Florian Wagner | Rezension |

Ausnahmezustand oder Agency?

Rezension zu „Praktiken der (Im-)Mobilisierung. Lager, Sammelunterkünfte und Ankerzentren im Kontext von Asylregimen“ von Julia Devlin, Tanja Evers und Simon Goebel (Hg.)

Julia Devlin / Tanja Evers / Simon Goebel (Hg.):
Praktiken der (Im-)Mobilisierung. Lager, Sammelunterkünfte und Ankerzentren im Kontext von Asylregimen
Deutschland
Bielefeld 2021: Transcript
469 S., 44,00 EUR
ISBN 978-3-8376-5202-4

Abschiebelager sind in Deutschland wissenschaftlich kaum untersucht. Der vorliegende Sammelband über „Praktiken der (Im-)Mobilisierung“ will dies ändern, nennt aber auch die Gründe, warum eine Untersuchung von „Ankerzentren“, Sammelunterkünften und Rückführungslagern schwierig ist. Der Zugang zu Lagern wird Wissenschaftler:innen und Journalist:innen meist verwehrt, die Archivdokumentation ist schwer zugänglich (sofern überhaupt vorhanden), und die Migrant:innen selbst treten aufgrund struktureller Diskriminierung und expliziter Isolierung selten als Wissensproduzent:innen oder Informant:innen auf.

Zentralisierte Sammellager für Migrant:innen wurden bereits 1982 in Bayern eingeführt – laut Verantwortlichen zum Zwecke einer bewusst „kargen, lagermäßigen Unterbringung“ zur Abschreckung und Verhinderung von Integration. Erst 2013 wurde aus der bayerischen Asyldurchführungsverordnung der Passus gestrichen, dass die Unterbringung die „Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland“ befördern sollte. Allerdings zeigen die Autor:innen des Sammelbandes, dass diese Praxis dennoch fortgesetzt wird, wenn auch mit subtileren Mitteln.

Neben der recht intensiven Beschäftigung mit Sammellagern und Ankerzentren in Bayern spannt der Band den Bogen zu Transitlagern in Ungarn, Lagern für Klimaflüchtlinge in Somalia und Demobilisierungslagern für die FARC-Rebellen im kolumbianischen Friedensprozess, sowie zur Situation venezolanischer Geflüchteter in Kolumbien. Diese Exkurse sind hilfreiche Vergleichsfälle, die in künftigen Publikationen noch systematischer mit den Lagern in Europa verglichen werden könnten, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten.

Der Band beginnt mit einer sehr emotionalen und persönlichen Einleitung, in der sich die Herausgeber:innen klar auf der Seite derjenigen Migrant:innen positionieren, die kaum Aussichten auf ein Bleiberecht haben und darum direkt in Sammellager und Ankerzentren eingewiesen werden. Das Buchprojekt entstand im Kontext der sehr umtriebigen Eichstätter Geflüchtetenforschung,[1] deren besondere Stärke die Interdisziplinarität ist. Auch der vorliegende Sammelband vereint eine methodisch diverse Gruppe von Wissenschaftler:innen aus der Soziologie, der Anthropologie, der Geographie, der Psychologie, der Philosophie, der Linguistik, der Architektur, der Politikwissenschaft, den Medien- und Kommunikationswissenschaften, der Geschichtswissenschaft, den Internationalen Beziehungen, der Erziehungswissenschaft und der Sozialen Arbeit. Unter den 29 Beiträger:innen sind vorrangig Doktorand:innen und Postdocs, die mit einem beeindruckenden multidisziplinären Ansatz und tiefgehenden Einblicken in neue empirische Forschung aufwarten können.

Die emotionale Positionierung des einleitenden Teils wird im ersten Großkapitel „Theoretische Konzeptualisierungen“ etwas relativiert, da der Band nun der Eigenlogik alternierender Wissenschaftsparadigmen folgt. Die Herausgeber:innen wollen nämlich die Theorieklassiker der Lagergeschichte von Michel Foucault bis Giorgio Agamben weiterentwickeln, hinterfragen und stellenweise hinter sich lassen. Foucault und Agamben taugen ihrer Ansicht nach nicht mehr unbedingt für eine Kritik an Lagern und Sammelunterkünften. Denn die beiden Ikonen der Disziplinar- und Biopolitik werden mittlerweile auch von den politischen Architekt:innen der Geflüchtetenlager selbst genutzt, um die Immobilisierungsfunktion der Lager sowohl durch gouvernementales Management als auch durch die Herstellung eines Ausnahmezustandes zur Entrechtung der Migrant:innen zu sichern.

Die Lagerwirklichkeiten, so warnen die Herausgeber:innen, entsprechen aber weder dem biopolitischen Ideal noch den Wunschvorstellungen der Lagerarchitekt:innen. Denn beide vernachlässigen die widerständige Organisationsfähigkeit und Agency der Geflüchteten. Im Sinne der „Autonomie der Migration“, dem „new mobilities paradigm“ von Mimi Sheller und John Urry sowie der von Hein de Haas mit „aspirations and capabilities“ bestimmten migrantischen Perspektivenaneignung und Handlungsmacht soll der Band deshalb den Geflüchteten und ihrer Eigenlogik, Widerständigkeit und Wirkmacht gerecht werden. Diese entfalten sich auch in angeblich entmenschlichenden Lagern, deren Ausschlussmechaniken nicht total, sondern dynamisch seien.

Ein gelungenes Beispiel mit Belegen für eine solche These ist der rechtswissenschaftliche Beitrag von Anne-Marleen Engler, die die Lager nicht als Orte eines komplett rechtsfreien Ausnahmezustandes interpretiert, sondern Spielräume für Migrant:innen aufzeigt. Englers Fazit steht für die deutsche Asylpolitik insgesamt: „Empirisch ist es eher die Masse der rechtlichen Regelungen, statt ihr Fehlen, das die Handlungsmacht der Bewohner*innen einschränkt.“ (S. 33) Lager seien zwar als „totale Institution“ entworfen worden, die jedes Detail und jede Wahrscheinlichkeit regeln. Die Regelvielfalt gebe den Lagerinsass:innen aber auch die Möglichkeit, Rechte einzufordern. Geht man von einer „Autonomie der Migration“ aus, so die Autorin abschließend, müsse man migrantische Netzwerke selbst als komplex und hierarchisch verstehen, da es unter Migrant:innen nicht nur Opfer gebe, sondern auch Ungleichheiten (re-)produziert würden. Diese Erkenntnis widerspreche nicht der Diagnose einer Kriminalisierung und Prekarisierung von Migrant:innen in den Lagern, wo ihre fehlende Bleibeperspektive kategorisch vorausgesetzt und verstärkt werde.

Parallel dazu wird die Frage aufgeworfen, ob das Lager ein „Nicht-Ort“ (Marc Augé) sei, in dem Individuen „sukzessive auf den Zweck des Ortes reduziert“ werden (so der Politikwissenschaftler Daniel Göler, S. 281). Andere Beiträger:innen widersprechen dem vehement und interpretieren das Lager als sozialen Ort, in dem Spielräume ausgehandelt werden können. Die Autonomie der Migrant:innen manifestiert sich dort laut der Soziologin Ria Prilutski zwar im Kontext des „Nicht-Bewegt-Werdens“, könne über das eigenständige „Sich Bewegen“ aber in einem „Etwas Bewegen“ resultieren.

Selbstredend ist zusätzlich zur Betonung der migrantischen Agency die Materialität der Grenzen und Begrenzungen ein bestimmendes Thema des Bandes. Zwar gibt es in Deutschland nur in bestimmten Fällen ein klares Verbot, Lager temporär zu verlassen, aber vielfältige bürokratische und organisatorische Hürden machen die Interaktion mit der Außenwelt häufig unmöglich. Die Residenzpflicht und die Verweigerung von monetärer Unterstützung zu Gunsten von Sachleistungen nehmen in der Praxis oft dem Verlassen des Lagers den Sinn. Methoden der Kasernierung und der Fließbandabfertigung zur Beschleunigung der Rückführungsverfahren (ein Hauptgrund für die Einrichtung von Ankerzentren) spiegeln sich auch in den für die Lager umgewidmeten Gebäudetypen Kaserne und Fabrik wider. Die Nutzung alter Kasernen, Lagerhallen und Fabriken begünstigt die Isolierung der Migrant:innen, da solche Gebäude häufig ohnehin außerhalb urbaner Ballungszentren lagen. Die Lagergrenzen ermöglichen Abschottung und De-Integration von Geflüchteten genauso wie die Zutrittsverweigerung für Anwält:innen, Wohlfahrtsverbände, Journalist:innen und Wissenschaftler:innen. Zudem wird der Informationsfluss behindert, wenn auch nicht komplett verhindert. Selbst Lebensmittel oder Küchengeräte (zum Beispiel Wasserkocher) dürfen vielerorts nicht ins Lager „eingeführt“ werden. Lager haben so den vorrangigen Zweck der Isolation, Stigmatisierung, Prekarisierung, Kontrolle, partiellen Entrechtung und Abschreckung. Sie sind als Transitzonen angelegt, in denen allen Migrant:innen klarwerden soll, dass sie keine Chance auf ein Bleiberecht haben und das Land verlassen müssen. Trotzdem bleiben viele der tausenden Migrant:innen mehrere Wochen oder Monate in den Lagern, bis ihr tatsächlicher Status festgelegt ist.

Der Alltag im Lager wird ab S. 244 (Beitrag von Simon Goebel, Europäische Ethnologie bzw. Soziale Arbeit) auch durch Interviews mit Migrant:innen plastischer dargestellt. Neben der Betonung der Eintönigkeit des Lageralltags und der Schwierigkeit einer Teilnahme an Bildungsprogrammen sind Fragen wie die Verfügbarkeit von WLAN ein wichtiges Thema. Vor allem aber berichten Migrant:innen in den Lagern von typischen Formen der Diskriminierung: struktureller Rassismus, Polizeigewalt und eine enttäuschende Komplizenschaft von Helfer:innen mit diskriminierenden Akteur:innen. Psychosoziale Berichte über die Probleme von Migrant:innen ergänzen dieses Bild eines sehr belastenden Alltags in den Lagern, der durchaus so gewollt ist, um die Migrant:innen zur Rückkehr zu bewegen – darin stimmen alle Autor:innen des Bandes überein. Doch betonen Migrant:innen selbst auch ihre Widerständigkeit und Organisationsfähigkeit gegen den diskriminierenden Lageralltag und die kategorische Vorverurteilung als Menschen ohne Bleiberecht. Der Band schließt mit mehreren Analysen der Rezeption von Lagern in der (lokalen bzw. regionalen) Öffentlichkeit und in den Medien. Hier zeigt sich ebenfalls ein differenziertes Bild, bei dem die Bevölkerung durchaus Sympathien für die Migrant:innen äußern kann.

Wegen seiner empirischen Einblicke in die aktuelle Forschung und dank der reflektierten theoretisch-methodischen Herangehensweise an die sehr vernachlässigte Lagerforschung ist der Band wegweisend. Stellenweise hätte man eher die jüngeren Ansätze etwa von Didier Fassin oder Joël Glasman hinzuziehen können, als sich wieder einmal an Foucault und Agamben abzuarbeiten. Auch die Konzepte der deportability (Nicholas P. De Genova) und der returnability (Inken Bartels), wie sie zum Beispiel im Beitrag von Simon Sperling und Sebastian Muy (Politikwissenschaft und Soziale Arbeit) gewinnbringend genutzt werden, hätten mehr Aufmerksamkeit verdient. Schließlich fehlt eine historische Dimension der Lagergeschichten fast vollständig, womit der Sammelband nur begrenzte Aussagen zur Lagerlogik der vergangenen Dekade machen kann. Hier sind Historiker:innen gefragt, die empirischen Einblicke zu vertiefen. Geschichtliche und geographische Vergleiche der (Im-)Mobilisierungslager scheinen ebenso vielversprechend zu sein, um daraus systematische Analysen zu entwickeln und induktiv Theorien abzuleiten, die sich von denjenigen der Universalgelehrten des 20. Jahrhunderts emanzipieren. Der Sammelband zeigt in dieser Hinsicht vorbildhaft, wie man innovative Aussagen aus der Pluralität von Erfahrungen und Ansätzen ableiten kann – vor allem dort, wo Migrant:innen selbst zu Wort kommen. Von dieser Herangehensweise inspiriert, können die Geschichtswissenschaften noch einen bedeutenden Beitrag zur (Im-)Mobilisierungsforschung leisten.

  1. Siehe das 2016/17 gegründete Zentrum Flucht und Migration.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jan-Holger Kirsch.

Kategorien: Gesellschaft Migration / Flucht / Integration Rassismus / Diskriminierung Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen

Florian Wagner

Florian Wagner studierte Geschichte und Islamwissenschaften in Tübingen und Aix-en-Provence. Seit 2017 ist er Akademischer Rat auf Zeit an der Universität Erfurt. Aktuell arbeitet er an einem Projekt zur Geschichte von Deportationen und Abschiebungen.

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