Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Strukturelle, kulturelle und praxeologische Zugänge

Call for Papers für eine Ad-hoc-Gruppe auf dem 40. Soziologiekongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vom 14. bis 18. September 2020 an der TU Berlin. Deadline: 1. Mai 2020

Die katholische Kirche befindet sich gegenwärtig in einer der schwersten Krisen ihrer Geschichte. Ein in der Öffentlichkeit besonders sichtbarer Aspekt dieser Krise ist der lange Zeit verschwiegene, verheimlichte und als individuelles Fehlverhalten relativierte Umstand, dass katholische Priester und Würdenträger Minderjährige sexuell missbrauchen. Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass es sich bei Missbrauchspraktiken um wiederkehrende, systematische, wenn nicht systemische Strukturmomente der Institution Kirche handelt. Während unmissverständliche Kommissionsberichte und zahlreiche bedrückende Einzelstudien vorliegen, sind Analysen und Erklärungen des bisher tausendfach stattgefundenen Missbrauchs in seiner strukturellen Logik bisher kaum zu finden. Es mangelt insbesondere an genuin soziologischen Zugriffen, die Missbrauch in seiner praxeologischen und interaktionalen Dimension betrachten und dabei dessen institutionelle, kulturelle und gesellschaftliche Einbettungsverhältnisse berücksichtigen.

In den letzten Jahren haben eine Reihe von Kommissionen und Gerichtsverfahren ein erstes Licht in das Dunkel des sexuellen Missbrauchs gebracht, sodass nun zumindest Informationen über Ausmaß, Dauer, Art der Vertuschung, Anzahl und Merkmale der Opfer sowie zum Teil auch über die Täter vorliegen. Dabei zeigen sich eine Reihe von Merkmalen zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in der katholischen Kirche: Erstens sprechen Ausmaß, Häufigkeit und Umgang mit Missbrauchsfällen gegen reduktiv-individualistische Erklärungen, sondern sie lassen auf systemisch-strukturelle Ursachen schließen. Die bisherigen (psychologischen) Studien deuten keineswegs darauf hin, dass individuelle Pathologien der Täter hinreichende Erklärungsleistung liefern würden. Zweitens handelt es sich um ein transnationales Phänomen, denn sowohl in westlichen Ländern (u. a. USA, Irland, Australien und Deutschland) als auch im globalen Süden (u. a. Argentinien, Indien, Tansania und die Philippinen) haben Priester Minderjährige sexuell missbraucht. Drittens – und auch dies lenkt den Blick auf kulturelle, institutionelle bis hin zu funktionalen Zusammenhängen – wurde in nahezu allen Fällen der Missbrauch in ähnlicher Art und Weise vertuscht und verschwiegen und gemäß informeller und formeller Logiken intern bearbeitet. Insofern liegt durchaus die Annahme einer Funktionalität von Missbrauchspraktiken für die Aufrechterhaltung einer spezifischen kulturellen und institutionellen Ordnung der Kirche nahe.

Beiträge für die Ad-hoc-Gruppe sollen unter Rückgriff auf unterschiedliche theoretische und/oder empirische Untersuchungen Missbrauchspraktiken in ihren praxeologischen, kulturellen, institutionellen und funktionalen Zusammenhängen thematisieren.

Beispielhafte Fragestellungen sind:

  • Inwieweit begünstigen kirchliche Organisation, Hierarchie Lehre und Kultur Missbrauchspraktiken und deren Vertuschung? Und inwieweit behindert eine klerikale Kultur die Aufarbeitung des Missbrauchs?
  • Inwiefern kann Missbrauch auf institutionelle und strukturelle Besonderheiten zurückge-führt werden und auf welche Weisen wirkt er auf institutionelle Settings, Hierarchien und Praktiken zurück?
  • Wie sind die Beziehungen von Gender (vor allem: Maskulinität), Sexualität und Zölibat beschaffen und wie wirken sie sich auf Missbrauchspraktiken aus? Welche Rolle spielen etwa spezifisch religiöse Konstruktionen und Wahrnehmungen von Männlichkeit bei Missbrauchspraktiken?
  • Da sexueller Missbrauch immer auch sexuelle Gewalt ist, bedarf es einer gewalt- und körpersoziologischen Perspektive, die das Erleiden der Gewalt durch die Opfer thematisiert.
  • Inwiefern (re-)produziert sexueller Missbrauch weitreichendere Relationen von Macht und Herrschaft, beispielsweise zwischen Tätern und Opfern, zwischen Klerikern und Laien, aber auch zwischen Priestern und Bischöfen?
  • Welche Rolle spielen katholische Laien in diesem Zusammenhang und welche Spannungen (aber eventuell auch Einverständnisse) zwischen Klerikern und Laien können beobachtet werden?
  • Auf welche Weisen wirken andere soziale Felder wie Medien, Politik und Recht begünstigend, aufklärend, verhindernd etc. auf Missbrauch in der katholischen Kirche ein?

Bitte reichen Sie Vortragsvorschläge von max. 2.400 Zeichen (inkl. Leerzeichen) bis zum 1. Mai 2020 bei Andreas Schmitz (andreas.schmitz(at)uni-bonn(dot)de) und André Armbruster (andre.armbruster(at)uni-due(dot)de) ein.

Zum CfP (PDF)