Kunst und Gewalt

Call for Proposals der Arbeitskreise "Soziologie der Künste" und "Gewalt als Problem soziologischer Theorie" für einen Workshop im Februar 2020 in Bielefeld. Deadline: 4. November 2019

Gewaltdarstellungen innerhalb der Kunst sind kein Novum. Jenseits einer medialen Inszenierung oder gar Ästhetisierung von Gewalthandlungen im Film, wie bspw. in Quentin Tarantinos Kill Bill (2003/2004) oder Zack Snyders 300 (2006), wurden Akte der Gewalt im Kontext der Malerei oder Literatur schon wesentlich früher dargestellt. Hier sei bspw. auf die von Artemisia Gentileschi gemalte Enthauptung des Holofernes (Judith und Holofernes, 1620), Pablo Picassos Guernica (1937) oder de Sades (1904) Die 120 Tage von Sodom verwiesen. Als Thema bzw. Motiv sind Gewaltdarstellungen somit ein steter Bestandteil der Kunst. Aber auch Gewalt selbst kann, im Sinne ihrer tatsächlichen Ausübung, als Kunst aufgefasst werden, wenn man hier – im wahrsten Sinne des Wortes – an die vielfältigen Arten von Kampfkünsten denkt oder Kriegsführung als Kunst betrachtet (Sun Tsu). Im Unterschied zu diesen Alltagsbeobachtungen scheint der Zusammenhang von Kunst und Gewalt in der Soziologie hingegen wenig erforscht. Dies erstaunt, da sowohl Kunst als auch Gewalt soziale Phänomene sind, die in einer Vielzahl von Studien untersucht worden sind.

Der geplante Sammelband und die dazugehörige Tagung wollen sich dieser Perspektive auf den Zusammenhang von Kunst und Gewalt annehmen und damit in gewisser Weise explorativ die Potenzialität eines solchen Forschungszweiges ausleuchten. Hierbei sollen nicht nur die oben angeführten exemplarischen Aspekte einer Gewalt ästhetisierenden Kunst oder einer künstlerischen Gewaltausübung in den Blick genommen werden. Interessant sind vor allem auch solche Überlegungen, die sich in theoretischer, methodischer oder auch methodologischer Hinsicht mit dem Zusammenhang von Kunst und Gewalt an spezifischen Fällen befassen. Mögliche diesbezügliche Fragen wären zum Beispiel, ob das bewusste Tragen zu kleiner Ballettschuhe bereits als Form von (erzwungener) Gewalt angesehen werden kann, ob der Einsatz martialischer Werkzeuge (u.a. Kettensäge) im Kontext der bildenden Künste als Gewalt gilt, oder ob Fälle körperbelastender Proben vor dem Beginn von Aufführungen eine Form legitimer Gewalt in organisationalen Ensembles repräsentiert? Weitere Fragen könnten sich auch auf den Aspekt einer strukturell implementierten Gewalt- oder Machtausübung konzentrieren: Denkbar wäre hier u.a. die Frage nach einem gewaltsamen Kunstmarkt, die Frage sexueller Belästigung im künstlerischen Kontext oder auch die durch das Feld der Kunst oftmals selbst produzierte Ausübung von Gewalt gegen Kunst(-objekte). Schließlich wäre zu überprüfen, wie Gesellschaft Gewalt und Kunst anerkennt, ob bestimmte Künste bestimmte Gewaltarten favorisieren oder ob bestimmte Zeiten besonders zu künstlerischen Umgangsweisen mit Gewalt neigen – etwa im Anschluss an Kriege oder um Aufmerksamkeit in historisch wenig gewaltreichen Zeiten zu bekommen.

Diese möglichen Analysefokusse repräsentieren hier nur eine grobe Auswahl und bieten lediglich eine Orientierung bzgl. der Ausleuchtung der soziologischen Betrachtung des Verhältnisses von Kunst und Gewalt, die in begrifflicher Hinsicht bewusst breit verstanden werden können.

Erwünscht sind erste Skizzierungen von potenziellen Beiträgen im Umfang von maximal 3 Seiten bis zum 04.11.2019 unter dem Betreff Kunst und Gewalt an christian.steuerwald(at)unibielefeld(dot)de. Die eingesendeten und angenommenen Beiträge sollen im Rahmen eines 1- bis 2-tägigen Workshops in Bielefeld (voraussichtlich 6./7. Feb. 2020) vorgestellt, präsentiert und diskutiert werden. Im Anschluss hieran ist die Herausgabe eines Sammelbandes angedacht.

Zum CfP (PDF)