Deadline: 15.01.2022

Faktor Mensch

Call for Papers für das Jahrbuch Technikphilosophie. Deadline: 15. Januar 2022

Die Perfektionierung der Technik lässt den „Menschen“ in ganz unterschiedlichem Licht erscheinen. Vielen Narrativen zufolge setzt die perfektionierte Technik den Menschen (endlich) frei, dank ideal an ihn angepasster Leistungen.

Perfektionierte Technik führt aber auch in so etwas wie eine inverse Anthropologie: Je perfekter, je determinierter es idealerweise zugeht oder zugehen soll, desto spürbarer erscheinen die human factors, die Freiheitsgrade des menschlichen Verhaltens, als Irritationsquelle. Der Einzelmensch ist das irreguläre Element: unberechenbar, unperfekt, er (oder sie) „passt“ nur schlecht: Individuen drücken auf die falschen Knöpfe, ermüden vor dem Bildschirm, zweckentfremden Werkzeuge, probieren aus, was passiert, wenn man einen Alarm auslöst, und laufen ohne nach rechts und links zu schauen über befahrene Straßen.

Eine „prometheische Scham“ hat Günter Anders das Gefühl genannt, wenn wir uns hinter der Perfektion technischer Artefakte zurückbleiben sehen. Diese Scham mag einen (zweifelhaften) Trost darin finden, dass wir selbst im Irregulären berechenbar werden: Das Nichtpassen, die Abweichung (Versagen, Freiheiten, Aggression und Spieltrieb) lässt sich als „Faktor“ z.B. statistisch bändigen – also einberechnen; und menschliches Handeln damit wieder mit der Technik in Einklang bringen. Technische Systeme antizipieren so nicht nur geduldig die ganze Bandbreite menschlichen Versagens. Sie können uns sogar, aus unseren Fehlern lernend, smart erziehen. Mach mal eine Pause, sagt das Auto zu mir. Und tue ich es nicht, steigert ein KI-System meinen Versicherungstarif.

„Der Mensch“ müsse bei allem – trotzdem! – stets „im Mittelpunkt“ stehen, für ihn werde ja die Technik gemacht. Den einen geht das als technikethisches und technikpolitisches Versprechen leicht von der Zunge, und tatsächlich ist mit dieser Mittelpunkt-Metapher eine Version des alten homo mensura-Grundsatzes gemeint („wir“ sind es, die zählen, soll das ja heißen: der Kunde ist König, die Maschinen sollen gehorchen, nicht herrschen). Dennoch klingt die Sache mit dem Mittelpunkt auch wie eine Drohung. Da stehen wir nun: „homo Sapiens, allein zuhaus’“. Alle Sensoren unserer Geräte haben es auf uns abgesehen, alle Waffen sind auf unsere Regungen gerichtet. Auf unsere Affekte womöglich sogar. Ist diese Geworfenheit – nicht nur existenziell, sondern gleichsam auch vor den Augen des Artefakts – womöglich ein Grund dafür, dass Techniktheorie und Anthropologie in der Moderne nahezu gleichzeitig entstehen und bis heute einander so sehr brauchen? Allein unter Assistenten... die den Vatermord vielleicht bald wagen: Beginnt damit das Unbehagen an Kultur?

Mit dem Schwerpunktthema „Faktor Mensch“ will das Jahrbuch Technikphilosophie (2023) einerseits den vielfältigen Defizitarrangements im technischen Bereich (und gerade auch „neuen“ Technologien) nachgehen: Wie modellieren, kompensieren, ja parodieren Maschinenwelten, Nutzschnittstellen, Implementierungsstrategien oder auch ganze großtechnische Ökosysteme „den“ Menschen – also „ihre“ Version unserer selbst? Wie diskriminiert Technik? Wie erzieht sie? Wie weit kann sie Menschliches „reduzieren“? Andererseits gilt es, neu hinzusehen, was „Mensch“ in genau diesem Zusammenhang überhaupt meint, und die Anthropologie als Teil von Techniktheorien und Technikdiskursen neu zu befragen. Was hat die Forschung zum „Faktor“ bislang zusammengetragen? Wo ist der „Faktor“ lediglich Popanz? Wo ist Technik, was man „cishuman“ nennen könnte; wo sind Technikkrisen und Krisen der Rede vom Menschen zwei Seiten einer Medaille? „Mensch“ und „Technik“ sind gewiss zweierlei und auch keine symmetrische Opposition. Technikkritik muss daher auch Menschenkritik sein.

Einsendungen zum Schwerpunktthema sind erbeten bis zum 15. Januar 2022. Darüber hinaus publiziert das Jahrbuch technikphilosophische Abhandlungen zu frei wählbaren Themen. Hinzu kommen für das Fach interessante Kontroversen, Archivtexte und Rezensionen. Ein zweistufiges Begutachtungsverfahren (double-blind peer review) ist Voraussetzung für Aufsatzpublikationen. Kontroversen und Rezensionen begutachtet die Redaktion.

Manuskripte für freie Abhandlungen und Rezensionen können bis zum 15. Januar 2022 eingereicht werden. Diese müssen sich nicht auf das Schwerpunktthema beziehen. Der Textumfang von Abhandlungen sollte 45.000 Zeichen nicht überschreiten. Es besteht auch die Möglichkeit, bis zum 15. Oktober 2021 Themenskizzen (Abstracts) für Beiträge oder Kontroversen einzureichen, um vorab ein redaktionelles Feedback zu den Themenvorschlägen zu erhalten.

Einsendungen, Vorschläge oder Anfragen richten Sie bitte per E-Mail an die Redaktion: jahrbuch(at)phil.tu-darmstadt.de

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