Stephanie Kappacher | Zeitschriftenschau |

Aufgelesen

Die Zeitschriftenschau im September 2021

In den aktuellen WSI-Mitteilungen, 74. Jahrgang, 4/2021 verleiht der Münchener Arbeits- und Organisationssoziologe Hans J. Pongratz einer Sorge Ausdruck: In Anbetracht der zunehmenden Digitalisierung seien die bedenklichen Praktiken von Crowdworking-Plattformen wie Lieferando oder Helpling in letzter Zeit zwar intensiv diskutiert und teilweise auch beforscht worden, jenseits der Gig Economy aber erfahre die Digitalisierung der Personalrekrutierung trotz voranschreitender Expansion bislang kaum Aufmerksamkeit. Obwohl der wachsende Einfluss privatwirtschaftlicher Akteure und deren Verfügung über ein beständig wachsendes Datenmaterial eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung darstellten, seien Bestrebungen zu ihrer Regulierung bislang weder von Seiten staatlicher Arbeitsmarktinstitutionen noch von Interessenvertretungen der Erwerbstätigen erkennbar. Dabei, so Pongratz, schickten sich die Unternehmen der digitalen Beschäftigungsindustrie an, die Bedeutung von Arbeitskraft im Kapitalismus neu zu definieren.

Wie mittlerweile in fast allen Lebensbereichen ist auch bei der Jobsuche das Internet die erste Anlaufstelle. Das stark im Wandel begriffene und noch sehr unübersichtliche Feld der sogenannten digitalen Beschäftigungsindustrie[1] umfasse laut Pongratz nicht nur die Vermittlung klassischer Anstellungsverhältnisse, sondern biete auch atypische Beschäftigungsformen wie Leiharbeit oder Minijobs sowie selbstständige Aufträge an. Akteure dieser Industrie seien Plattformen der Gig Economy, über die Arbeitsaufträge online vergeben werden (insbesondere Fahrdienste wie Uber), sowie Plattformen für die Stellensuche (Indeed, Monster) und Online-Karrierenetzwerke wie Xing oder LinkedIn. Die Attraktivität dieser Plattformen hänge maßgeblich von der Anzahl ihrer Nutzer*innen ab, so dass mittels eines offenen Zugangs und kostenloser Leistungen versucht werde, möglichst viele Personen zur Anmeldung zu bewegen. Anmeldungen allein erzielen jedoch noch keinen Gewinn. Umsatz werde über kostenpflichtige Dienstleistungen generiert, etwa die gebührenpflichtige Vermittlung von Arbeitsaufträgen oder Schaltung von Anzeigen via cost-per-click-Verfahren.[2]

Es sei, wieder einmal, die Digitalisierung, die den Dienstleistungsunternehmen der Beschäftigungsindustrie eine Ausweitung ihrer Tätigkeiten ermöglicht habe: Statt nur bloße Informationen über offene Stellen beziehungsweise qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung zu stellen, böten sie beispielsweise das sogenannte Matching an, bei dem konkrete Personen und Stellenangebote auf Basis umfangreicher Daten mittels algorithmischer Verfahren zusammen gebracht werden. Darüber hinaus beobachtet Pongratz zwei weitere Entwicklungen: Zum einen offerierten die Plattformen ihren Unternehmenskunden vermehrt, die ihnen aus den Nutzer*innenprofilen zur Verfügung stehenden Daten für spezifische Auswertungen, beispielsweise regionale Arbeitsmarktanalysen, zu nutzen. Zum anderen kombinierten und bündelten die Plattformen verschiedene Bezahlangebote. Ein eindrückliches Beispiel für ein die bestehenden Dienstleistungen ergänzendes Angebot sei das so genannte Cybervetting, bei dem Bewerber*innen nicht nur auf ihre fachliche Eignung hin überprüft werden, sondern mittels Auswertung etwaiger Social Media-Profile auch im Hinblick auf ihre persönliche Eignung und Glaubhaftigkeit bewertet werden.

Um die aus derlei Entwicklungen resultierenden Potenziale und Risiken abschätzen zu können, müssten laut Pongratz, auch deren Rahmenbedingungen beleuchtet werden. Denn selbst wenn die Arbeitsmärkte in den hoch technologisierten Ökonomien des globalen Nordens in staatlicher wie tarifpolitischer Hinsicht unterschiedlich stark reguliert seien, sei die in den vergangenen Jahrzehnten zunehmende Tendenz der Marktliberalisierung – und damit auch der Deregulierung – nicht von der Hand zu weisen. So werde in Deutschland seit Mitte der 1990er-Jahre statt der früher üblichen unbefristeten Vollzeitanstellung immer häufiger befristet oder in Teilzeit, gern auch als Minijob, angestellt oder gleich über Leiharbeit atypisch beschäftigt. Hinzu käme ein aufgrund von Fachkräftemangel in Gang gesetzter Wandel in der Personalrekrutierung: Statt Stellen auszuschreiben und auf Bewerber*innen zu warten, sei ein wahrer „war for talent“ (S. 267) ausgebrochen, in dessen Folge die Rekrutierenden mittlerweile – überwiegend über die sozialen Medien – aktiv auf potenzielle Kandidat*innen zugingen. Und auch die Rolle der globalen Zeitarbeitsbranche sei für diese Entwicklungen zentral: Mit einem weltweiten Gesamtumsatz von 457 Milliarden Euro im Jahr 2017 komme den Zeitarbeitsunternehmen eine enorme Wirtschaftsmacht zu, mittels derer sie seit Jahrzehnten eine Interessenpolitik mit dem Ziel der Ausweitung des eigenen Handlungsfelds vorantreiben und die mit Zeitarbeit verbundene Prekarität positiv als „Flexicurity“ (S. 268) framen würden.

Vor dem Hintergrund dieses grundsätzlichen Wandels der Beschäftigungsindustrie sei bisher zwar nicht vorherzusehen, wie genau sich der Einfluss der via Internet zur Verfügung gestellten Personaldienstleistungen und Online-Plattformen gestalten werde, Pongratz führt jedoch drei überzeugende Argumente dafür an, ihre Rolle besser nicht zu unterschätzen:

Erstens die bereits angeklungene Expansionsdynamik von privatwirtschaftlichen Vermittlungsdiensten. Schließlich habe sich im Zuge der Digitalisierung nicht nur die bloße Anzahl von Anbietern erhöht, auch das Angebotsspektrum habe sich über bloße Stellenanzeigen hinaus ausdifferenziert, etwa mit Plattformen für Aufträge an Selbstständige oder zur Bewertung von Arbeitgeber*innen (S. 269).

Zweitens die für digitale Geschäftsmodelle übliche Verfügbarkeit über die Daten der Nutzer*innen, mit der Kontrolle und Macht im Zusammenhang stünden. Während in Karrierenetzwerken die User die Kontrolle über die eigene Selbstdarstellung hätten, könne sich das mit der Ausweitung der Dienstleistungsangebote dramatisch ändern: Etwa durch die Praxis des Cybervetting könne über den beruflichen Kontext hinaus auf alle Informationen zugegriffen werden, die über eine Person online zur Verfügung stehen. Jegliche im Bewerbungsverfahren gemachten Angaben könnten so auf Stimmigkeit wie Glaubwürdigkeit geprüft sowie zusätzlich – und ohne das Wissen der Bewerber*innen – durch weitere Daten, etwa auf Facebook preisgegebene Vorlieben und Interessen, ergänzt werden. Diese in ethischer wie rechtlicher Hinsicht zweifelhafte Praxis steckt aufgrund technischer Hindernisse wie etwa der fehleranfälligen Zuordnung von Accounts auf verschiedenen Plattformen bisher noch in den Kinderschuhen. Die Lösung der betreffenden technischen Probleme könne jedoch, so Pongratz, „zum Schlüsselfaktor im Wettbewerb der Anbieter untereinander“ werden (S. 270).

Drittens die diskursive Rahmensetzung einer Ausweitung des Dienstleistungsangebots, das momentan aber noch stark durch die Grenzen des technisch Machbaren limitiert sei. Die Akteure der digitalen Beschäftigungsindustrie könnten das Matching bisher nur in begrenztem Umfang betreiben, da eine vollumfängliche Prüfung aller Kriterien der fachlichen wie persönlichen Eignung einer Person technisch bisher noch (!) nicht durchführbar ist. Aus nachvollziehbaren Gründen hätten die Unternehmen ein großes Interesse daran, das zu ändern, und stehen in puncto Innovation untereinander in starker Konkurrenz. Entsprechend wird in den Leitideen zur Branchenentwicklung selbstbewusst von einem „Total Talent Management“ (TTM) fabuliert, das zukünftig neben dem gesamten Bereich atypischer Beschäftigung auch die flexible Kombination aller Arten von Beschäftigung als Geschäftsfeld umfassen solle (S. 270). Pongratz konstatiert an dieser Stelle richtig, dass mit derlei Begrifflichkeiten „einzelne Beschäftigungsformen zu austauschbaren Varianten des Zugriffs auf Arbeitskraft erklärt werden“ (ebd.). Die Beratungsfirma SIA Staffing Industry Analysts geht sogar so weit, bei der Nennung der „full range of talent sources“, die sie mit TTM abzudecken gedenkt, neben „traditional employees […] even non-human options such as robots“ (ebd.) mit einzubeziehen. Mit solchen Aussagen, so Pongratz, würden nicht nur verschiedene Beschäftigungsmodelle gleichgesetzt und deren flexible Kombination zum Leitbild erhoben, auch formulierten die Unternehmen der Beschäftigungsindustrie damit „einen Machtanspruch […], mit dem das flexibilisierte Beschäftigungsangebot als neue Normalität postuliert“ würde (S. 271).

Trotz teils zaghafter Einlassungen über nicht absehbare Entwicklungen und „vorläufige Einschätzungen“ ist Pongratz‘ Message klar: Kümmert Euch, bevor es zu spät ist! Seine Forderung nach einer arbeitspolitischen Begleitung und Gestaltung der Entwicklung der digitalen Beschäftigungsindustrie ist berechtigt. Gerade weil aktuell noch Hürden und Hemmnisse, insbesondere technischer Natur, bestünden und die Entwicklung im Vergleich zu anderen Bereichen der Plattformökonomie langsamer voranschreite, sei es überhaupt noch möglich, sich frühzeitig mit den Strategien und Entwicklungen der Branche wissenschaftlich wie gesellschaftspolitisch zu befassen und gegebenenfalls regulierend einzugreifen. Schließlich müssten auch auf digitalen Plattformen basierende Geschäftsmodelle „dem besonderen Charakter der Ware Rechnung tragen, die auf dem Arbeitsmarkt gehandelt wird: [nämlich] Form und Wert der menschlichen Arbeitskraft.“ (ebd.)

Um zu erahnen, dass die menschliche Arbeitskraft durch die fortschreitende Entwicklung in den Bereichen digitaler Technologien und Robotik zukünftig noch stärker als bisher verändert und auch ersetzt werden wird, braucht es keine hellseherischen Fähigkeiten. Vor diesem Hintergrund ist es nur rational, dass zahlreiche Arbeitnehmer*innen in bestimmten Bereichen, etwa der Logistikbranche, fürchten, in nicht allzu ferner Zukunft durch einen Computer oder Roboter ersetzt zu werden. In der aktuellen Ausgabe des European Sociological Review, Jahrgang 37, Nr. 5, untersuchen Katharina Dengler und Stefanie Gundert den Zusammenhang zwischen „Digital Transformation and Subjective Job Insecurity in Germany“ empirisch.

Mit Längsschnittdaten des vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erhobenen Panels Arbeitsmarkt und soziale Sicherung (PASS) im Zeitraum von 2013 bis 2016 gehen die beiden Forscherinnen der Frage nach, in welchem Ausmaß sich abhängig Beschäftigte in Deutschland darum sorgen, durch zunehmende Technisierung ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Dabei werde die Art der Tätigkeit und der Grad ihrer Technisierung mittels eines innovativen Indikators zum beschäftigungsspezifischen Substituierbarkeitspotenzial der Tätigkeit erfasst.[3] Auf diese Weise könne – so die Grundannahme der Autorinnen – untersucht werden, ob eine zunehmende Technisierung mit einer wachsenden subjektiv empfundenen Arbeitsplatzunsicherheit verbunden ist. Darüber hinaus bereichere die Studie die bisher dünne Forschungslage in diesem Bereich auch insofern, als aufgrund der Verwendung von Paneldaten Veränderungen im Zeitverlauf sichtbar würden. So zeigen die empirischen Befunde, dass Personen, deren berufliche Tätigkeit zunehmend von Maschinen übernommen werden kann, in der Tat auch verstärkt davon ausgehen, künftig ihren Job zu verlieren, und bewerten ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt im Durchschnitt pessimistischer als Personen, die in ihrem Job nicht so einfach maschinell ersetzt werden können (cognitive job insecurity). Kontraintuitiv scheint erst einmal, dass das aber nicht bedeutet, dass die befragten Personen auch wirklich Angst davor haben (affective job insecurity), ihre Anstellung zu verlieren. Im Gegenteil: Die Befürchtungen der Befragten seien trotz der mit der technischen Entwicklung einhergehenden realistischen Einschätzung ihrer Situation am Arbeitsplatz eher schwach ausgeprägt, was Dengler und Gundert einerseits mit verschiedenen individuellen Faktoren, wie beispielsweise persönlichen Coping-Strategien, erklären. Andererseits betonen sie aber auch die allgemein vorteilhafte, stabile Wirtschaftslage Deutschlands, die sich generell positiv auf die Einschätzung der eigenen Position am deutschen Arbeitsmarkt auswirke. In Zeiten wirtschaftlichen Abschwungs könnte sich das Blatt, so die einleuchtende Schlussfolgerung der Autorinnen, allerdings auch schnell wenden.

Mit der wirtschaftlichen Situation von Privatpersonen befasst sich auch Jenny Preunkert in der jüngst erschienenen Ausgabe des Leviathan, 49. Jg., 3/2021. Unter dem Titel Schulden, ein Ungleichheitsmechanismus untersucht sie – wiederum empirisch – die Sozialstruktur der Privatverschuldung in 21 Ländern Europas. Entgegen gängiger Annahmen der Finanzsoziologie und der Politischen Ökonomie, die Verschuldung überwiegend mit einkommensschwachen Ländern assoziierten, kann Preunkert zeigen, dass das Gegenteil der Fall ist: Unter anderem auf Grundlage von Daten des von der Europäischen Zentralbank finanzierten Household Finance and Consumption Survey (HFCS) untersucht die Europasoziologin nicht nur, wie viele Haushalte Kredite aufnehmen, sondern auch, in welcher Höhe und zu welchen Zwecken europäische Privathaushalte Schulden aufnehmen. Für ein umfassendes Bild berücksichtigt sie zudem sowohl zwischen- als auch innerstaatliche Verschuldungsmuster.

Im zwischenstaatlichen Vergleich zeigt sich, dass eine deutliche Differenz zwischen den Ländern Süd- und Osteuropas, die nur eine geringfügige Privatverschuldung aufweisen, und den relativ hoch verschuldeten (nord-)westeuropäischen Staaten, vorherrscht. Für die in der Politischen Ökonomie verbreitete Ansicht eines sparsamen Nordens wie eines der Verschuldung nicht abgeneigten Südens finde sich, so Preunkerts Schlussfolgerung, in den vorliegenden Daten „kein Fundament“ (S. 371).

Ähnlich gestalteten sich die Ergebnisse der Forscherin im innerstaatlichen Vergleich: Anders als von der europäischen Finanzsoziologie bisher vermutet, aber in Übereinstimmung mit Erkenntnissen der US-amerikanischen Ungleichheitsforschung, seien einkommensschwache Haushalte gerade nicht besonders oft und mit hohen Summen verschuldet. Ebenfalls sichtbar würde eine ungleiche Verteilung der mit einem Kredit verbundenen Belastungen und Risiken: Während einkommensschwache Haushalte eher geringe Summen für gegenwärtigen Konsum oder die Begleichung von Gesundheits- oder Bildungskosten nutzten, wendeten einkommensstarke Haushalte teils deutlich höhere Summen aus Krediten mit besseren Konditionen auf, die sie beispielsweise für den Erwerb von Immobilien nutzen und durch diese Investition sogar noch besser gestellt sind.

Für eine Gesamtbetrachtung der Muster europäischer Privatverschuldung bringt die Autorin beide Perspektiven zusammen und identifiziert schlussendlich vier unterschiedliche Ländertypen (S. 377 ff.):

(1) wohlhabendere, politisch liberale Staaten wie etwa Finnland mit hohen Verschuldungsgraden und -summen über alle Einkommensgruppen hinweg;

(2) wohlhabendere, stärker regulierte Staaten mit begrenztem Zugang zu Kreditmärkten, beispielsweise Deutschland, mit moderaten Verschuldungsgraden und -summen, gleichzeitig jedoch mit starker Stratifizierung privater Schulden (hohe Kreditsummen werden von einkommensstarken Haushalten aufgenommen);

(3) vergleichsweise ärmere Länder mit moderat restriktivem Zugang zu Kreditmärkten, beispielsweise Litauen oder Lettland, und moderat hohen Verschuldungsgraden bei vergleichsweise niedrigen Schuldensummen (einkommensstärkere Haushalte nehmen eher Kredite auf, Verschuldungssummen sind über alle Einkommensgruppen hinweg niedrig); sowie

(4) ärmere Länder mit strikter staatlicher Regulierung mit geringen Verschuldungsgraden und niedrigen Schuldensummen über alle Einkommensgruppen hinweg.

Mit ihrer Untersuchung bereichert Preunkert die europäische Finanzsoziologie um detaillierte Erkenntnisse bezüglich der Sozialstruktur privater Schulden. Gleichwohl verweist die Autorin auf weitere Dimensionen und Variablen, wie etwa Haushaltszusammensetzung und Geschlecht, deren Berücksichtigung noch ausstünde. Darüber hinaus sei eine Untersuchung im Zeitverlauf angebracht, die insbesondere Krisen wie die andauernde Corona-Pandemie berücksichtige. Letztere habe schließlich eindringlich gezeigt, dass gerade einkommensschwache Haushalte besonders stark von Ungleichheitseffekten betroffen sind.

Neben schlechten Arbeitsbedingungen in verschiedenen Berufsbranchen und gesteigerten Infektionsrisiken in Wohngegenden einkommensschwacher Teile der Bevölkerung hat die Corona-Pandemie auch beim Zugang zur lang ersehnten Impfung deutlich gezeigt, dass sozial schwache Menschen hierzulande – vom Globalen Süden mal ganz zu schweigen – in quasi allen Lebensbereichen Benachteiligungen erfahren. Dass diejenigen, die ihre Immunisierungsspritze endlich erhalten haben, stolz darauf sind, ja den Moment regelrecht zelebrieren, bezeugen die unzähligen Impf-Selfies (oder auch „Impfies“ beziehungsweise englisch „Vaxxies“), die die sozialen Netzwerke überfluteten. Mit diesem Phänomen setzt sich Miriam Zeh in der druckfrischen Ausgabe der Zeitschrift POP. Kultur und Kritik, Heft 19 auseinander. Der Text gibt wieder, was vielen längst bewusst war: Impfen ist nicht nur ein intimer, üblicherweise vor Beobachter*innen geschützter individueller Akt, es handelt sich auch und gerade in Corona-Zeiten um eine politische Handlung (S. 61). Für deren Zurschaustellung via Impfie gelte noch dazu: Die Schnappschüsse „zeigen nicht nur das Bild eines Individuums, sondern machen auch einen politischen Körper sichtbar“, der durch das eigenhändige Erstellen und Veröffentlichen des Fotos sowohl Zuspruch als auch Selbstbestimmung signalisiere – ein Aspekt, der wie Zeh ihrem so kurzweiligen wie schnellen Gang durch die Kulturgeschichte des Impfens voranschickt, „keineswegs selbstverständlich“ sei, schließlich sei das Sprechen über die Immunisierung „voller Gewaltmetaphorik“ (ebd.). Denn während die britische Bevölkerung sich mit einer Impfung umgangssprachlich „a jab“ – eigentlich ein Begriff für einen bestimmten Faustschlag – verpassen lasse, erhielten Menschen im US-amerikanischen wie inzwischen auch im deutschen Sprachraum „a shot“. Auch der Begriff der Herdenimmunität erinnere eher an Schlachtvieh und wecke negative Assoziationen. Da sei es nicht verwunderlich, dass sich Querdenker*innen und Impfskeptiker*innen dieses Narrativ immer wieder zu Nutze machten. Exemplarisch für die historisch belegte Impfskepsis der deutschen Bevölkerung verweist Zeh etwa auf Otto von Bismarcks vergeblichen Versuch, der Bevölkerung des Deutschen Kaiserreichs 1874 die erste Pockenimpfung schmackhaft zu machen. Letztlich führte er die Impfpflicht ein, die allen Verweigernden, gänzlich unmetaphorisch, Geldstrafen, Haft und natürlich Impfzwang androhte (S. 63).

Die Impfies zeigten, so Zeh, wie sehr sich – zumindest in großen Teilen der Bevölkerung – früheres Misstrauen gegenüber und Ängste vor Impfungen gewandelt haben. Und zuletzt, so Zeh, lasse sich auf TikTok und Instagram sogar eine Weiterentwicklung jener Abbildungen beobachten: Statt statischer Fotos erstellten Nutzer*innen vermehrt kurze Videos, in denen sie – mit gefühlvoller Musik unterlegt – die durch die Impfung zurückgewonnene persönliche Freiheit zelebrierten, insbesondere gemeinsam erlebte Events wie Hochzeiten, Urlaubsreisen, Konzertbesuche oder andere glückliche Augenblicke. Zu diesen überaus positiven Darstellungen geselle sich neben eigens für den Impftermin angebotenen Spotify-Playlists mit Songs wie „Gimme! Gimme! Gimme!“ von ABBA oder „The Cure“ von Lady Gaga auch eine Reihe von kuriosem „Covid Merch“: von bunt gemusterten Pflastern für die Einstichstelle bis hin zu Glückwunschkarten mit freien Feldern, in die man die Daten für die 1. und 2. Impfung sowie den Anfang der wiederbeginnenden „Party Time“ eintragen kann. Genauso wie bei den Impfies und Videos komme in all dem beinahe ausschließlich „Freude, Erleichterung und Dankbarkeit“ (S. 64) zum Ausdruck. Diese positive vibes, so Zehs Hoffnung, könnten in der Lage sein, der bislang von Gewalt geprägten Kulturgeschichte des Impfens eine hoffnungsvolle Wendung zu bescheren.

  1. International werden insbesondere mit Bezug auf Zeitarbeitsfirmen die Begriffe temporary employment industry oder staffing industry verwendet.
  2. Hierbei zahlen Auftraggeber*innen für jeden Klick auf das von ihnen inserierte Angebot.
  3. Katharina Dengler / Britta Matthes, The Impacts of Digital Transformation on the Labour Market: Substitution Potentials of Occupations in Germany, in: Technological Forecasting & Social Change (2018), 137, S. 304–316.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz, Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Arbeit / Industrie Digitalisierung Geld / Finanzen Gesundheit / Medizin Körper Soziale Ungleichheit

Stephanie Kappacher

Stephanie Kappacher ist Soziologin. Sie arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteurin der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis.

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