Thomas Schmidt-Lux | Rezension |

Aufstieg und Abstieg, Alltag und Affekte

Doppelrezension zu „Affektdramaturgien im Fußballsport. Die Entzauberung kollektiver Emotionen aus wissenssoziologischer Perspektive“ von Michael Wetzels und „Fußball als Religion? Eine lebensweltanalytische Ethnographie“ von Hans-Ulrich Probst

Der Berliner Fußballclub Hertha BSC spielte zuletzt eine sehr schlechte Saison, hatte am Ende aber nochmal Glück und durfte vorerst in der Bundesliga bleiben; die Stuttgarter Kickers wiederum haben eine gute Saison gespielt, verloren am Ende aber doch und stiegen vorerst nicht in die Regionalliga auf. Zwei jüngst erschienene Monografien widmen sich jeweils einem der genannten Vereine – samt der zugehörigen Fanszene. Trotz einiger Ähnlichkeiten beziehen sich die beiden Bücher insgesamt recht unterschiedlich auf ihren Gegenstand: Sie sind, das haben sie gemeinsam, ethnografisch ausgerichtet und lesenswert; zugleich kommen sie, mit Soziologie und Theologie, aus unterschiedlichen Disziplinen und gehen sehr unterschiedliche methodische Wege.

Die sozialwissenschaftliche Forschung zum Fußball und dabei insbesondere dem Publikum in all seinen Schattierungen hat in den letzten Jahrzehnten eine erfreuliche Konjunktur erlebt. Anfangs eher an spezifischen Phänomenen interessiert, Stichwort Hooligans, hat sich das Feld in thematischer, methodischer und theoretischer Hinsicht beeindruckend erweitert. Mit Fußball und Gesellschaft existiert im deutschsprachigen Raum mittlerweile sogar eine eigene Zeitschrift. An diesen Forschungsstand knüpfen die beiden Bücher unterschiedlich an. Während sich Hans-Ulrich Probst eher an gängigen Arbeitsweisen und Perspektiven orientiert, versucht sich Michael Wetzels an einer theoretisch wie methodisch neu ausgerichteten Sicht auf das Fußballpublikum.

Gegenstand der Studien

Worum geht es in den Büchern im Einzelnen? Michael Wetzels untersucht das Publikum des Berliner Vereins Hertha BSC. Insbesondere ist ihm dabei an einer genauen Analyse dessen gelegen, was gemeinhin als „kollektive Emotionen“ und „Fangemeinschaften“ bezeichnet wird. Neben der Untersuchung von Geschichte, Strukturen und Akteuren des Vereins besteht ein wichtiger Teil des Buches darin, auf Grundlage von videografischem Material das Geschehen im Publikum zu rekonstruieren – vor allem in Momenten wichtiger Spielereignisse.

Hans-Ulrich Probst betrachtet die Fanszene der Stuttgarter Kickers, grundsätzlich angelegt als „lebensweltanalytische Ethnographie“ und theoretisch auf die Frage nach dem religiösen Charakter beziehungsweise Gehalt des Fußballs abzielend. Vor dem Hintergrund eigener teilnehmender Beobachtungen und intensiver Begleitung von Verein und Anhänger:innen rekonstruiert Probst die alltägliche Bedeutung der Kickers für die Fans. Er beschreibt dabei wesentliche Praktiken, Routinen und Rituale sowie szeneinterne Differenzierungen und Konflikte.

Beide Bücher reklamieren für sich, ethnografische Studien zu sein, die sich fokussiert und intensiv mit nur einem Verein befassen, um über diesen Weg zu einem besseren Verständnis von Fans, Publikum und fußballerischem Feld zu gelangen. Und tatsächlich tauchen beide Arbeiten tief in ihre jeweiligen Szenen ein, etwa indem sie sich mit den vereinsinternen Kommunikationsplattformen wie Heften, Websites und Foren befassen. Sowohl über die Hertha wie über die Kickers weiß man danach deutlich mehr, und über beide Zugänge eröffnen sich Einblicke in wichtige grundsätzliche soziologische Aspekte.

Interessanterweise gibt es sowohl bei der Hertha in Berlin als auch bei den Stuttgarter Kickers noch andere überregional bekannte Fußballvereine in derselben Stadt. So konkurriert Hertha derzeit vor allem mit Union Berlin, wobei beide immerhin in einer Liga spielen. Bei den Kickers sieht es anders aus, sind diese doch in der fünften Liga, anders als der stadtinterne Rivale VfB Stuttgart, der in der Bundesliga spielt. Keineswegs liegt es damit unbedingt nahe, in Berlin zur Hertha und in Stuttgart zu den Kickers zu gehen; schon vor diesem Hintergrund kann die Anhängerschaft als spezifisches Bekenntnis und das Publikum beider Vereine als spezifisches Milieu gedeutet werden.

Deutlich wird bei beiden die durchaus wechselvolle Geschichte über das 20. Jahrhundert hinweg, bei den Kickers nicht zuletzt geprägt durch deren eher jüdische Mitglieder in den 1920er-Jahren und entsprechende Ausgrenzungen danach. Bei Hertha fusionierten in dieser Zeit zwei Vereine. Zudem sehen und betonen Wetzels wie Probst die Relevanz von Wissen in der Anhängerschaft der Vereine. Über solches Wissen – sei es zur aktuellen Aufstellung oder zur Geschichte des Vereins – ergeben sich nicht nur gemeinsame Gespräche und Fachsimpeleien; auch und vor allem interne Konflikte und Auseinandersetzungen drehen sich um vereins- und fußballbezogenes Wissen und dessen Legitimität.

Unterschiedliche ethnografische Ansätze

Neben diesen Gemeinsamkeiten gehen die Bücher dann aber eigene Wege und setzen (sehr) spezifische Schwerpunkte. Denn obgleich sich beide Bücher als ethnografische Studien verstehen, wird schnell deutlich, wie unterschiedlich die Autoren jeweils Ethnografie auslegen.

Probst unternimmt im Grunde eine klassische Feldforschung. Ziel der Studie ist „eine Rekonstruktion unterschiedlicher Perspektiven von Fans auf das Fanobjekt“, von „Sinndeutungen“ und „kollektiven Interaktionen“ (S. 33). Hierzu besucht er die Spiele und nimmt Kontakt zu Anhänger:innen auf. Im Verlauf seiner Forschung wird er mehr und mehr selbst Teil der Szene und zum Fan. Er fährt mit zu Auswärtsspielen, liest die entsprechenden Publikationen und Fanforen, spricht, trinkt, feiert und leidet mit Fans und Mannschaft der Stuttgarter Kickers. Probst schildert offen und gut nachvollziehbar sein Eintauchen in die Kickers-Fanszene, die er sich im Zuge der Arbeit erst erschloss; man folgt seinen ersten Kontaktversuchen, seinen gelingenden Einstiegen ebenso wie seinem Abblitzen bei den Ultras. Seine Perspektive auf die „kleine soziale Lebenswelt von Fans“ (ebd.) bildet den theoretischen Rahmen der Studie. Damit knüpft er an Alfred Schütz und Peter Berger / Thomas Luckmann an, um sich von dort aus mit Anne Honer und Ronald Hitzler zu befassen; die Interpretation folgt Prinzipien der Grounded Theory.

Wetzels setzt methodisch andere Akzente. Neben den beschriebenen Kapiteln zur Vereinsgeschichte und zu aktuellen Entwicklungen, die auf schriftlichen Quellen und Expert:inneninterviews basieren, arbeitet der Autor für die weiteren Teile der Studie mit videografischem Material. Wetzels’ Sample umfasst 285 Einzelvideos, die insgesamt 25 Stunden Filmmaterial ergeben; spezifisch wertet er 107 Videos aus. Dazu analysiert er Mediendaten und zieht die eigenen Feldnotizen zu Rate.

Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei das Publikum, dessen Handlungen und Interaktionen, die er wiederum zum Geschehen auf dem Spielfeld in Beziehung setzt. Theoretisch gerahmt wird dies über die Konzepte „Affekt“, „Dramaturgie“ und „Wissen“. Affekte beziehungsweise Affektivität versteht Wetzels als grundlegende soziale Kategorie. Aus dieser Perspektive nehmen Menschen vor allem über ihre Körper und Sinne eine Stellung zur und in der Welt ein. Aus der individuellen Affizierbarkeit folgt erst im zweiten Schritt das Deuten, Bewerten und damit verbunden ein wechselseitiges Anzeigen und Verstehen als Emotionen. All dies ist immer prozessual gedacht und eingebunden in kommunikative Prozesse. Die Arbeit tritt dabei mit dem Ziel an, die – nicht nur in fußballbezogenen Forschungen – schnell aufgerufenen, aber oftmals allgemein gehaltenen Konzepte von „Kollektiv“ und „Emotionen“ deutlich zu differenzieren. In den Blick sollen vor allem Entstehung und Vergehen solcher Kollektive kommen, in Verbindung damit auch deren „Heterogenität in der Homogenität“ (S. 14).

Vereinfacht gesagt geht es Wetzels darum, das schnell als Kollektivakteur wahrgenommene Publikum genauer zu analysieren und auf diesem Weg zu fundierteren Erkenntnissen zum Zusammenspiel von Affekten, Emotionen und Kollektivkommunikationen zu gelangen. Seine Perspektive referiert in zentraler Weise auf Prämissen der Arbeiten von Hubert Knoblauch und Christian von Schewe, aber auch auf das Konzept der „Affektdramaturgien“ des Filmwissenschaftlers Hermann Kappelhoff.

Inhaltlicher Ertrag der Studien

In Probsts Arbeit ist hier in erster Linie sein genauer Blick auf den fankulturellen Alltag und dessen Facetten zu nennen. Gut geordnet und detailliert trägt der Autor die zahlreichen Aktivitäten zusammen, die sowohl den Ablauf eines Spieltages, aber auch die davor und danach sich vollziehenden Geschehnisse kennzeichnen. Nicht jeder beschriebene Aspekt ist überraschend, aber gleichwohl gut rekonstruiert: das gemeinsame Trinken als wichtiges Initiationsritual, die durchaus schnell sehr persönlich werdenden Gespräche unter den Fans, die Platzierung im Stadion, auch wie sich die unterschiedlichen Fangruppen innerhalb der Anhängerschaft eines Vereins wechselseitig wahrnehmen. Darüber hinaus findet sich noch ein Kapitel zur materialen Fankultur („Aufkleber und Tags“) und ein gesonderter Abschnitt zu unterschiedlichsten Diskursen und Gesprächen abseits des Spieltages.

Bei Wetzels besticht wiederum der profunde Blick auf das Stadionpublikum, das schnell und gern als weitgehend einheitlich und homogen beschrieben wird. Noch genauer als Probst verweist Wetzels diesbezüglich auf eine ganze Reihe an Differenzierungen innerhalb des Publikums, je nach Platz im Stadion, aber auch nach jeweiligem Wissen und Partizipationsgrad. Seine Analysen der Interaktionen im Stadion sind sehr ausführlich und können künftig allen, die etwas Ähnliches unternehmen wollen, als Orientierungspunkt dienen. Innovativ und zugleich überzeugend ist dabei aus meiner Sicht, das Geschehen im Spiel mit dem auf den Rängen in seiner wechselseitigen Verflochtenheit beziehungsweise – in Wetzels’ Theoriesprache – als „verdoppelte Affektdramaturgie“ (S. 197) zu verdeutlichen. Er verwendet hierfür die oben erwähnten Mediendaten und beschreibt spezifische Spielszenen, um dann auf Grundlage der eigenen Videos die auf das Spielgeschehen bezogenen Publikumsreaktionen zu rekonstruieren.

Darüber hinaus ereigneten sich im jeweiligen Untersuchungszeitraum der Autoren intensive und damit soziologisch aufschlussreiche Konflikte. In Berlin entzündeten sich kontroverse Debatten, als die Vereinsführung beschloss, die Abläufe vor Beginn der Heimspiele zu verändern. Die bisherige und von Frank Zander gesungene Vereinshymne sollte dabei symbolisch degradiert werden durch ein Lied der Berliner Band Seeed, das fortan zum Einlauf der Mannschaften geplant war. Die Diskussionen drehten sich nur am Rande darum, welches Lied aus welchen Gründen an welcher Stelle der Eröffnungschoreografie geeigneter war. Implizit und explizit ging es eher um die Frage, wie schnell und von wem eine solche Veränderung beschlossen und umgesetzt werden kann.

In Stuttgart wiederum regte sich starker Protest, als der Deutsche Fußballbund und die Fußballliga gemeinsam mit dem chinesischen Bildungsministerium beschlossen, die chinesische U20-Nationalmannschaft in der deutschen Regionalliga Südwest starten zu lassen, um ihr, so die offizielle Begründung, mehr hochklassige Testspiele zu ermöglichen. Als Gegenleistung waren für die Liga und für einzelne Vereine Geldzahlungen und Direktübertragungen im chinesischen Fernsehen vorgesehen; auch die Stuttgarter Kickers hätten so zweimal pro Saison gegen Chinas U20 spielen sollen.

Beide Entscheidungen mussten die Vereine schlussendlich zurücknehmen. Frank Zanders Song rückte wieder in den Rang der offiziellen Vereinshymne und die chinesische U20 wurde seitens ihres Verbandes wieder aus der Regionalliga abgezogen. Im Berliner Fall kann man das durchaus als Zeichen der Stärke und Relevanz der Fans sehen, die sich deutlich für Zanders Song aussprachen. Im Fall der chinesischen Mannschaft und ihrer Integration in die Regionalliga gaben Solidaritätsfahnen mit Tibet den Ausschlag dafür, die Mannschaft wieder aus dem Wettbewerb zu nehmen. Gleichwohl waren auch dort aufschlussreiche Diskurse beobachtbar, die sich um die Frage drehten, wie der ‚richtige Fußball‘ aussehen solle. Beide Konflikte verweisen auf die Bedeutung von Geschehnissen jenseits der eigentlichen Spiele und machen damit die starke soziale Durchdringung des zeitgenössischen Fußballs sichtbar – in politischer, ökonomischer und kultureller Hinsicht.

Anmerkungen und Kritikpunkte

Auf die Frage nach den Reserven der Arbeiten könnte man mit Blick auf die theoretischen Anbindungen etwas salopp antworten, dass dem einen Text fehlt, was beim anderen stellenweise zu viel beziehungsweise zu vordergründig betrieben wird. Denn zwar hat die Studie von Probst einen ausgewiesenen theoretischen Rahmen, aber die Verbindung dazu muss man gerade in den empirischen Kapiteln oft selbst herstellen. Dass die empirischen Teile der Arbeit auch für Leser:innen verständlich sind, die wenig theologisches Interesse am Gegenstand Fußball haben, kann dabei aus soziologischer Sicht als Vorzug angesehen werden; zugleich fallen beide Aspekte der Arbeit stark auseinander.

Probst leitet sein Buch mit Überlegungen ein, die Fußball und Religion aufeinander beziehen; dass hier konzeptionell etwas zu holen ist, wurde mittlerweile vielfach gezeigt. Bei seiner Referenz auf einige dieser Arbeiten spannt Probst ein Feld von theoretischen Zugängen auf, ohne eine der theoretischen Perspektiven zu präferieren oder gar eine eigene zu entwickeln. So fällt bei der Benennung von Forschungsdesideraten zwar der vielversprechende Begriff der „gelebten Religion“ (S. 33), genauere Ausführungen zum theoretischen Programm der „lived religion“ finden sich in der Arbeit allerdings nicht.

Wesentlich ergiebiger fällt leider auch das abschließende Kapitel „Religionstheorien und Fragen der Praktischen Theologie“ nicht aus, das konkrete Überlegungen zur Relevanz des Feldes für die Praktische Theologie und für seelsorgerisches Arbeiten anstellt. Zwar ruft Probst darin noch einmal eine ganze Reihe religionssoziologischer Konzepte auf und stellt Verbindungen zur eigenen Arbeit her. Auch das kulminiert aber weder in einer starken These noch in einer theoretischen Weiterentwicklung. Stattdessen versucht das Buch in der theoretischen Breite, Fußball und Fantum in ihrer Anschlussfähigkeit an religionssoziologische Konzepte zu profilieren. Aber auch dabei überzeugt nicht jedes Argument. So rückt der Autor etwa „Sakralisierung“ sehr in die Nähe des Konzepts von „Valorisierung“, was zwar viele neue Verbindungen eröffnet, zugleich aber die religionstheoretische Spezifik sehr unscharf werden lässt. Zudem habe ich die Einordnung in den Forschungsstand vermisst ebenso wie genauere Hinweise darauf, was an der Studie nun besonders und wirklich neu ist. Mitunter wirkt der Text ein wenig so, als wäre all das noch nie gemacht worden; dabei zeigt der Autor ja durchaus, dass seine Studie nicht die erste Ethnografie in der Welt des Fußballfantums ist.

Auch bei Wetzels’ Buch bleiben Fragen offen. Sein Grundanliegen ist ja die – so der Untertitel – „Entzauberung kollektiver Emotionen aus wissenssoziologischer Perspektive“. Das ist eine deutliche und durchaus mutige Ansage. Worauf Wetzels abzielt, sieht man interessanterweise in der Studie von Probst. Diese berichtet recht generalisierend von Emotionen und Publikum, etwa wenn „die Fans in Ekstase versetzt“ werden (S. 155) oder wenn der Autor in Momenten des sportlichen Erfolgs ein „großes egalitäres Kollektiv zwischen Fans und Spielern“ unterstellt (S. 169). Das ist tatsächlich kollektivierend und homogenisierend, hier könnte und müsste Probst genauer hinschauen.

Dies macht Wetzels nun in seinen videografischen Studien. Allerdings stehen der hohe Aufwand und die bemerkenswerte Akribie nicht im Verhältnis zum überschaubaren analytischen Ertrag. Wetzels unterteilt Sequenzen von wenigen Sekunden in Hundertstelsekunden – und das vor dem Hintergrund von 25 Stunden Material. Dennoch bleiben die Analysen der Publikumsbewegungen lange sehr deskriptiv (Wetzels beschreibt hier noch einmal detailliert die einzelnen Bewegungen auf dem Spielfeld wie auf den Rängen), um dann im Ergebnis bei gängigen Labels wie Ekstase oder Trauer zu enden. Und dass die Bewegungen auf den Rängen eng mit dem Spiel verflochten sind, wird zwar gut aufgezeigt, ist aber auch nicht wirklich überraschend.

Wetzels entwickelt aus all dem ein interessantes Modell des „Ablaufs kollektivkommunikativer Performanzen unter Einwirkung affektdramaturgischer Prozesse“ (S. 255), um den prozessualen Verlauf von Publikumskommunikation genauer zu rekonstruieren. Die Ausführung der einzelnen Modellphasen ist ebenfalls überraschungsarm, so tritt die „Phase der Anspannung“ dann ein, „wenn ein bestimmter Spielzug in der Nähe des Torraumes zu verorten ist“ (S. 260 f.). Die Erkenntnisse, so jedenfalls mein Eindruck, bergen hier zu wenig Neues und legen kaum einen anderen Blick auf das Publikum nahe. Dafür nehmen viele der analytischen Kategorien erwartbare Perspektiven ein, etwa wenn „Jubel“ und „Bedauern“ als wichtige Kollektivkommunikationen ausgewiesen werden. So bleiben die Ergebnisse aus meiner Sicht etwas hinter den durchaus konstruktiven und genauen Bemerkungen zurück, die Wetzels in den Kapiteln zum Forschungsstand macht und in denen er bisherige theoretische Defizite der fußballbezogenen Emotionsforschung aufzeigt. Somit macht die Studie nicht ausreichend deutlich, wo und wie nun die eigenen Befunde die ausgemachten Lücken füllen können.

Eine weitere Spannung im Text resultiert aus dem Umstand, dass Wetzels zwar ein klares theoretisches Programm verfolgt, die damit verbundenen Begrifflichkeiten jedoch etwas zu nachdrücklich verwendet. Ein gutes Beispiel ist der Name des oben genannten theoretischen Modells. Adjektive wie „affektdramaturgisch“ oder, an anderer Stelle, „diskurskonstellativ“ wird man nach der Lektüre des Textes so schnell nicht vergessen. Obgleich ein roter Theoriefaden natürlich immer hilfreich ist, wirken zu viele und überdeutliche Wegweiser schnell überambitioniert und tragen wenig zum Erkenntnisgewinn bei.

Trotz dieser Einwände: Beiden Büchern gelingt es auf ihre Weise, das Potenzial des Fußballs und seines Publikums als interessanten Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung vorzuführen. Gerade der Vergleich der unterschiedlichen Zugänge macht deutlich, wie ertragreich solche Studien für speziell am Fußball interessierte Wissenschaften, aber auch Disziplinen wie die Religions- oder Emotionssoziologie sind.

Im engeren Sinn auf das Feld des Fußballs bezogen zeigt sich, dass viele der Fanpraktiken weitgehend unabhängig sind von der Liga, in der das jeweilige Team spielt. Die Relevanz von Fantum und seine alltagsweltliche Bedeutung, so kann Probst zeigen, sind keineswegs an einen sonderlichen Erfolg der jeweiligen Mannschaft gebunden. Und viele der von Wetzels identifizierten kollektiven Praktiken im Berliner Publikum tauchen auch bei Probst auf, obwohl der von ihm untersuchte Verein in der fünften Liga spielt. Theoretisch, auch das zeigen beide Texte, ist gerade beim ethnografischen Arbeiten ein spezifischer Zuschnitt erforderlich, um dem Feld Neues abzugewinnen. Vor allem Wetzels zeigt hier neue Wege auf; und dass dabei noch Terrain unerschlossen bleibt, muss kein Nachteil sein. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, nach der Forschung ist vor der Forschung.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Affekte / Emotionen Religion

Thomas Schmidt-Lux

Thomas Schmidt-Lux ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig. Er arbeitet zu Fragen von Recht und Gewalt, der Architektursoziologie und zu Qualitativen Methoden.

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