Mechthild Bereswill | Rezension |

Auf Bewährung

Rezension zu „Motherhood after Incarceration. Community Integration for Mothers in the Criminal Legal System“ von Melissa Thompson und Summer Newell

Melissa Thompson and Summer Newell:
Motherhood after Incarceration. Community Reintegration for Mothers in the Criminal Legal System
USA
New York 2021: Routledge
190 S., £ 96.00
ISBN 9780367365097

Bisherige Forschungen und theoretische Ansätze zu den Themen Gefängnis und Inhaftierung rücken selten die Perspektiven von Frauen in Haft und nach einer Entlassung in den Fokus. Ebenso fehlen grundlagentheoretische Ansätze, die den Strafvollzug und die Erfahrung einer Inhaftierung mit der komplexen, intersektionalen Kategorie Geschlecht in Beziehung setzen – eine erstaunliche Forschungslücke angesichts der offensichtlichen Bedeutung von Geschlecht für die Struktur des Strafvollzugs, denn im Vergleich zu Frauen werden überproportional viele Männer inhaftiert. Diese Disproportionalität zeigt sich beispielsweise für Deutschland, wenn etwa die Stichtagerhebung des Statistischen Bundesamtes am 31. März 2020 ergibt, dass 43.436 Männer und 2.618 Frauen aktuell eine Freiheitsstrafe verbüßen.[1] Haftanstalten sind in der Regel auch homosozial strukturierte Räume, in denen Frauen und Männer getrennt untergebracht sind; und gesellschaftliche Konstruktionen von Geschlechterdifferenz sind handlungsleitend für die sozialen Interaktionen der Inhaftierten untereinander sowie zwischen Inhaftierten und Personal. Die wenigen existierenden Forschungen aus feministischer Perspektive diskutieren diesen Zusammenhang sowohl für das gesamte Strafrechtssystem als auch in Bezug auf Formen der sozialen Kontrolle, etwa indem sie beispielsweise untersuchen, ob Frauen und Männer aufgrund impliziter Geschlechterzuschreibungen für vergleichbare Delikte unterschiedlich hart sanktioniert werden.

Hinzu kommt, dass die Bedeutung von Elternschaft für Inhaftierte bisher ebenfalls wenig erforscht wurde und konkrete familiäre Sorgeverantwortungen von Inhaftierten auch gegenwärtig eng an die Lebenslagen und Lebensentwürfe von Frauen (und weniger von Männern) geknüpft sind, die die Versorgung von Kindern nicht selten allein meistern. Dabei zeigt sich vor, während und nach einer Inhaftierung, dass die Beziehung zwischen Müttern und Kindern eine existenzielle Bedeutung für die Bewältigung eines Freiheitsentzugs hat. Zugleich beeinflusst die Inhaftierung wiederum die innerfamilialen Beziehungen auch nach der Entlassung der Mütter.

Die hier besprochene Studie „Motherhood after Incarceration“ setzt bei der konkreten Lebenssituation gerade aus der Haft entlassener Mütter an und stellt deren Sichtweisen ins Zentrum. Die theoretisch wie methodisch differenzierte empirische Untersuchung wurde von der Soziologie-Professorin Melissa Thompson und der Gesundheitswissenschaftlerin Summer Newell von der US-amerikanischen Portland State University (Oregon) durchgeführt. In einem ersten Erhebungsschritt haben beide Wissenschaftlerinnen ausführliche Interviews mit Müttern durchgeführt, die maximal 12 Monate aus der Haft entlassen waren. Die besondere Stärke der Studie liegt in dem gewählten Längsschnitt-Konzept, das es erlaubt, die Perspektiven der befragten Mütter über den Zeitraum von vier Jahren hinweg zu drei verschiedenen Zeitpunkten aus den Interviewerzählungen zu rekonstruieren (zum Sample vgl. S. 12). Dass zum dritten Erhebungszeitpunkt immer noch 22 der vormals 39 Frauen an der Studie teilnahmen, verweist einerseits auf stabile Forschungsbeziehungen und gelungene Forschungsinteraktionen; andererseits zeigen die ausführlichen Interviewsequenzen, die in der sehr gut lesbaren Studie zugänglich gemacht werden, das Bedürfnis und die Potenziale der Mütter, über ihre Erfahrungen und Lebenslagen zu berichten. Dabei reflektieren sie vergangene wie aktuelle Konflikte im Umgang mit der eigenen Straffälligkeit, stofflichen Abhängigkeiten, Armut, sozialer Marginalisierung sowie Rassismus und beziehen derlei Aspekte immer wieder auf die Möglichkeiten und Grenzen eines guten wie verantwortungsvollen Zusammenlebens mit ihren Kindern. Zur Sprache gebracht werden vielfältige Themen wie die Trennung von Müttern und Kindern im Rückblick auf die Haftzeit, das psychische Befinden nicht nur der Mütter, sondern auch der Kinder aus der Sicht ihrer Mütter, die Sorgerechtssituation, mögliche Kontaktabbrüche und die komplexen Beziehungen zwischen Kindern, Pflegeeltern oder anderen Bezugspersonen und Müttern.

Methodisch wurde neben der Erhebung von ausführlichen offenen Interviews zu jedem Zeitpunkt auch ein klinisches Untersuchungsinstrument eingesetzt, mit dessen Hilfe das emotionale Befinden der Frauen ermittelt wurde. Im Fokus des so genannten „Beck Depression Inventory“ (S. 14) stehen Ängste und depressive Verstimmungen, deren Ausprägungen die beiden Autorinnen mit den hohen Belastungen der Frauen in Verbindung bringen, indem sie diskutieren, dass sozioökonomische Belastungen und soziale Hürden nach einer Entlassung aus der Haft die mentale Gesundheit der Frauen beeinträchtigen. „Mental Health“ und psychische Krisen werden nicht als individuelle Pathologie, sondern als normale Reaktion auf dauerhaften sozialen Stress und mangelnde Unterstützungsstrukturen eingeordnet.

Die Einleitung der Studie informiert pointiert über die Forschungsfragen der Untersuchung, die nicht, wie das oftmals der Fall ist, mögliche Rückfälle, sondern die soziale Reintegration von Frauen nach einer Haft in den Fokus rücken. Diese Forschungsfrage verknüpfen die Autorinnen mit der Bedeutung, die Geschlecht und Mutterschaft für Prozesse der Reintegration haben; sie loten die Relation von Geschlecht und Mutterschaft allerdings in theoretischer Hinsicht nicht weiter aus.

Das zweite Kapitel thematisiert, wie Mutter-Kind-Beziehungen und deren Bindungsqualitäten sich im Verlauf einer Inhaftierung wandeln. Sichtbar wird eine für die Frauen schmerzhafte Spannung zwischen von außen kommenden Stigmatisierungen als gescheiterte Mutter (S. 21) und den eigenen Konzepten und Vorstellungen von sich selbst als Mutter, die sich auch während der Haft für ihre Kinder verantwortlich fühlt. Die Forscherinnen richten ihr Augenmerk auch auf die Krisenerfahrungen der Kinder und analysieren die Beziehungserfahrungen nach der Entlassung. Diese werden als (zusätzliche) Belastung im Übergang aus dem Gefängnis zurück in das Alltagsleben eingeordnet. Thompson und Newell resümieren die Ambivalenz der gesamten Situation treffend: „While children appear to be motivators for change, it is also clear that resuming parenting comes with many complex obstacles that must be navigated if one is to succesfully reintegrate into community and their family.“ (S. 36)

Diese Ambivalenz zieht sich als roter Faden durch alle Ergebnisse der Studie: Mutterschaft ist ein fester Bestandteil der komplexen Selbstkonzepte der interviewten Frauen, die Beziehungen zu ihren Kindern betrachten sie als elementar. Daraus leitet sich aber nicht automatisch ab, dass auch das Zusammenleben mit den Kindern immer eine angemessene Option für ihr aktuelles Leben darstellt und Zusammenleben wie Reintegration der Frauen Hand in Hand gehen. Im Gegenteil zeigt schon das dritte Kapitel, in dem die Situationen von Müttern mit und Müttern ohne Sorgerecht verglichen werden, dass eine Inhaftierung nachhaltig in (familien-)biografische Vorgeschichten interveniert, die auch die Situation nach der Haft bestimmen, wobei der Freiheitsentzug bereits bestehende Konflikte oftmals weiter verschärft. So lautet das Ergebnis des Vergleichs beider Konstellationen, dass es keine trennscharfe Typologie gibt, sich aber Beziehungsmuster zwischen Müttern und Kindern nachzeichnen lassen, die die Konflikte im Umgang mit dem Sorgerecht schon vor, während und nach der Haft rahmen.

Im vierten Kapitel wird der Zusammenhang zwischen „Parenting and Depressive Symptoms“ untersucht. Hier vergleichen die Autorinnen erneut Frauen, die mit ihren Kindern zusammenleben und das Sorgerecht haben, mit denen, für die dies nicht der Fall ist. Dabei zeigt sich, dass das Zusammenleben mit den Kindern zu starken psychischen Belastungen führen kann, wobei diese Konstellation besonders für Alleinerziehende mit geringen finanziellen Ressourcen und sozialer Unterstützung gilt (S. 84).

Entsprechend dieser Ergebnisse unterstreichen die Autor*innen im fünften Kapitel die enorme Bedeutung von sozialer Unterstützung für die Frauen und arbeiten zugleich heraus, dass die konkreten Unterstützungsbeziehungen, auf die die Frauen zurückgreifen können, in vielen Fällen wiederum mit zusätzlichen Belastungen und alten Konfliktmustern verbunden sind. Für die Forschung, insbesondere neuere Ansätze, die die Legalbewährung von Menschen als einen komplexen Prozess untersuchen, offenbart sich hier eine bislang wenig untersuchte Komponente, nämlich kontraproduktive Unterstützungsbeziehungen, mit deren Bewältigung Frauen allein gelassen werden. Dies schließt sowohl professionelle als auch private Unterstützungskonstellationen ein. Für ihre Untersuchung und darüber hinaus konstatieren Thompson und Newell: „Helping women to leverage their social supports, while protecting them from associated costs, would go a long way in maximizing the restorative potential of supportive bonds during reentry.“ (S. 98)

Das sechste Kapitel behandelt die Legalbewährung und etwaige Rückfälle der Frauen. Dabei wird die Bedeutung von stofflichen Abhängigkeiten und illegalem Drogenkonsum betont, die enormen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit erneuter Straffälligkeiten haben. In Folge dieser Erkenntnis plädieren die Forscherinnen dafür, Drogenpolitik und Maßnahmen gegen suchtbedingten Drogenkonsum einerseits und strafrechtliche Interventionen andererseits strikt zu entkoppeln. Hier zeigt sich schon die große Bedeutung, die der Ausbau von sozialpolitischen Maßnahmen für die soziale Reintegration von vormals inhaftierten Müttern hat.

Im siebten Kapitel werden die Befunde der Studie in den Bereich der Intersektionalitätsforschung eingebettet, wobei „Intersections of Race and Social Welfare and Criminal Legal System Supervision“ Berücksichtigung finden. Das Konzept der Intersektionalität, das auf die Analyse komplexer sozialer Ungleichheits- und Diskriminierungsverhältnisse sowie die Überschneidung von Ungleichheitsachsen wie Race, Class, Gender zielt, wird von den Autorinnen also auf ihr eigenes Forschungsfeld bezogen. Für die empirischen Ergebnisse kommt der Dimension „Race“ dabei die größte Bedeutung zu, weil das zentrale Ergebnis der Analyse wenig überraschend lautet, dass ehemals inhaftierte „Black Women and Latinas“ im Prozess der Reintegration mit den höchsten Hürden konfrontiert sind und diese Situation auch die Konsolidierung ihrer Beziehungen zu ihren Kindern einschränkt.

Die Studie schließt mit einem engagierten Plädoyer dafür, die Situation (ehemals) inhaftierter Mütter zukünftig stärker in Forschung wie Theoriebildung zu integrieren sowie die politischen Implikationen der Ergebnisse stärker zu berücksichtigen (Kapitel 8, S. 159). Dieses Resümee verweist über die konkrete Situation inhaftierter und haftentlassener Mütter hinaus darauf, dass auch die gegenwärtige kriminologische Forschung und Theoriebildung einen male bias aufweist, indem die Bedingungen des Regelvollzugs für männliche Inhaftierte einfach verallgemeinert werden. Vor dem Hintergrund der notwendigen Differenzierung, die die Forscherinnen mit ihrer Studie vornehmen, plädieren sie schließlich für mehr sozialpolitische Ansätze und Angebote, die dabei helfen sollen, die Beziehungen zwischen den inhaftierten Müttern und ihren Kindern durch die Zeit der Inhaftierung nicht abreißen zu lassen. Das bedeutet weniger kriminalpolitische soziale Kontrolle und mehr wohlfahrtsstaatlich abgesicherte soziale Unterstützung. So schlagen die Autorinnen sehr konkrete Maßnahmen zur Stärkung der familialen Bindungen vor:

„Examples of how these bonds may be maintained include financial incentives to support and encourage the child’s caregivers to transport the child to visit their mother during her incarceration, and the use of technology to allow for virtual visiting if distances creates obstacles for caregivers“. (S. 160)

Dieser handfeste Vorschlag, dessen sozialbürokratische Durchsetzung und praktische Umsetzung an den Schnittstellen von Strafvollzug und Kinder- und Jugendhilfe nicht leicht sein dürfte, veranschaulicht sehr gut, dass es den Forscherinnen überzeugend gelungen ist, die Restriktionen und Benachteiligungserfahrungen inhaftierter Mütter und ihrer Kinder zu rekonstruieren.

Insgesamt handelt es sich um eine sehr fundierte, äußerst lesenswerte Studie. Die Autorinnen zitieren ausführlich aus ihrem Interviewmaterial und spitzen ihre Analyseergebnisse gleichzeitig sehr pointiert zu. So liefert die Untersuchung empirische Evidenz zu den Lebenslagen und Alltagskonflikten einer Gruppe von ehemals Inhaftierten, deren Stimmen im Diskurs zumeist ungehört verhallen. Gleichzeitig wird Mutterschaft als eine gesellschaftliche Konstruktion, verbunden mit normativen Erwartungen und Zumutungen und als ambivalente emotionale Konstellation sichtbar. Die besondere Stärke der Studie liegt darin, die gesamte Bandbreite an Konflikten, Chancen und Grenzen dieser Konstellation darzustellen und die Perspektive der Untersuchungsteilnehmerinnen wissenschaftlich differenziert zu würdigen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Familie / Jugend / Alter Gender Gesellschaft Soziale Ungleichheit Sozialpolitik

Mechthild Bereswill

Prof. Dr. Mechthild Bereswill ist Professorin für die Soziologie sozialer Differenzierung und Soziokultur an der Universität Kassel. Ihre Arbeitsschwerpunkte in Forschung und Lehre sind feministische Geschlechterforschung, soziale Probleme und soziale Kontrolle, qualitative Methodologien.

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