Deadline: 31.01.2022

Nachhaltigkeits- und Transformationskonflikte

Call for Papers für die Frühjahrstagung der DGS-Sektion Umwelt- und Nachhaltigkeitssoziologie. Deadline: 31. Januar 2022

Es scheint in den verschiedensten Bereichen moderner Gegenwartsgesellschaften ein weitreichender Konsens über das Ziel zu bestehen, den Austausch mit der natürlichen Umwelt in Zukunft nachhaltiger zu gestalten. Besonders prominent ist dies bei der Bekämpfung der Klimakrise zu beobachten. Im Pariser Klimaabkommen von 2015 wurde von 197 Staaten vereinbart, die globale Erwärmung auf „deutlich unter zwei Grad Celsius“ zu begrenzen. In diesem Zuge müssen entsprechende Ziele auf verschiedenen Ebenen in Form von Maßnahmen und Gesetzespaketen weiter ausgehandelt und konkretisiert werden. In der Europäischen Union (EU) werden beispielsweise im Rahmen des Green Deal in großem Umfang Wasserstofftechnologien und -infrastrukturen sowie ausgewählte Regionen gefördert. Die neue deutsche Bundesregierung strebt („idealerweise“) einen Kohleausstieg bis 2030 an und muss neue Konzepte für die betroffenen Gebiete finden. Viele Städte und Kommunen haben sich eigene Klimaziele gesetzt und erarbeiten z.B. neue Mobilitätskonzepte. Nicht allein im Bereich der institutionalisierten Politik sind umfangreiche Vorhaben und Bemühungen zu beobachten. Auch ein Teil der Unternehmen bekennt sich zu entsprechenden Zielen und entwickelt neue Geschäftsmodelle oder nachhaltige Produktlinien. Gleichzeitig werden verstärkt Menschen in ihrer Funktion als Konsument*innen adressiert und sollen bei ihren Kaufentscheidungen Kriterien der Nachhaltigkeit mitberücksichtigen.

All diese Vorhaben und Bemühungen zur Erreichung einer nachhaltigeren Produktions-, Wirtschafts- und Lebensweise erfordern in ihrer Realisierung tiefgreifende Veränderungen in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen (z.B. Energie- und Lebensmittelerzeugung, Erwerbsarbeit und Produktion, Mobilität und Wohnen, etc.). Dieser Wandel wird in der Politik, der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft unter dem Schlagwort der (sozial-ökologischen) Transformation diskutiert. Die auf die Veränderungsprozesse bezogene Forschung erfolgt in verschiedenen Disziplinen, darunter auch zunehmend in der Soziologie (vgl. Brand 2020).

Der – mindestens auf den ersten Blick – zu beobachtende Konsens gestaltet sich in der konkreten Umsetzung und politischen Aushandlung nicht selten hoch konflikthaft. Soziale Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion weisen mit Bezug auf die Berichte des „Weltklimarates“ IPPC vehement auf die große Kluft zwischen den vereinbarten politischen Maßnahmen und dem naturwissenschaftlich Gebotenen zur Einhaltung von Klima- und Nachhaltigkeitszielen hin. Auch das deutsche Bundesverfassungsgericht hat den Gesetzgeber zum Schutz „intertemporaler Freiheitsrechte“ zu ambitionierteren Klimaschutz aufgefordert. Analog zur skizzierten Breite der gesellschaftlichen Transformationsbemühungen sind dabei auch die Konflikte mannigfaltig und in verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren zu verzeichnen. Dazu zählen Konflikte bei der sogenannten Energiewende (z.B. um Infrastrukturprojekte und die Verteilung von Kosten), der Mobilität (etwa um die Deprivilegierung des Motorisierten Individualverkehrs) oder der Ernährung und der Landwirtschaft (z.B. um die Erzeugung und den Konsum tierischer Lebensmittel). In der Literatur werden solche Nachhaltigkeits- und Transformationskonflikte unterschiedlich gerahmt und beschrieben: als „Streit um die Lebensführung“ (Neckel 2020), als Wertekonflikt (Inglehart 2018) bzw. Konflikt zwischen „alter“ und „neuer Mittelklasse“ (Reckwitz 2018), als Fundamentalisierung von Energiewende-Konflikten durch populistische Diskurse (Reusswig et al. 2020), oder auch als Teil eines Geschlechter- (Daggett 2018) und Generationenkonflikts (von Redecker 2020).

Die geplante Frühjahrstagung der Sektion Umwelt- und Nachhaltigkeitssoziologie ist den rezenten sozial-ökologischen Transformationsprozessen moderner Gesellschaften gewidmet sowie den mit ihnen verbundenen sozialen Konflikten. Dabei soll es zum einen um empirische Untersuchungen und die Systematisierung von Transformationskonflikten gehen. Zum anderen wird danach gefragt, welche Bedeutung sozialen Konflikten in einer gesellschaftlichen Transformation unter dem Leitbild der Nachhaltigkeit zukommt. Denn während Autoren wie Anthony Giddens (2009) als Erfolgsvoraussetzung für Klimaschutz diskutieren, dass das Thema des Klimaschutzes nicht Gegenstand parteipolitischer Auseinandersetzungen ist, sehen andere Autor*innen (Beck et al. 2014; Swyngedouw 2010) gerade in einer Politisierung und gesellschaftlichen Zuspitzung des Klima- und Nachhaltigkeitsdiskurses einen Transformationsmotor.

Beiträge können dabei unter anderem die folgenden Themen und Fragestellungen umfassen:

  • Worum wird in Transformationskonflikten gerungen? Woran entzünden sie sich? Wer sind die beteiligten Akteur*innen und wie die Akteurskonstellationen? In welcher Form und mit welchen Praktiken werden die Konflikte ausgetragen? Was sind ihre (sozialen, ökologischen, ökonomischen) Kosten?
  • Was sind spezifische Charakteristika von Transformationskonflikten und inwiefern unterscheiden sie sich von anderen gesellschaftlichen Konfliktszenarien?
  • Welche Rolle spielen Gender, Alter, Klasse oder Milieus in Transformationskonflikten?
  • Welche Bedeutung kommen Stadt-Land-Unterschieden und regionalen Disparitäten bzgl. Klimaschutzeinstellungen und der Manifestation von Transformationskonflikten zu?
  • Welche inter- und transnationalen Konflikte sind im Kontext der Erreichung von Klima[1]und Nachhaltigkeitszielen zu beobachten?
  • Was lässt sich soziologisch zur zunehmenden Verrechtlichung und juristischen Austragung von Nachhaltigkeits- und Transformationskonflikten sagen?
  • Moderne Gegenwartsgesellschaften sind allein zu ihrer Stabilisierung in vielfältiger Weise von ökonomischem Wachstum abhängig. Gleichzeitig ist Wirtschaftswachstum einer der größten Treiber des Naturverbrauchs und von CO2-Emissionen. Wie wird dieser Zielkonflikte gesellschaftlich verhandelt oder gerade ausgeblendet? Was kann die Soziologie zur Skizzierung der Konturen ökologisch nachhaltiger Postwachstumsgesellschaften beitragen?
  • In der Fachliteratur werden in der Regel „Konsistenz“ (Kreislaufführung), „Effizienz“ und „Suffizienz“ als verschiedene Strategien zu Erreichung von Nachhaltigkeit diskutiert. Gehen bestimmte Strategien (beispielsweise Suffizienz qua der impliziten Adressierung von sozialen Praktiken) besonders häufig mit Konflikten einher?
  • Welche Bedeutung kommt (rechts-)populistischen Diskursen und Akteur*innen in Transformationskonflikten zu? Zählt die Leugnung des anthropogenen Klimawandels bzw. die Ablehnung von Klimaschutzpolitiken zum ideologischen Kern des heutigen Rechtspopulismus? Oder handelt es sich bei den zu beobachtenden Positionen populistischer Akteur*innen um eine Art „Kollateralschaden“ (Lockwood 2018) der Ablehnung kosmopolitischer Einstellungen?
  • Welche Rolle kommt neuen sozialen Medien und Plattformen (wie TikTok, Facebook oder Instagram) in Nachhaltigkeits- und Transformatkonskonflikten zu?
  • Welche Rolle können neue Beteiligungsformate wie Bürger*innenräte bei der Aushandlung von Transformationskonflikten spielen? Gibt es Strategien, der regressiven Politisierung/Fundamentalisierung von Transformationskonflikten entgegenzuwirken?

Wir bitten um Abstracts in Länge von maximal 400 Wörtern bis zum 31. Januar 2022 an die folgende E-Mail-Adresse: bernd.sommer(at)uni-flensburg.de.

Michaela Christ (Europa-Universität Flensburg), Christiane Lübke (Universität Duisburg-Essen), Miriam Schad (Technische Universität Dortmund) und Bernd Sommer (Europa-Universität Flensburg)

Zum Call for Papers (Link)

Literatur:

Beck, Silke / Böschen, Stefan / Kropp, Cordula / Voss, Martin (2014): Aus dem Schatten der Klimamodellierung – Zur Repolitisierung des Klimawandels durch Sozialwissenschaften. In: Stefan Böschen, Bernhard Gill, Cordula Kopp und Katrin Vogel (Hrsg.): Klima von unten. Regionale Governance und gesellschaftlicher Wandel. Frankfurt/New York: Campus Verlag, 35-54.

Brand, Karl-Werner (2020): »Große Transformation« oder »Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit«? Wider die Beliebigkeit sozialwissenschaftlicher Nachhaltigkeits- und Transformationstheorien. In: Leviathan 49/2, 189-214.

Daggett, Cara (2018): Petro-masculinity: Fossil Fuels and Authoritarian Desire. Millennium: Journal of International Studies 47/1: 25-44.

Giddens, Anthony (2009): The Politics of Climate Change. Cambridge/Malden: Polity.

Inglehart, Ronald (2018): Cultural evolution: People’s motivations are changing, and reshaping the world. Cambridge: Cambridge University Press.

Lockwood, Matthew (2018): Right-wing populism and the climate change agenda: exploring the linkages. In: Environmental Politics, Vol. 27, No. 4, 712-732.

Neckel, Sighard (2020): Der Streit um die Lebensführung. Nachhaltigkeit als sozialer Konflikt. Mittelweg 36 6/2020, 82-100.

Redecker, Eva von (2020): Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. Frankfurt: S. Fischer.

Reckwitz, Andreas (2018): Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Reusswig, F., W. Lass, S. Bock. 2020. Abschied vom NIMBY. Forschungsjournal soziale Bewegungen 33/1: 140-160.

Swyngedouw, Erik (2010): Apocalypse Forever? Post-political Populism and the Spectre of Climate. Theory, Culture & Society. 2010, Vol. 27 (2-3): 213-232.