Formästhetik als Sozialphilosophie. Re-Reading Lukács

Call for Papers für einen Buchband. Deadline für Abstracts: 31. Januar 2019

Die Aktualisierung von Georg Lukács, so Judith Butler 2010, eröffne eine Perspektive, welche die seit den 1960er Jahren in den literaturtheoretischen Debatten kursierenden Begriffe nachhaltig durcheinanderbringe. Die Herausgeber des Bandes schließen sich dieser Einschätzung an und fokussieren ganz auf den Begriff der Form, verstanden im weitesten Sinne als Resultat einer Grenzziehung, welche überhaupt erst den Rahmen für Kommunikation und soziale Vermittlung eröffnet. „Form“, so Butler bezüglich der Reichweite des Begriffs bei Lukács, „ist nichts, was zum Ausdruck hinzutritt, sondern sie wird zur Bedingung, zum Zeichen und zur Möglichkeit von dessen subjektiver und objektiver Wahrheit“ (Butler 2011). Mehr noch: Form, wie sie nach Lukács nie außerhalb ihrer eigenen Genealogie verstanden werden kann, wird zur Bedingung und Möglichkeit ihrer Selbstkritik,  da sie uns, indem sie das Werden der Formen selbst zur Darstellung bringt, die Kontingenz des Bestehenden vor Augen führt und eine „kritische Lektüre der Wirklichkeit als Darstellung“ (Menke 2018) ermöglicht. Einer solchen Lektüre hat Lukács die Formen der Literatur, des Lebens und des Sozialen mit einer bis heute unübertroffenen Luzidität unterzogen. Wenn ihre Möglichkeiten in den Literatur- und Kulturwissenschaften noch immer weitgehend unrealisiert sind, so weil das von Lukács herausgestellte Formproblem durch den Dogmatismus überschattet wird, mit dem er es später zu lösen versuchte.

Das Problem verbindlicher Grenzziehungen angesichts der Kontingenz unserer kulturellen, sozialen und natürlichen Welt aber bleibt heute so dringlich wie das Potential der Lukácschen, auf den Formbegriff zentrierten Suche nach Lösungen. Die aktuelle Relevanz des Formbegriffs zu erkunden, ist die Intention des Bandes. Angestoßen durch das Schwinden sozio-kultureller Selbstverständlichkeiten, transformierte Lukács den ästhetischen Formbegriff zu einem ethisch aufgeladenen Formproblem, das sein gesamtes Werk durchzieht: angefangen bei der Diskussion literarischer Formen bis hin zu jenen Formen des Lebens, in denen sich ästhetische Ziele mit radikalen Vorstellungen einer umfassenden sozialen Ordnung verbinden. So verstanden, kann selbst die Hinwendung zur Totalität zu einem Gegenstand formaler Kritik werden. Die zentrale Frage aber ist, ob die von Lukács als kulturelles und ethisches Problem markierte Form heute, angesichts neuerlicher Kulturkämpfe und Ausrufungen einer Krise des Liberalismus, einen theoretisch adäquaten Rahmen zu bieten vermag.

Erwünscht sind Beiträge zu folgenden Fragestellungen:

1.      Welchen Stellenwert haben Literatur und Kunst für die sozialphilosophische Kritik, und inwiefern funktionieren sie als eine Reflexion der Rolle von Form und Spiel der Gesellschaft? Wir denken hier an Lukács` Soziologie der literarischen Formen, ihre Rückbindung an Simmel wie auch ihre Weiterentwicklung (bspw. in Franco Morettis Signs Taken for Wonders, Zygmunt Baumans In Praise of Literature oder auch in der von Luhmann vollzogenen Aufwertung der Kunst zum eigentlichen sozialen Ort der Entfaltung des Formproblems).

2.      Welche Relevanz kann das von Lukács zwischen Ästhetik und Sozialphilosophie verankerte Formproblem heute mit Sicht auf eine Ethik individueller Lebensgestaltung beanspruchen? Wir denken hier an Lukács` Diskussion von Lebensformen und der Eigenart des Ästhetischen im Kontext jüngerer Arbeiten wie Die Erfindung der Kreativität von Andreas Reckwitz, Kritik von Lebensformen von Rahel Jaeggi oder auch dem ethisch aufgeladenen Manifest ästhetischer Lebenspraxis The Art of Life von Zygmunt Bauman.

 

Interessenten werden gebeten, ein abstract bis zum 31.01.2019 einzureichen. Die Beiträge (Deutsch oder Englisch) sollten 15 bis maximal 20 Druckseiten (50 000 Zeichen einschl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Der Einsendeschluss für die Manuskripte ist der 30.06. 2019.

Bei Nachfragen wenden Sie sich bitte an:

Christine Magerski (Universität Zagreb/Kroatien): cmagerski(at)ffzg(dot)hr

Andrew Simon Gilbert (La Trobe University/Melbourne/Australia): a.gilbert(at)latrobe.edu(dot)au

Wir freuen uns auf Ihre Beiträge!

 

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