Benjamin Möckel | Rezension |

Aus der Not geboren

Rezension zu „Am Anfang war Biafra. Humanitäre Hilfe in den USA und der Bundesrepublik Deutschland“ von Florian Hannig

Florian Hannig:
Am Anfang war Biafra. Humanitäre Hilfe in den USA und der Bundesrepublik Deutschland
Deutschland
Frankfurt am Main 2021: Campus
344 S., 45 EUR
ISBN 9783593513386

Bilder von Erdbeben, Überschwemmungen und Hungersnöten gehören heute wie selbstverständlich zum Programm der Abendnachrichten. Oft wird dabei ein ähnliches Bildrepertoire aufgerufen: zerstörte Städte und Gebäude, hungernde Kinder und Frauen, aber auch Filmaufnahmen von LKW und Hubschraubern internationaler Hilfsorganisationen, die vor Ort Hilfe leisten, Nahrungsmittel verteilen oder medizinische Versorgung gewährleisten. Auch die im Anschluss regelmäßig eingeblendeten Kontonummern der Spendenorganisationen haben sich mittlerweile ins kollektive Gedächtnis eingeprägt.

Die damit aufgerufenen Bilderwelten haben eine eigene Entstehungsgeschichte, und wie Florian Hannig in seiner an der Universität Halle-Wittenberg entstandenen Dissertation argumentiert, stand am Anfang der uns so heute so vertrauten politischen, gesellschaftlichen und medialen Aufmerksamkeit für humanitäre Katastrophen der als „Biafra-Konflikt“ bezeichnete Bürger- und Sezessionskrieg in Nigeria in den Jahren 1967 bis 1970.

Solche Ursprungserzählungen rufen unweigerlich eine gewisse Skepsis hervor. Und in der Tat lässt sich leicht zeigen, dass humanitäres Engagement, die internationale Wahrnehmung globaler Naturkatastrophen – man denke an das Lissabonner Erdbeben von 1755 – und die Entstehung eines modernen Spendenwesens allesamt eine sehr viel weiter zurückreichende Geschichte haben. Für die Bundesrepublik wiederum würde man als Ausgangspunkt einer neuen zivilgesellschaftlichen Spendenbereitschaft wohl eher auf die Hamburger Sturmflut 1962 verweisen.

Es lohnt daher, zunächst Hannigs Erkenntnisinteresse noch etwas klarer zu formulieren. Er interessiert sich in seiner Arbeit für die Frage, wann und unter welchen Voraussetzungen sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein System der internationalen „Nothilfe“ herausbildete, das nicht mehr nur ad hoc auf einzelne Katastrophen reagierte, sondern eine systematische Infrastruktur herausbildete, die es Staaten, NGOs und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren ermöglichte, im Fall von Natur- und anderen Katastrophen schnell und umfassend Hilfe zu leisten. Als definitorische Abgrenzung dient ihm die „Entwicklungshilfe“, die im Gegensatz zur „Nothilfe“ langfristige und strukturelle Veränderungen anstrebe.

Um diese Entstehungsgeschichte nachzuzeichnen, steht „Biafra“ – anders als im Buchtitel – nicht am Anfang, sondern am Ende des Buches. In drei chronologisch aufeinander aufbauenden Abschnitten verfolgt Hannig die Genese der humanitären Nothilfe in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Im ersten Teil analysiert er zunächst, wie die humanitäre Hilfe in der Endphase des Zweiten Weltkriegs und den ersten Nachkriegsjahren einen kurzen Aufschwung erfuhr, der durch internationale Kooperation und einen relativ hohen Grad der Institutionalisierung gekennzeichnet war – die 1943 gegründete United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRAA) bildete hierfür den zentralen Ort. Anschließend argumentiert Hannig im zweiten Teil, dass diese Bemühungen relativ schnell an Bedeutung verloren hätten und in den 1950er- und 1960er-Jahren weitgehend durch Ansätze der Entwicklungshilfe im Zeichen der zeitgenössischen Modernisierungstheorien verdrängt worden seien. Der dritte Teil stellt dann in Rekurs auf „Biafra“ – sowie in kürzeren Exkursen zu den humanitären Krisen in Ostpakistan um 1971 und den Hungerkatastrophen in der Sahelzone zwischen 1972 und 1975 – das Wiederaufleben und die Institutionalisierung der humanitären Hilfe in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren dar.

Der Biafra-Konflikt ist in der Forschung der vergangenen Jahre immer wieder thematisiert worden, zuletzt in einer umfassenden Studie von Lasse Heerten, der den Konflikt in das entstehende Menschenrechtsregime und die postkolonialen Konflikte der 1960er- und 1970er-Jahre eingeordnet hat.[1] Diese Arbeiten deuteten den Biafra-Konflikt vor allem als einen medien- und bildgeschichtlichen Umschlagpunkt, wobei insbesondere auf die stark emotionalisierenden und schockierenden Bilder der sogenannten „Biafra-Kinder“ verwiesen wurde: Mit ihnen seien humanitäre Katastrophen in den westlichen Öffentlichkeiten sichtbar geworden sowie eine neue gesellschaftliche Aufmerksamkeit dafür entstanden. Wie neu das wirklich war, wäre zu diskutieren.[2] Hannig ist letztlich aber stärker an einem anderen Phänomen interessiert. In seiner Argumentation stellt die große mediale Aufmerksamkeit, die der Biafra-Konflikt in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren generierte, ein zentrales Erklärungsmoment für die wenig später einsetzende Institutionalisierung der internationalen „Nothilfe“ dar.

Diese Periodisierung steht in einer gewissen Spannung zu etablierten Forschungsmeinungen. Blickt man beispielsweise auf die humanitären NGOs, lässt sich für die späten 1960er-Jahre eher eine entgegengesetzte Entwicklung konstatieren, also die Abkehr von einer bloß karitativen Nothilfe zugunsten neuer Ansätze der strukturellen Hilfe unter Schlagworten wie „Hilfe zur Selbsthilfe“ oder „Community Development“. 1967, just in dem Jahr, in dem der „Biafra-Konflikt“ begann, schaltete die wichtigste britische Spendenorganisationen Oxfam etwa eine Werbekampagne, die mit dem Slogan aufmachte: „Help Oxfam STOP feeding hungry babies!“ Die Aussage der Kampagne war deutlich: Hilfe sollte sich nun nicht mehr darin erschöpfen, Essen und Medizin zu verteilen, sondern langfristige Autonomie ermöglichen.

Es ist die Leistung von Florian Hannigs Buch, dass er im Gegensatz zu dieser generellen Entwicklungstendenz die für den untersuchten Zeitraum oft unterbelichtete „Nothilfe“ in den Blick nimmt. Dabei kommt er zu ähnlichen Ergebnissen, wie sie zuletzt auch für die Entwicklungshilfe herausgearbeitet worden sind: Auch die Not- und Katastrophenhilfe war demnach stark von politischen und diplomatischen Erwägungen geprägt.[3] Im Kontext des Kalten Krieges waren manche Naturkatastrophen gleicher als andere. Dies wird besonders deshalb sehr deutlich, weil Hannig sich in seiner Arbeit nicht in erster Linie auf die schon sehr viel gründlicher analysierten NGOs konzentriert, sondern sich mit seiner Arbeit in das Dickicht der staatlichen Institutionen und Kompetenzstreitigkeiten wagt sowie einen guten Blick für die geopolitischen Machtkonflikte innerhalb der zuständigen UN-Institutionen entwickelt.

Der Preis hierfür besteht jedoch darin, dass bei aller Konzentration auf die politischen und ideengeschichtlichen Kontexte die konkrete Umsetzung der Hilfsmaßnahmen vor Ort relativ konturlos bleibt – oft erfährt man kaum mehr als die Geldsummen, die einzelne Regierungen bei bestimmten Ereignissen gewährten. Hiermit ist auch ein systematischer Einwand verbunden: Nur die Distanz zu den realen Schauplätzen der humanitären Hilfe erlaubt es Hannig, an seiner relativ apodiktischen Trennung zwischen „Nothilfe“ und „Entwicklungshilfe“ festzuhalten: In der konkreten Praxis der humanitären Hilfe war beides selten so klar zu trennen.

Statt also wie Hannig den Aufstieg der humanitären Nothilfe als Gegenbewegung zur Entwicklungshilfe zu beschreiben, scheint es plausibler, sie in den Gesamtkontext einer neuen Aufmerksamkeit für globale politische, soziale und ökologische Problemlagen einzuordnen, die in derselben Zeit auch der Entwicklungshilfe, der Menschenrechtspolitik und Formen der politischen Solidarität großen Aufschwung verlieh.

Innerhalb eines solchen Gesamtkontextes ist Hannigs Buch eine wertvolle Ergänzung, weil es ein bislang wenig beachtetes Feld in den Blick nimmt und das Phänomen der Nothilfe zugleich, im Rückblick auf die humanitären Projekte der UNRRA in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in einen größeren historischen Zeitraum einordnet. Mit dem letzten Kapitel zu den Hungerkatastrophen in der Sahel-Zone in den frühen 1970er-Jahren ist dann schon angedeutet, in welche Richtung sich die Geschichte der Nothilfe weiterentwickelte: Hannigs Buch kann in gewisser Weise auch als Vorgeschichte der sehr viel bekannteren Spendenkampagnen in den 1980er-Jahren anlässlich der Hungersnot in Äthiopien und Somalia gelesen werden, die vor allem durch das Live-Aid-Festival, aber auch durch andere Aktionen globale massenmediale Aufmerksamkeit erfuhr. Die – oft durchaus problematische – Bildsprache, die in diesen Kampagnen verwendet wurde, stand unverkennbar in der Tradition der Narrative und Sehgewohnheiten, die sich in der Berichterstattung über „Biafra“ etabliert hatten.

Die bekannten Bilder von Hubschraubern und Hilfsgütern, die innerhalb weniger Tage in Katastrophengebieten verteilt werden, sind demnach das Produkt einer komplexen und keineswegs gradlinigen Entwicklungsgeschichte, die nicht nur durch technische und finanzielle Herausforderungen geprägt war, sondern auch durch politische Kontroversen, mediale Aufmerksamkeitsregime und eine neue gesellschaftliche Bedeutungszuschreibung für globale Problemlagen.

  1. Lasse Heerten, The Biafran War and Postcolonial Humanitarianism: Spectacles of Suffering, New York 2018.
  2. Siehe z.B. für die lange Geschichte dieser Bildsprachen des Humanitarismus: Heide Fehrenbach / Davide Rodogno (Hg.), Humanitarian Photography: A History, New York 2014.
  3. Siehe zuletzt u.a.: Corinna R. Unger, International Development. A Postwar History, London 2018. Für die Bundesrepublik, wo die Überschneidungen zwischen Entwicklungshilfe und diplomatischen Interessen lange Zeit besonders prägnant war: Bastian Hein, Die Westdeutschen und die Dritte Welt. Entwicklungspolitik und Entwicklungsdienste zwischen Reform und Revolte 1959–1974, München 2005.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jakob Borchers.

Kategorien: Geschichte Internationale Politik Kolonialismus / Postkolonialismus Öffentlichkeit

Benjamin Möckel

Dr. Benjamin Möckel ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität zu Köln. Er forscht zur Geschichte der Menschenrechte, der Generationengeschichte und dem Verhältnis von Konsum und Moral im 20. Jahrhundert.

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