Deadline: 30.11.2021

Kann eine digitale Gesellschaft nachhaltig sein? Soziologische Perspektiven auf die Wechselwirkungen von gesellschaftlicher Transformation, Technik und Natur

Call for Papers für eine gemeinsame Tagung des DGS-Arbeitskreises Soziologie der Nachhaltigkeit mit den Sektionen Arbeits- und Industriesoziologie, Wissenschafts- und Technikforschung, Umweltsoziologie, Organisationssoziologie sowie Religionssoziologie vom 23. bis 25. Juni 2022 in Passau. Deadline: 30. November 2021

Das Ziel des Arbeitskreises Soziologie der Nachhaltigkeit (SONA) ist es, Beiträge zur disziplinären Selbstverständigung, Vernetzung und Institutionalisierung der Nachhaltigkeitssoziologie zu leisten. Die Zusammenarbeit zeichnet sich dadurch aus, dass konkrete Themen einer nachhaltigen Gesellschaftsentwicklung mit einer spezifisch soziologischen Blickrichtung verbunden werden. Der Arbeitskreis ist innerhalb der DGS sektionsübergreifend angebunden an die Sektionen Arbeits- und Industriesoziologie, Wissenschafts- und Technikforschung, Religionssoziologie, Organisationssoziologie sowie Umweltsoziologie. Der Fokus liegt entsprechend dem Querschnittsthema Nachhaltigkeit darauf, die verschiedenen Nachhaltigkeitsbezüge der Sektionen miteinander ins Gespräch zu bringen. Das Anliegen der Tagung „Kann eine digitale Gesellschaft nachhaltig sein?“ besteht folglich darin, mit einem konkreten Gegenstandsbezug, der sich durch besondere Aktualität und Mehrdimensionalität auszeichnet, die Potenziale der sektionsübergreifenden Kooperation im Arbeitskreis auszuloten.

Nachhaltigkeit ist seit einem knappen halben Jahrhundert eine gesellschaftlich relevante Herausforderung weltgesellschaftlicher Transformation – ein sogenannter Megatrend. Zivilgesellschaftliche, wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Akteursgruppen thematisieren im Rahmen des Nachhaltigkeitsdiskurses auf der einen Seite die Ursachen, Zusammenhänge und Folgen von ökologischen und sozialen Krisenphänomenen. Auf der anderen Seite sind zugleich die positiven Visionen einer umweltverträglichen und sozial-gerechten Gesellschaftsordnung Bestandteil von Nachhaltigkeitskonzepten, die sich in globalen, nationalen und lokalen Umsetzungsprogrammen und Handlungsempfehlungen für nahezu alle Lebensbereiche materialisieren: Mobilität, Arbeit, Wohnen, Technik, Industrie, Wissenschaft, Politik, Konsum oder sogar Religion – es ließe sich kaum ein Bereich ausmachen, der nicht nachhaltig werden soll. Und in der Tat verbinden sich die normativen Ansprüche auf vielfältige Weise mit der sozialen Praxis, indem sie diese transformieren – mitunter aber auch in ihrer nicht-nachhaltigen Form stabilisieren. Die Veralltäglichung von Nachhaltigkeit führt bisher nicht zu einer erfolgreichen Bearbeitung ihrer ökologischen und sozialen Bezugsprobleme, sondern verweist vielmehr auf die Persistenz der Problemlage.

Wie sich ein anderer Megatrend, die digitale Transformation, mit den Nachhaltigkeitsanforderungen vereinbaren lässt – ob Digitalisierung gar ein „Game-Changer“ für eine nachhaltige Entwicklung sein kann – ist in vielen Belangen noch offen. Mit der Verbreitung digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien in Lebenswelt und Wirtschaft, hat sich die Art und Weise grundlegend verändert, in der kommuniziert, informiert, produziert, konsumiert, politisiert und geforscht wird. Mit Digitalisierung werden einerseits klassische Fortschrittsvorstellungen verbunden: Die Verbesserung menschlichen Lebens und Zusammenlebens, wirtschaftliche Prosperität und Effizienz, Teilhabe und sozialer Aufstieg. Andererseits gilt Digitalisierung als Chiffre für eine perfektionierte Überwachung, algorithmusgesteuerte Unübersichtlichkeit, mächtige Monopolstellungen im digitalen Kapitalismus sowie „Shitstorms“, „Hate-Speech“ und neue soziale Polarisierungen.

Seit relativ kurzer Zeit werden Digitalisierung und Nachhaltigkeit diskursiv und praktisch sowie als soziologische Beobachtungsgegenstände miteinander verbunden. Digitalisierung erscheint als Möglichkeit, Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, indem sie einen schonenderen Umgang mit natürlichen Ressourcen durch Effizienzgewinne und neue Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten eröffnet (z.B. Smart Sustainability). Allerdings wird auch auf die sozial und ökologisch problematischen Wirkungen von Digitalisierungsprozessen verwiesen – ihre Ressourcenintensität, mögliche Rebound-Effekte und neue soziale Spaltungen. Nachhaltigkeit und Digitalisierung berühren als Transformationsdynamiken die Machtverhältnisse, die Materialitätsverhältnisse und die Selbstverhältnisse des Sozialen – jedoch teils unterschiedlich oder gar in widersprüchlicher Weise.

Das Anliegen der Tagung besteht darin, die komplexen und facettenreichen Beziehungen von Nachhaltigkeit und Digitalisierung als Forschungsgegenstand deutlicher zu konturieren und in den Blickpunkt soziologischer Reflexionen zu rücken, indem eine Vielfalt theoretisch-konzeptueller und empirischer Forschungszugänge miteinander ins Gespräch gebracht wird. In dem so eröffneten Feld sollen Verbindungslinien zwischen und Herausforderungen für die beteiligten „Bindestrichsoziologien“ sowie Forschungs- und Handlungsdesiderata aufgezeigt werden. Im Mittelpunkt dieser Tagung sollen Phänomene stehen, in denen Nachhaltigkeit und Digitalisierung diskursiv und praktisch aufeinander bezogen sind, entweder im Sinne einer postulierten Synergie oder als postulierter Gegensatz. Es handelt sich um einen offenen Call, der zu Beiträgen zu diesem Spektrum einlädt und nicht nur auf die genannten Sektionen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie beschränkt ist.

Die Sektion Wissenschafts- und Technikforschung ruft insbesondere zu Beitragsvorschlägen auf, die ökologische und soziale Nachhaltigkeit als Thema der soziologischen und interdisziplinären Forschung (z.B. in den Science and Technology Studies, in der Technikfolgenabschätzung) zu Informatisierungs- und Digitalisierungsprozessen, als Ziel forschungspolitischer Programme (z.B. Responsible Research and Innovation) oder als gesellschaftlichen Transformationsprozess (z.B. Sustainability Transitions) in den Blick nehmen. Von Interesse sind dabei nicht nur die wechselnden Orientierungen entsprechender Forschungsstränge, sondern auch die daraus resultierenden Wissensvorräte zu den Ambivalenzen wissenschaftlicher und technischer Innovationen für Gesellschaft und Natur, die in Triangulation mit den Einsichten anderer beteiligter Disziplinen auf die Leitfrage der Tagung bezogen werden sollen.

Aus Perspektive der Sektion Umweltsoziologie wird insbesondere gefragt: Ändern Digitalisierungsprozesse die Naturverhältnisse? Handelt es sich um eine Kontinuität zunehmender technologischer Gestaltung der sozial-ökologischen ‚Vernetzungen‘ oder gehen damit qualitative Veränderungen einher? Welche Rolle spielt die Digitalisierung von Produktions- und Konsumsystemen (Online-Handel, digitales Marketing, Filterblasen, digitale Konsumgemeinschaften) für die Konsumgesellschaft und ihre sozial-ökologischen Implikationen? Aufgrund welcher gesellschaftlichen und politischen Gestaltungsansätze wird der digitale Wandel mit Nachhaltigkeitszielen verknüpft? Welche Gestaltungsoptionen werden aus welchen Gründen nicht berücksichtigt? Welche Versprechen inter- und intragenerationeller Gerechtigkeit werden im Nachhaltigkeitsdiskurs an die Digitalisierung geknüpft?

Die Sektion Arbeits- und Industriesoziologie ruft zu Beiträgen auf, die sich dem Janusgesicht der Digitalisierung im Bezug auf Nachhaltigkeit in der Arbeitswelt widmen: Sie könnte z.B. systematisch für Ressourceneffizienz oder für eine dezentrale Produktion „on demand“ genutzt werden – ist selbst aber Ressourcenfresser und befördert oft einseitig auf Wachstum fokussierte Geschäftsmodelle. Digitalisierung und Nachhaltigkeit können in der Arbeitswelt Verbündete sein, geraten jedoch oft in Widerspruch – Widersprüche, die zudem oftmals negative Effekte für soziale Nachhaltigkeit haben und daher auf der Ebene von Arbeitsprozessen, Beschäftigung, Qualifizierung und Mitbestimmung kleingearbeitet werden müssen. Die Sektion freut sich daher über Beiträge, die betriebliche Effekte und den Umgang der betrieblichen Akteure mit diesen Widersprüchen in den Blick nehmen.

Die Sektion Religionssoziologie bringt eine in diesem Feld neuartige Fragestellung ein: Während die religionssoziologische Forschung sich den Themen „Religion und Nachhaltigkeit“ sowie „Religion und Digitalisierung“ intensiv zugewandt hat, liegen kaum Studien vor, die das Verhältnis von Nachhaltigkeit und Digitalisierung ausleuchten. Denkbar wäre etwa, die zunehmende digitale Präsenz (z.B. Twitter, Facebook) religiöser Dach- und Interessenverbände mit Blick auf klimapolitischen Diskurse und Mobilisierungstechniken zu untersuchen. Ebenfalls könnte vergleichend analysiert werden, wie religiöse Organisationen mit den beiden gesellschaftlichen Transformationsherausforderungen – Digitalisierung und nachhaltige Entwicklung – umgehen und was für innerreligiöse Innovationsprozesse sich hieraus ergeben. Für diese Tagung freuen wir uns aber auch über religionssoziologische Beiträge, die sich zu-nächst nur auf eines der beiden Themen beziehen (Digitalisierung oder Nachhaltigkeit). Zudem wären Zusammenhänge von Religiosität, religiösem Sozialkapital sowie Einstellungen und Verhalten im Kontext von Nachhaltigkeit und Digitalisierung interessant.

Die Sektion Organisationssoziologie bringt zwei Perspektiven auf das Verhältnis von Organisation, Digitalisierung und Nachhaltigkeit ein. Einerseits interessiert sie sich für die Frage, wie verschiedene Organisationen (Unternehmen, Behörden, NPOs usw.) und organisationale Felder mit den beiden gesellschaftlichen Herausforderungen der Nachhaltigkeit und der Digitalisierung zugleich umgehen. Nehmen sie diese als widersprüchlich wahr und reagieren mit Konflikten und Machtkämpfen? Sehen sie darin neue Chancen und einen Anlass für Innovation? Oder verwenden sie sie etwa nur, um etablierte Handlungsmuster neu zu legitimieren? Andererseits geht die Sektion der Frage nach, inwiefern Organisationen imstande sind, die Bedeutung des Verhältnisses zwischen Nachhaltigkeit und Digitalisierung und die Formen seiner konkreten Umsetzung mit zu gestalten. Zu erforschen ist dabei, welche Organisationen (systemrelevante politische, ressourcenreiche ökonomische Organisationen oder vielmehr NGOs mit hoher symbolischer Macht?) mit welchen Mitteln (etwa durch Lobbyarbeit oder durch die schnelle Entwicklung innovativer Lösungen?) Einfluss ausüben können und gesellschaftliche Wirkung in beiden Transformationsprozessen erzielen können.

Die daraus entwickelte Veranstaltung nimmt die Beiträge als Ausgangspunkt für eine übergreifende Diskussion der Thematik. Eine Publikation der Tagungsergebnisse ist geplant.

Bitte senden Sie Beitragsvorschläge im Umfang von max. 300 Wörtern bis zum 30. November 2021 an Dr. Thomas Barth (thomas.barth(at)lmu.de), Prof. Dr. Anna Henkel (anna.henkel(at)uni-passau.de), Prof. Dr. Jens Köhrsen (jens.koehrsen(at)unibas.ch) und Dr. Björn Wendt (bjoern.wendt(at)uni-muenster.de)

Zum Call for Papers (Pdf)