Zur Potentialität von Theater und Performancekünsten in inklusiven Gesellschaften

Konferenz vom 24. bis zum 26. März 2021 an der Universität Luxemburg

Das europäische Theater der Gegenwart erweist sich nicht nur „als Ort der künstlerischen Inszenierung und als gesellschaftliche und sozio-ökonomische Institution“ (Bloch / Heimböckel 2014, S. 7), sondern auch als ein transnationaler und -kontinentaler Interaktions- und Erfahrungsraum globaler Kulturen (vgl. Kovacs / Nonoa 2018: 10). In dem sich daraus ergebenden Kontext sozialer Diversität, transkultureller Identitäten und reflexiver und inklusiver Gesellschaften lässt die kultur- und theaterwissenschaftliche bzw. interdisziplinäre Perspektive, die die kulturelle und politische Identitätsgemeinschaft Europas als eine Konstruktion in den Blick nimmt (Bloch / Heimböckel / Tropper 2017: 7), komplexe Herausforderungen ausmachen. Dabei schwingt das ‚Unbehagen an der Kultur‘ (vgl. Schneider / Sexl 2015: 7), das in sozialen Prozessen mit „anerkennens- und schützenswerten Bedürfnissen“ (Sexl 2013: 15–16) Hand in Hand geht, im Umgang mit Andersheit und Fremdheitserfahrung in vielen Theater- und Performanceprojekten mit und ruft die folgende Frage hervor: Wer soll bzw. darf wen vor allem in Bezug auf bestimmte Erscheinungsformen von Andersheiten wie bei Menschen mit körperlichen Einschränkungen und/oder aus anderer soziokultureller Herkunft auf einer Bühne darstellen? Wie dabei mit der Andersheit des oder der Dargestellten umzugehen sei (vgl. Müller-Schöll 2019), ist im zeitgenössischen Kontext inklusiver bzw. reflexiver Gesellschaften eine Streitfrage geworden.

Auf der Grundlage seiner künstlerischen Störstrategien und seiner theatralen Wahrnehmungspolitik, die in der Umkehrung von gewohnten Perspektiven bestehen, löste z.B. Christoph Schlingensief mit seinen Theater- bzw. Performanceprojekten Freakstars 3000 (2002), Chance 2000 und SCHLACHT UM EUROPA I-XLII / UFOKRISE '97 kontroverse Debatten rund um die Problematik von Andersheit in Zusammenhang mit körperlichen Einschränkungen und gesellschaftlich Benachteiligten aus. Darüber hinaus gibt es andere Perspektiven: z.B. auf den theatralen Umgang mit Elementen anderer Kulturräume bezogen, entfaltet sich ein Unbehagen an der kulturellen Vielfalt und den inklusiven Sozialpraktiken im Spannungsfeld zwischen transkultureller Identitätsbildung und dem Denken-wie-üblich (vgl. Schütz 1972) sowie Prozessen von Othering. Daran entzünden sich außerdem zeitgenössische kontroverse Diskurse über die Problematik von „(Re-)Appropiation“ und Debatten über die „Identitätspolitik“ (vgl. Müller-Schöll 2019), die wiederum in ein Paradox und ein Dilemma von nichtdiskriminierenden Sprechakten und Handlungen umschlagen. Während sich z.B. Elfriede Jelinek hierzu in ihren Schutzbefohlenen mit Hilfe der rhizomatischen Figurenstimmen und einer gegenkulturellen Wahrnehmungspolitik institutions- und ideologiekritisch zeigt, wird in einigen jüngeren, gutmeinenden Theater- und Performanceprojekten Europas, die als Ausgangspunkt für künstlerische Verhandlungsprozesse des aktuell herrschenden Migrationsdilemmas diesen Theatertext performativ adaptieren, nach dem Modell vom medial und politisch hervorgebrachten „Flüchtlingslabel“ bzw. „Flüchtlingslabelkonstruktion“ auf globaler und lokaler Ebene (Krause 2016) operiert. Damit gehen recht unterschiedliche theater- und kunsttheoretische sowie kulturtheoretische und –po¬litische Auseinandersetzungen einher, die der vielfältigen Theater-Identität Europas, dem europäischen „Selbstbild einer offenen, demokratischen Gesellschaft“ (Koch 2014: 121), epistemologisch und performativ gerecht zu werden versuchen (vgl. Liepsch / Warner 2018).

Wie können aber Theater und Performancekünste der Gegenwart Europa auf dem Weg einer reflexiven bzw. inklusiven Gesellschaft künstlerisch kreativ und produktiv begleiten, ohne ideologisch motivierte zwischenmenschliche Grenzziehungen stets zu reproduzieren? Wie können interdisziplinäre und innovativ-epistemologische Erkundungen unterschiedlicher Erfahrung von Fremdheit und Andersheit in Zusammenhang mit Disabilities sowie mit Menschen und Elementen soziokultureller Interferenzphänomene für das europäische Theater der Gegenwart fruchtbar gemacht werden? Welche theatrale Wahrnehmungspolitik und entsprechende Theater- bzw. Performanceformen können eine ästhetische Grenzüberschreitung der Strukturen vom Denken-wie-üblich und eine theatrale Unterbrechung des Unbehagens an der Kultur und an der Vielfalt ermöglichen? Welche Erwartungsgewohnheiten bzw. -haltungen bei den Theaterzuschauenden sind dabei zu hinterfragen? Inwiefern kann das Betrachten der Theaterpraktiken aus anderen bzw. außereuropäischen Kulturen ein europäisches Theaterverständnis aus einer anderen epistemologischen und szenischen Perspektive bieten?

Ausgehend von Jacques Rancières Überlegungen zu Der unwissende Lehrmeister: fünf Lektionen über die intellektuelle Emanzipation (2007) interessiert sich diese internationale und inter- bzw. transdisziplinäre Tagung für die epistemologische Erkundung, die Hinterfragung sowie die Neuperspektivierung der Zuschauenden- und Rezeptionspositionen. Vor diesem Hintergrund sind zum einen entsprechende künstlerische Produktions- und Rezeptionsprozesse in der europäischen Theaterlandschaft der Gegenwart in den Blick zu nehmen; diesbezüglich geht es zum anderen darum, das komplexe Wesen der Herausforderungen an den aktuellen Implikationen von Europa als einer Konstruktion in reflexiver und inklusiver Gesellschaft in Zusammenhang mit dem theatralen Umgang unter anderem mit den Erscheinungsformen von Andersheit in Bezug auf körperliche Einschränkungen sowie Menschen und Elemente mit vielfältigen soziokulturellen Hintergründen zu hinterfragen.

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Koku G. Nonoa
Universität Luxemburg
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