Deadline: 30.04.2026
Die Zukunft der Inklusion. Theoretische Revisionen und empirische Erweiterungen
Call for Papers für eine Ad-hoc-Gruppe auf dem 43. Kongress der DGS vom 28. September bis 2. Oktober 2026 in Mainz. Deadline: 30. April 2026
Mit dem Begriff der Inklusion werden aus differenzierungstheoretischer Perspektive Verhältnisse zwischen Individuum und Gesellschaft in den Blick genommen. So lässt sich das Personal der Gesellschaft hinsichtlich der Positionierung in Leistungs- und Publikumsrollen, seiner semantischen Konstruktionsweisen, individueller Aktivitätsprofile oder abgestufter Modi kommunikativer Adressierbarkeit beschreiben. Interaktionen, Organisationen, Funktionssysteme und andere Formen sozialer Ordnung verfügen über je eigene Inklusionsformen und -bedingungen. Und auch Gesellschaftsformationen werden nach ihren prägenden Inklusionsordnungen sowie den verfügbaren Exklusionsmöglichkeiten unterschieden.
Es verwundert daher nicht, dass auch in gegenwärtigen gesellschaftlichen Transformationen Fragen der Inklusion und Exklusion zentrale Relevanz besitzen. Sie sind Kristallisationspunkte von Debatten um mögliche und wünschbare Zukünfte, beispielsweise zu politischen Systemen, Generationengerechtigkeit oder dem Umgang mit KI. Außerdem stellen Inklusionsgestaltung und Exklusionsbetreuung wachsende Tätigkeitsfelder dar, die sich weit über die Sozialhilfe hinaus in die Kommunikationsabteilungen von Organisationen, partizipative Verfahren und medientechnische Infrastrukturen erstrecken. Gleichzeitig steht die soziologische Analyse von Inklusionsverhältnissen vor empirischen und theoretischen Herausforderungen.
Empirische Studien haben Veränderungen bisheriger Inklusionsweisen aufgezeigt, allen voran die Erweiterung von Publikumsrollen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Gerhards) und die Ausbreitung sekundärer Leistungsrollen (Volkmann). Daneben nivellieren sich prägende kulturelle Differenzierungsachsen von Personen, wie z. B. Geschlecht (Hirschauer), und die Bedeutung von Einzigartigkeit nimmt zu (Reckwitz). Insbesondere im Zuge digitaler Mediatisierung werden außerdem neue numerische (Wehner, Sutter, Muhle, Passoth), fluide (Dobusch, Schoeneborn) und „maschinelle“ (Muhle, Dickel) Inklusionsverhältnisse beschrieben. Auch Phänomene der inkludierenden Exklusion (Bohn) in „gegenkulturelle“ Milieus gewinnen aktuell im Zusammenhang mit Postfaktizitätsdebatten und Autoritarismustendenzen noch einmal anders an Relevanz.
Solche vielgestaltigen und ambivalenten Entwicklungen gehen auch mit theoretischen Herausforderungen einher. So stellt sich etwa die Frage, ob sie als Inklusionsrevolutionen (Stichweh) oder Prozesse der Universalisierung (Stäheli) ausreichend beschrieben sind. Darüber hinaus wurden zwar im Rahmen der Analyse von Inklusionsphänomenen in einzelnen Gesellschaftsbereichen auch konzeptuelle Erweiterungen angeboten (z. B. Politik: Osrecki; Wirtschaft: Stäheli; Recht: Bora; Wissenschaft: Göbel). Dennoch bestehen grundlegende Theoriebaustellen fort, etwa das Verhältnis von Interaktionen, Organisationen, gesellschaftlichen Funktionsbereichen und weiteren sozialen Ordnungsweisen für Vollzug und Gestaltung von Inklusion. Auch die Modalitäten der Verschränkungen von Inklusion in verschiedenen Kontexten miteinander sowie mit Exklusion bieten noch Potenziale für Konzeptentwicklung (Farzin, Opitz, Stäheli). Und nicht zuletzt stellt sich die Frage, wie aktuelle Inklusions- und Exklusionskonfigurationen vor dem Hintergrund der Debatten um gesellschaftliche (Ent-)Differenzierung(en) zu interpretieren sind.
Das Ziel der Ad-hoc-Gruppe besteht darin, Potenziale für die Schärfung des Inklusionsbegriffs als Analysewerkzeug für aktuelle Gesellschafts(trans)formationen zu erkunden, indem neue empirische Phänomene und theoretische Entwicklungen aufgegriffen werden. Erwünscht sind daher empirische, theoretische und methodologische Beiträge, die sich mit Fragen von Inklusion und Exklusion aus unterschiedlichen Perspektiven sowie in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten auseinandersetzen. Auch Arbeiten zur Verschränkung des Inklusionsbegriffs mit anderen soziologischen Konzepten, z. B. soziale Ungleichheit (Stichweh, Windolf), Sozialisation oder Personalisierung, sind willkommen.
Wir freuen uns über die Einreichung von Abstracts (maximal eine Seite) bis zum 30.04.2026 an: cgoebel(at)uni-mainz.de
Organisation:
Dr. Ute Volkmann (Universität Bremen)
Prof. Dr. Florian Muhle (Zeppelin Universität)
Dr. Claudia Göbel (Johannes Gutenberg-Universität Mainz)
Call for Papers (PDF)