Nikolas Kill | Zeitschriftenschau |

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Die Zeitschriftenschau im November 2022

„To get a handle on the current position of the left, at a global level, it may be useful to start by comparing this century to the last.“ Mit dieser Arbeitshypothese beginnt Göran Therborn seinen Essay „The World and the Left“ (New Left Review, 4/2022).[1] Darin versucht der Soziologe aufgrund einer lesenswerten Skizze welthistorischer Entwicklungen die Voraussetzungen gegenwärtiger linker Politik aus postmarxistischer Perspektive zu deuten. Dabei richtet er den Blick auch auf Gemeinsamkeiten und Verbindungen zwischen antikapitalistischen Protesten, ökologischen Bewegungen und den Emanzipationsbewegungen indigener Bevölkerungen. Wie in marxistischer Tradition naheliegend, versucht Therborn, gegenwärtige politische Kämpfe in eine weltgeschichtliche Erzählung einzubetten.

Das 20. Jahrhundert sei vom industriellen Kapitalismus und dem kapitalistischen Kolonialismus geprägt gewesen – „two systemic dialectics“: „,Dialectical‘ in the sense that the development of each system served to strengthen its exploited part: here, the working classes and the colonized peoples“ (S. 23). Im 21. Jahrhundert sei eine solche Dynamik nicht zu beobachten.

Diese These entfaltet Therborn im Rückblick auf das „dialektische Jahrhundert“: „The dialectics of industrial capitalism and capitalist colonialism were remarkably similar“ (S. 27). Beide hätten eine neue soziale Schicht geschaffen, die für die Funktion des Systems unerlässlich war und als unterworfene Kraft zugleich die Potenz besaß, sich dem System entgegenzustellen. Eine besondere Bedeutung misst Therborn den physischen Orten bei, an denen sich Fabrikarbeiter und Kolonisierte unterschiedlicher Herkunft begegnen konnten. Als solche zieht er die Fabrik auf der einen und auf der anderen Seite das colonial college heran, an dem eine „intelligentsia“ auf die Beamtenkarriere vorbereitet wurde und dabei mit den Institutionen der Kolonialmächte – Nationalstaat, nationaler Unabhängigkeit, politischen Parteien, Volksvertretung, Demokratie – vertraut wurde (S. 27 f.). Beide Orte stellten aus Therborns Sicht die Grundlage für gemeinsame Erfahrungen und die Herausbildung einer Identität in Opposition zur jeweils unterdrückenden Macht dar.

Im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts erreichten sowohl die Entwicklung des Industriekapitalismus als auch der politische Einfluss der Arbeiterklasse in den westlichen Industriestaaten ihren Höhepunkt (S. 32 ff.), bevor der Neoliberalismus den wohlfahrtsstaatlichen Keynesianismus als gesellschaftsökonomisches Paradigma abzulösen begann. Therborn deutet diesen historischen Scharnierpunkt als „situation of impasse and exhaustion“ (S. 34) – gekennzeichnet durch die Sackgasse, in der sich das Modell der Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild wiederfand, und die Erschöpfung der Arbeiterbewegung auf dem Gipfel der industriekapitalistischen Entwicklung.

Die Linke im 21. Jahrhundert

Dem Neoliberalismus bescheinigt Therborn zwar eine große Resilienz, dennoch neige sich, so der inzwischen wenig überraschende Befund, nach vier Jahrzehnten seine Hegemonie ihrem Ende zu. Dazu hätten drei Entwicklungen maßgeblich beigetragen: die Finanzkrise, der Staaten im Zentrum des globalen Kapitalismus mit Austeritätspolitik begegneten, was zu Protesten führte, die Therborn unter dem Schlagwort der „indignados“ subsumiert; der fulminante Aufstieg Chinas und der damit einhergehende Schwenk hin zu einer protektionistischen geopolitischen Ausrichtung der USA – eingeläutet durch Donald Trump und fortgeführt von Joe Biden; schließlich Klimawandel und Pandemie, die beide ähnlich eindringlich die Unzulänglichkeit der Märkte im Umgang mit den drängenden Herausforderungen des Jahrhunderts vor Augen geführt haben (S. 36 f.).

Aber der neue digitale Finanzkapitalismus (‚digital-financial capitalism‘) bringt, anders als der Industriekapitalismus, aus dem er hervorgegangen ist, nicht seine eigenen Widersacher hervor. Die Proteste der indignados seien eher von Outsidern ausgegangen und auch in den geopolitischen Widersprüchen lasse sich kein dialektischer Prozess beobachten, der tendenziell den ‚ausgebeuteten und unterdrückten‘ Teil (‚the exploited and the oppressed‘) stärke (S. 37 f.). Lediglich das katastrophenerzeugende Vermächtnis des 20. Jahrhunderts habe die Gegenwart geerbt.

Zugleich warnt Therborn linke Zeitdiagnostik davor, den Blick allein auf die gegenwärtigen Krisenherde des Kapitalismus zu richten:

„Any analysis that focuses solely on the supposedly lethal crises of capitalism, ignoring possible disruptive agents, is looking at the world from a windowless ideological attic.“ (S. 38)

Ausgehend von seiner weltgeschichtlichen Skizze sowie im Anschluss an Ernesto Laclau und Chantal Mouffe[2] entwickelt Therborn eine Heuristik, um Instrumente, Funktionsmodi und nicht zuletzt die Adressaten gegenwärtiger linker Politik im Vergleich zur Linken des 20. Jahrhunderts besser zu verstehen.

Kinds of Left Politics
Tabelle: "Kinds of Left Politics", New Left Review

In Europa hätten Podemos (Spanien), SYRIZA (Griechenland) oder La France Insoumise (Frankreich) gezeigt, inwiefern die Grenzen zwischen Partei, Wählerschaft und sozialer Bewegung verschwimmen können. Auch Jeremy Corbyn und Bernie Sanders standen für einen neuen Bewegungscharakter linker Politik, aber auch deren Bedeutung sei schon weitgehend abgeklungen. Grund zur Hoffnung biete aus linker Perspektive vor allem der Blick nach Südamerika.

In Anbetracht jüngster linker Wahlerfolge in Mexiko, Peru, Chile, Kolumbien oder zuletzt in Brasilien wurde dieses Jahr eine Wiederauferstehung der pink tide ausgerufen[3] – der „Strömung“, die zur Jahrtausendwende einige linke Regierungen in Südamerika an die Macht trug (etwa 1998 in Venezuela, 2003 in Brasilien, 2006 in Bolivien und ein Jahr später in Argentinien). Aus linker Sicht sind das gute Nachrichten. Andererseits sahen sich gerade in Südamerika linke Wahlsieger:innen nach Amtsantritt dazu veranlasst, ihren Kurs zu mäßigen, Gabriel Boric in Chile etwa oder Pedro Castillo in Peru. Oder aber sie kamen bereits im Wahlkampf der „Mitte“ weit entgegen, was ihren verteilungspolitischen Spielraum erheblich einzuengen droht. So müsste die Nominierung des als besonders unternehmerfreundlich geltenden Geraldo Alckmin für das Amt des Vizepräsidenten durch den frisch wiedergewählten Lula in Brasilien gelesen werden (S. 64).

Die Weltgeschichte in der Literatur

Ebenfalls in der Herbstausgabe der New Left Review fragt der Literaturwissenschaftler Edward King, was Beschreibungen des politischen Geschehens auf anderen Kontinenten über die Selbstbilder westlicher Gesellschaften verraten. In seiner Abhandlung zum ‚welthistorischen Roman‘ (,The World-Historical Novel‘) liest er den politischen Roman Nostromo (1904) des polnisch-britischen Schriftstellers Joseph Conrad[4] als Prototyp einer neuen Form historischer Fiktion, welche die globalen wirtschaftspolitischen Verschiebungen und Umbrüche des 20. Jahrhunderts widerspiegelt.[5]

King schließt programmatisch an Georg Lukács‘ berühmte Studie über den „historischen Roman“ an.[6] Die Studie zeichne nach, wie die Form des historischen Romans in den Werken von Walter Scott, Balzac und Tolstoi ihren Zenit erreichte, im Zeitalter der Industrialisierung wie der Nationalstaaten und eines geschärften Bewusstseins dafür, dass Gesellschaftsformen das Produkt historischer Kämpfe sind (S. 127). Während der historische Roman Übergänge von feudalen zu kapitalistischen Verhältnissen, von Clan-Kulturen zu bürgerlichen Nationalstaaten thematisierte – und sich in der Regel innerhalb von deren Grenzen bewegte –, setzt sich die von King erkundete Form mit transnationalen Kapitalströmen und revolutionären antikolonialen Bewegungen auf verschiedenen Kontinenten auseinander (ebd.).

Wie bereits in Göran Therborns weltgeschichtlicher Skizze wird das Neue hier vor dem Hintergrund des Alten beleuchtet. Im 19. Jahrhundert waren es noch primär Liebes- und Abenteuerromane, die den Blick in die Ferne richteten, auf heroische Protagonisten, die sich in fremden Umgebungen und gegen einheimische Widersacher Reichtum sicherten – gewissermaßen an der Peripherie des Weltsystems (S. 128).

Während Großbritanniens hegemonialer Status als Knotenpunkt des Weltsystems gegen Ende des 19. Jahrhunderts infrage gestellt wurde, begleiteten, so die These Edward Kings, neue literarische Erzählungen über das empire und den globalen Kapitalismus die geopolitische Verschiebung. Gegenüber dem historischen Roman finde eine doppelte Verlagerung statt – sowohl auf geographischer Ebene als auch in Bezug auf die den Roman prägende Geschichtsauffassung.

Schauplatz des Romans Nostromo ist die „imaginäre (aber wahre)“ (S. 129) Küstenprovinz von Sulaco, in der südamerikanischen Republik Costaguana. Die Handlung spielt zum größten Teil im Mai 1890: Das Regime von „Präsident-Diktator“ Don Vincente Ribiera wird von einem Militärführer bedroht, der versucht, in Sulaco einzumarschieren, um sich die Schätze der dortigen Silbermine zu sichern. Dies zu verhindern, heuert Charles Gould, der britische Minenbesitzer und Unterstützer von Ribiera, seinen italienischen Vorarbeiter Nostromo sowie einen lokalen Separatistenführer an, um das Silber rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Auf dem Weg zu einem sicheren Hafen stoßen sie allerdings mit den vordringenden Schiffen eines anderen abtrünnigen Militäroffiziers zusammen, was das Duo dazu veranlasst, das Silber auf einer nahegelegenen Insel zu verstecken.

King verweist auf die Beobachtung des Literaturwissenschaftler Franco Moretti,[7] dass der klassische historische Roman die Eingliederung der inneren Peripherie in die größere Einheit des Staats nachzeichne (S. 133). In Nostromo dagegen werde die Konstellation von Peripherie und Zentrum durcheinandergewürfelt. Soziale Aufstiegsmöglichkeiten und ökonomische Entwicklungen in der Peripherie üben einen eigenen Reiz auf die Zentren finanziellen, politischen und kulturellen Kapitals – San Francisco, London oder Paris – aus (S. 134).

Die Republik Costaguana wird einerseits als moderne Gesellschaft beschrieben, in der globale Kapitalströme sich als Investitionen in die lokale Bergbauwirtschaft materialisieren und beispielsweise den Ausbau des Schienennetzwerks ermöglichen (S. 130). Der Ausbau einer modernen Infrastruktur bestehe und kontrastiere folglich mit traditionellen gesellschaftlichen Beziehungen, selbst ein Erbe der (prä)kolonialen Vergangenheit. Edward King greift in seiner Analyse auf das Konzept der adventure-time zurück, mit dem der Literaturwissenschaftler Michail Bachtin eine literarische Temporalität der ‚willkürlichen Kontingenz‘ (‚random contingency‘) beschrieb (S. 136). Eine Minute trennt hier Welten, denn das Fenster des Abenteuers öffne sich nur einen Augenblick. Diese Plötzlichkeit spiele auch in Nostromo eine wichtige Rolle. Während die mit ihr verbundene Temporalität in der Abenteuerliteratur noch eine ideologische Funktion erfüllt – Phileas Fogg beispielweise wird nach seiner Reise um die Erde in 80 Tagen mit 20.000 Pfund Sterling für seine Mühen belohnt[8] –, ist sie im welthistorischen Roman, wie Edward King ihn versteht, von einer solchen Funktion befreit (S. 137). Am deutlichsten zeige sich das unmittelbar nach dem erlittenen Schiffsbruch, den zwei Abenteurern fehlt jede verbindende Idee:

„There was no bond of conviction, of common idea; they were merely two adventurers pursuing each his own adventure, involved in the same imminence of deadly peril. Therefore they had nothing to say to each other.“ (ebd.)

Die eingegangenen Gefahren werden weder durch gesellschaftliche Anerkennung noch durch Reichtum belohnt. Laut King werde der Abenteuerroman auf diese Weise von seinem ideologischen Inhalt befreit, sodass die den Fantasien zugrundeliegenden materiellen Interessen und sozialen Beziehungen offengelegt werden.

Das Schillern der Monstrosität

Darstellungen des Fernen oder der Alterität, von Dingen, die Gesellschaften an ihrem Rand (oder auch jenseits davon) verorten, können Hinweise auf die Beschaffenheit der Gesellschaft selbst liefern, auf ihre Vorstellungswelten, auch die Erzählungen, kraft derer die Wirklichkeit konsistent scheint. In dieser Hinsicht können auch sensationelle Ereignisse von soziologischem Interesse sein, die zu den latenten gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen querliegen und sich nicht so leicht und umstandslos gängigen Kategorien zuordnen lassen. Im Französischen tragen sie den Namen ,fait divers‘ und zeichnen sich dadurch aus, dass sie dem Alltagsleben entstammen und ihnen eine größere gesellschaftliche Tragweite nicht attestiert wird.[9] Oft handelt es sich um Kriminalfälle, jedoch können auch Unfälle oder die Geburt von Vierlingen als fait divers firmieren.[10] In der November-Ausgabe der französischen Zeitschrift Critique (12/2022) zeichnet die Literaturkritikerin Blanche Cerquiglini die Geschichte dieser Erzählform in einem Aufsatz nach („Le fait divers ou la monstruosité ordinaire“).[11]

Während er im 19. Jahrhundert entstand und Zeitungen hohe Verkaufszahlen bescherte, habe sich der fait divers seitdem nahtlos an die gegenwärtigen Kulturformate angepasst: in Filmen und Fernsehserien, sozialen Medien oder Dokumentationen und Doku-fiktionen, die ungelöste Fälle neu aufrollen, und nicht zuletzt in der herkömmlichen Form des Romans (S. 884). An diese Ausgangsbeobachtung knüpft Cerquiglini die Frage, was die gesellschaftliche Faszination für den fait divers in seiner kriminellen Form ausmacht.

Da sei einerseits die mythische Figur des Mörders als Verkörperung des Bösen, die ein plötzliches ‚Eindringen‘ (‚irruption‘) des Monströsen in den Alltag darstellt und in seinen sensationellen wie unscheinbaren Erscheinungsformen fasziniert, während die Figur des Opfers Mitgefühl hervorruft und in den Identifikationsmöglichkeiten, die sie den Rezipienten bietet, eine besondere Wirkungskraft entfaltet.

Cerquilignis Kulturgeschichte des faits divers beginnt beim mittelalterlichen Klagelied, aus dem die Kriminalberichterstattung (‚chronique criminelle‘) hervorgegangen sei (S. 886). Mit der Verlagerung zum Kriminalfall verändert sich allmählich auch der Inhalt des fait divers: weg vom persönlichen Schicksal und hin zum Verbrechen, von der ersten in die dritte Person (ebd.). Somit wurde der fait divers prosaisch und damit zum Terrain des Romanciers. Schriftsteller strebten dabei häufig eine Umkehr der öffentlichen Meinung (‚retournement d’opinion‘) an – ob angesichts von Justizskandalen wie im Fall von Voltaires Die Affäre Calas[12] oder hinsichtlich der Todesstrafe wie in Victor Hugos Der letzte Tag eines Verurteilten[13] (S. 889). Als Prototyp eines mittels journalistischer Recherche aufgearbeiteten fait divers führt Cerquiligni Truman Capotes Nacherzählung der brutalen Ermordung einer Familie 1959, tief im westlichen Kansas an: In Cold Blood,[14] eine „typisch amerikanische Fabel“ (S. 887). In diesem Beispiel zeige sich, dass die Erzählung des fait divers die Angelegenheit der Polis ist: Sie ist die Projektionsfläche, an der sich grundlegende gesellschaftliche Fragen verhandeln lassen – Fragen nach Gerechtigkeit, Rückfälligkeit, Geisteskrankheit, strafrechtlicher Unverantwortlichkeit und letztlich auch universelle Fragen nach dem Umgang mit Alterität oder dem Platz des Einzelnen in der Gemeinschaft. „Der fait divers ist eine Art die Realität wiederzugeben, eine Grammatik und eine Rhetorik des Realen.“ (S. 887)

Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty hob die Schaulust als Schlüsselmoment des fait divers hervor, ein Begehren, das Spektakuläre oder Monströse zu sehen und darüber zu sprechen.[15] In diesem Sinn existiere der fait divers nur auf kollektive Weise (S. 887). Aus soziologischer (wie aus literarischer) Perspektive sind die interessantesten Fälle gerade die ungelösten Kriminalfälle. Leserinnen und Zuschauer seien geneigt, selbst den Ermittlungsfaden aufzunehmen und über Tatablauf und Täter zu spekulieren (S. 892).

An dieser Stelle blitzt auch der makabre Stellenwert des faits divers in einer massenmedial verfassten Aufmerksamkeitsökonomie auf. „Le fait divers fait diversion“ schrieb Pierre Bourdieu und prangerte ein der Fernsehberichterstattung innewohnendes Ablenkungsmoment an[16] – durch den fait divers werde das Anekdotische und der Voyeurismus dem Politischen vorgezogen (S. 895). Cerquiligni geht schließlich auf zwei Fälle ein, für deren Beschreibung der Begriff „faits divers“ ungeeignet erscheint: Der erste ist der Tod Malik Oussekines, eines jungen Studenten, der 1986 am Rande von Studentenprotesten von Pariser Polizisten zu Tode geschlagen wurde. Der Fall – dieses Jahr von Disney im Format einer Miniserie erzählt[17] – etablierte den Begriff „Polizeigewalt“ (,violences policières‘) im Sprachgebrauch und schärfte in dieser Hinsicht das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit (S. 895). Der zweite ist die Geschichte des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi, der sich angesichts des Elends in der landwirtschaftlich geprägten Region Sidi Bouzid selbst in Brand setzte und dessen Suizid als Auslöser des Arabischen Frühlings gilt. Beide Ereignisse reichen – weit über das Makabre oder Anekdotische hinaus – in die Sphäre des Politischen, wodurch der Begriff fait divers wieder obsolet werde (ebd.).

Der fait divers irritiert vorübergehend und verrät etwas über die Normalitätsvorstellungen einer Gesellschaft. Soziologische Zeitdiagnostik müsste ein Interesse haben an diesen eigentümlichen und vermeintlich belanglosen Ereignissen.

  1. Göran Therborn, „The World and the Left“, in: New Left Review, 62. Jg., 4/2022, S. 23–73.
  2. Vgl. etwa Ernesto Laclau / Chantal Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus [1985], übers. von Gerd Vorwallner, Wien 2020.
  3. Zum Beispiel: Steven Grattan, Latin America's 'pink tide' leaders congratulate Brazil's Lula on election win, in: Reuters, 30. Oktober 2022.
  4. Joseph Conrad, Nostromo [1904], übers. von Ernst Wolfgang Freissler, Berlin 2022.
  5. Edward King, „The World-Historical Novel“, in: New Left Review, 62. Jg., 4/2022, S. 127–140.
  6. Georg Lukács, Der historische Roman, Berlin 1955.
  7. Franco Moretti, Atlas of the European Novel, 18001900, London / New York 1999.
  8. Jules Verne, In 80 Tagen um die Welt [1973], übers. von Gisela Geisler, Ditzingen 2021.
  9. Siehe zum Beispiel den Eintrag zu „fait divers“ in der Enzyklopädie Larousse; Da sich der Begriff nur umständlich ins Deutsche übersetzen lässt, wird im Folgenden der französische Begriff verwendet. Eine wortwörtliche Übersetzung lautet: „diverse Tatsachen“; die entsprechende Zeitungsrubrik im deutschsprachigen Raum wäre wohl „Panorama“ oder „Vermischtes“.
  10. Zum Beispiel: o.A., „Frau bringt Vierlinge zur Welt“, in: Spiegel Online, 7. Januar 2021.
  11. Blanche Cerquiligni, „Le fait divers ou la monstruosité“, in: Critique, 75. Jg., S. 884–897.
  12. Voltaire, Über Toleranz. Aus Anlass des Todes von Jean Calas [1763], übers. von Ulrich Bossier, Ditzingen 2020.
  13. Victor Hugo, Der letzte Tage eines Verurteilten [1829], übers. von W. Scheu, Zürich 2006.
  14. Truman Capote, Kaltblütig [1966], übers. von Thomas Mohr, Zürich 2013.
  15. Maurice Merleau-Ponty, „Sur le fait divers“, in: Signes, S. 388–391, Paris 1960.
  16. Pierre Bourdieu, Über das Fernsehen, übers. von Achim Russer, Frankfurt am Main 1998.
  17. Oussekine. Disney+ 2022.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.

Nikolas Kill

Nikolas Kill ist Soziologe. Er arbeitet als Volontär in der Redaktion der Zeitschrift Mittelweg 36 und des Internetportals Soziopolis am Hamburger Institut für Sozialforschung.

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