Deadline: 02.02.2022

Nationale Traditionen in den Sozial- und Kulturwissenschaften

Call for Papers für eine Spring School vom 25. bis 27. April 2022 an der Universität Graz, Österreich. Deadline: 2. Februar 2022

Seit ihren Anfängen haben sich die Sozial- und Kulturwissenschaften entlang nationalstaatlicher Kontexte entwickelt. Sozial- und Kulturwissenschaftler*innen haben sich oft selbst auf diese nationalgesellschaftlich gerahmten Wissenstraditionen berufen. So vertrat etwa bereits Auguste Comte die Auffassung, dass die Soziologie nur in einem spezifisch französischen Kontext, nach der Französischen Revolution, entstehen konnte. Bis heute strukturieren nationale Wissenstraditionen – explizit oder implizit – die Art und Weise, wie die Sozial- und Kulturwissenschaften gelehrt werden und wie wir über sie denken. Verglichen mit der Allgegenwärtigkeit der Vorstellung nationalgesellschaftlicher Kontexte der Wissensproduktion wurde jedoch relativ wenig explizit über dieses Thema nachgedacht. In den letzten Jahrzehnten wurde die Reflexion auf die nationalstaatlichen Kontexte von Wissenschafts- und Ideengeschichte vor allem durch Prozesse der

Globalisierung verstärkt, durch die zunehmend internationale Verflechtungen in den Blick geraten. Hinzu kamen Kritiken am „methodologischen Nationalismus“ und an der Vernachlässigung kolonialer und postkolonialer Perspektiven in der Wissenschaftsgeschichte. Doch auch Ansätze zu einer transnationalen oder globalen Geschichte der Sozial- und Kulturwissenschaften scheinen letztlich ohne einen Begriff nationaler Wissenstraditionen nicht auskommen zu können.

Daraus ergeben sich etwa folgende Fragen: In welchem Sinne sind Wissens-, Wissenschaftskulturen und Fachdisziplinen überhaupt „national“? Was heißt hier „national“? Geht es um nationalstaatliche Strukturen, Sprachräume, Mentalitäten oder Konstruktionen des „Nationalen“? Was sind nationalgesellschaftlich bestimmbare Wissenstraditionen in den Sozial- und Kulturwissenschaften und wie können wir sie konzeptualisieren? Welche Rolle spielen Sprache und sprachliche Barrieren für nationale Wissenstraditionen? Welche Bedeutung hat die Übersetzung zwischen nationalgesellschaftlichen Kontexten und Ideen? Diese Fragen betreffen nicht zuletzt auch den Nutzen zeitgenössischer methodologischer Konzepte der Historiographie für die Wissenschaftsgeschichte und die historische Analyse von Wissenskulturen, etwa die Diskussionen um vergleichende Geschichte, Transfergeschichte, histoire croisée, postkoloniale Geschichte, Globalgeschichte oder um eine Soziologie der Übersetzung. Die Spring School soll Diskussionen zu diesen unterschiedlichen Aspekten nationaler Wissenstraditionen und transnationaler Austauschprozesse in den Sozial- und Kulturwissenschaften ermöglichen.

Die vom Doktoratsprogramm „Soziologie und Geschichte der Sozial- und Kulturwissenschaften“ (DP SHSCS, https://doktoratsprogramm-geschichte-soziologie-sozialwissenschaften.uni-graz.at/de/) bereits zum zehnten Mal veranstaltete Spring School heißt Vortragsvorschläge von Forscherinnen und Forschern auf Master-, Doktorats- und Post-Doc-Niveau willkommen, deren Projekte den oben angeführten Überlegungen thematisch nahe stehen. Dabei kann es beispielsweise um grundlegende methodologische Überlegungen gehen, aber auch um Präsentationen von Projekten und Forschungen, die im beschriebenen Themenfeld angesiedelt sind. Ausgewählte Projekte werden im Rahmen der Spring School vorgestellt und von Faculty-Mitgliedern des DP in konstruktiver Weise diskutiert. Vorschläge aus allen Fächern der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sind willkommen.

Vorschläge in der Länge von max. 500 Wörtern (auf Deutsch oder Englisch) sind bis 2. Februar 2022 per Email an Frau Sabine List (sab.list(at)uni-graz.at) zu richten. Zudem soll auf einer Skala von 0 bis 100 angegeben werden, wie weit das Projekt bereits fortgeschritten ist. Dies dient rein der Orientierung und hat keine Auswirkungen auf die Entscheidung des Programmkomitees. Über die Auswahl ihres Beitrags werden Autor*innen Anfang März 2022 verständigt. Erfolgreiche Autor*innen werden gebeten, eine schriftliche Version des 20-minütigen Vortrags (in der Regel 7 Seiten, Englisch oder Deutsch) bis 1.4.2022 einzureichen.

Die Spring School beginnt am 25. April 2022 mit einer Keynote von Prof. Johan Heilbron. Die 20-minütigen Präsentationen der Projekte (vorzugsweise auf Englisch) erfolgen am 26. und 27. April 2022.

Zum Call for Papers (PDF)