Tagung

Sorge – Bildung – Erziehung

22. - 24. November 2023
Organisator: Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltungsort: Humboldt-Universität zu Berlin

Sorge wird aktuell gesellschaftspolitisch und wissenschaftlich vielfältig diskutiert. Verstanden als ein Antwortgeschehen auf die individuell wie gesellschaftlich verfasste Angewiesenheit und Verletzlichkeit im Horizont einer unsicheren Zukunft rückt sie nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen in der Covid-19-Pandemie und des zunehmenden Bewusstseins für die Klimaveränderung in den Blick. Während im öffentlichen Diskurs vornehmlich die krisenhaften Zustände in den wohlfahrtsstaatlich organisierten Sorgeverhältnissen sichtbar sind, wollen wir auf dieser Tagung Räume der erziehungswissenschaftlich relevanten Themen- und Forschungsfelder von Sorge begehen. Wir unterscheiden dabei zunächst Sorgearbeit/Care Work (1) in Bildung und Erziehung von dem Phänomen der Sorge und des Sorgens (2) und setzen beides in ein Verhältnis zu feministischen Sorgeverständnissen (3).

(1) Insbesondere bei der Suche nach nationalen wie internationalen politischen Lösungen für die Mangelsituation in beruflichen und privaten Feldern von Pflege, Erziehung und Betreuung wie auch für den Umgang mit endlichen Ressourcen werden beide überwiegend aus einer ökonomischen Warte betrachtet. Indem Sorge vornehmlich mit (Lohn-)Arbeitskonzepten verknüpft wird und die Lebensgrundlagen weiterhin einer Wachstumslogik unterworfen werden, ist fraglich, wie weit solche Ansätze reichen können, zumal, wenn dabei die Aufteilung in bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit unberührt bliebe. Feministische und weitere geschlechterpolitische Initiativen treten dieser Ent-wicklung unterschiedlich entgegen (vgl. Arruzza et al. 2019; Lutz 2007; Winker 2021).

(2) Neben dem Verständnis von Sorge als Arbeit/Care Work und ihrer Grundlagen als Ressourcen umfasst der Begriff jedoch noch mehr: So wird mit ihm phänomenal auf Verletzlichkeit, Angewiesenheit, Relationalität, Bedürftigkeit im Verhältnis der Menschen zueinander, zu sich selbst wie zum Nicht-Menschlichen eingegangen (vgl. Tronto 1987; Mortari 2022; Hartmann 2020; Hofmeister & Mölders 2021; Harraway 2016). Als ein responsives Geschehen berührt Sorge anthropologische Ausgangspunkte (vgl. Dietrich et al. 2020), die im geschichtlichen Geschehen spezifisch bearbeitet werden. Dabei zeigen sich zahlreiche Spannungsfelder, die in jeder Gesellschaft zu bearbeiten sind und in die Machtverhältnisse unterschiedlich eingewoben sind: z.B. die Spannung zwischen privater (unbezahlter) und öffentlicher Sorge, zwischen bevormundend-kontrollierender und freisetzender Sorge, zwischen Sorgebeziehungen in ihrer Relation zu anderen Beziehungsdimensionen wie etwa der Lehr-Lernbeziehung. Diese Zusammenhänge sind nicht trennscharf voneinander abzugrenzen, wie sich beispielsweise in den Ambivalenzen von Zuwendung und Abhängigkeit oder von Privatheit als Schonraum wie auch als Ort verschwiegener Gewalt zeigt.

(3) Sorge und Sorgearbeit ist mindestens in der westlichen Tradition eng verknüpft mit einer Geschlechterordnung, in der die (für-)sorgenden und reproduktiven Tätigkeiten dem Weiblichen zugeschrieben sind und in der diese Tätigkeiten vielfach unsichtbar, unbezahlt und abgewertet erscheinen. Die klassische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern führt jedoch im spätkapitalistischen Double-Income-Modell zu einer Krise der Sorge, woraus u.a. resultiert, dass immer mehr Sorgearbeit in Pflege, Betreuung und Erziehung in institutionalisierte Räume verlagert wird. Feministische Ansätze aus Philosophie, Soziologie, Psychologie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften haben diese Annahmen und Entwicklungen mit der in ihnen wirksamen Geschlechterordnung konfrontiert (vgl. Gil-ligan 1982; Tronto 1987; Benhabib 1995; Federici 2012; Bockenheimer 2013, Winker 2015; Forster et al. 2020).

Für die Erziehungswissenschaft spielt die so interdisziplinär aufgezeigte Bedeutung von Sorge in vielerlei Hinsicht eine Rolle: Zum einen ist Sorge als grundlegendes Beziehungsmuster zwischen den Generationen fest etabliert und folgt dabei auch einer geschlechtsspezifischen Zuschreibung in pädagogischen Sorge-Verhältnissen. Dies zeigt sich sowohl in privaten und semi-privaten als auch in der institutionali-sierten Form von Sorge in Erziehung und Bildung (wobei auch die Familie zu solchen Institutionen zählt). Während in manchen pädagogischen Feldern wie der Früh-, Sonder- und Sozialpädagogik die – durchaus auch kritische - Auseinandersetzung mit Sorge und Fürsorge eine längere Tradition hat, scheint sie in anderen Teildisziplinen wie der Allgemeinen Pädagogik, der Schulpädagogik, der Erwachsenenpädagogik bisher wenig zum Gegenstand gemacht zu werden. Trotz der grundlegenden Relevanz von Sorge für die Pädagogik fokussiert die öffentliche Debatte um Care Work vor allem pflegende und betreuende Tätigkeiten und umgekehrt scheint auch die Sorgethematik bisher unterbestimmt in der Erziehungswissenschaft. Die Tagung nimmt diese Desiderate zum Ausgangspunkt, um den Sorgediskurs in der Erziehungswissenschaft auszuleuchten, ihn interdisziplinär zu bereichern und somit zu präzisieren.

Anhand dreier Schwerpunkte sollen die theoretischen, historisch-begrifflichen und allgemein-pädago-gischen Aspekte, die sozialwissenschaftliche und organisationswissenschaftliche Dimension und das bisher in der pädagogischen Auseinandersetzung mit Sorge vernachlässigte Feld der Schule in den Blick gerückt werden.

  1. Philosophie, Phänomenologie und Geschichte der Sorge und Sorgebeziehungen in der Pädagogik
  2. Felder & Bedingungen der Sorge in der Pädagogik & pädagogische Implikationen
  3. Sorgeverhältnisse in der Schule

Kontakt:
Prof. Dr. Cornelie Dietrich (Allgemeine Grundschulpädagogik) und Prof. Dr. Jeannette Windheuser (Erziehungswissenschaft mit den Schwerpunkten Gender und Diversität) unter folgender E-Mail-Adresse: sorgetagung-ewi(at)hu-berlin.de

CfA (PDF)

Dieser Artikel wurde erstellt am .

Newsletter