Deadline: 17.12.2021

Postkoloniale Staatsverständnisse

Call for Papers für einen Sammelband in der Reihe „Staatsverständnisse“. Deadline: 17. Dezember 2021

Für die Reihe "Staatsverständnisse" (Nomos) suchen wir für einen geplanten Sammelband zum Thema "Postkoloniale Staatsverständnisse" Beitragsvorschläge. Hrsg. von Christina Pauls, Martin Oppelt und Nicki K. Weber; Reihe „Staatsverständnisse“ (Nomos; hrsg. v. Rüdiger Voigt)

In den letzten Jahren ist in öffentlichen Debatten ebenso wie in akademischer Forschung und Lehre ein gestiegenes Interesse an der Rezeption, Diskussion und Weiterentwicklung post- und dekolonialer Theoriebildung (im Weiteren unter dem Begriff postkolonial subsumiert) zu beobachten. Bei allen historischen, geographischen und konzeptionellen Differenzen eint postkoloniale Theoriebildung die Analyse und Kritik der Geschichte und Gegenwart des europäischen Kolonialismus. Zentral sind insbesondere dessen Auswirkungen auf die Institutionen, Subjektivierungen, Narrative und politischen Praktiken (post-)kolonialer Gesellschaften. Auch der Kolonialismus selber muss dabei als ein sehr heterogener, weil historisch wie systematisch weit ausdifferenzierter Phänomenkomplex begriffen werden.

Zentraler Akteur des imperialistischen Expansionsbestrebens der ehemaligen Kolonialmächte war der europäische Nationalstaat mit den ihn konstituierenden Ideen, Praktiken und Legitimationsstrategien und bis heute ist auch die postkoloniale Welt vor allem staatlich organisiert. Angesichts dessen erstaunt es sehr, dass „der Staat“ in der gegenwärtigen postkolonialen Theoriebildung weitestgehend eine Leerstelle darstellt. Analog zu aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten scheint er auch dort trotz aller expliziten Kritik an konkreten Institutionen und Praktiken letztlich als quasi-alternativlose Analyse- und Bezugskategorie anerkannt zu sein. Wenn also der (postkoloniale) Staat, wie Spivak mit Bezug auf eine Begrifflichkeit Derridas festhält, ein „Pharmakon“, sprich Gift und Arznei zugleich ist, bedeutet das dann, dass die „Dosis das Gift macht“, mit Blick auf die vielzähligen Herausforderungen gegenwärtiger postkolonialer Staaten und Gesellschaften also lediglich das richtige Maß an Staatlichkeit gefunden werden muss? Oder sollte der Staat aus einer postkolonialen Perspektive heraus zukünftig im Giftschrank der Ideengeschichte verbleiben und stattdessen lieber die Suche nach alternativen „Heilmitteln“ intensiviert werden?

Ausgehend von diesen Fragen und Beobachtungen begeben wir uns in diesem Band auf die Spuren postkolonialer „Staatsverständnisse“, wobei hier sowohl explizite wie implizite, affirmative wie kritische und normative wie empirische Annäherungen und Thematisierungen von Interesse sind.

Auf folgende Fragestellungen könnte dabei u.a. eingegangen werden:

- Welche Perspektiven postkolonialer Theoriebildung auf Geschichte, Gegenwart und mögliche Zukunft des Staates und von Staatlichkeit lassen sich identifizieren?
- Welche Gründe gibt es dafür, sich gerade aus einer post- und/ oder de-kolonialen Perspektive ganz bewusst nicht für den Staat und Staatlichkeit zu interessieren und was wären aus dieser Perspektive heraus vielleicht alternative (realistische, idealistische, utopische) Ordnungsvorstellungen und Akteurskonstellationen bzw. werden solche bereits skizziert und diskutiert?
- Lässt sich, wo sich der Eindruck der „Leerstelle Staat“ innerhalb postkolonialer Theoriebildung bestätigt, vielleicht an klassische Staatstheorien anschließen und falls ja unter welcher Fragestellung und mit welchem gegenseitigen „Gewinn“?
- (Wie) Lassen sich post-nationale und post-koloniale Ansätze miteinander in einen produktiven Austausch bringen?

Wir suchen also nach Beiträgen, die

- Staatsverständnisse, sprich klassische Begriffe, Imaginationen und Kritiken des Staates postkolonialer Theoretiker:innen entweder werkimmanent, oder in der Zusammenschau bzw. Gegenüberstellung mit Vertreter:innen postkolonialer Ansätze oder auch mit „klassischen“ Staatsdenker:innen herausarbeiten und diskutieren
- umgekehrt die Rezeption postkolonialer Begriffe, Theorien, Figuren oder Konzepte in staatszentrierten Theorien und Ansätzen herausarbeiten, die also die „Wirkungsgeschichte“ postkolonialer Theoriebildung mit Blick auf die Analyse und Kritik des Staates und von Staatlichkeit in den Fokus rücken
- ganz allgemein oder auch an konkreten Beispielen herausstellen, welchen Einfluss das Konzept Staat und die Praxis nationalstaatlicher (Ordnungs-) Politik auf die Vergangenheit wie Gegenwart (post-) kolonialer Gesellschaften hatte und hat, wie es deren Institutionen beeinflusst und sich im alltäglichen Miteinander der Menschen niederschlägt (z.B. in kolonialen Praktiken)
- aus postkolonialen Theorien heraus „über“ den Nationalstaat hinaus oder an diesem vorbei neue Praktiken und Beziehungsweisen denken oder die bereits existierende und praktizierte Alternativen und deren mögliche Auswirkungen auf das hegemoniale Konzept der Staatlichkeit kritisch in den Blick nehmen

Abstracts (max. 500 Wörter) sind bis zum 17.12.2021 an martin.oppelt(at)hfp.tum.de, christina.pauls(at)hfp.tum.de oder nicki.weber(at)tum.de zu senden.

Die Herausgeber:innen werden bis zum 09.01.2022 über Annahmen informieren, die angenommenen Beiträge sind dann bis zum 30.06.2022 einzureichen.