Deadline: 31.01.2022

Die Zeit des Populismus

Call for Papers für eine Tagung vom 10. bis 11. November 2022 in Kiel. Deadline: 31. Januar 2022

Tagung der Themengruppe Populismus (DVPW) in Kooperation mit dem Arbeitskreis Politik und Kultur (DVPW)

Organisation: Brigitte Bargetz, Paula Diehl, Nina Elena Eggers, Sara Minelli
(Institut für Sozialwissenschaften, Arbeitsbereich Politische Theorie, Ideengeschichte und
Politische Kultur)

Wir leben in der Zeit des Populismus. Die Populismusforschung ist sich weitgehend einig, dass Populismus das Symptom einer (multiplen) Krise, insbesondere einer kapitalistischen Krise und einer Krise der Repräsentation (u.a. Demirović 2018; Diehl 2020), sowie einer „zerbrechlichen Demokratie“ (Fassin 2019) ist. Die Rede ist daher auch von einem „populistischen Moment“ bzw. einem „populistischen Zeitgeist, der das Aufkommen von populistischen Bewegungen und Parteien begünstigt (Puhle 1986; Mudde 2004; Priester 2005). Zugleich scheint Populismus selbst ein besonderes Verhältnis zu Zeit zu haben. Wenn Paul Taggart (2000) von der populistischen Sehnsucht nach dem „heartland“ spricht, verweist er auf eine spezifische Thematisierung der Vergangenheit im Populismus. Während im rechten Populismus dabei vielfach ein Geschichtsrevisionismus zu beobachten ist, zeigt sich im linken Populismus eine Idealisierung der Vergangenheit, wenn die Volkssouveränität zum Ideal der Demokratie erklärt wird. Die Frage der Zeit spielt schließlich auch im Sinne postpopulistischer Politiken eine Rolle: indem eine Politik nach dem Populismus imaginiert wird, die als Reaktion auf den populistischen Moment bereits in aktuellen Bewegungen präsent ist (Lorey 2020); aber auch, indem eine Auffassung politischer Zeitlichkeit jenseits populistischer Vorstellungen entworfen wird.

Mit diesen drei Schwerpunkten – Populistischer Moment, Zeitlichkeit des Populismus, Postpopulistische Politik – wollen wir uns auf der Tagung zur „Zeit des Populismus“ genauer beschäftigen. Die aktuelle Anziehungskraft populistischer Politiken liegt vielleicht gerade auch in der Art und Weise, wie sie das politische Imaginäre füllen und mit politischer Zeitlichkeit umgehen (Diehl 2020). Durch gezielte „affektive Narrative“ (Bargetz/Eggers 2021) vergegenwärtigen populistische Akteur*innen idealisierte Vergangenheiten und malen dystopische Bilder der Gegenwart. Gegen die Unsicherheiten in der Zukunft werden durch „Rückbesinnung“ (Freistein/Gadinger/Unrau 2021) oder das Aufrufen „politischer Mythen“ (Minelli 2020) unmittelbare Lösungen im Hier und Jetzt (Diamanti/Lazar 2018) versprochen. Doch das Merkmal unserer Zeit besteht nicht nur darin, dass Politik zunehmend populistischer wird, sondern dass auch ein neues Paradigma politischer Zeitlichkeit entsteht – „permanente Krise“ (Revault D'Allones 2012), „Präsentismus“ (Hartog 2015) und „präsentische Demokratie“ (Lorey 2020) sind einige der Konzepte, die diese neue Erfahrung der Zeit (Koselleck 1988) beschreiben. Vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen zielt die Tagung darauf, zu ergründen, ob und warum von einer Zeit des Populismus zu sprechen ist, aber auch wie Populist*innen mit Zeit und Zeitlichkeit spielen. Ebenso soll erschlossen werden, welches Zeitverständnis populistische Entwicklungen begünstigt und wie alternative Entwürfe einer postpolitischen Zeitlichkeit der Politik aussehen können.

Der populistische Moment

In diesem Schwerpunkt soll die Frage diskutiert werden, wann Populismus eine besondere Konjunktur hat und welche Bedingungen (ökonomisch, sozial, kulturell etc.) und Ungleichheitsverhältnisse das Aufkommen von Populismus begünstigen. Erwünscht sind zeitdiagnostische sowie konzeptuelle Auseinandersetzungen zu folgenden möglichen Fragen:

  • Gibt es Zeitpunkte, an denen populistische Kräfte, Bewegungen und Parteien besonders an Zuspruch gewinnen, und wodurch zeichnen sich diese aus?
  • Welcher Zusammenhang besteht zwischen den Krisen der Gegenwart (von der Krise der Parteien und politischer Repräsentation über die Care-Krise und die Corona-Krise bis hin zur ökologischen Krise), strukturellem Rassismus, dem Wiederaufleben des Nationalismus, dem Appell an maskulinistische Staatlichkeit und dem Aufkommen des Populismus?
  • Sind die Populismen von Victor Orban in Ungarn, Narendra Modi in Indien, Syriza in Griechenland, der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, Donald Trump in USA oder Nicolas Maduro in Venezuela der Ausdruck eines gleichen populistischen Moments?

Die Zeitlichkeit des Populismus

Theoretisierungen des Verhältnisses von Populismus und Zeit sowie Populismus und Geschichte sollen hier im Mittelpunkt stehen. Ebenso sind konkrete Analysen von Zeitlichkeiten in und von aktuellen Populismen erwünscht. Mögliche Themen und Fragen sind:

  • Wie werden in gegenwärtigen Populismen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft imaginiert und welche Narrative, Affekte, Mythen oder Utopien werden mobilisiert?
  • Gibt es ein spezifisches populistisches Verhältnis zur und Verständnis von Zeitlichkeit, die den Populismus von anderen Formen der Politik unterscheidet?
  • Erlauben es die unterschiedlichen Populismen von einer „populistischen Zeitlichkeit“ zu sprechen oder gibt es unterschiedliche Zeitlichkeiten von Links- und Rechtspopulismus?

Postpopulistische Politik?

  • Ein dritter Schwerpunkt ist auf die Frage nach anti- bzw. postpopulistischen Theorien und Praktiken gerichtet, die Zeit und Zeitlichkeit nach dem Populismus imaginieren und theoretisieren. Erwünscht sind Beiträge etwa zu folgenden Fragen:
  • Gibt es im populistischen Moment Gegenentwürfe für postpopulistische Politik und wodurch zeichnen sich diese aus?
  • Welches Zeitverständnis liegt diesen aktuellen politischen Entwicklungen zugrunde?
  • Welchen Beitrag zur Diskussion um (Post-)Populismus leisten hier gerade intersektionale queere, feministische und postkoloniale Ansätze?

Für Vorträge eingeladen sind: Prof. Dr. Paula Diehl (Kiel), Prof. Dr. Éric Fassin (Paris), PD Dr. Frank Gadinger (Darmstadt), Prof. Dr. Isabell Lorey (Köln). Wir bitten um Abstracts zum geplanten Vortrag (300-350 Wörter) plus Kurz-CV (max. halbe Seite) bis spätestens 31. Januar 2022 an b.bargetz(at)politik.uni-kiel.de, neggers(at)politik.unikiel.de und minelli(at)politik.uni-kiel.de. Die Teilnehmer*innen werden im Februar 2022 über eine Zusage informiert.

Ein Antrag auf die Erstattung von Reise- und Übernachtungskosten wird gestellt.

Zum CfP (Pdf)