als ein Hermeneutiker, sondern auch und viel mehr noch als ein Genealoge unserer sozialen Arbeitswelt operieren will; hatte er zuvor die gegenwärtige Arbeitsgesellschaft ausschließlich aus der Teilnehmerperspektive beschrieben, so schaltet er jetzt auf die Perspektive eines distanzierten Beobachters um, aus der heraus die vielen kontingenten Weichenstellungen sichtbar werden sollen, die diese Gesellschaft haben entstehen lassen.

Nach seiner Überzeugung gibt es drei Möglichkeiten, Menschen trotz des ihnen nachgesagten Hangs zur Faulheit (S. 97–99) dazu zu bewegen, harte und mühsame Arbeit tagtäglich auf sich zu nehmen: Es lässt sich direkter, physischer Zwang einsetzen, man kann Gründe mobilisieren oder schließlich Anreize schaffen, um jemanden dazu zu bringen, solche anstrengenden Tätigkeiten dauerhaft zu verrichten (S. 99). Unter diesen drei Alternativen ist nach Auskunft von Geuss die des direkten Zwangs dann die effektivste, wenn es ihr gelingt, sich „hinter der Fiktion zu verbergen“, es handle sich bei den Direktiven um „Tatsachen der Natur“; in derartigen Fällen werden die Betroffenen den auf sie ausgeübten Zwang nicht als Menschenwerk erleben, sondern als Nötigungen einer mit ihnen unbarmherzig umgehenden Natur begreifen. Allerdings stößt dieses Mittel unweigerlich auf Grenzen, weil es mit seiner Hilfe nicht gelingen kann, intrinsische Motive für die Arbeit freizusetzen, so dass ihr Ertrag immer eher gering bleiben wird.

Auf den ersten Blick scheint daher die Methode des „Begründens“ sinnvoller zu sein, weil sie an die Vernunft appelliert und damit motivierende Einsicht in die Notwendigkeit harter und mühsamer Arbeit wecken kann (S. 103–106). Freilich ist Geuss auch in Hinblick auf dieses Mittel skeptisch, da er einerseits glaubt, rationale Argumente könnten „tiefsitzende Impulse und Präferenzen“ nicht einfach ausstechen, andererseits annimmt, Appelle an die Vernunft seien nur dort glaubwürdig, wo auch die Gesellschaft im Ganzen vernünftig organsiert ist – was er für alle Gesellschaften der bisherigen Geschichte anzweifelt (S. 104). Es bleibt mithin nur das Mittel, bestimmte Anreize zu offerieren, um Menschen zur dauerhaften Übernahme anstrengender Arbeiten zu bewegen. Hier unterscheidet Geuss klug zwischen von außen kommenden Anreizen, die in durchmonetarisierten Gesellschaften wie den unseren vor allem im Angebot einer hohen Entlohnung oder von finanziellen Begünstigungen bestehen, und von Innen stammenden Anreizen, wie sie etwa aus der ethischen Überzeugung hervorgehen können, die Arbeit sei ein an sich erstrebenswertes Gut – wobei damit allerdings je nachdem, wie man solche ethischen Auffassungen begreift, die Grenzziehung zum Appell an die Vernunft brüchig wird (S. 106–109). Ein Unterkapitel widmet Geuss in diesem Zusammenhang dem Sonderfall der Solidarität, die ein äußerst zweischneidiges Mittel des Anreizes ist: Das Gefühl, aufgrund gemeinsam geteilter Erfahrungen füreinander einstehen und wechselseitig einen Beitrag zum Gelingen der Gruppenziele leisten zu müssen, kann nicht nur den Arbeitswillen der einzelnen Mitglieder schnell bekräftigen, mithin die kollektive Produktivität steigern, sondern leicht auf andere Bereiche als dem der geteilten Arbeitsstätte und der dort herrschenden Zielvorgaben übergreifen, mithin zu kaum mehr kalkulierbaren Konsequenzen führen.

Das Bedürfnis nach Selbstbetätigung

Wie mit dem Verweis auf den Genealogen in Geuss bereits angeklungen war, will er uns in diesem dritten Kapitel eigentlich keine Lösungen für die von ihm aufgeworfene Frage anbieten; stattdessen versucht er kraft der „positivistischen“ Geste eines die menschliche Geschichte überblickenden Anthropologen, die Konsequenzen und Implikationen vor Augen zu führen, die unterschiedliche Systeme der Rekrutierung von Arbeit jeweils mit sich bringen. Das ist gelegentlich enttäuschend, weil man doch gerne wüsste, wie es der Autor mit den jeweils vorgestellten Varianten von Arbeitsorganisation hielte; andererseits schärft diese neutrale, sich aller Urteile enthaltende Verfahrensweise unseren Sinn für die bemerkenswerte Variabilität sozialer Arbeitsregime und lässt uns dadurch erkennen, wie kontingent und veränderbar unsere eigenen Praktiken faktisch sind.

Ähnlich verfährt Geuss auch im Rest des Kapitels, in dem er im Gegenzug zu der bislang vorausgesetzten These eines menschlichen Hangs zum Müßiggang die Triebfedern zu erkunden versucht, die uns vielleicht doch intrinsisch zur Arbeit anhalten könnten; auch bei diesen Sondierungen bevorzugt der Genealoge wieder einen distanzierten Blick, soll doch aus der Ferne geprüft werden, was uns das geräumige Experimentierfeld der menschlichen Geschichte über die Antriebe lehrt, die den Menschen an die Arbeit binden und in früheren Zeiten gebunden haben.

Fündig wird er bereits bei dem von Hegel in seiner „Ästhetik“ erwähnten Knaben, der es nach Auffassung des Philosophen genießt, die durch seinen Steinwurf in einem Teich erzeugten Wellen zu beobachten, weil sich in ihnen seine eigene Wirkkraft in der physischen Welt spiegelt (S. 124/125). Von diesem Befund ist es nur ein kleiner Schritt zu der ebenfalls schon von Hegel vertretenen These, der Mensch habe generell ein vitales Bedürfnis, seine eigene Tätigkeit in einem Produkt verkörpert zu sehen, um sich darin seiner Fähigkeit zur Formung von Materie bewusst werden zu können (S. 125). Weitere Stichworte zur genealogisch gewonnenen Auflistung von inneren Antrieben, die den Menschen dazu motiviert haben könnten, sich bereitwillig der Mühe des Arbeitens hinzugeben, liefern Geuss schließlich die anthropologischen Erwägungen von John Dewey; der pragmatistische Hegelianer war der Überzeugung, der Mensch genieße es in seinem Alltag, sich nach erlebter Ruhe erneut der tätigen Überwindung von Hindernissen zuzuwenden, weshalb er den Zumutungen des Arbeitens als solchen gar nicht abgeneigt sei (S. 123/124). Wird mit Hegel oder Dewey Arbeit als Ausdruck eines menschlichen Tätigkeits- und Schaffensdrangs begriffen, dann – so räumt Geuss jetzt ein – müssen auch die zuvor behandelten Techniken zur Rekrutierung williger Arbeitskräfte in einem gänzlich anderen Licht betrachtet werden: Da es „zu einem normalen und gesunden menschlichen Leben“ zu gehören scheint, „kraftraubende Tätigkeiten“ gerne auf sich zu nehmen, weil sie Erfahrungen der Selbstwirksamkeit und Lebensrhythmik vermitteln, sind zusätzliche Mittel (Zwang, Gründe, Gratifikationen) zur Mobilisierung von Arbeitsbereitschaft überhaupt nur dort erforderlich, wo die Art der erwarteten Leistung als ungerecht, ausbeuterisch oder überfordernd empfunden wird (S. 126).

Diesen normativen Bezügen, die einen solchen Begriff von Arbeit informieren, geht Geuss im Folgenden weiter nach, wenn er sich fragt, welche Arten von Verrichtungen dem menschlichen Bedürfnis nach ausdruckshafter Selbstbetätigung stärker entgegenkommen und welche weniger. Die soziale Arbeitsteilung steht diesem Bedürfnis dann nicht entgegen, wenn sie eine Spezialisierung auf Tätigkeiten herbeiführt, die längere Phasen der Einübung erfordern, in sich abwechslungsreich und komplex sind (S. 127); anders stellt sich die Sachlage dar, verfolgt die Arbeitsteilung eine Richtung, die zunehmend repetitive und monotone Arbeiten mit sich bringt, weil diese Arbeitsweisen im Gegensatz zu „inkrementalen“ Tätigkeiten keine Perfektionierung erlauben, wie es die Befriedigung des menschlichen Strebens nach formender, die eigenen Fähigkeiten objektiv widerspiegelnde Betätigung verlangen würde (S. 128–131). Eine letzte Eigenart, durch die Geuss eine solche Form der arbeitenden Tätigkeit gekennzeichnet sieht, ist die, dass sie gewöhnlich aus einer Perspektive des „Wir“ und nicht des vereinzelten „Ichs“ verrichtet wird: Arbeiten wir in der Landwirtschaft oder in der „Industrieproduktion“, so tun wir das kooperativ mit anderen zusammen, weil wir ohne sie gar nicht in der Lage wären, die gesetzte Aufgabe zu bewältigen – was, wie Geuss mit Recht anmerkt, selbst für den ein Buch schreibenden Autor gilt, der seine Gedanken und Einfälle ja meist dem Gespräch mit Freunden und Kollegen verdankt (S. 152). Allerdings sieht er diese nahezu selbstverständliche Einstellung, dass wir gemeinhin als ein „Wir“ arbeitend tätig sind, in der modernen Arbeitsgesellschaft durch die von philosophischer Seite genährte Fiktion einer prinzipiellen Vorrangstellung des vereinzelten „Ichs“ bedroht. Weil wir durch unsere kulturelle Tradition gelernt hätten, uns je individuell als Urheber unserer Handlungen und Äußerungen zu begreifen, seien wir mit der Zeit dazu übergegangen, das Ergebnis der Kooperation vieler zusammenarbeitender Menschen derjenigen Person als ihr Privateigentum zuzurechnen, die dafür die Werkzeuge und den Lohn bereitstellt. Geuss‘ entsprechende Ausführungen fallen, so interessant und erhellend sie der Sache nach sein mögen, allerdings ein wenig knapp aus (S. 132–139) und lassen zudem bedauerlicherweise außer Acht, welch großen Anteil – weit über den Einfluss der Philosophie hinaus – das moderne Individualrecht sowie der kapitalistische Leistungsbegriff an dieser Privatisierung der Arbeit und ihres Ertrages hatten.

Quellen unseres Unbehagens

Wer die Studie von Geuss bis zu diesem Punkt mit großem Gewinn und wachsender Spannung gelesen hat, dürfte das abschließende Kapitel über das „Unbehagen“ an der modernen Arbeitswelt in der Erwartung aufschlagen, dass nun die zuvor entwickelten anthropologischen Einsichten in das menschliche Streben nach einem erfüllten, kooperativen und ausdrucksstarken Tätigsein kritisch zur Anwendung gebracht werden. Allerdings hieße das, die philosophische Subtilität eines Autors zu unterschätzen, der mit seinem historischen Sinn weit davon entfernt ist, etwas, was vermeintlich konstant zur menschlichen Natur gehört, so mir nichts dir nichts für eine Kritik an den herrschenden Arbeitsverhältnissen fruchtbar zu machen; es steckt viel zu viel Nietzsche und Foucault in Geuss, als dass er bereit sein könnte, die Gegenwart einfach an den Maßstäben einiger angeblich invarianter Bestrebungen des Menschen zu messen. Also sind es insbesondere drei Quellen eines Unbehagens an den gegenwärtigen Arbeitsverhältnissen, die Geuss zu Beginn dieses Kapitels näher in Augenschein nimmt, um sie jeweils auf ihre problematischen Prämissen hin zu durchmustern.

Schon alt ist der Traum, der Mensch werde zukünftig einmal die von ihm geschaffenen Maschinen derart perfektioniert haben, dass sie sämtliche bis dahin erforderlichen Arbeitstätigkeiten ihrerseits übernehmen und uns damit von allen mühevollen Anstrengungen befreien; gegen diese Utopie gibt Geuss zu bedenken, dass mit einer solchen Entlastung von aller Arbeit das menschliche Leben erstens schal und konturlos werden könnte, dass mit der enorm angestiegenen Komplexität dieser dann entstandenen Maschinerie zweitens das Problem ihrer wachsenden Unkontrollierbarkeit einhergehen könnte, dass drittens mit einer Verselbstständigung der Maschinerie gegenüber ihren Erfindern auch das Gegenteil einer Befreiung von der Herrschaft der Arbeit eintreten könnte, und dass sich viertens die von Diderot und Hegel bereits früh analysierte Gefahr einer aus passiver Trägheit resultierenden Genussunfähigkeit von Seiten der Konsumenten abzeichnen könnte – ein Abschnitt, der wunderbar dokumentiert, wie souverän dieser Autor die Kunst des hypothetischen Durchspielens von sozialen Implikationen nur imaginierter Lebenswelten beherrscht (S. 141–147). Ähnlich verfährt er mit dem auf Marx zurückgehenden Gedanken, die Arbeit sei deswegen in der kapitalistischen Gegenwart falsch organisiert, weil sie die Werktätigen ihre eigenen Produkte als etwas Fremdes erfahren lasse, jene also von ihrer fabrizierenden Tätigkeit „entfremde“.

Nüchtern fragt sich Geuss, wie eine Arbeitswelt eigentlich verfasst sein müsste, in der die Produzierenden die Erfahrung machen könnten, alles, was sie herstellen, wäre tatsachlich in einem mehr als nur subjektiv erlebten Sinn ihr Eigenes; die Antwort fällt äußerst skeptisch aus, weil eine faktische Überwindung von Entfremdung voraussetzen würde, dass überhaupt alle „Notwendigkeiten“ technologischer, organisatorischer und natürlicher Art bis zu dem Punkt entfallen, an dem die Werktätigen jedes ihrer Erzeugnisse ausschließlich als Ausfluss ihrer ureigenen kooperativ verzahnten Arbeit verstehen könnten (S. 147–155). Die größte Sympathie bringt Geuss noch der Idee entgegen, unsere Arbeitswelt leide generell an einer mangelnden „Sorge“ um den Erhalt der uns umgebenden Natur; diesen richtigen Einwand behandelt er in Form einer kritischen Auseinandersetzung mit den metaphysischen Spekulationen des späten Heidegger, die er in der Aufforderung gipfeln sieht, unsere gesamte instrumentelle Einstellung gegenüber der Welt preiszugeben und durch eine Denkweise poetischer „Gelassenheit“ zu ersetzen.

Wenig überraschend setzt Geuss solchen Rufen nach einem radikalen Wandel unseres Weltbildes die These entgegen, es sei weitaus praktikabler und überdies politisch leichter umsetzbar, würden wir Menschen unsere eigenen Interessen aus einer längerfristigen Perspektive heraus betrachten und also in Sorge um unsere eigene Zukunft schonender mit der Natur umgehen (S. 155–161). Doch so lehrreich, überzeugend und treffsicher all diese skeptischen Bedenken auch sind, sie leiden gleichwohl an einer zu starken Philosophielastigkeit, einer zu großen Distanz zur alltäglichen Artikulation von Unbehagen und Kritik; so, als wolle er eigens unterstreichen, inzwischen die Teilnehmerperspektive gänzlich verabschiedet zu haben, lässt Geuss hier nur die großen Denker, nirgends aber diejenigen zu Worte kommen, die aus eigener Erfahrung heraus die kapitalistischen Arbeitsverhältnisse angeprangert haben; daher spielen in diesem Zusammenhang Worte wie Plackerei, Ausbeutung, fehlende Mitbestimmung, Monotonie oder Unterbezahlung gar keine Rolle, sie liegen weit unterhalb der Flughöhe, von der aus Geuss auf die umkämpfte Landschaft unserer Arbeitswelt hinabschaut.

Methodologisch wäre ihm daraus der Vorwurf zu machen, dass er sich zu wenig um eine nötige Verzahnung von Teilnehmer- und Beobachterperspektive bemüht: Entweder folgt er, wie im ersten Kapitel, ausschließlich der Sichtweise der Betroffenen oder er nimmt, wie in den restlichen Kapiteln, allein den Blickpunkt des distanzierten Beobachters ein, nirgends hingegen erfährt die Leserin, wie die beiden Perspektiven miteinander zu verbinden wären und wie sie sich zueinander verhalten sollen.

Verkehrung des Leistungsgedankens

Geuss beschließt dieses vierte und letzte Kapitel seiner Studie mit einigen Vermutungen zu etwaigen Entwicklungen, die die Arbeit in der Zukunft nehmen könnte. Bevor er einen solchen Ausblick nach vorne wagt, hält er für die vorangegangene Epoche zunächst jedoch fest, sie habe mit dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates große Entlastungen für die Beschäftigten herbeigeführt: Im Unterschied zum Beginn des kapitalistischen Zeitalters droht den Arbeitenden zumindest in den westlichen Ländern heute nicht sofort „der Hungertod“, falls sie arbeitsunfähig, gebrechlich oder arbeitslos werden, weil für alle diese Fälle sozialstaatliche Aushilfen bereitstehen. Für einen kurzen Augenblick wird Geuss noch einmal zum Hermeneutiker unserer Arbeitswelt, wenn er konstatiert, dass „die Mehrheit der Menschen“ diese Entwicklungen mit Recht „als ein Zeichen sozialen Fortschritts“ wahrnähmen (S. 162).

Allerdings sieht er zwei Prozesse heraufziehen, die diesen sozialstaatlichen Verbesserungen mehr oder weniger direkt zuwiderlaufen: Aufgrund der elektronisch beschleunigten Automatisierung wird es erstens nicht nur zu einer massiven Entwertung oder Beseitigung vieler bislang unverzichtbarer Arbeitstätigkeiten kommen, sondern auch zu einer intensivierten Überwachung und Leistungssteigerung der noch verbliebenen Arbeit, die vor allem im Bereich der Prozesssteuerung oder in den Restsektoren unverzichtbarer körperlicher Verrichtungen angesiedelt sein dürfte (S. 162–167); und zweitens hat nach seiner Überzeugung die „Prekarisierung“ der Arbeit bis hinein in die Mittelschichten während der zurückliegenden Jahrzehnte wieder zugenommen, wofür Geuss hier jedoch leider keine weiteren Erklärungen anbietet (S. 167–168). In dieselbe Rubrik gegenläufiger Tendenzen fallen auch die Prozesse der „Delokalisierung“ von Produktion, Handel und Verkauf, die eine starke Umschichtung im internationalen Beschäftigungssystem bewirkt haben und die auf die Absicht kapitalistischer Unternehmen zurückgeführt werden, die zu erwirtschaftenden Renditen durch eine Externalisierung der Kosten weiter zu steigern (S. 169–171). All diese Beobachtungen sind wahrlich nicht neu, werden auch nur kursorisch abgehandelt, ohne einen Seitenblick auf die breite empirische Forschung zu diesem Themenkomplex zu werfen.

Die Stärke von Geuss ist nicht unbedingt die soziologische oder ökonomische Analyse, sondern, wie wir gesehen haben, eine genealogische Diagnostik aus großer Distanz, die an unseren Praktiken Züge und Eigentümlichkeiten offenlegt, die wir zuvor nicht wahrgenommen hatten. Das zeigt sich ein letztes Mal auf den abschließenden Seiten des Buches, in denen der Autor zu seinem eigentlichen Metier zurückkehrt und mit dem verfremdenden Blick des distanzierten Beobachters die Fassade des kapitalistischen Leistungsgedankens einreißt. Dieser ist nach seiner Überzeugung im Laufe der letzten Jahrzehnte in sein Gegenteil verkehrt worden, weil sich mit der Idee des „Verdienstes“ inzwischen die Vorstellung durchgesetzt hat, eine Arbeitstätigkeit sei sozial umso erforderlicher und wertvoller, je mehr an Einkommen für sie entrichtet wird. Im Lichte einer derartigen Auffassung wird es unmöglich, die Erforderlichkeit einer arbeitenden Verrichtung unabhängig von der auf sie entfallenden Entlohnung zu beurteilen, weil zwischen beiden Größen ja ein ideologisch unverbrüchliches Band gestiftet wurde. Löst man dieses Band wieder auf, stellt sich unweigerlich die Frage, welche Kriterien uns überhaupt zur Verfügung stehen, um die soziale Zweckmäßigkeit einer Arbeit zu bestimmen oder zu bewerten.

Einer Antwort darauf nähert sich Geuss in einem kurzen Exkurs zu David Graebers einflussreichem Buch über die sogenannten „Bullshit Jobs“, der äußerst lesenswert und hilfreich ist. Im Unterschied zu Graeber glaubt er einerseits nicht, dass man sich bei dieser Frage einfach mit der Selbstauskunft der Betroffenen bescheiden dürfe, denn sie könnten sich aus naheliegenden Gründen gründlich über das soziale Erfordernis des eigenen Berufs täuschen. Andererseits sieht Geuss es als nahezu unmöglich an, zu objektiv gerechtfertigten Urteilen über die soziale Nützlichkeit gewisser Berufstätigkeiten zu gelangen, da solche Urteile unweigerlich von interessegeleiteten Perspektiven eingefärbt sein könnten. Beide Bewertungsoptionen werden durch anschauliche Beispiele widerlegt, die sehr schön verdeutlichen, wie trügerisch die Selbsteinschätzung und wie parteilich die mutmaßlich objektive Beurteilung ausfallen können (S. 177–188). Einen Ausweg aus diesem Dilemma erblickt Geuss am Ende nur in einer entschiedenen Politisierung der Frage, die darin bestehen würde, es öffentlichen Diskussionen zu überlassen, welche der vielen Arbeiten in unseren Gesellschaften tatsächlich einen sinnvollen Zweck erfüllen und welche von ihnen aufgrund ihres allgemein für überflüssig gehaltenen Zwecks über kurz oder lang abgeschafft gehören – ein erstaunliches Schlusswort für einen Philosophen, der ansonsten dafür bekannt ist, dem öffentlichen Austausch von Argumenten kein allzu großes Vertrauen entgegenzubringen.

Ich möchte mit einem Wort in eigener Sache enden. Ebenso wie die Studie von Raymond Geuss will auch mein gerade erschienenes Buch über den „arbeitenden Souverän“ eine Lanze dafür brechen, der gesellschaftlichen Arbeit wieder größere Aufmerksamkeit in der politisch-philosophischen Debatte zu schenken; und ebenso wie Geuss liegt auch mir insbesondere daran, dass der Stellenwert der Arbeit für das Wohl und Gedeihen unserer Gesellschaften angemessen in den Blick gerückt wird. Im Unterschied zu Geuss, der sich seiner gestellten Aufgabe im Wechsel von Teilnehmer- und Beobachterperspektive zu entledigen sucht, verfahre ich hingegen in Form einer immanenten Kritik: Meinen Ausgangspunkt bildet die These, demokratische Staaten würden ihrem Anspruch auf Einbeziehung aller Staatsbürgerinnen und -bürger in die politische Willensbildung nur in dem Maße gerecht, in dem sie für Arbeitsverhältnisse sorgen, die eine solche Partizipation überhaupt erst gestatten. Beide Verfahrensweisen besitzen wahrscheinlich ihre jeweils eigenen Meriten, die erste lässt uns erahnen, dass auch vieles an unseren Arbeitsverhältnissen ganz anders sein könnte, die zweite gibt uns zu erkennen, an welcher normativen Richtschnur wir uns heute orientieren könnten, um die Situation der Beschäftigten über kurz oder lang zu verbessern – nicht ausgeschlossen ist es, dass uns erst eine Kombination beider methodischen Verfahren einen angemessenen Blick auf unsere gegenwärtige Arbeitswelt gewährt.

  1. Axel Honneth, Der arbeitende Souverän. Eine normative Theorie der Arbeit, Berlin 2023, Exkurs I, S. 111–148.
  2. Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 958.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky, Stephanie Kappacher.

Kategorien: Anthropologie / Ethnologie Arbeit / Industrie Bildung / Erziehung Care Kapitalismus / Postkapitalismus Philosophie Wirtschaft

Axel Honneth

Professor Dr. Axel Honneth, Philosoph, ist Jack C. Weinstein Professor of the Humanities an der Columbia University in New York. Von 2001 bis 2018 war er Direktor des Instituts für Sozialforschung an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Zuletzt erschien sein Buch „Der arbeitende Souverän. Eine normative Theorie der Arbeit“.

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Feminismus meets Elternschaft

Rezension zu „Feministische Perspektiven auf Elternschaft“ von Lisa Yashodhara Haller und Alicia Schlender (Hg.)

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