Digitalisierung, Geschlecht und Intersektionalität

Call for Papers für die Ausgabe 27/2021 der Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien. Deadline: 31. März 2020

Kaum ein Begriff verfügt aktuell über eine derartige Verbreitung und diskursive Offenheit wie die Digitalisierung. Unter diesem in seiner Bedeutung nicht ganz abschließend geklärten Dachbegriff vereinen sich zahlreiche technologische, politische, soziale, ökonomische, rechtliche und praktische Fragen und Szenarien, die oftmals nahtlos in Dystopien bzw. Utopien aufgehen. So dient die Digitalisierung etwa als buzzword der Infrastrukturpolitik, wenn etwa die Bundesregierung Deutschland den flächendeckenden Ausbau von Breitbandinternetverbindungen fördert. Weitere Diskurse spielen auf technologische Innovationen an, die etwa eine optimierte Vernetzung, Geschwindigkeit und Autonomie im Datenfluss sowie der Speicherung, Verbreitung, Sicherheit und Zugangsmöglichkeiten zu digitalen Daten versprechen. Angefangen bei Kommunikationstechnologien und individueller Mobilität (,selbstfahrende Autos‘) über Produktionsstätten der Fabrik 4.0 und Logistik hin zu den Arten und Weisen der Datenverarbeitung selbst: machine learning, deep learning und künstliche Intelligenz sowie die Algorithmen auf denen sie basieren, haben ein völlig neues Paradigma geschaffen.

Die Digitalisierung als eine Ausbreitung des Digitalen auf Kosten des Materiellen bzw. des Analogen durchdringt bereits etliche alltägliche Lebensbereiche. Dies schlägt sich z.B. in der Omnipräsenz mobiler Endgeräte, sozialer Medien, Währungen, Fotografie, Kunst und Musik, Arzneistoffentwicklung, Rechtswesen, Groß- wie Einzelhandel oder im Finanzwesen nieder. Überall dort zeigen sich vier Folge-Effekte der Digitalisierung: Globalisierung, Beschleunigung, Technisierung und Rationalisierung. Die technologische Entwicklung folgt der Logik des neoliberalen Kapitalismus: Die Tech-Branche verspricht schier unbegrenztes Wirtschaftswachstum, Rationalisierung der Produktionsweise (v.a. durch Einsparung von Arbeitskräften und Ressourcen) und ein erhebliches Maß an Flexibilität und Vernetzung. Digitalisierung ist keinesfalls ein neutraler technischer Selbstläufer, sondern vor allem ein gesellschaftlicher Prozess, dessen Akteur*innen ihn in verschiedene Richtungen vorantreiben, steuern, kontrollieren, diskutieren und verhandeln. Im Zuge der Digitalisierung entstehen völlig neue und noch wenig analytisch aufgearbeitete soziale Räume. So wie Algorithmen entsprechend der Annahmen eines naiven Positivismus als unbestechlich-neutrale und rationale Gebilde gelten, spiegeln sie zugleich den sozialen Kontext ihrer Entstehung: Nicht nur die Zusammensetzung (unbewusst) ausgewählter Datensätze, auf denen sie beruhen, sondern auch ihrer Gestalter*innen spielen dabei eine Rolle. So lässt sich zeigen, dass seit der Entwicklung des Farbfilms bis zur heutigen digitalen Bilderkennung Abbildungen von People of Color gegenüber Menschen mit weißer Hautfarbe diskriminiert werden. Auch zahlreiche Ebenen von Vergeschlechtlichung lassen an diesen Schnittstelle von Technologien und der (Re-)Produktion soziale Ungleichheit erkennen: Die geringe Repräsentation von Frauen*, LGBTI sowie ethnischen oder religiösen Minderheiten hat u.a. deren Unsichtbarkeit in diesen Technologien ebenso zur Folge wie eine Verstärkung sozioökonomischer Benachteiligungen. Vertreter*innen des Technofeminismus haben bereits in den 1980er Jahren auf die emanzipativen Potentiale von Technozukünften hingewiesen – und es ist an der Zeit diese Fragen vor dem Hintergrund aktueller Digitalisierungsdynamiken erneut zu stellen.

Die Herausgeber*innenschaft der Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien freut sich über Manuskripte, die sich insbesondere folgenden Fragen und Problembereichen widmen, jeweils mit einem deutlichen Fokus auf die involvierten Prozesse der Vergeschlechtlichung:

  • Wie lassen sich Digitalisierungsprozesse systematisch gender- und queertheoretisch, bzw. intersektional fassen?
  • Welche Diskurse zeigen sich zur Digitalisierung in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten? Wie lassen sich diese analysieren und worin zeigt sich ihre Vergeschlechtlichung?
  • Welche Parallelwelten haben sich durch die Digitalisierung ergeben? Und wie sind neue technosozialen Realitäten wie etwa das Darknet strukturell mit Gender-Aspekten verknüpft?
  • Inwiefern zeigen sich vergeschlechtlichte Prozesse in den Bereichen Digital Humanities, Technik- und Medienpädagogik, Museologie, Wissenschaftsvermittlung?
  • Welche Befunde werfen Policy-Analysen, demokratietheoretische Ansätze, Beiträge aus politischer Theorie und Philosophie zum Themenkomplex Digitalisierung und Geschlecht auf?
  • Welche Erkenntnisse ergeben sich aus empirischen Zugängen zu Informatik, Arbeitswelten, Gerätenutzung, in denen sich vergeschlechtlichte Prozesse und Folgen der Digitalisierung bereits einschreiben? Wie gestalten sich die Situation von Frauen* in einer zunehmend digitalen Welt, das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit bzw. Erwerbsarbeit und Care Sektor?
  • Wie stehen aktuelle feministische und postkoloniale Ökonomiekritik im Zusammenhang mit der Digitalisierung?
  • Welche Beiträge leisten Technikgeschichte und Technikphilosophie zum Thema Digitalisierung und Gender?

Freiburg, im April 2019

Die Herausgeber*innenschaft der fzg

Gastherausgeber*innen: Marion Mangelsdorf, Sandra Lang

Bitte reichen Sie Ihren deutsch- oder englischsprachigen Text zum Thema Digitalisierung, Geschlecht und Intersektionalität bis zum 31. März 2020 bei fzg@zag.uni-freiburg.de ein. Der Artikel sollte max. 40.000 Zeichen (inkl. Literaturverzeichnis, inkl. Leerzeichen) umfassen. Voranzustellen sind eine max. zehnzeilige Zusammenfassung (Abstract) und fünf keywords (jeweils: deutsch und englisch). Eine Rezension zu einer Publikation des Themenschwerpunkts sollte max. 12.000 Zeichen umfassen und bis zum Sommer 2020 bei der fzg eingehen.

Die fzg publiziert ausschließlich Originalbeiträge. Wir bitten Sie, uns dies mit der Einsendung des Artikels zu bestätigen. Ein Formular dazu sowie die Richtlinien zur Formatierung des Texts finden Sie auf unserer Website: http://www.fzg.uni-freiburg.de. Vielen Dank!

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