Deadline: 28.02.2022

„Die drei Kulturen“ reconsidered

Call for Papers für eine interdisziplinäre Online-Tagung vom 5. bis 6. Mai 2022. Deadline: 28. Februar 2022

Das zentrale Thema der 1985 erschienenen Studie Die drei Kulturen. Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft des deutschen Soziologen Wolf Lepenies ist die Konkurrenz einer sozialwissenschaftlichen und einer literarischen Intelligenz, welche seit dem 19. Jahrhundert um den Anspruch wetteifern, dem Menschen der Industriegesellschaft die angemessene Lebenslehre zu bieten. Diese zunächst in Frankreich und England einsetzende Auseinandersetzung spielte nachfolgend auch im öffentlichen Leben Deutschlands eine bedeutsame Rolle – und dies bis hinein in die 1980er Jahre. Verstanden wurde die „Deutungskonkurrenz“ zwischen Soziologie und Literatur als eine Auseinandersetzung, in welcher sich ein die Soziologie seit ihren Anfängen begleitendes „Dilemma“ verrate: das Schwanken zwischen Wissenschaft und Literatur, das heißt zwischen szientistischer, auf Vernunftkultur setzender Orientierung einerseits und einer hermeneutischen, auf Gefühlskultur setzender Einstellung andererseits. Dabei wurde die Standortbestimmung der Soziologie maßgeblich durch den Umstand erschwert, dass die Soziologie zumeist mit dem Sozialismus gleichgesetzt wurde, während die Dichtung als romantischer Hort einer traditonellen, und das heißt in diesem Zusammenhang vorindustriellen Gesellschaft beschworen wurde. Ideologisch verschärft zum Gegensatz zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung, differenzierten sich wissenschaftliche und literarische Produktionsweisen als Teil eines komplizierten Prozesses aus.

An dem Moment der Differenzierung von Soziologie und Literatur setzt die Tagung an. Die leitende Frage lautet, ob und inwiefern sich das differenzierte Verhältnis der beiden Kulturen mit dem Eintritt in die postindustrielle Gesellschaft verändert hat. Im Kern geht es also um eine Aktualisierung der Thesen des Buchs. Lässt sich für die Gegenwart, der neben einem ´neuen Geist des Kapitalismus´ (Boltanski/Chiapello) auch eine weitreichende Ästhetisierung und Kulturalisierung attestiert werden (Reckwitz), noch von einer Deutungskonkurrenz sprechen, oder ist angesichts einschlägiger Zeitdiagnostik nebst dem Erfolg neuer, von literarisierenden Soziologen und soziologisierenden Literaten getragenen Gattungen wie der Sozioautobiographie das Verhältnis von wissenschaftlichen und literarischen Produktionsweisen neu zu bestimmen? Wie verhält es sich heute mit dem Wettstreit zwischen sozialwissenschaftlicher und literarischer Intelligenz? Und trägt der die Kulturen in Konkurrenz zusammenhaltende Begriff der Intelligenz überhaupt noch, oder ist die Suche nach und mithin die Vermittlung von angemessenen Lebenslehren inzwischen, wenn nicht ganz eingestellt, so auf andere Disziplinen übergegangen? Neben einer Aktualisierung ist die Tagung auch an Fragen interessiert, die konkurrierende Sichtweisen auf die Thesen erlauben und etwa die im 19. Jahrhundert einsetzende Differenzierung zwischen Soziologie und Literatur anders bewerten.

Im Rahmen dieser übergreifenden Fragestellungen sind Beiträge zu nachfolgenden Schwerpunkten erwünscht:
1. Diskussionen der gegenwärtigen und historischen Verhältnisse von Soziologie und Literatur etwa hinsichtlich von Deutungskonkurrenz oder Deutungskameradschaft
2. Diskussion der Funktion/des Selbstverständnisses gegenwärtiger Teilbereiche der Soziologie und Literatur (Zeitdiagnostik oder Lebenslehre?)
3. Diskussionen zum Stand von „Wissenschaftsfeindschaft und Dichtungsglaube als deutsche Ideologie“ (deutscher Sonderweg oder transnationale Tendenzen?)
4. Relektüren von W.H. Riehl, Georg Simmel, Max Weber und Karl Mannheim und anderen unter dem Aspekt einer Renaissace der Kultursoziologie
5. Relektüren von Thomas Mann, Gustav Flaubert, Honoré de Balzac, Franz Kafka, Alfred Döblin, Michel Houellebecq und anderen hinsichlich ihrer soziologischen Anschlussfähigkeiten.

Bei der Tagung handelt es sich um die zweite Folge einer Reihe zur Literatursoziologie, die im April 2021 eröffnet wurde und deren erster Tagungsband in der zweiten Hälfte des neuen Jahres erscheint. Angesichts der anhaltenden Covid-Lage und der erfolgreichen Erprobung des Formats im April 2021 wird auch die zweite Tagung aller Voraussicht nach online stattfinden.

Wolf Lepenies hat für den Eröffnungsvortrag am 5. Mai bereits zugesagt.

Abstacts werden bis Ende Februar 2022 erbeten an: cmagerski(at)ffzg.hr oder christian.steuerwald(at)uni-bielefeld.de.
Auf Ihre Vorschläge freuen wir uns!