Deadline: 15.04.2021

Digitalisierung/Nachhaltigkeit – vor und nach Corona

Call for Papers für eine Ad-hoc-Gruppe auf dem gemeinsamen Kongress der DGS und ÖGS vom 23. bis 25. August 2021 in Wien, Österreich. Deadline: 15. April 2021

Organisation: Sarah Lenz (Hamburg) und Anna Henkel (Passau)
sarah.lenz@uni-hamburg.de, anna.henkel(at)uni-passau.de

Ebenso wie Nachhaltigkeit ist Digitalisierung in den letzten Jahren zu einem facettenreichen Leitbegriff des gesellschaftlichen Wandels avanciert. Beides, Digitalisierung und Nachhaltigkeit, referiert auf für (westliche) Gesellschaften scheinbar unumgängliche Transformationsdynamiken. Gemeinsam ist ihnen, dass sich darin soziale und materiale Dimensionen verschränken, wobei technologische und ökologische Änderungen sowohl Ursache als auch Effekt sozioökonomischer wie kultureller gesellschaftlicher Veränderungen sind. Dabei lassen sich (diskursive und materielle) Verschränkungen zwischen Nachhaltigkeit und Digitalisierung identifizieren, wenn beispielsweise der Einsatz digitaler Technologien auf die Nachhaltigkeitsziele der Ressourcenschonung sowie deren Regenerativität ausgerichtet ist. Beispiele hierfür finden sich nicht nur in Form des papierlosen Büros, sondern auch in SmartHome- oder Smart-City-Technologien. Unter dem Stichwort der Industrie 4.0 wird Digitalisierung als wesentliche Innovation zur Umsetzung einer auf erneuerbaren Energien basierenden Produktion und somit als Voraussetzung für das Erreichen der globalen Nachhaltigkeitsziele diskutiert.

Trotz solcher Entsprechungen von Digitalisierung und Nachhaltigkeit bestehen jedoch Spannungen zwischen diesen beiden gesellschaftlichen Transformationsdynamiken. Im Zusammenhang mit der Corona-Krise liegt der Fokus, zumindest derzeit, auf der Bedeutung digitaler Technologien für das teilweise Aufrechterhalten von Normalität, während Umweltaspekte, zumindest in den Medien, in den Hintergrund rücken. Die Auswirkungen der Corona Pandemie induziert eine jedenfalls temporäre Verschiebung von Prioritäten zugunsten der Digitalisierung. Zugleich wurde bereits vor der Corona-Pandemie, dass die Digitalisierung unintendiert negative Nachhaltigkeitseffekte haben kann, wenn globale digitale Infrastrukturen klimaschädliche Effekte haben. Digitalisierung steht dabei einem zentralen Nachhaltigkeitsprinzip, der Sicherung von Regenerativität, entgegen. Auch geraten über die Verschränkung beider Felder neu entstehende oder sich weiter manifestierende Ungleichheiten in den Blick. Vor dem Hintergrund eines digital divide werden Fragen verhandelt, die auf die Voraussetzungen digitaler Teilhabe zum Erreichen nachhaltiger Entwicklungsprozesse abzielen, vornehmlich in Ländern des globalen Südens. Damit korrespondieren Debatten, die die Implikationen der Digitalisierung für Normbildung, demokratische Prozesse und die Beschaffenheit gesellschaftlicher Sektoren (Verkehr, Finanzen, Bildung, Gesundheit) beleuchten.

Vor diesem Hintergrund ist es aus soziologischer Perspektive erforderlich, diese beiden „Megatrends“ als Transformationsdynamiken gesellschaftstheoretisch in den Blick zu nehmen und ihre gesellschaftliche und politische Bedeutung vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie zu reflektieren. Sowohl Digitalisierung als auch Nachhaltigkeit setzen spezifische gesellschaftliche Bedingungen voraus und wirken auf diese zurück. Zu solchen gesellschaftlichen Bedingungen gehören nicht nur ein fortentwickeltes wissenschaftliches Wissen, eine ausdifferenzierte globale Wirtschaft und eine technik- und innovationsaffine Kultur. Dazu gehört auch eine umfassende technische Infrastruktur, denke man nur an Stromversorgung, Datenkabel oder Server, aber auch an die Erfordernisse von Ernährungssicherheit oder funktionierender Müllentsorgung. Digitalisierung und Nachhaltigkeit setzen an solchen gesellschaftlichen Voraussetzungen unterschiedlich an und involvieren jeweils in sich sehr heterogene Vorstellungen wünschenswerter gesellschaftlicher Entwicklung. Diese sind zum Teil besser, zum Teil schlechter miteinander kompatibel. Digitale Zukünfte reichen von Transhumanismus im Weltraum bis hin zum global village; nachhaltige Zukünfte sind ähnlich heterogen, wenn sie von de-growth mit urban gardening bis CO2-Reduktion dank geo-engineering reichen. In einer „nachhaltigen digitalen Zukunft“ (WBGU 2019) mögen sich Digitalisierung und Nachhaltigkeit verschränken lassen – wie eine solche Gesellschaft – auch nach Corona – aussieht, welche Digitalisierung und welche Nachhaltigkeit dabei relevant wird, ist zunächst offen. Die Soziologie ist gefordert, bestehende gesellschaftstheoretische Perspektiven und Konzepte für eine Untersuchung dieser vielleicht harmonierender, vielleicht konfligierender Transformationsdynamiken nutzbar zu machen und weiter zu entwickeln.

In der Ad-hoc-Gruppe soll das potentiell spannungsgeladene, mindestens aber uneindeutige Verhältnis gesellschaftlicher Transformation durch Digitalisierung und Nachhaltigkeit theoretisch und empirisch sowie im Kontext der Corona-Pandemie diskutiert werden. Dabei sollen Digitalisierung und Nachhaltigkeit aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven (Kritische Theorie, Akteur Netzwerktheorie, Theorie der Rechtfertigung, Systemtheorie, Praxistheorie, Governance-Theorie, Diskurstheorie, Konventionstheorie) spezifiziert und theoretische wie empirische oder gesellschaftspolitische Verbindungen zwischen beiden ausgelotet werden. Die Beiträge können, müssen sich aber nicht an folgenden thematischen Blöcken orientieren.

  • Welchen theoretischen Nutzen hat es, Digitalisierung und Nachhaltigkeit in ihrer Verschränkung zu betrachten? Wie lassen sich diese beiden gesellschaftlichen Leitentwicklungen theoretisch integrieren? Wie lassen sich die variierenden Verantwortlichkeiten in einen theoretischen Dialog bringen?
  • Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die politische und gesellschaftliche Gestaltung von Digitalisierung und Nachhaltigkeit aus? Welche Herausforderungen ergeben sich daraus? Ergeben sich etwa neue Möglichkeitsräume für eine nachhaltige Umgestaltung von Gesellschaften oder geraten diese durch die Corona-Pandemie unter Druck? Wie reagieren Nachhaltigkeitsakteure auf die notwendige Nutzung digitaler Technologien zur Aufrechterhaltung der Normalität in der Corona-Pandemie?
  • Wie wirken sich Forderungen nach Nachhaltigkeit auf Prozesse der (wirtschaftlichen) Digitalisierung aus? Wo lassen sich Aushandlungsprozesse zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit finden? Wie sind diese beschaffen? Welche Akteure sind zentral an diesen Aushandlungen beteiligt?
  • Welche Auswirkungen haben Digitalisierung und Nachhaltigkeit sowie deren Verschränkung auf gegenwärtige soziale Ordnungen? Welchen Einfluss haben gesellschaftliche Ungleichheitskonstellationen auf demokratische Teilhabemöglichkeiten im Kontext von Digitalisierung und Nachhaltigkeit?

Wir bitten Sie, Ihren Vortragstitel und Ihr Abstract (max. 2.400 Zeichen inkl. Leerzeichen) bis zum 15. April 2021 online dem Kongressbüro einzureichen. Der Link lautet: https://www.conftool.pro/soziologie-kongress-2021. Sie müssen sich in conftool für die Einreichung registrieren. Die Registrierung ersetzt nicht die Anmeldung zum Kongress - bitte melden Sie sich im Vorfeld des Kongresses außerdem zum Kongress an. Weitere Informationen dazu finden Sie ab Ende April auf der Kongresshomepage (https://kongress-dev.soziologie.de/anmeldung). Bitte achten Sie bei der Meldung Ihres Beitrages darauf, die korrekte Session auszuwählen.

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