Deadline: 31.03.2022

Die ökologische Krise: Polarisierungen moderner Demokratien

Call for Papers für ein Plenum auf dem DGS-Kongress vom 26. bis 30. September 2022 an der Universität Bielefeld. Deadline: 31. März 2022

Die ökologische Krise erzeugt bereits jetzt erhebliche zwischen- und in­ner­ge­sellschaftliche Polarisierungen, etwa zwischen den Milieus und politischen Po­sitionen sowie den Ge­nerationen. Vermutlich werden diese Pola­ri­sie­run­gen sich zukünftig weiter intensivieren.

Das Plenum widmet sich insbesondere denjenigen gesellschaftlichen Po­la­risierungen, die angesichts der Klimakrise in den westlichen, modernen De­mokratien auftreten: Im Blick auf deren politisch-rechtliche Ver­fassung, die politische Pluralität und Kon­kur­renz ebenso instituiert, wie sie indivi­du­elle Rechte und (nicht zuletzt privatwirtschaftliche) Freiheiten gegenüber kol­lektiven Rechten priorisiert. Ebenso ist das moderne europäische Natur­ver­ständnis zu reflektieren, das der ›Natur‹ als Eigenwert keine Rechte ein­räumt, diese vielmehr lange in erster Linie als Objekt ge­sell­schaftlicher und individueller, unternehmerischer Verfügbarkeit in­sti­tuiert hat. Auch und vielleicht nicht zuletzt in derart politisch pluralistisch sowie juristisch indivi­du­alistisch verfassten mo­der­nen Gesellschaften führt die ökologische Frage zu (teils gewaltvollen) politischen Bewegungen, zu Spal­tungen von Familien und Freundschaften. Konflikte um die Klimapolitik treten kommunal auf, zwi­schen den Bundes­län­dern, auf nationaler Ebene (im Widerstand gegen Wind­räder, Tagebauten, Stromtrassen usw.) wie international und zwischen inter­nationalen NGOs und nationalen Regierungen. Selbst noch unter den Vertreter:innen von ›Nachhaltigkeit‹ ist die ökologische Frage hoch um­strit­ten – erst recht, wenn es um sozial robuste oder um technische (eventuell di­gi­tale) Antworten darauf geht.

Die Soziologie ist seit den Arbeiten von Bruno Latour wie auch Donna Hara­way mit diesem Thema zunehmend befasst. Zudem sind Arbeiten von Niklas Luhmann, Ulrich Beck oder bereits der Kritischen Theorie zu nen­nen. Um die aus der Klimakrise resultierenden Kämpfe, um die ge­sell­schaft­lichen Polarisierungen ging und geht es bei diesen Beiträgen bereits vielfältig (wenn auch eher implizit). In der Tat werden mit der ökologischen Krise ›klassische‹ Themen des Faches auf neue Weise brisant: Es entstehen neue so­ziale Ungleichheiten und neue Ab­stiegs­ängste; es ergeben sich neben poli­tischen Konkurrenzen tiefe Ge­ne­ra­tio­nen­konflikte sowie ideologische Spal­tun­gen, es kursieren Ver­schwö­rungs­theo­rien und es entstehen neue religiöse Be­we­gungen; die Wissenschaft wird in Frage gestellt. Es kommt zu dis­kur­siver und physischer Gewalt; zu Dystopien oder zu Ignoranz, Verleugnung und Fa­ta­lismus. Wie erwähnt, treffen diese Tendenzen und Stimmungen auf eine po­litische Form, die vorwiegend auf individuelle Rechte und auf den po­li­­ti­schen Wettbewerb setzt.

In dieser Lage wird theoretisch und politisch, in der Verständigung über mögliche Lö­sun­gen, bis dato vor allem die Kultur-Anthropologie als rele­vante Disziplin wahr­ge­nommen, aufgrund ihrer Expertise für das Wissen und die Ökologien gerade solcher Kollektive, die in den klimatisch mit­ent­schei­­denden Regionen der Regenwälder wohnen; und dank ihrer Theo­rie­beiträge zur Natur-Kultur-Frage. Auch die soziologische Theo­rie und For­schung könnten hier neues Gewicht erhalten – in Neujustierungen, die etwa den Gesellschafts- und den Öko­lo­giebegriff betreffen, in jenen Begriffs­fas­sun­gen des ›Sozialen‹, die mit Latour und Haraway dessen Einschränkung auf Menschen revidieren; und ebenso in empirischen Forschungen zu den sozialen Folgen der und Debatten um die ökologische Krise.

Im Plenum wünschen wir uns Beiträge zu allen diesen Aspekten: zu den ge­sellschaftlichen Polarisierungen und Ungleichheiten infolge der – seitens mo­­derner Gesellschaften verursachten – Erderwärmung; zu subjektiven (kol­­lektiven, generationellen, individuellen) Aneignungen und Reali­täts­vor­stel­­lungen; zu soziologischen Theorien und Begriffen, die auf die Heraus­forderung durch die ökologische Krise reagieren; zu den differenten ge­sell­schaft­lichen Reaktionsweisen und zur besonderen Lage der westlichen, de­mo­­­kratischen Gesellschaften hierbei; zu Lernprozessen in anderen Re­gio­nen der Welt; und dies unter Einbezug etwa vergleichender oder auch his­to­­risch-soziologischer Analysen.

Verantwortlich im Vorstand: Heike Delitz

Jury:

Die sechs Plenarveranstaltungen finden am Dienstag, den 27. September 2022 und Donnerstag, den 29. September 2022 von 9:00 bis 11:45 Uhr statt, jeweils drei pro Tag parallel. Über die konkrete Verteilung der Veranstaltungen auf die beiden Termine wird voraussichtlich im Juni 2022 entschieden. Bitte senden Sie Ihr Exposé zur Bewerbung um einen Plenarvortrag (max. 5.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) bis zum 31. März 2022 an beide jeweils genannten Juror:innen. Von den zwei Vorträgen, die auf dem Kongress von einer Person gehalten werden können, darf höchstens einer ein Plenarvortrag sein. Pro Plenum sind insgesamt vier Vorträge zugelassen.

CfP (PDF)