Deadline: 30.04.2026

Gesellschaftliche Militarisierung anstatt Zivilisierung der Streitkräfte? Zum zukünftigen Ort von Krieg und militärischer Gewalt in Deutschland

Call for Papers für eine Ad-hoc-Gruppe auf dem 43. Kongress der DGS vom 28. September bis 2. Oktober 2026 in Mainz. Deadline: 30. April 2026

In den Studien, die in den letzten beiden Jahrzehnten über die Beziehungen westlicher Zivilgesellschaften zu Militär und Krieg vorgelegt wurden, dominierten Diagnosen, welche insbesondere auf funktionale, kulturelle und strukturelle Differenzierung abhoben (Shaw 2005; Münkler 2006; Kuchler 2013; Hagen/Biehl 2023). Krieg und militärische Gewaltanwendung fanden an anderen Orten der Welt statt, woran westliche Streitkräfte gegebenenfalls in Gestalt internationaler Militärmissionen beteiligt waren. Soldatinnen und Soldaten waren Bürger:innen, die sich aktiv für den Soldatenberuf entschieden hatten und dafür entsprechend entlohnt wurden. Zwischen der militärischen Sozialwelt im Einsatz wie im Heimatbetrieb und den zivilen Alltagswelten gab es nur wenige Schnittmengen.

Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine und dem weitgehenden Rückzug der USA aus der europäischen Sicherheitsarchitektur haben sich die nationalen wie internationalen Koordinaten der zivil-militärischen Konstellation auch in Deutschland verschoben: Seit 2022 wurden milliardenschwere Sondervermögen für die Aufrüstung und den Ausbau der Bundeswehr bewilligt, und 2026 erfolgt die Einführung eines Neuen Wehrdienstes, der perspektivisch mit einer obligatorischen Musterung für junge Männer einhergehen soll. Zugleich werden mit der Kontaktierung kompletter Jahrgänge erstmalig auch Frauen systematisch als mögliche Soldatinnen angesprochen. In öffentlichen Debatten um Resilienz und Verteidigungsbereitschaft der deutschen Bevölkerung ist die antizipatorische Ausrichtung auf Landes- und Bündnisverteidigung klar zu erkennen.

Ziel der vorgeschlagenen Ad-hoc-Gruppe ist es, diese neueren Entwicklungen im Verhältnis von Staat, Militär und Zivilgesellschaft für den deutschen Fall in den Blick zu nehmen und anhand des Begriffs der Militarisierung (vgl. Bayer 2024) zu diskutieren.

Unter „Militarisierung“ lässt sich die Übertragung militärischer Denk- und Handlungsprinzipien auf andere Sozialbereiche verstehen. Davon zu unterscheiden ist der Begriff des Militarismus, der für die politische und soziale Wertschätzung des Militärischen an und für sich steht. In Deutschland ist Militarismus eng mit der Zeit vom Deutschen Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus verknüpft (Wette 2011). Gleichwohl können militärische Deutungs- und Handlungsmuster – wie etwa die Arbeiten von Tanja Thomas und Fabian Virchow (2006) zu „banalem Militarismus“ gezeigt haben – über mediale Erzeugnisse der Kultur- und Unterhaltungsindustrie oder den Sport auch auf alltägliche Weise gesellschaftlich wirksam werden.

Im Rahmen dieser Ad-hoc-Gruppe sollen die Spielarten und Mechanismen von Militarisierung in materieller wie diskursiver Hinsicht (Kuehn/Levy 2020) anhand folgender Fragen behandelt werden:

  • Wie lassen sich die gegenwärtigen Entwicklungen im Verhältnis von Staat, Militär und Zivilgesellschaft begrifflich fassen, und wie weit trägt hier der Begriff der Militarisierung?
  • Welche aktuellen Phänomene von Militarisierung lassen sich in der medialen Öffentlichkeit sowie in der Wirtschafts- und Finanzwelt beobachten, und welche Trends können hieraus abgeleitet werden?
  • Welche Anzeichen von Militarisierung zeigen sich in (vermeintlich) militärfernen Sphären wie der Wissenschaft und dem Gesundheitssystem, in Sport, Kunst oder Kultur?

Wir bitten um die Einreichung von Abstracts (maximal eine Seite) bis zum 30.04.2026 an: MartinElbe(at)bundeswehr.org und NinaLeonhard(at)bundeswehr.org

Organisation:

Martin Elbe (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam)
Nina Leonhard (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften, Potsdam / Universität Münster)

Call for Papers (PDF)

 

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