Jens Bisky | Zeitschriftenschau |

Aufgelesen

Die Zeitschriftenschau im Dezember 2021

Ausschlaggebend für den Erfolg im Geschäft der Zeitdiagnostik ist nicht zuletzt die Wahl der richtigen Begriffe. Als äußerst vorteilhaft im Kampf um die Deutungshoheit über die Gegenwart erweist sich seit einiger Zeit die Beschreibung gesellschaftlicher Konfliktlagen als Ausdruck einer Auseinandersetzung zwischen Kosmopoliten und Kommunitaristen.[1] Die Angehörigen dieser beiden Gruppen, so die Unterstellung, würden jeweils andere, ihrer sozioökonomischen Position entsprechende Ansichten zu Umverteilung, Minderheitenrechten, Migration, Umweltschutz und Grenzfragen vertreten. Wer sich die Unterscheidung zu eigen macht, dabei die Kosmopoliten Globalisierungsprofiteure und die Kommunitaristen Globalisierungsverlierer nennt, hat sofort das große Ganze im Blick: sozioökonomische wie kulturelle Konflikte, die Lage in den Vereinigten Staaten ebenso wie die in Polen, Deutschland oder Italien. Kaum ein Thema, dass sich auf diese Weise nicht klar strukturieren und einordnen ließe. In der öffentlichen Debatte wurde die These von den zwei Lagern bereits zur Erklärung verschiedenster Phänomene herangezogen, ganz gleich, ob es um Trumps Erfolge, den Brexit, den Aufstieg der AfD oder die Schwäche der Linken ging. Und regelmäßig folgten auf die Diagnose politische Ratschläge zur Neujustierung des Verhältnisses von Interessen- und Identitätspolitik, die je nach Standpunkt mehr Aufmerksamkeit für die eine oder die andere der beiden Sphären forderten. Die Rede von der „neuen Konfliktlinie“ zwischen den „anywheres“ und den „somewheres“ scheint jedenfalls geeignet, das Kuddelmuddel des gelebten Augenblicks so übersichtlich wie alltagsnah zu sortieren. Kein Wunder also, dass die idealtypisch konstruierte These konfligierender Lager sich in den Sozialwissenschaften anhaltender Beliebtheit erfreut. So geht etwa auch Andreas Reckwitz, dessen Klassenanalyse[2] seit einiger Zeit lebhaft diskutiert wird,[3] bei seiner Unterscheidung von alter und neuer Mittelklasse vom Ineinander der sozialen Positionen und Werteorientierungen aus. Aber entsprechen den konstruierten Idealtypen auch identifizierbare Realtypen? Wenigstens Dreierlei wäre zu prüfen: Sind klar abgegrenzte Einstellungskomplexe festzustellen, die der Logik der Öffnung oder Schließung, der Liberalisierung oder Verteidigung des Tradierten, gehorchen? Sind diese Wertorientierungen polarisiert? Und korrelieren diese Einstellungen tatsächlich mit der sozioökonomischen Position?

Diesen Fragen geht eine Studie nach, die das Berliner Journal für Soziologie im November Open Access veröffentlicht hat. In „Neue Ungleichheitsfragen, neue Cleavages? Ein internationaler Vergleich der Einstellungen in vier Ungleichheitsfeldern“ unterziehen Thomas Lux, Steffen Mau und Aljoscha Jacobi die Zwei-Lager-These einer empirischen Überprüfung. Sie fragen nach dem „Zusammenhang zwischen Sozialstruktur und Einstellungen zu gesellschaftlichen Ungleichheiten“ (S. 3). Wer die Abhandlung liest, wird künftig vorsichtiger urteilen, andere Fragen stellen und nicht mehr leichtfertig von einem „kosmopolitischen Oben“ und einem „kommunitaristischen Unten“ reden.

Lux, Mau und Jacobi nutzen zwischen August 2016 und November 2017 erhobene Daten des European Social Survey, in dessen Rahmen alle zwei Jahre Menschen aus vielen europäischen Ländern in Face-to-Face-Interviews zu ihren Ansichten, Einstellungen und ihrer sozialen Position befragt werden. Für sechs Länder – Ungarn, Polen, Italien, Frankreich, Deutschland, Schweden – wurden die Auskünfte zur Bewertung von vier Ungleichheitstypen analysiert. Es geht um „Oben-Unten“, „Innen-Außen“, „Wir-Sie“, „Heute-Morgen“, also um Einkommens- und Vermögensungleichheiten sowie Umverteilung, um Migration und Inklusion in soziale Sicherungssysteme, um die Anerkennung und Gleichstellung nicht-heteronormativer Lebensformen, sowie schließlich um Einstellungen zu Umweltrisiken, Ökologie und Nachhaltigkeit.[4] Für die Einstellungsmessung werden Antworten auf neun Fragen genutzt. Hier sei für jeden Typ nur ein Beispiel genannt: Für die „Oben-Unten-Ungleichheiten“ etwa die Zustimmung zur Aussage, dass der Staat Maßnahmen ergreifen solle, um Einkommensunterschiede zu verringern; für die „Innen-Außen-Ungleichheiten“ die Reaktion auf die Aussage, schwule und lesbische Paare sollten die gleichen Rechte haben, Kinder zu adoptieren. Über Einstellungen zu „Wir-Sie-Ungleichheiten“ gibt neben anderem die Antwort auf die Frage Auskunft, ob Deutschland durch Zuwanderer zu einem besseren oder schlechteren Ort zum Leben werde; und das Ausmaß der Sorge, welche die Interviewten mit Blick auf den Klimawandel zeigen, wird als ausschlaggebend für ihre Einstellungen zu „Heute-Morgen-Ungleichheiten“ angesehen.

Für die Messung der Statuslage wurden vertikale Faktoren wie Bildung, Klassenzugehörigkeit und die subjektive Beurteilung des Haushaltseinkommens herangezogen, aber auch horizontale Faktoren wie Geschlecht und die eigene Einschätzung des Wohnortes als Großstadt, Kleinstadt oder Dorf.

Die Auswertung der Daten und folgende Analysen bestätigen die These von der eindeutigen Polarisierung zwischen Kosmopoliten und Kommunitaristen nicht. Wenn die These sich „nicht lediglich auf diskursive Phänomene, die Parteienlandschaft oder wortstarke Mikromilieus bezieht“, müssten sich klar konturierte Profile abzeichnen: Jenen, „die ökonomische Umverteilung stark stützen, aber sehr zurückhaltend beim Klimaschutz, bei der Aufnahme von Migranten und bei der Anerkennung von Homosexuellen sind“, müssten andere gegenüberstehen, die Migranten positiv sehen, sexuelle Diversität anerkennen, ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein haben, aber wenig Wert auf ökonomische Umverteilung legen (S. 13). In den sechs ausgewählten EU-Ländern ließen sich jedoch „allenfalls zwischen 5 Prozent (Schweden, Frankreich, Deutschland) und 17 Prozent (Ungarn) der Bevölkerung diesen beiden Gruppen zuordnen“ (ebd.). In allen Ländern wäre der größte Teil der Bevölkerung einem „Mischtyp“ zuzuordnen, bei dem beispielsweise „umverteilungsaffine Haltungen mit einem Mix aus befürworteten und ablehnenden Positionen zu den neueren Ungleichheitsthemen einhergehen“ (ebd.). Die Pole seien schwach besetzt, schreiben Lux, Mau und Jakobi, die Daten ließen eine „Zwei-Lager-Welt“ nicht erkennen. Das bleibt auch dann so, wenn man allein die Einstellungen zu den „neuen Ungleichheiten“ berücksichtigt und die Haltung zu „Oben-Unten-Ungleichheiten“ einklammert. Die neuen Konflikte lassen sich also nicht alle „durch die gleiche latente Eigenschaft (,anywheres/somewheres‘, ,Kosmopolitismus/Kommunitarismus‘)“ erklären (S. 15).

Die Welt der Einstellungen zu den vier hier untersuchten Ungleichheiten ist nicht zweidimensional. Was fällt in den einzelnen Ländern auf? Die Ablehnung staatlicher Umverteilung ist überall gering; im Blick auf die Oben-Unten- und die Heute-Morgen-Ungleichheiten sind die „Unterscheide nicht besonders stark ausgeprägt“ (S. 16). Deutlich aber unterscheidet sich das Bild in Bezug auf die Innen-Außen-Ungleichheiten: Schweden sowie, wenn auch etwas schwächer, Deutschland und Polen, zeigen sich eher migrationsoffen, Ungarn und Italien dagegen migrationskritischer. Die stärksten Unterschiede zwischen den Ländern sind im Bereich der Wir-Sie-Ungleichheiten zu beobachten. In Schweden, Deutschland und Frankreich ist eine Mehrheit der Befragten für die Anerkennung sexueller Minderheiten, in Polen und Ungarn dominiert die Ablehnung dieser Anerkennung.

Die Einstellungen der Bevölkerung unterscheiden sich in den sechs Ländern deutlich. Wo aber sind die Statusgruppen zu verorten? Gegenwartsdiagnosen vermuten, dass ökonomische Ungleichheiten vor allem ein Thema der unteren Statusgruppen sind, während diese der Migration kritisch, sexueller Diversität skeptisch und dem Klimawandel desinteressiert gegenüberstehen sollen. Wie kritisch sehen also verschiedene Statusgruppen die unterschiedlichen Ungleichheiten? Regressionsanalysen ergeben Lux, Mau und Jakobi zufolge, dass in allen sechs Ländern die unteren Statusgruppen ökonomische Unterschiede kritischer sehen als die oberen Statuslagen, während dies bei den „neuen Ungleichheitsthemen“ umgekehrt sei (S. 19). Aber: nur bei wenigen Themen könne man „eindeutig von einer statusmäßigen Polarisierung der Einstellungen sprechen“ (ebd.). Am ehesten sei dies „bei den migrationsbezogenen Einstellungen der Fall“ (ebd.). Dabei seien die Haltungen zur Migration besser über die „vertikalen Strukturgeber Klasse, Bildung und Einkommen“ zu erklären als durch die horizontalen „Alter, Geschlecht und Urbanitätsgrad“ (S. 21). Die Einstellungen zu sexuellen Minderheiten dagegen würden stärker über die horizontalen Merkmale strukturiert, eine entscheidende Rolle spiele hier das Alter.

Die vier „Arenen der Ungleichheit“ seien also besser „relativ unabhängig voneinander“ zu betrachten, schlussfolgern Lux, Mau und Jakobi. „Die untersuchten europäischen Gesellschaften lassen sich vor dem Hintergrund der durchgeführten Analysen jedenfalls nicht unisono und holzschnittartig als Konfliktarenen der Kosmopoliten und Kommunitaristen bezeichnen.“ (S. 23) Jede der vier Einstellungsdimensionen ist auf andere Weise sozialstrukturell verankert. Ökonomische Ungleichheit werde von den unteren Statuslagen stärker kritisiert, die oberen Statuslagen stünden den neuen Konfliktthemen progressiver gegenüber; besonders stark sei die Spaltung allein beim Migrationsthema. Der Innen-Außen-Konflikt sei stärker ökonomisch geprägt, beim Wir-Sie-Konflikt spielten horizontale Merkmale eine größere Rolle.

Die Autoren vermuten, dass detailliertere Fragen, etwa zu Vermögenssteuern oder zur inklusiven Sprache, dazu führen könnten, dass sich schärfer konturierte Einstellungen zeigen. Auch stammen die Daten aus den Jahren vor der Fridays-for-Future-Bewegung. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass die Polarisierung in diesem Themenbereich seither zugenommen hat. Dennoch zeige das Ergebnis, dass die politisch und diskursiv zu beobachtende starke Polarisierung „in den Einstellungen nicht in der gleichen Stärke gespiegelt“ werde (S. 25). Bei allen Items ergab die Analyse „einen sozialen Gradienten, aber keine separaten oder auskonturierten Lager“ (ebd.). Anders, als gern vermutet, sei also „nicht sozialstrukturelle Polarisierung“ verantwortlich für Politisierung, vielmehr erweise sich Politisierung als „ein Katalysator der Polarisierung“ (ebd.). Wenn dies stimmt, wären konkrete Konstellationen der Polarisierung zu untersuchen und dabei auch zu fragen, wie die „Zwei-Lager-These“ zu eben jener Polarisierung beiträgt, die sie konstatiert.

Wie unterschiedlichste Individuen auf engem Raum leben und leben lassen, untersuchen Tamir Arviv und Efrat Eizenberg vom Technion Israel Institute of Technology in „Residential Coexistence: Anonymity, etiquette and proximity in high-rise living“. In ihrem Beitrag für die Urban Studies haben sie dazu jüdische und arabische Bewohner eines neuen Hochhauskomplexes in Haifa, Israel, interviewt. Haifa ist die drittgrößte Stadt Israels, sie gilt als „model of tolerance among mixed localities“ (S. 3252). Während ein großer Teil der Juden und Araber in Israel in getrennten, weitgehend homogenen Dörfern und Städten lebt, ist Haifa eine der „mixed cities“, in welche die neue arabische Mittelschicht des Landes gern zieht. Der Hochhauskomplex Ramat Hanasi liegt im Westen der Stadt, er umfasst 18 Wohnblöcke mit je 19 bis 22 Stockwerken, die einen öffentlichen, 20 Quadratkilometer großen Park umschließen, den 2016 eröffneten Butterfly Park. Ein Einkaufszentrum und ein Kindergarten gehören ebenfalls zu dem Komplex, in dem jüdische und arabische Mittelklasse-Familien einen zeitgemäßen, vergleichsweise hohen Wohnstandard genießen. 2018 waren 289 der 2265 Bewohner Araber, das entspricht einem Anteil von 13 Prozent.

Die Autoren fragen, warum und mit welchen Erwartungen die Menschen in den Komplex gezogen sind, welchen – vor allem ungeschriebenen – Normen sie im alltäglichen Zusammenleben folgen und wie sie mit Nähe und Distanz umgehen. 21 Interviews haben sie geführt, acht davon bei Spaziergängen; dazu baten sie die Interviewten, sie durch den Komplex mit Wohnblocks und Park zu führen.

Die ersten der inzwischen 1063 Wohnungen des Ramat Hanasi wurden 2013 bezogen. Die neuen Bewohner fühlten sich angezogen von der guten und vor allem neuen Infrastruktur, die ihnen besser erschien als in ihren bisherigen Wohnvierteln. Im Vergleich zu den Häusern, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren im öffentlichen Wohnungsbau errichtet wurden, sehen viele Israelis in einer neuen Hochhauswohnung ein Zeichen des sozialen Aufstiegs. Für E., einen 39-jährigen Programmierer, erfüllte sich mit dem Umzug ein Mittelschichtstraum. Seine Frau war skeptisch, Ramat Hanasi schien ihr wie der Wilde Westen, aber er war überzeugt davon, hier am richtigen Platz zu sein. Das Paar kaufte eine Wohnung, als diese bloß auf dem Papier existierte. Es sei ein Platz für Leute wie sie, versprach das Marketing, ein Ort für junge Familien, für IT-Leute. E. fühlte sich als Pionier. Ähnlich sah es A., ein 41-jähriger arabischer Moslem, der als Buchhalter arbeitet. Ramat Hanasi war in seinen Augen ein unbeschriebenes Blatt, hier würden er, seine Frau und beider Kinder das Drehbuch für eine bessere Zukunft selber schreiben können, eine Zukunft in Wohlstand und in einer gemischten Gesellschaft. Die arabische Christin M., 29 Jahre alt, zog von Nazareth nach Haifa, in eine Wohnung im Ramat Hanasi. Sie schätzt vor allem, dass alles neu, sauber und friedlich ist, dass sie hier ein anderes, von ihrem früheren deutlich verschiedenes Leben führen kann. Dafür nahm sie den Abschied aus der homogenen arabischen Stadt Nazareth in Kauf. „She is willing to trade a level of ethnic comfort for the values of privacy and individualism. Ramat Hanasi offers her independence from her family and the community in Nazareth in addition to improved residential conditions”, fassen Arviv und Eizenberg M.s Haltung zusammen. Der Aufbruch in das neue Leben im Hochhaus mag mit der räumlichen Trennung vom Herkunftsmilieu einhergehen, vor allem aber bedeutet der Einzug der Pioniere in Ramat Hanasi zugleich die Ankunft in einer sozial weitgehend homogenen Mittelschichtswelt. In dieser können ethnische und religiöse Unterschiede gleichsam eingeklammert werden, weil im alltäglichen Nebeneinander die „common high-rise etiquette“ befolgt wird. Sie beruht auf Normen der Privatheit und Sauberkeit: „keeping to oneself“, „keeping quiet“, „keeping shared spaces clean“ (S. 3254 f.). Die Gestaltung der halb-öffentlichen Räume kommt dem entgegen: In der Lobby stehen ein paar Topfpflanzen und eine dekorative, vom Hinsetzen abschreckende Bank. Eine jüdische Vorschullehrerin berichtet denn auch, dass man beim Warten auf den Fahrstuhl kaum Gelegenheit habe, Nachbarn kennenzulernen. In ihrem früheren Kiez habe man gemeinsam im Hof gesessen. In Ramat Hanasi sei es anders: „Here people are more ,high society‘. They barely say ,hi‘“ (S. 3255).

Die Sterilität der halb-öffentlichen Räume, deren Design das Zustandekommen informeller Begegnungen nicht befördert, und die gelebte Anonymität werden von vielen der Bewohner*innen registriert. Einige schätzen dies außerordentlich, sie wollen ihre Kontakte lieber wählen, als sie dem Zufall zu überlassen; auch fürchten sie, dass Abweichungen oder Regelverletzungen den modernen Schick, Reiz und Wert des Wohnkomplexes gefährden könnten. Eine jüdische Lehrerin, Mutter von drei Kindern, war es aus ihrem früheren Leben gewohnt, Schuhe oder Kleinmöbel für einige Zeit im Korridor abzustellen. In Ramat Hanasi wird dies nicht geduldet, Regelverstöße werden in der Facebook-Gruppe des Gebäudes sofort benannt und angeprangert. Diese Form der Etikette ermöglicht das weitgehend konfliktfreie Zusammenleben von Juden, Arabern und Drusen auf engem oder doch begrenztem Raum. „However you are – Jewish, Arab, Druze – it doesn’t really matter”, sagt ein 34-jähriger jüdischer Ingenieur (S. 3257). Die von allen befolgten Verhaltensregeln spiegeln allein die Werte und den Lebensstil der Mittelschicht wider. Die Welt von Ramat Hanasi ist sozial-ökonomisch exklusiv und zugleich in ethnischer und religiöser Hinsicht inklusiv.

Begegnungen sind möglich, sie ergeben sich etwa im Park, wo die Eltern den Kindern beim Spielen zusehen und dabei ins Plaudern kommen, aber jede und jeder kann sich dafür oder dagegen entscheiden. Eine 50-jährige jüdische Buchhalterin fasst ihre Erfahrungen so zusammen: „Now we have all kinds of people, the whole Israeli ordeal: Arabs, new immigrants, people who cannot afford buying, so they rent here. And we all get along because we live and let live. I think this is part of why it works. Israeli society can learn from us. If I want to get closer to people, there are ways of doing that here: Facebook, going to the park, talking to people. The point is that there is no pressure to get along. That’s why people get along” (S. 3260). Die Autoren wollen mit ihrer Studie auch für einen genaueren, weniger voreingenommenen Blick auf die Anonymität in großen Wohnkomplexen werben. Anonymität, so ihre Botschaft, müsse nicht notwendig mit Einsamkeit und Isolationsstress einhergehen, sondern könne – unter noch genauer zu untersuchenden Bedingungen – einen ebenso friedlichen wie selbstbestimmten Umgang mit räumlicher und sozialer Nähe ermöglichen.

Es gibt „Wörter, die man benutzt, wenn man gar nicht so genau weiß, wovon man redet, aber sicher sein will, dass das Gesagte trotzdem eindrucksvoll klingt“, schreibt der Historiker Daniel Schönpflug im Winterheft der Zeitschrift für Ideengeschichte, das ein kleines, aber feines „Wörterbuch der weitschweifigen Begriffe“ enthält. Es reicht von „Ambivalenz“ über „Diskurs“ bis hin zu „Wissenschaft, empirische“. Verfasst haben die offenkundig auf Ergänzung angelegte Auswahl acht Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen. Die Einträge sind durchgehend unterhaltsam, sie werfen ein grelles Licht auf den akademischen Imponierjargon der Gegenwart. Die Germanistin Juliane Vogel etwa nimmt sich der Adjektive „anregend“, „sexy“ und „spannend“ an, „die ein hohes Maß an Anerkennung ausdrücken, ohne sich hinsichtlich des Anerkannten näher festzulegen“ (S. 105). Man nutze sie aus Bequemlichkeit, ohne sich damit Begründungszwängen oder geistiger Anstrengung auszusetzen. Gesprochen würden sie aus einem tiefen „Gefühl von Desinteresse“ heraus (ebd.). „Anregend“, „sexy“, „spannend“ – diese Wörter verdankten ihre Karriere „der Tatsache, dass sie sachbezogene Äußerungen durch weiträumige Vagheiten ersetzen“ (S. 107). Das Wörterbuch überzeugt, weil es an die Stelle des bloß klagenden Besserwissens den Versuch setzt, Erfolge und Nutzen der „weitschweifigen Begriffe“ zu verstehen und sogar Unabgegoltenes in ihnen ausmacht: Vielleicht träumt, wer „spannend“ sagt, den alten Traum der Achtundsechziger, „die das Betreiben von Wissenschaft und den Wunsch nach sinnlicher Intensität für vereinbar“ hielten (ebd.).

Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger betrachtet die „Evaluation“ phänomenologisch, historisch, kulturanthropologisch-ritualtheoretisch und schließlich sakramentaltheologisch. Ohne Rückgriff auf die katholische Sakramentenlehre bleibe die der „Evaluation eigene Gnadenwirkung“ unverstanden. Evaluation, so sie denn korrekt vollzogen werde, bewirke, was sie bezeichne (efficit quod figurat). So verstanden erscheint die Evaluation als „ein performativer Akt mit heilsvermittelnder Wirkung“: „die Verkündigung des Evaluationsergebnisses“ erzeuge „als Konsekrationsformel die akademische Exzellenz“; das „Mysterium der Evaluation“ wirke „aus sich selbst heraus (ex opere operata); die Wirksamkeit trete „unabhängig von der sittlichen Verfassung der evaluierenden Personen aufgrund des korrekten Vollzugs durch das dazu autorisierte Evaluationsgremium ein“ (S. 116). Nur Häretiker zweifelten daran und untergrüben damit den allein selig machenden „Glauben an die wirklichkeitserzeugende Kraft der akademischen Institutionen“ (ebd.).

Wer dieser Deutung gegenüber ambivalente Gefühle hegt, kann sich im Wörterbuch vom Staatsrechtler Florian Meinel davon unterrichten lassen, dass der Aufstieg der „Ambivalenz“ zum „Grundbegriff der Gegenwart“ wahrscheinlich das „Zeichen einer Epochenschwelle“ ist: „Ende der trente glorieuses und des Ost-West-Gegensatzes, reflexive Modernisierung, Gesellschaft der Singularitäten“ (S. 103). Auf dieser Schwelle erscheine „Ambivalenz“ als „Dialektik ohne Logik und Geschichtsphilosophie“, als „Komplexität ohne System“, „Antiextremismus ohne totalitäre Extreme“ und „Ironie ohne bürgerliche Öffentlichkeit“.

Etwas fehlt immer, mag man resigniert denken – und auf das kommende Jahr hoffen, in dem die Begriffe treffend und die Feste ausschweifend sein mögen.

 

  1. „Auf der einen Seite“, so der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel 2017, „sammeln sich die Kosmopoliten als Grenzöffner und Vertreter universeller Menschenrechte. Kosmopoliten sind die Globalisierungsgewinner, besser gebildet und ausgestattet mit mobilem Human-, Sozial- und Kulturkapital. Auf der anderen Seite stehen als tendenzielle Globalisierungsverlierer die Kommunitaristen mit vergleichsweise niedriger Bildung, geringerem Einkommen und lokal stationärem Human-, Sozial- wie Kulturkapital. (…) Die ökonomische und kulturelle Konfliktdimension überlappen sich in hohem Maße.“ Wolfang Merkel, Kosmopolitismus versus Kommunitarismus. Ein neuer Konflikt in der Demokratie, in: Philipp Harfst / Ina Kubbe / Thomas Poguntke (Hg.), Parties, governments and elites. The comparative study of democracy, Wiesbaden 2017, S. 9–23, hier S. 9.
  2. Vgl. Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017; ders., Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin 2019.
  3. Vgl. u. a. die Beiträge in Heft 1/2021 und Heft 2/2021 des Leviathan.
  4. Mit den „Heute-Morgen-Ungleichheiten“ erweitern die Autoren ihre 2020 entwickelte Typologie. Vgl. Steffen Mau / Thomas Lux / Fabian Gülzau, Die drei Arenen der neuen Ungleichheitskonflikte. Eine sozialstrukturelle Positionsbestimmung der Einstellungen zu Umverteilung, Migration und sexueller Diversität, in: Berliner Journal für Soziologie (30) 2020, 3–4, S. 317–346.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Gesellschaft Kultur Methoden / Forschung Normen / Regeln / Konventionen Soziale Ungleichheit Sozialstruktur Stadt / Raum Universität Wissenschaft

Jens Bisky

Dr. Jens Bisky ist Germanist und arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteur der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis. (Foto: Bernhardt Link /Farbtonwerk)

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