Andreas Reckwitz | Essay |

Auf dem Weg zu einer Soziologie des Verlusts

Nach dem Begriff „Verlust“ sucht man vergebens in den Geschichtlichen Grundbegriffen, dem „historischen Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland“. „Verlust“ ist auch kein Eintrag im opulenten Historischen Wörterbuch der Philosophie. In der Soziologie ist „Verlust“ bisher ebenfalls nicht als ein elaboriertes Konzept der Sozial- oder Gesellschaftstheorie oder als bevorzugter Gegenstand empirischer Studien hervorgetreten. Die einzige Ausnahme von Bedeutung ist wohl das 1973 vom US-amerikanischen Entwicklungssoziologen Peter Marris geschriebene Buch Loss and Change, das zweifellos anregend, aber zugleich ziemlich einflusslos war.[1]

Dies ist die eine Seite. Auf der anderen Seite scheint das Phänomen des Verlustes in den intellektuellen Debatten bereits seit Beginn der Moderne im 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart immer wieder an verstreuten Stellen auf, zirkuliert und verweist auf ein sehr reales Problem der modernen Gesellschaft: Skizziert nicht Rousseau in seinen Arbeiten zum Natur- und Gesellschaftszustand bereits eine Art Urszene moderner Verlusterfahrung in Form der Entfremdung von einem nichtentfremdeten Zustand? Spricht nicht Max Weber vom ‚Sinnverlust‘ durch Entzauberung und Walter Benjamin vom ‚Erfahrungsverlust‘ der nachauratischen Massenkultur?[2] In den Sozialwissenschaften ist in den letzten zehn Jahren zunehmend von den gruppenmäßig zurechenbaren Verlusten die Rede, insbesondere in Gestalt der sogenannten Modernisierungsverlierer. Und auch im Zusammenhang der aktuellen Debatte um die Klimakatastrophe und das Anthropozän taucht der Topos des Verlusts, etwa in Gestalt des Verlusts der Biodiversität, an prominenter Stelle auf. Manche reden bereits von einer ‚Solastalgia‘.[3]

Ich will im Folgenden Ansätze zu einer Soziologie des Verlusts skizzieren. Es geht mir also um eine erste soziologische Kartierung dieses Phänomens. Je länger man darüber nachdenkt, desto deutlicher wird, dass die Frage nach dem Verlust, dass die Verlusterfahrungen als solche, für ein Verständnis moderner Gesellschaften von zentraler Bedeutung sind. Will man von Verlusten reden, darf man jedoch vom modernen Gegenbegriff nicht schweigen – dem des „Fortschritts“. Fortschritt und Verlust sind in der Moderne komplementäre Begriffe, sie bezeichnen zwei gegensätzliche Zeit- und Bewertungsstrukturen. Fortschritt bildet den unumstrittenen Kernbegriff der geschichtlichen Grundbegriffe der Neuzeit. Auch über die explizite Semantik des Fortschritts hinaus bleibt das implizite Modell des Fortschreitens, des Strukturwandels zum Besseren, für die meisten sozialen Felder und Lebensformen der Moderne vom Beginn bis heute prägend. Mag der Fortschrittsbegriff selbst bereits seit dem 19. Jahrhundert immer wieder Kritik erfahren haben, die soziale Praxis der Moderne ist bislang ungebrochen vom Modell der normativen Verbesserung geprägt. Mein Ausgangspunkt lautet nun, dass für die spezifische Rolle von Verlusten in der modernen Gesellschaft vier Zusammenhänge zentral sind:

  1. Es ist die Dominanz des Fortschrittsmodells, die dazu führt, dass Verluste für die moderne Gesellschaft tendenziell unsichtbar gemacht werden. Verluste kann es im Deutungsrahmen des Fortschritts streng genommen gar nicht geben. Aus der Perspektive der Progression – die von Wissenschaft und Technik über die Ökonomie bis zur Politik reicht – ist vielmehr das, was verschwindet, im Prinzip ohnehin überholt, das Neue per se das Bessere. Für dennoch verbleibende Verluste sind Individuen selbst verantwortlich, es handelt sich gewissermaßen um individuelles Versagen. Insofern scheint für das Fortschrittsnarrativ wie damit für die Moderne insgesamt eine Verlustvergessenheit charakteristisch, die auch Züge einer Verlustverdrängung annehmen kann.
  2. Angesichts dieser modernen Verlustvergessenheit ist allerdings eine Paradoxie bemerkenswert: Die moderne Gesellschaft erhöht nämlich, indem sie sich vom Modell des Fortschritts leiten lässt, systematisch die Wahrscheinlichkeit für Verlusterfahrungen; sie führt zu einer Verlustpotenzierung. Den massiert auftretenden Verlusterfahrungen bietet sie freilich wenig legitimen Räume, sich Ausdruck zu verschaffen, und wenig Instrumente, um die Verluste zu verarbeiten. Das ist die Paradoxie der Unbewältigtheit der modernen Verlustpotenzierung.
  3. Die Verluste lassen sich jedoch nicht verdrängen. Die entsprechenden Erfahrungen drücken sich an verstreuten Orten psychisch, kulturell und politisch dennoch aus: beispielsweise in der Nostalgie, in politischen Bewegungen von Verlierern oder Opfern, schließlich in den genannten intellektuellen Verlustdiskursen, freilich auch in Strategien der Umdefinition, in denen der Verlust als Chance erscheint oder in Technologien des Selbst, die sich in Resilienz üben. Bei näherer Betrachtung tut sich also ein weites Feld von Formen des doing loss auf, von Verlustpraktiken als Orten der sozial-kulturellen Fabrikation und Verarbeitung von Verlusten. Ja, die Verlustvergessenheit kann teilweise in eine Art Verlustbesessenheit oder Verlustfixierung umschlagen, womit die Kehrseite der Fortschrittszelebrierung greifbar wird.
  4. Generell finden in den modernen Gesellschaften in verschiedenen sozialen Arenen Konflikte um die gesellschaftliche Legitimität von Verlusterfahrungen statt, es lässt sich also eine gesellschaftliche Verlustdynamik beobachten: Welche Verluste werden gesellschaftlich anerkannt, thematisiert, restituiert oder gar rückgängig gemacht oder verhindert? Welche Verluste erscheinen illegitim, als Privatsache, Kollateralschaden des Fortschritts, werden beschwiegen oder zirkulieren unterschwellig in populären Kulturen?[4] Ich würde allgemein formulieren: Wir können die Konflikt- und Wandlungsdynamik modernen Gesellschaften nur verstehen, wenn wir davon ausgehen, dass soziale Gruppen nicht nur von Fortschrittshoffnungen angetrieben sind, sondern auch von verlustbezogenen Motiven, von Verlustwut, Verlusttrauer, Verlustangst oder auch Versuchen einer Verlustprävention.

Verlust als Grundbegriff

Was ist grundsätzlich unter Verlusten zu verstehen? Der Begriff ist sozialtheoretisch erst zu entwickeln. Ich beginne mit einer einfachen Definition. Verlust bezeichnet das Verschwinden von etwas in der zeitlichen Sequenz der sozialen Welt – gleich um welche Phänomene oder Zustände es sich dabei handelt –, und zwar ein Verschwinden, welches markiert, negativ bewertet und häufig mit negativen Affekten verknüpft wird. Einen Verlust zu markieren, setzt also zunächst voraus, dass etwas verschwunden ist, dass es nicht mehr da ist, der Vergangenheit angehört. Dieser nur scheinbar triviale Sachverhalt betrifft die komplexe Struktur der Zeitlichkeit der sozialen Welt. Beeinflusst durch Edmund Husserls Phänomenologie der Zeit, haben Philosophen und Soziologen wie Derrida, Luhmann und Giddens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die prinzipielle Zeitlichkeit und Prozessualität als Grundbedingung der sozialen und kulturellen Welt herausgestellt.[5] Letztere setzt sich grundsätzlich aus sozialen Praktiken zusammen, die sich räumlich und zeitlich ausdehnen. Also sollte man nicht von der statischen Vorstellung ausgehen, zunächst existiere eine soziale Ordnung zeitenthoben, die sich nur unter gewissen Bedingungen wandele. Vielmehr besteht in der sozialen Welt in jedem Moment die Möglichkeit, dass sich Neues ereignet und Altes verschwindet.

Dass etwas verschwindet, ist – so die Konsequenz des Befundes für unser Thema – in der sozialen Welt also der Normalfall. Jede Gesellschaft ist eine – mit Jean Baudrillard gesprochen – „Gesellschaft des Verschwindens“: Manche Praktiken, Normen, Wissensformen, soziale Artefakte etc. reproduzieren sich zumindest annähernd, während andere aufhören zu existieren oder sukzessive an Bedeutung verlieren. Dabei sollte klar sein, dass dieses ubiquitäre Verschwinden von Elementen der sozialen Welt keinesfalls pauschal mit Verlusten gleichzusetzen ist. Wenn dem so wäre, würde die Gesellschaft von Verlusterfahrungen in einem Ausmaß dominiert, gehemmt und stillgestellt, das kaum vorstellbar ist. Das meiste Verschwinden – von Normen, Wissen, Dingen etc. – geht vielmehr völlig unmarkiert vonstatten, ohne dass es bei irgendwem oder irgendwo Aufmerksamkeit auf sich zöge. Was einmal da war, wird schlicht vergessen.[6]

Neben dem weiten Feld des unmarkierten Verschwindens, das heißt des sozialen Vergessens, ergeben sich im engeren Segment des markierten Verschwindens drei Möglichkeiten: Das Verschwinden wird zwar bemerkt, aber wertneutral registriert, das Verschwinden wird positiv gewertet – oder negativ. Das positiv gewertete Verschwinden ist jener Typus, den das moderne Fortschrittsnarrativ als normatives Modell voraussetzt. Es interpretiert das Verschwinden des Alten und die Entstehung des Neuen gewissermaßen als Gewinn. Verluste umfassen somit nur jene begrenzte Untermenge in den Prozessen des Verschwindens, die negativ bewertet werden. Man kann es nicht genug betonen: kein Verlust ohne Verlustwahrnehmung und ohne eine noch so rudimentäre bewertende Interpretation von etwas als Verlust. Diese Verlustinterpretation bedeutet auf der Ebene der Akteure zugleich im weitesten Sinne eine Verlusterfahrung oder ein Verlusterleben, was eine psychische und in der Regel auch emotional-affektive Komponente besitzt. Die Verluste werden nicht nur emotionslos als negatives Ereignis registriert, sondern sie affizieren auch negativ. Naheliegend ist ein schmerzhaftes Gefühl von Trauer oder Traurigkeit,[7] es können sich aber auch Gefühle der Angst angesichts des Verlusts oder solche der Wut über den Verlust anschließen. Wer von Verlust redet, kann also auch von Affektivität nicht schweigen.

Um diese Verlustinterpretationen, Verlusterfahrungen und Verlustaffizierungen herum bilden sich ganze Verlustpraktiken, die sich mehr oder minder komplex gestalten. In solchen Praktiken findet ein doing loss statt,[8] etwa eine ritualisierte Trauerzeit nach dem Tod eines Angehörigen, die Übersetzung des Verlusts in eine Suche nach Schuldigen, die Entwicklung nostalgischer Alltagserzählungen oder die Institutionalisierung von Rechtspraktiken der Restitution. Die praxeologische Perspektive, die ich einnehme, weist darauf hin, dass die Erfahrungen des Verlusts also nicht einfach ‚vorhanden‘, sondern dass sie in ein Netzwerk von Aktivitäten eingebettet sind, die zur Routine, jedoch auch kreativ weiter- und fortentwickelt werden können. Ein spezieller, wichtiger Fall der Verlustpraktiken sind die Verlustdiskurse, also die diskursiven Praktiken des Verlusts, in denen explizit Verluste intellektuell, ästhetisch oder politisch thematisiert werden. Generell kann es der Soziologie des Verlusts dabei nicht darum gehen, aus einer kulturkritischen Beobachterposition der Gesellschaft ihre Verluste zu attestieren, vielmehr muss sie sich einer Analyse des faktischen doing loss in der Gesellschaft verschreiben, um dessen Ursachen, Ausprägungen und Folgen zu identifizieren. Dieses doing loss ist – das sollte deutlich geworden sein – nicht auf ein individualpsychologisches Problem zu reduzieren, sondern findet in sozial-kulturellen Formen und Arenen statt.

Für die Verlustpraktiken grundlegend ist ihre spezifische zeitliche Thematisierungsstruktur: Stets kommt es zu einer Relationierung zweier Zeitebenen, in der Regel von Gegenwart und Vergangenheit. Die Vergangenheit, der verschwundene Zustand, muss in irgendeiner Weise repräsentiert werden. So gesehen, ist in der Verlusterfahrung das Vergangene gerade nicht komplett verschwunden, vielmehr wird es in der Praxis des Verlusts in einer spezifischen Interpretation (und durchaus auch Imagination) präsent gehalten – eine Präsenzhaltung, die bis hin zur Bildung dessen führen kann, was mit Jan und Aleida Assmann das ‚kollektive Gedächtnis‘ zu nennen wäre.[9] Neben dieser für den Verlust geradezu klassischen Temporalstruktur gibt es weitere Möglichkeiten, die dem Phänomen einiges an Komplexität hinzufügen: Verloren werden können nämlich nicht nur vergangene Zustände, sondern auch bisherige Erwartungen hinsichtlich der Zukunft, sodass es zu einem Zukunftsverlust kommt. Andererseits lassen sich in der Gegenwart mögliche Verluste in der Zukunft antizipieren, was dann etwa in Verlustangst oder Verlustprävention mündet.

Generell ist für die Verlustpraktiken kennzeichnend, dass in ihrem Zentrum eine Erfahrung von Negativität steht, die häufig mit der Annahme einer zeitlichen Irreversibilität verbunden ist. Die Enttäuschung von Erwartungen, also die Erfahrung des Negativen, ist an sich ein normaler Bestandteil sozialer Praxis. Doch wird die Enttäuschung von Erwartung im Falle des Verlusts offenbar deshalb immer wieder als einschneidend erlebt, also mit intensiver Affektivität verknüpft, weil der fragliche Verlust nicht reversibel erscheint.[10] Folglich ergeben sich in erster Linie negative Affekte, die von den betroffenen Akteuren subjektiv als Varianten des Schmerzes empfunden werden. So stellt der Tod nicht zufällig das Paradigma von Verlusterfahrungen bereit.[11] In der Regel handelt es sich beim Verlust nicht um das Ergebnis eigenen aktiven und bewussten Handelns. Der Verlust ist nicht angestrebt, wird vielmehr im Modus des Erleidens erfahren, das heißt – trotz aller aktiver Elemente der Negation und Interpretation – passivisch erlebt. Von daher bricht mit dem Verlust Unkontrollierbares in die Sozialwelt ein.[12] Auch hier widerspricht die spezifische Erfahrungsqualität von Verlusten der in der Moderne dominanten Kultur, die auf Aktivismus, Gestaltbarkeit und Steuerbarkeit setzt.

Auf der grundbegrifflichen Ebene sind für eine Soziologie des Verlustes zwei Fragen unverzichtbar: Wer verliert? Und was wird verloren? Man muss sich nur die Bandbreite der Möglichkeiten vergegenwärtigen, um sich der Vielschichtigkeit des Phänomens bewusst zu werden. Der Betroffene des Verlusts kann ein einzelnes Individuum sein – für die Soziologie sicherlich ein Grenzfall –, es können auch viele einzelne Individuen für sich allein sein, die aber allesamt einem kulturellen Muster folgen, etwa einem Trauerritual oder einer Traumaverarbeitung; es können schließlich auch Gruppen mit Kollektivbewusstsein verlieren – die ehemaligen Industriearbeiter, die okzidentale Kultur etc.[13] Auch Institutionen oder institutionelle Komplexe erleiden Verluste, sehr konkret etwa Wirtschaftsorganisationen finanzielle Verluste. Wichtig ist in Verlustkonstellationen zudem die Instanz eines Dritten, die neben den Verlierer und das Verlorene tritt. Dieser Dritte mag eine Beobachtungsinstanz sein, die von außen Verluste feststellt, etwa die Sozialwissenschaften, wenn sie die Modernisierungsverlierer ausmachen. Dann werden die Verluste anderer ermittelt, was bis zur Viktimisierung führen kann. Dieser Dritte kann jedoch auch eine andere Gruppe oder Instanz sein, den die Verlierer beziehungsweise die Opfer für ihren Verlust verantwortlich machen. In solchen Situationen wird für Erlittenes ein Schuldiger gesucht, es sei denn, die Schuld liegt bereits klar auf der Hand. Die Responsibilisierung von Verlusten ist wichtig, damit aus Verlierern Opfer werden können, denen dann Täter gegenüberstehen, etwa die Täter einer Gewalttat oder die Verantwortlichen für einen Börsencrash. Der Dritte kann schließlich auch die Position eines Gewinners oder Siegers einnehmen, der sich mit den Verlierern im gleichen sozialen Spielfeld bewegt. Dadurch ergibt sich die besonders bedeutsame zweiwertige Konstellation von Verlieren und Gewinnern, von Verlust und Gewinn in einem Wettstreit im weitesten Sinne.[14]

Was wird verloren? Prinzipiell sind alle Phänomene und Zustände, die in der Sozialwelt zirkulieren, mögliche Objekte von Verlust. Trotzdem lassen sich Ebenen unterscheiden, vor allem die konkreten von abstrakten Verlusten. Konkret sind die Verluste, welche die Körper betreffen – Gesundheit und Tod – sowie die Dinge und Objekte, die buchstäblich verloren gehen können, auch qua Zerstörung. Für die abstrakten Verluste würde ich heuristisch ihrerseits drei Ebenen unterscheiden: Zum einen kann es sich um einen Sinnverlust, auch um einen Erfahrungs- oder Wertverlust handeln, hier wären außerdem Autonomie- oder Individualitätsverluste einzuordnen, weil es sich insgesamt um Verlusterfahrungen auf kultureller Ebene im engeren Sinne handelt. Gerade diese Art von Sinnverlust war ein gängiges Thema der erwähnten klassischen Diskurse der Kulturkritik. Davon zu unterscheiden sind Versionen eines im engeren Sinne sozialen Verlustes: Statusverlust, Anerkennungsverlust, Vermögensverlust, Machtverlust wären hier zu nennen. Schließlich ist von derartigen Verlusterfahrungen noch der Berechenbarkeitsverlust zu unterscheiden, zu dem der Kontroll- und Ordnungsverlust ebenso zählt wie der Verlust sozialer Bindungen, vor allem und nicht zuletzt jedoch der Verlust von Erwartungen hinsichtlich einer verlässlichen, positiven Zukunft.

Die Gegenstände des Verlusts können also äußerst verschiedenartig sein, doch würde ich die These vertreten, dass es sich bei allen Verlusterfahrungen im Kern um einen Identitätsverlust handelt, seien nun individuelle oder kollektive Identitäten berührt. Das Verschwinden von etwas wird immer dann und nur dann als Verlust erlebt, wenn es für das individuelle oder kollektive Selbst schmerzhaft ist. Und als schmerzhaft wird Verlust erfahren, wenn er das Selbst beziehungsweise das positive Selbstbild beschädigt oder bis zu dem Punkt zerstört, an dem die Fortsetzung einer Praxis infrage gestellt ist. Dann meint das Individuum oder die betroffene Gruppe, ohne das Verschwundene und irreversibel Verlorene kein sinnvolles, angemessenes, lebenswertes Leben mehr führen zu können. Erst im Lichte dieser Besorgnis wird aus einem lediglich verschwundenen Menschen, dem veränderten sozialen Status, der abhandengekommenen Religiosität oder eingebüßten Machtposition, der verlassenen ‚Heimat‘ etwas Betrauernswertes. Wenn die Identität nicht tangiert ist, wird das Verschwundene hingegen leicht vergessen (oder man empfindet gar Erleichterung darüber). Angesichts der eingetretenen oder drohenden Identitätsbeschädigung wird auch greifbar, warum die Verlusterfahrung mit negativer Affektivität – teilweise heftiger Art – verbunden ist: Die negative Affektivität ist eine Reaktion auf die wahrgenommene oder befürchtete Schädigung des Selbst und seiner Praxis.[15]

Verlust und Moderne

Welche Rolle kommt den Verlusten in der modernen Gesellschaft zu? Zunächst: Ganz ohne Zweifel ist die Tatsache, dass Verluste erfahren werden, eine menschliche Existenzialie. Sie könnte daher auch in einem existenzphilosophischen oder anthropologischen Rahmen behandelt werden. Sie kommt in allen Gesellschaftsformen vor. Für den Bruch der Moderne mit den traditionalen Gesellschaften ergibt sich bezogen auf die Verluste jedoch eine veränderte Situation. Wie bereits erwähnt: Im Fortschrittsnarrativ der Moderne erscheinen Verluste gewissermaßen als überholte Zustände der Vergangenheit, und zugleich werden Verluste gesellschaftlich potenziert. Diesen Zusammenhang zwischen Fortschrittsmodell, Verlustverdrängung und Verlustpotenzierung gilt es, näher zu betrachten.

Die moderne Gesellschaft beruht nicht nur in ihren leitenden Diskursen, sondern auch in ihrer sozialen Praxis auf einem Grundmodell des Fortschritts. Fortschritt ist also nicht nur der Fixpunkt eines Diskurses oder einer Semantik, die mit der Sattelzeit um 1800 für die Moderne aufgekommen ist und seitdem durchaus wechselhafte intellektuelle Konjunkturen erlebt hat.[16] Darüber hinaus wirkt Fortschritt als impliziter Orientierungsmaßstab in den institutionellen Ordnungen der meisten sozialen Felder wie der dominanten Lebensformen, was heißt, dass das Fortschrittsdenken deren soziale Trägergruppen prägt. Fortschritt bezeichnet ein zukunftsorientiertes Temporal-, Erwartungs- und Bewertungsschema, sowohl von sozialen Feldern wie Wissenschaft, Politik, Wirtschaft oder Kunst als auch von Lebensformen wie denjenigen der Mittelschicht mit ihrer Normalbiografie.[17] Vor dem Hintergrund einer Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geht man davon aus, dass in der jeweils späteren, gegenwärtigen oder zukünftigen Phase soziale Phänomene der jeweils früheren, vergangenen Phase verschwinden, um sich durch neue Phänomene ersetzt zu finden, die eindeutig positiv bewertet werden. Der zeitliche Verlauf erscheint dabei als ein meist linear – oder auch stufenweise und disruptiv – gedachter Prozess der Verbesserung, ob qualitativ oder quantitativ. Folglich legt das Modell des Fortschritts alles soziale Geschehen auf eine Prozesslogik der Optimierung fest. Sie enthält eine Bewertung der Vergangenheit als überholt und minderwertig, das heißt eine grundsätzliche Prämierung und Bevorzugung des Neuen gegenüber dem Alten und eine bestimmte Erwartung hinsichtlich der Zukunft, welche jede Gegenwart im Grad ihrer Optimierung ausstechen und übertreffen wird.

Wie nun wirkt sich die dergestalt fortschrittsorientierte Programmatik der Moderne auf den Umgang mit Verlusten aus? Vier Konstellationen sind von Belang:

  1. Auf der existenziellen Ebene erscheinen Verluste und Verlusterfahrungen aus Sicht der modernen Gesellschaft überwindungsbedürftig. Sie will ‚verlustfrei‘ operieren, folgt der Utopie der Schmerzfreiheit. Also sind die modernen Institutionen bestrebt, das Eintreten existenzieller Verluste zu verringern respektive zu verhindern: mithilfe des wissenschaftlichen Fortschritts der Medizin Krankheiten zu behandeln und den Tod aufzuschieben, mithilfe der Technik vor Naturkatastrophen zu schützen, mit dem modernen Versicherungswesen soziale Risiken wie Erkrankungen, Katastrophen oder Invalidität zu minimieren. Generell ist festzustellen, dass die formale Rationalisierung der modernen Institutionen versucht, über die Etablierung von Berechenbarkeit Sicherheit zu erzeugen und unkalkulierbare Negativerfahrungen zu verringern.
  2. Abgesehen von dieser aktiven Bearbeitung drohender Verluste gilt jedoch, dass Verluste im Rahmen des modernen Fortschrittsnarrativ in der Regel nicht als wirkliche Verluste zählen, sondern als das Verschwinden von etwas Überholtem. Das Verschwinden des Alten ist die Beseitigung des Rückständigen und insofern positiv zu bewerten. So muss der Protest sozialer Gruppen gegen ihre vermeintlichen Verluste im Prinzip als Rückzugsgefecht von Fortschrittsgegnern erscheinen. Falls im Rahmen des Fortschrittsnarrativs doch Verlusterfahrungen wahrgenommen werden, bleiben nur zwei Möglichkeiten: entweder werden sie
  3. als Kollateralschäden des Fortschritts verbucht, das heißt als bedauerliche Kehrseite des weiterhin prinzipiell begrüßenswerten Fortschritts, siehe beispielsweise der Verlust der natürlichen Landschaft durch die Industrialisierung.[18] Oder die Verluste werden
  4. individualisiert zugerechnet, also als ein individuelles Scheitern oder Versagen, etwa aufgrund von Leistungsschwäche, gesundheitlicher Gebrechen etc.

Parallel zu diesen Praktiken der Verlustverdrängung und -minimierung kommt es in der Moderne jedoch ganz grundsätzlich zu einer Verlustpotenzierung, da die Vermehrung von Verlusterfahrungen begünstigt wird. Natürlich bleibt jeweils fraglich, ob tatsächlich ein Verlust wahrgenommen wird, wofür letztlich die Deutungsmustern der Akteure ausschlaggebend bleiben. Dennoch ist erkennbar, dass Strukturmerkmale, die der Moderne generell und weitgehend unbestritten zugeschrieben werden, sich bei näherer Betrachtung als solche erweisen, durch die sich die Wahrscheinlichkeit von Verlusterfahrungen vergrößert:

  1. Rationalisierungseffekte
    Im Kern bedeutet Fortschrittsorientierung – wie gesagt – eine Ausrichtung an Optimierung. Sie ist kennzeichnend für die grundsätzliche formale Rationalisierung, die mit Max Weber in der Moderne stattfindet. Rationalisierung und Optimierung bedeuten allerdings, dass unerbittlich und immer wieder neu dasjenige verdrängt oder abgewertet wird, was unter den Verdacht gerät, von minderer Rationalität oder geringerer Leistungsfähigkeit zu sein. Freilich kann das, was die Institutionen für effizienzsteigernd halten, aus anderer Perspektive als schmerzlicher Verlust erlebt werden.[19]
  2. Beschleunigungseffekte
    Der soziale Wandel wird in der Moderne derart beschleunigt, dass er nicht mehr nur über die Generationen hinweg stattfindet, sondern seine Spuren bereits in der Lebenszeit der Individuen hinterlässt.[20] Das Ergebnis ist, dass in gesteigertem Maße bereits in der individuellen Lebenszeit vertraute Phänomene und Strukturen verschwinden, was potenziell betrauert werden kann.
  3. Kapitalisierungs- und Ökonomisierungseffekte
    Nicht nur die kapitalistische Ökonomie, sondern die Ökonomisierung weiterer Bereiche des Sozialen, das heißt ihre Strukturierung nach Maßstäben des Wettbewerbs und der Konkurrenz, tendiert dazu, Gewinner-Verlierer-Konstellationen zu etablieren.
  4. Demokratisierungseffekte
    Das Fortschrittsmodell der Moderne hat auf Seiten von mehr und mehr Individuen in Bezug auf ihren Lebenserfolg den Fortschritt zu einer realistischen, wünschenswerten oder sogar weitgehend selbstverständlichen positiven Erwartung gemacht. Gerade diese Normalisierung positiver Zukunftserwartungen lässt jedoch – sobald solche Aussichten enttäuscht werden – eine neue Sorte von Verlusterfahrungen entstehen, nämlich den Erwartungsverlust, den Verlust von Zukunftshoffnungen.
  5. Säkularisierungseffekte
    Religionen sind als kulturelle Instrumente existenzieller Verlustbewältigung verstehbar. Folglich hat die Säkularisierung der Moderne zur Konsequenz, dass die empfundene Verlustintensität und Verlustdramatik zunimmt.
  6. Gewalteffekte
    Folgt man Zygmunt Bauman, sind Gewalterfahrungen kein Nebenaspekt, sondern ein integraler Bestandteil vieler moderner Gesellschaften.[21] Dementsprechend dokumentiert die Gewaltgeschichte der Moderne in erschreckendem Ausmaß, dass Menschen und ihren Angehörigen existenzielle Verluste bewusst zugefügt oder als Kollateralschäden exzessiver kollektiver Gewaltpraktiken billigend in Kauf genommen wurden.

Wie geht die moderne Gesellschaft trotz ihrer offiziellen Verlustverdrängung mit ihren potenzierten Verlusterfahrungen um? Man kann in einem ersten Zugriff mehrere Komplexe unterscheiden, in denen unterschiedliche Verlustpraktiken zu beobachten sind, die charakteristisch für die Moderne sind. In diesen verschiedenen Formaten eines doing loss findet jeweils eine ‚Übersetzung‘ der Verlusterfahrung in eine bestimmte Praxis statt:

  1. Traumatisierung und Trauerarbeit
    Unter bestimmten Umständen setzen sich Verlusterfahrungen in Traumatisierungen um, das heißt, es kommt zu einer dauerhaften Veränderung psychischer Strukturen aufgrund einer empfundenen Verletzung der Identität. Solche Traumatisierungen können im Rahmen eines ‚kollektiven Traumas‘ einer sozialen Gruppe kollektiv bearbeitet und kulturell transformiert werden. Dass Traumatisierungen nicht nur kollektive Identitäten berühren, sondern diese auch unter Umständen begründen und stärken, etwa in einer gemeinsamen Trauerarbeit, scheint kennzeichnend für moderne Gesellschaften zu sein.[22] Andererseits gibt es Traumatisierungen rein individueller Natur, im Umgang mit denen trotzdem soziale Praktiken zum Einsatz kommen. Dies gilt vor allem für psychologisch imprägnierte Praktiken, die etwa sogenannte posttraumatische Belastungsstörungen behandeln und Anleitungen zur Trauerarbeit liefern.[23]
  2. Verlustprävention
    Während die Trauerarbeit auf einen bereits erfolgten Verlust reagiert, sucht die Verlustprävention den Verlust im Voraus zu verhindern. Vor dem Hintergrund des modernen Steuerungs- und Gestaltungsimperativs erweist sich die Verlustprävention damit als ein indirektes, sich auf Kalküle stützendes doing loss, das sich vergleichsweise gut in ein modernes Planungsmodell einfügen lässt. Verlustprävention basiert auf der Erfassung wahrscheinlicher künftiger Verluste und nimmt die Gestalt von Risikopolitik an. Der von François Ewald so genannte Vorsorgestaat, der sich bereits Ende des 19. Jahrhundert formiert, liefert für derartige Präventionspraktiken ein ebenso einschlägiges Beispiel wie das sich gegenwärtig herauskristallisierende Präventionsregime gegen die erwartbaren Folgen des Klimawandels.[24]
  3. Rechtliche Verlustrestitution
    In der Logik jeder Verlustprävention liegt ein Punkt, an dem sie in Verlustkompensation übergeht. Bei der Verlustrestitution und -kompensation handelt es sich um ein doing loss innerhalb des Feldes des Rechts. Tatsächlich kann man die These aufstellen, dass das moderne Rechtssystem in ganz eigener Weise Vorkehrungen trifft, um in affektiv neutraler Form Verluste von Personen, Organisationen oder Gruppen zu bearbeiten. Das Recht liefert einen von der Moderne vorgesehenen Raum für den Umgang mit Negativität in der Sozialwelt.[25]
  4. Narrativ-ästhetische Verlustverarbeitung
    Eine anders gelagerte, für die Moderne jedoch ebenso typische ‚Übersetzung‘ von Verlusterfahrungen ist deren narrative und ästhetische Verarbeitung. In diesem Medium lassen sich die Verluste sowohl intensivieren als zugleich auch auf Distanz halten. Marcel Proust hat in seinem Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit die ästhetische Anreicherung biografischer Verlusterfahrungen auf die Spitze getrieben, womit die Arbeit des Erinnerns in geradezu exemplarischer Weise zu einer eigenen, umfangreichen Aufgabe in der Gegenwart aufsteigt. Nostalgie und Retroorientierung werden Fredric Jameson zufolge in der Kultur der Postmoderne überhaupt zu dominanten Tendenzen.[26] Generell wird das kulturelle Format der Nostalgie als eine verbreitete Umgangsweise mit Verlusten sichtbar.[27] Dabei zeigt sich, dass Verluste imaginativ überformt werden, wodurch der verlorene Zustand seine ‚Größe‘ erst der Erinnerung verdankt. Dadurch verkompliziert sich die Affektstruktur. Sie wird ambivalenter etwa in die Richtung von Gefühlsstrukturen wie Sehnsucht oder Heimweh.
  5. Verlustproteste und Verlustkämpfe
    Eine weitere Übersetzung der Verluste findet in deren Politisierung statt. In solchen Kontexten fordern Betroffene gewöhnlich eine gesellschaftliche Anerkennung ihrer Verlusterfahrungen ein, möglicherweise mit Kompensationszielen. Dies gilt etwa für die Opfer von Gewaltverbrechen, die um ihren legitimen Status als ‚Opfer‘ kämpfen.[28] Auch Modernisierungsverlierer können sich politisch mobilisieren.[29] Zudem taugen drohende zukünftige Verluste als mögliche Gegenstände der Politisierung, etwa angesichts kommender ökologischer Katastrophen. Verlustproteste münden so in Verlustkonflikten, was bedeutet, dass soziale Arenen entstehen, in denen um die Legitimität oder Illegitimität von Verlusterfahrungen gestritten wird, in denen eine Sichtbarkeit für Verluste hergestellt werden muss, die sich letztlich und wiederum in politische Forderungen ummünzen lassen.

Verlustdynamiken der Spätmoderne

Es wäre ein Thema für sich, den Wandel der Verlustkonstellationen innerhalb der Geschichte der Moderne vom 18. Jahrhundert bis zur spätmodernen Gegenwart nachzuzeichnen. Einerseits bestehen die genannten übergreifenden Strukturen, was Fortschrittsmodell, Verlustverdrängung, Verlustpotenzierung und das ganze Repertoire an Praktiken des doing loss angeht. Andererseits verändern sich mit dem Wandel der Formen der Moderne – von der bürgerlichen Moderne des 19. Jahrhunderts über die industrielle Moderne des 20. Jahrhunderts bis in die Spätmoderne, die etwa in den 1980er-Jahren einsetzt – auch die Verlustdynamiken.

Für die bürgerliche Moderne des 19. Jahrhunderts war das allmähliche Verschwinden der agrarischen, feudalen, religiösen und gemeinschaftsgebundenen Gesellschaft eine herausgehobene Quelle von Verlusterfahrungen, und zwar bis in die entsprechenden intellektuellen Diskurse der Entzauberung und Säkularisierung hinein. Themen wie der Verlust des Glaubens, der Verlust der Gemeinschaft oder der Verlust von lebensweltlicher Kontrolle finden in diesen Entwicklungen ihren historischen Hintergrund. Zugleich liefert gerade die bürgerliche Kultur das nötige Rüstzeug für die Praktiken des doing loss, zum einen mit ihrer asketischen Moral und einer Ethik der Selbstdisziplin, die für eine Duldung des Verzichts eintritt, zum anderen mit der Sozialfigur des Helden einer „heroischen Moderne“ (Kittsteiner),[30] der Verlust nicht als Opfer im Sinne von victim, sondern als Leistung im Sinne von sacrifice versteht.[31] In der industriell organisierten Moderne seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts führt die Erosion der alten bürgerlichen Kultur nun ihrerseits zu neuen Varianten von Verlusterfahrungen, zumal der Verlust des Individualismus zugunsten der alles beherrschenden Masse zum Anlass von Klagen wird. Zugleich erreicht in der organisierten Moderne die Gewaltgeschichte der Moderne ihren totalitären Gipfel und damit auch die Zunahme gesellschaftlich erzwungener Verluste. Demgegenüber steht die entfaltete industrielle Moderne auch für jene Phase, welche durch ihre Wohlfahrtsstaatlichkeit ein Höchstmaß an Lebenssicherheit und folglich Verlustprävention bietet.

Und die Spätmoderne? Für sie scheint eine Kombination aus verstärkter Verlustsensibilisierung und Verlusteskalation signifikant zu sein. Auf der einen Seite hat die spätmoderne Gesellschaft seit den 1980er-Jahren zunehmend Formate entwickelt, die Verluste deutlich offensiver thematisieren als es in der Geschichte der Moderne zuvor der Fall gewesen war. Insofern schwächt sich die Verlustverdrängung ab oder wird kritisch reflektiert. Die Psychologisierung, Kulturalisierung und Politisierung von Verlusten kommen in Gang. Der psychologische Komplex entwickelt ein verstärktes Interesse an den Traumata, an den einschneidenden Erfahrungen von Trennung, Trauer und Schmerzes, womit er die Individuen für ihre biografischen Dilemmata sensibilisiert. Zudem entwickelt die spätmoderne Gesellschaft eine ausgeprägte Sensibilität für den drohenden Verlust von kulturellem Erbe (cultural heritage), das heißt für die Gefährdungen von Naturräumen, Stadtlandschaften, Alltagspraktiken oder der Diversität von Kulturen.[32] Außerdem richtet die spätmoderne Erinnerungskultur ihre Aufmerksamkeit erstmals auf die Bewusstmachung der durch die Gewaltgeschichte der Moderne verursachten Verluste. Daher setzt eine Politisierung vergangener Verluste und Traumata ein – der eigenen wie derjenigen, die anderen zugefügt wurden –, etwa wenn es um die Opfer des Kolonialismus, der Sklaverei oder der Genozide geht. [33]

Dieser vielfältigen Verlustsensibilisierung, die negative Erfahrungen psychologisch, kulturell oder politisch transformiert, steht in der Spätmoderne eine Verlusteskalation zur Seite. Man verzeichnet die Verluste nicht nur sensibler, vielmehr scheint es auch ‚mehr‘ Verlusterfahrungen zu geben. Was in der postindustriellen Gesellschaft ganz grundsätzlich verschwindet und folglich zum Gegenstand von Verlusterfahrungen wird, sind diejenigen Strukturmerkmale, die konstitutiv für die industriellen Moderne gewesen sind und von deren Auswirkungen viele profitiert hatten: Der Verlust der Industriegesellschaft bedeutet auch einen Verlust der Arbeiterkultur, der prosperierenden Industriestädte, der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, des Wohlfahrtsstaates mit seiner „Gesellschaft der Gleichen“ (Rosanvallon), des Patriarchats und der dominanten Nationalkultur. Diese Veränderungen summieren sich seit den 1980er-Jahren in den westlichen Ländern zu einem historisch neuen Schub von Statusverlusten, mitsamt der dazu gehörigen Sinn- und Machtverluste. Diese Verdichtung von Verlustempfindungen wird unter einem Etikett wie dem der ‚Modernisierungsverlierer‘ allenfalls behelfsweise zusammengefasst.[34]

Gleichzeitig ereignet sich in der Spätmoderne ein politischer Utopieverlust. Die liberale Vorstellung, die Zukunft offeriere für alle einen Fortschritt gegenüber der Gegenwart, findet sich gründlich erschüttert – zumal im tagespolitischen wie intellektuellen Diskurs. War die klassische Moderne zukunftsorientiert, von positiven Zukunftserwartungen geprägt, so schwächt sich diese Ausrichtung spürbar ab. Die Gegenwart wird in der spätmodernen Kultur zunehmend weniger als Durchgangsstation auf dem Weg zu einer besseren Zukunft wahrgenommen. Ein deutliches Indiz dafür ist der Umstand, dass in der Populärkultur bereits seit mehreren Jahrzehnten das Genre der Dystopie, die Darstellung von Zukünften, die sich nicht als Verbesserung gegenwärtiger Verhältnisse, sondern als katastrophischer Umschlag verstehen lassen, im Aufschwung begriffen ist.[35] Selbst wenn etwaige Verluste noch gar nicht eingetreten sind – der Zukunftsverlust als Verlust der positiven Zukunftserwartung und die Verlustangst, also die besorgte Vorwegnahme künftiger Verluste –, manifestiert sich der Umgang mit solchen Modalitäten von Verlusterfahrung in der Spätmoderne als ein verbreitetes Problem. Zudem verwandelt die wissenschaftliche Einsicht in die ökologischen Gefährdungen im Anthropozän, wie sie sich seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend Resonanz verschafft, die antizipierten Verluste, insbesondere infolge des Klimawandels, erst recht zur Gewissheit.[36] Hier ist die Kalkulation mit Verlusten keine Frage des Präsens, sondern der Zeitform des Futur Zwei: wir werden verloren haben.

Wahr bleibt allerdings auch, dass diese Kombination aus Statusverlusten, Zukunftsverlust und Verlustangst begleitet und konterkariert wird von einer Expansion gesellschaftlich weiterhin äußerst wirkungsvoller Fortschrittsmodelle, die sich in der Spätmoderne jedoch primär auf das Individuum und seine je eigene Lebensführung beziehen. Unterscheidet man mit Hans Blumenberg zwischen Lebenszeit und Weltzeit,[37] stellt sich für die Spätmoderne der Eindruck ein, dass die geschichtsphilosophische Hoffnung auf Fortschritt von der Weltzeit der Weltgesellschaft als einem generationsübergreifenden Kollektiv größtenteils abgezogen wurde, um fortan in die Lebenszeit des Individuums investiert zu werden, nämlich in die dort für möglich gehaltene, biografisch in Angriff zu nehmende Selbstentfaltung und Selbstoptimierung.[38] Unübersehbar wird damit aber auch die Diskrepanz zwischen den erhöhten Ansprüchen eines subjektivierten Fortschritts und einer Realität, die den hochgeschraubten subjektiven Erwartungen an ein verlustfreies Lebensglück widersprechen muss. Diese Diskrepanz zwischen subjektiven Erwartungen gelingender Selbstverwirklichung und gesellschaftlich induzierten Enttäuschungen ist sicherlich nicht der schwächste Grund dafür, dass Verlusterfahrungen in der Gegenwartsgesellschaft eine neue Qualität gewonnen haben. Ohne eine Soziologie des Verlusts wird man also weder die klassische Moderne noch die Spätmoderne begreifen können.

  1. Peter Marris, Loss and Change, London 1974. Zudem gibt es die anregende kulturphilosophische Skizze von Georg Seeßlen, Theorie des Verlustes [3.5.2021], in: Culturemag. Literatur, Musik & Positionen, 4.11.2018. Einen eher mikrosoziologisch orientierten Entwurf liefert Nina R. Jakoby, The Self and Significant Others. Toward a Sociology of Loss, in: Illness, Crisis & Loss 23 (2015), 2, S. 110–128.
  2. Dies ist das Thema der Kultur- und Modernekritik von Anfang an, vgl. etwa Ludger Heidbrink, Melancholie und Moderne. Zur Kritik der historischen Verzweiflung, München 1994.
  3. Glenn Albrecht et al., Solastalgia. The Distress Caused by Environmental Change, in: Australasian Psychiatry 15 (2007), 1, S. 95–98.
  4. Mit Judith Butler könnte man hier auch von sozialen Konflikten um die grievability sprechen, also darüber, was gesellschaftlich ‚bertrauerbar‘ erscheint. Vgl. dies., Frames of War. When Is Life Grievable?, London 2009.
  5. Vgl. dazu Barbara Adam, Time and Social Theory, Cambridge 1990; Andreas Reckwitz, Zukunftspraktiken. Die Zeitlichkeit des Sozialen und die Krise der modernen Rationalisierung der Zukunft, in: ders., Kreativität und soziale Praxis. Studien zur Sozial- und Gesellschaftstheorie, Bielefeld 2016, S. 115–135.
  6. Die Soziologie des Vergessens ist ein eigenes Thema, vgl. Elena Esposito, Soziales Vergessen. Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft, übers. von Alessandra Corti, mit einem Nachw. von Jan Assmann, Frankfurt am Main 2002.
  7. Die klassische Thematisierung der Trauer findet sich in der Psychoanalyse, vgl. Sigmund Freud, „Trauer und Melancholie“, in: ders., Gesammelte Werke, Bd. 10: Schriften aus den Jahren 1913–1917, London 1946, S. 428–446. Trauer ist auch das Thema einer neueren Kulturpsychologie, vgl. etwa Svend Brinkmann, Grief. The Price of Love, übers. von Tam McTurk, Cambridge / Medford, MA 2020.
  8. Ich knüpfe damit wiederum an das praxeologische Forschungsprogramm an, vgl. Andreas Reckwitz, Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive, in: Zeitschrift für Soziologie 32 (2003), 4, S. 282–301.
  9. Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999.
  10. Es existiert hier eine Familienähnlichkeit zu anderen Phänomenen, in denen negative Erfahrungen gemacht werden, so dem Scheitern. Zu diesem Thema vgl. René John / Antonia Langhoff (Hg.), Scheitern. Ein Desiderat der Moderne?, Wiesbaden 2014.
  11. Die Soziologie des Todes ist eines der wichtigsten empirischen Felder, in denen bisher Verlusterfahrungen untersucht wurden. Vgl. etwa Klaus Feldmann / Werner Fuchs-Heinritz (Hg.), Der Tod ist ein Problem der Lebenden. Beiträge zur Soziologie des Todes, Frankfurt am Main 1995. Allerdings ist fraglich, ob Verlust gewissermaßen anthropologisch immer von der vermeintlichen ‚Urszene‘ des Todes her gedacht werden muss. Ich würde den Verlust vielmehr abstrakter von Zeitlichkeit und Negativität als Grundstrukturen ausgehend begreifen.
  12. Hier lässt sich ein Anschluss zu dem herstellen, was Hartmut Rosa jüngst als Unverfügbarkeit thematisiert hat. Vgl. ders., Unverfügbarkeit, Wien/Salzburg 2018.
  13. Unter welchen Bedingungen aus Individuen, die Verluste erleiden, in der kulturellen Repräsentation tatsächlich ‚Verlierer‘ werden, ist eine weiterführende Frage. Offenbar erfasst die Semantik des ‚Verlierers‘ nur eine Untergruppe, nämlich jene, die man für ihren Verlust selbst verantwortlich macht. Mithin unterscheidet sich die Subjektfigur des ‚Verlierers‘ von der des ‚Opfers‘. Zum Thema Verlierer vgl. sozial- und kulturhistorisch Scott A. Sandage, Born Losers. A History of Failure in America, Cambridge, MA 2006.
  14. Dies müsste genauer behandelt werden: Nicht jedes Verlieren ist Verlust. Verlieren – etwa im Spiel – kann ein transitorischer Akt sein, der sich später auch wieder ausgleichen lässt. Verlust bedeutet, dass etwas irreversibel verloren wurde beziehungsweise so wahrgenommen wird.
  15. Ein solches identitätsbezogenes Verständnis von Verlust kann sowohl an Freud als auch an Marris anknüpfen.
  16. Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1979. Dahinter steckt das komplette Erbe der modernen Geschichtsphilosophie. Vgl. Joachim Ritter, Art. Fortschritt, in: ders. / Karlfried Gründer (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 2: D–F, Basel 1972, Sp. 1032–1059.
  17. Vgl. etwa hinsichtlich des Wirtschaftssystems Jens Beckert, Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus, übers. von Stephan Gebauer, Berlin 2018.
  18. Diese Kehrseite hat selbst die Geschichtsphilosophie gesehen, prominent etwa Hegel, vgl. Heidbrink, Melancholie und Moderne, S. 111–116.
  19. Auch der technische Fortschritt wird von Betroffenen durchaus als Erfahrungsverlust wahrgenommen, was ein anhaltendes Thema der Technikgeschichte seit dem 19. Jahrhundert darstellt.
  20. Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt am Main 2005.
  21. Zygmunt Bauman, Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, übers. von Martin Suhr, Frankfurt am Main 1995.
  22. Jeffrey C. Alexander, Trauma. A Social Theory, Cambridge 2015; ders., Cultural Trauma and Collective Identity, Berkeley, CA 2010.
  23. Dies ist mittlerweile ein prominentes Thema psychologischer Therapiepraktiken, vgl. etwa Michaela Huber, Trauma und die Folgen, Paderborn 2020.
  24. François Ewald, Der Vorsorgestaat, übers. von Wolfram Bayer und Hermann Kocyba, Frankfurt am Main 2015; Rebecca Elliott, The Sociology of Climate Change as a Sociology of Loss, in: European Journal of Sociology 59 (2018), 3, S. 301–337.
  25. Vgl. zu diesem juridischen Aspekt Klaus Günther, Ein Modell legitimen Scheiterns. Der Kampf um Anerkennung als Opfer, in: Axel Honneth / Ophelia Lindemann / Stephan Voswinkel (Hg.), Strukturwandel der Anerkennung. Paradoxien sozialer Integration in der Gegenwart, Frankfurt am Main / New York 2012, S. 185–248.
  26. Fredric Jameson, Postmodernism, or, the Cultural Logic of Late Capitalism, London 1991.
  27. Vgl. etwa Alastair Bonnett, The Geography of Nostalgia. Global and Local Perspectives on Modernity and Loss, London 2017.
  28. Vgl. Jan Philipp Reemtsma / Winfried Hassemer, Verbrechensopfer. Gesetz und Gerechtigkeit, München 2002.
  29. Dies gilt gegenwärtig für manche Gruppen in Ostdeutschland – vgl. Steffen Mau, Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Berlin 2019 – oder in den USA, vgl. Arlie Russell Hochschild, Strangers in Their Own Land. Anger and Mourning on the American Right, New York / London 2016.
  30. Vgl. Heinz Dieter Kittsteiner, Wir werden gelebt. Formprobleme der Moderne, Hamburg 2006.
  31. Zu diesem Thema Ulrich Bröckling, Postheroische Helden. Ein Zeitbild, Berlin 2020.
  32. Vgl. David Lowenthal, The Past Is a Foreign Country, Cambridge 1985.
  33. Aleida Assmann, Ist die Zeit ist aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne, München 2013.
  34. Vgl. zu diesem Begriff Christian Ulbricht, Forschungsnotiz: Modernisierungsverlierer – eine Begriffsgeschichte, in: Zeitschrift für Soziologie 49 (2020), 4, S. 265–272.
  35. Vgl. Eva Horn, Zukunft als Katastrophe, Frankfurt am Main 2014.
  36. Zu diesem Diskurs vgl. Eva Horn / Hannes Bergthaller, Anthropozän zur Einführung, Hamburg 2019.
  37. Vgl. Hans Blumenberg, Lebenszeit und Weltzeit, Frankfurt am Main 1986.
  38. Vgl. Andreas Reckwitz, Erschöpfte Selbstverwirklichung: Das spätmoderne Individuum und die Paradoxien seiner Emotionskultur, in: ders., Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin 2019, S. 203–238.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.

Kategorien: Affekte / Emotionen Moderne / Postmoderne Sozialer Wandel Zeit / Zukunft

Andreas Reckwitz

Professor Dr. Andreas Reckwitz ist ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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