Deadline: 15.01.2022

Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Soziologische Perspektiven auf das Verhältnis zweier dominanter Transformationsdynamiken

Call for Papers für eine Ausgabe der Soziologie und Nachhaltigkeit. Deadline: 15. Januar 2022

Als Handlungsprinzip und politische Leitidee ist Nachhaltigkeit seit einem knappen halben Jahrhundert eine relevante Herausforderung weltgesellschaftlicher Transformation. Zivilgesellschaftliche, wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Akteursgruppen thematisieren im Nachhaltigkeitsdiskurs auf der einen Seite die Ursachen, Zusammenhänge und Folgen von ökologischen und sozialen Krisenphänomenen. Auf der anderen Seite sind zugleich die positiven Visionen einer umweltverträglichen und sozial gerechten Gesellschaftsordnung in Nachhaltigkeitskonzepte eingeschrieben, die sich in globalen, nationalen und lokalen Umsetzungsprogrammen sowie Handlungsempfehlungen für nahezu alle Lebensbereiche materialisieren. Und in der Tat verbinden sich die Bewertungsdimensionen und Zielbilder von Nachhaltigkeit und nachhaltiger Entwicklung auf vielfältige Weise mit der sozialen Praxis: Unternehmen legen Nachhaltigkeitsberichte vor, Initiativen experimentieren in gesellschaftlichen Nischen mit alternativen Formen des Konsumierens und Produzierens, Universitäten entwickeln nachhaltigkeitsorientierte Studiengänge, etc. Diese Veralltäglichung und Einbettung von Nachhaltigkeitsprinzipien in unterschiedlichste gesellschaftliche Bereiche hat bisher jedoch zu keiner Trendwende in der Bearbeitung ökologischer und sozialer Problemlagen geführt. Vielmehr verweist die Persistenz der sozial-ökologischen Krise trotz dieser zahlreichen Versuche ihrer Lösung auf die Größe der Herausforderungen.

Vor diesem Hintergrund setzen viele politische und auch wirtschaftliche Akteure ihre Hoffnungen auf die Digitalisierung als technische Lösung des Nachhaltigkeitsproblems. Wie sich jedoch die digitale Transformation der Gesellschaft mit den Nachhaltigkeitsanforderungen vereinbaren lässt, bleibt in vielen Belangen noch offen. Mit der Verbreitung digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien in Lebenswelt und Wirtschaft haben sich die Formen, in denen kommuniziert, informiert, produziert, konsumiert, politisiert und geforscht wird, grundlegend verändert. Diese Veränderungen werden zwar nicht als soziale Tatsachen in Frage gestellt, aber in ihren Konsequenzen höchst widersprüchlich bewertet. Mit Digitalisierung werden einerseits klassische Fortschrittsvorstellungen verbunden: Die Verbesserung menschlichen Lebens und Zusammenlebens, wirtschaftliche Prosperität und Effizienz, Teilhabe und sozialer Aufstieg. Andererseits gilt Digitalisierung als Chiffre für eine perfektionierte Überwachung, algorithmengesteuerte Unübersichtlichkeit, mächtige Monopolstellungen im digitalen Kapitalismus sowie „Shitstorms“, „Hate-Speech“ und neue soziale Polarisierungen.

Seit einigen Jahren werden Digitalisierung und Nachhaltigkeit diskursiv und praktisch sowie als soziologische Beobachtungsgegenstände miteinander verbunden. Digitalisierung erscheint als Möglichkeit, Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, indem sie einen schonenderen Umgang mit natürlichen Ressourcen durch Effizienzgewinne und neue Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten eröffnet (z. B. Smart Sustainability). Gleichzeitig wird auch auf die sozial und ökologisch problematischen Wirkungen von Digitalisierungsprozessen verwiesen – ihre Ressourcenintensität, mögliche Rebound-Effekte und neue soziale Spaltungen. Nachhaltigkeit und Digitalisierung berühren als Transformationsdynamiken die Machtverhältnisse, die Materialitätsverhältnisse und die Selbstverhältnisse des Sozialen – jedoch teils unterschiedlich oder gar in widersprüchlicher Weise.

Der Call lädt zu Beiträgen ein, die Nachhaltigkeit und Digitalisierung mit Bezug aufeinander in den Blick nehmen. Dabei können sowohl gesellschaftstheoretische oder konzeptionelle, als auch empirisch orientierte Beiträge oder Überblicksartikel eingereicht werden.

Mögliche Themen können – müssen aber nicht – sein:

  • Fragen sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit in der digitalen Transformation
  • Effizienz, Konsistenz und Suffizienz in digitalen Nachhaltigkeitsstrategien
  • Soziologische Ansätze zur Systematisierung des Verhältnisses von Digitalisierung und Nachhaltigkeit
  • Digitalisierung und soziale Bewegungen für Nachhaltigkeit
  • Neue und alte Machtverhältnisse: Digitalisierung zwischen sozial-ökologischem Empowerment und Manipulation
  • Potentiale und Herausforderungen digitaler Technologien für alternative Konsum- und Produktionsformen
  • Digitalisierung als neuer Techno-Fix? Diskurse um technische Lösungen für gesellschaftlich erzeugte Nachhaltigkeitsprobleme
  • Klimawandel-Leugnung und -Skepsis zwischen digitaler und analoger Praxis

Interessierte Autor*innen sind herzlich eingeladen, bis zum 15. Januar 2022 einen Abstract von maximal 500 Wörtern per E-Mail an sun.redaktion(at)uni-muenster.de einzureichen.

Die SuN ist eine Online-Zeitschrift mit Peer-Review-Verfahren, deren Ziel es ist, sozialwissenschaftliche Perspektiven in der Nachhaltigkeitsforschung zu bündeln und zu fördern. Neben den Call for Papers können auch freie Beiträge zu soziologischen Nachhaltigkeitsthemen eingereicht werden.

Weitere Informationen: www.sun-journal.org

Kontakt:

SuN Redaktion, Scharnhorststr. 121, 48151 Münster, E-Mail: sun.redaktion(at)uni-muenster.de, Tel.: 0251 / 83-25404

Herausgeber*innen der Ausgabe: Benjamin Görgen, Matthias Grundmann, Anna Henkel, Melanie Jaeger-Erben, Sarah Lenz, Björn Wendt Redaktion: Niklas Haarbusch, Jessica Hoffmann, Carsten Ohlrogge.

Zum Call for Papers (PDF)