Deadline: 04.02.2022

StaatsKapitalismus

Call for Papers für eine Ausgabe der PROKLA. Deadline: 4. Februar 2022

Aktuelle Transformationsprozesse in der globalen Ökonomie wie der Aufstieg Chinas, aber auch eine scheinbar prominentere Rolle des Staates in Wirtschaftspolitiken der Zentren, rücken einmal mehr die Frage nach der Bedeutung und Veränderung von Staatlichkeit im globalisierten Kapitalismus ins Zentrum einer Diskussion um einen »neuen« Staatskapitalismus. Politisch wird diese Debatte gleichermaßen als Vehikel einer geopolitischen Feinbildkonstruktion bemüht, wie sie als Anknüpfungspunkt für linke Transformationsstrategien bewertet wird.

Die Diskussion um die veränderte Rolle von Staatlichkeit in der Akkumulation und Regulation des Kapitals wird gleich durch mehrere Entwicklungstendenzen vorangetrieben. Zum einen rekurriert sie auf den Aufstieg Chinas und anderer als staatskapitalistisch bezeichneter Schwellenländer. Die chinesische Ökonomie steht dabei nicht nur für eine gegenüber marktliberalen Ökonomien stärker sichtbar staatlich organisierte Form des Kapitalismus. Vielmehr scheint der chinesische Staat diese zumindest partiell auch auf internationalem Parkett verankern zu können. Das Konzept des Staatskapitalismus wird in diesem Kontext genutzt, um eine spezifische regionale bzw. nationale Form der Organisationsweise von Kapitalismus zu bezeichnen, die sich von anderen, stärker markliberal organisierten Variante unterscheidet. Zum anderen wird unter dem Schlagwort des Staatskapitalismus auch mit Blick auf die Staats-Zivilgesellschaftskomplexe der Zentren eine »Rückkehr des Staates« in ganz verschiedenen Politikfedern diskutiert: staatlichen Interventionspolitiken in der Coronakrise, grünen Transformationsstrategien, der kapitalmarktorientierten Reorganisation der so genannten Entwicklungsfinanzierung oder dem Bedeutungsgewinn von staatlich organisierten Unternehmensformen auch außerhalb Chinas – allen voran die so genannten state owned enterprises sowie die sovereign wealth fonds. Dies gilt auch für die im Zusammenhang mit dem Aufstieg Chinas diskutierten Arenen der nationalen Industrie- und Technologiepolitik oder der globalen Infrastrukturpolitik Europas und der USA. Der Begriff des Staatskapitalismus wird hier in Anschlag gebracht, um eine prominentere Rolle von Staatlichkeit ungeachtet einer allgemein markliberalen Ausrichtung der betreffenden Ökonomien oder konkreten ökonomischen Strategien zu erfassen.

Während auf unterschiedlichen Feldern der politischen Ökonomie damit die Frage nach einer veränderten Rolle von Staatlichkeit in den Akkumulationsprozessen des Kapitals in der aktuellen Formation des Kapitalismus aufgeworfen wird, unterscheidet sich stark, was jeweils als staatskapitalistisch bezeichnet oder als veränderte Rolle von Staatlichkeit bewertet wird. Die Diskussion ist – wie das Konzept des Staatskapitalismus selbst – nicht nur staats- und klassentheoretisch schwach fundiert, auch das Verhältnis von Staat und Kapital wird nur unzureichend erfasst. Zudem weisen die jeweils fokussierten Formen, Instrumente, und Zielsetzungen große Unterschiede auf.

Es stellt sich die Frage, worin der Mehrwert des Konzepts des Staatskapitalismus liegt und inwieweit der Begriff analytisch auf die richtige Fährte führt. In Bezug auf die als staatskapitalistisch bezeichneten Ökonomien birgt das Konzept etwa die Gefahr, die Vielfalt von Eigentums- und Unternehmensformen oder Regulierungsweisen zu übersehen. Gleichzeitig kann eine Gegenüberstellung von Staatskapitalismus und marktliberalem Kapitalismus dazu verleiten, die Rolle des Staates in den Ökonomien der Zentren zu unterschätzen. Dies wirft die Frage auf, worin genau die konstatierten Unterschiede in der Form oder die Kontinuitäten und Verschiebungen in der Rolle von Staatlichkeit in der aktuellen Phase des globalen Kapitalismus und dessen Regulationsweisen bestehen. Bietet das Konzept des Staatskapitalismus eine produktive Klammer, um diese Dynamiken zu erfassen? Und wie sind die Triebkräfte und Unterschiede in der Rolle von Staatlichkeit in verschiedenen geographischen Kontexten zu erklären?

Allerdings ist die Diskussion um eine veränderte Rolle von Staatlichkeit innerhalb kapitalistischer Ökonomien bekanntermaßen nicht neu. Nach Diskussionen um eine veränderte Rolle eines internationalisierten Wettbewerbsstaates in Globalisierungsdebatte brachten die staatlichen Interventionen im Zuge der 2008 ausgebrochenen Finanz- und Wirtschaftskrise die Frage nach einer veränderten Rolle von Staatlichkeit – auch in der PROKLA (z.B. 157, 206) – immer wieder auf den Tisch. Wir wollen diese Diskussion weiterführen, frühere Erkenntnisse für die aktuelle Debatte um einen neuen Staatskapitalismus fruchtbar machen und mit dem geplanten Heft das Verhältnis von Staat und Kapital in der aktuellen Konfiguration des Kapitalismus beleuchten. Im Licht der Debatten um einen neuen Staatskapitalismus steht dabei vor allem die Frage nach den Formen staatlicher Organisation des Ökonomischen im Mittelpunkt des Interesses:

  • Wie lässt sich das Verhältnis von Staat und Kapital, die Rolle von Staatlichkeit in der Organisation des Ökonomischen jenseits eines Staat-Markt-Dichotomie verstehen, wie eine staats- und klassentheoretische Unterfütterung der IPÖ-Debatte rund um das Thema Staatskapitalismus denken? Welchen analytischen Wert bietet dabei das Konzept des Staatskapitalismus, wo liegen seine Grenzen? Oder sind alternative Begriffe treffender, um die diskutierten Phänomene analytisch zu fassen?
  • Wie ist die Rolle des Staates und konkreter das Verhältnis von Staat und Kapital in der chinesischen Ökonomie und anderen als Staatskapitalismus bezeichneten Staats-Zivilgesellschaft-Komplexen analytisch zu fassen? Welche Folgen sind mit einem Bedeutungsgewinn von staatskapitalistisch orientierten Ökonomien auf globaler Ebene verbunden?
  • Wie veränderte sich historisch das Verhältnis von Staatlichkeit und Kapital in den Zentren? Lässt sich hier aktuell eine veränderte Rolle von Staatlichkeit in Politikfeldern, wie der Industrie-, Technologie- oder Infrastrukturpolitik, grünen Transformationsstrategien, dem Umgang mit den ökonomischen Folgen der Corona-Pandemie oder der Organisation des Zugangs zu Liquidität für Ökonomien des Globalen Südens beobachten? Worin besteht hier konkret die Veränderung in der Rolle von Staatlichkeit gegenüber vorherigen Organisationsweisen von Kapitalismus , worin Kontinuitäten?
  • Wie unterscheidet sich die Rolle des Staates in der Organisation des Ökonomischen zwischen als staatskapitalistisch und als marktliberal bezeichneten Ökonomien?
  • Welche Ursachen hat ein Bedeutungsgewinn oder veränderte Rolle von Staatlichkeit? Welche Klassenverhältnisse und Kapitalfraktionen sind innerhalb der Staats-Zivilgesellschaftskomplexe und auf globaler Ebene mit einer veränderten Rolle von Staatlichkeit verbunden? In welchem Verhältnis steht diese zu kapitalistischen Krisendynamiken oder einer Veränderung globaler Konkurrenzverhältnisse?
  • Welche Anknüpfungsmöglichkeiten und Problemstellungen sind mit den diskutierten Dynamiken für linke Bewegungen verbunden?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 04. Februar 2022 ein. Die fertigen Artikel sollen bis zum 05. Juni 2022 vorliegen und einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendung bitte an: redaktion(at)prokla.de, Simon(at)Uni-Kassel.de, Philipp.koencke(at)uni-erfurt.de.