Deadline: 31.03.2022

Umkämpfte Werte – umkämpfte Diagnosen: Geschlechter­gerechtigkeit als gesellschaftlicher Konflikt in Europa

Call for Papers für ein Plenum auf dem DGS-Kongress vom 26. bis 30. September 2022 an der Universität Bielefeld. Deadline: 31. März 2022

Die vergangenen Jahrzehnte waren von einer Abfolge unterschiedlicher Kri­sen in der Europäischen Union und ihrer Mitgliedstaaten geprägt. An­ge­fan­gen bei der Wirtschafts‐ und Fiskalkrise seit Mitte der 2000er Jahre über die so­­­genannte Flüchtlingskrise seit 2015 bis hin zur jüngsten Covid‐19‐Pan­de­mie hangelten sich europäische Politik und Gesellschaften von einem Aus­nah­me­zustand zum nächsten.

All diese Krisen zeichneten sich durch eine bestimmte geschlechter­spe­zi­­­fische Konstellation und grassierende Geschlechterungleichheiten aus: Über Mi­grantinnen und weibliche Geflüchtete wird seltener berichtet und sie wer­den im medialen Diskurs eher viktimisiert als Männer; Frauen haben eher für Remain als für Leave beim Brexit‐Referendum gestimmt; sie waren über­­­mäßig stark von Lohnkürzungen und prekären Arbeitsverhältnissen wäh­rend der Eurokrise betroffen, sie tragen die meiste und doppelte Ar­­beits­leis­tung (care work und Lohnarbeit) während der COVID‐19‐Pan­de­mie und ar­bei­ten noch dazu häufiger in Dienstleistungs‐ und Pflege­be­ru­fen für Kran­ke, Kin­der und ältere Menschen. Diese Krisenphänomene kom­men zu den be­stehenden Ungleichheiten in Bezug auf Lohn (gender pay gap) und Er­werbs­kar­rieren, Geschlechterdiskriminierung am Arbeitsplatz, un­gleiche Re­­­prä­sentation und Partizipation in Politik, Wirtschaft und Kultur und sexu­el­le Be­lästigung und Gewalt gegenüber Frauen noch hinzu und ver­stär­ken diese. Frau­en sehen sich also vielfachen Konflikten gegenüber und sind mit so­zia­len, kulturellen und ökonomischen Un­gleich­heits­kon­stel­la­tio­nen kon­fron­tiert.

Gleichzeitig mobilisieren rechtspopulistische, ultra‐konservative, christ­lich‐fundamentalistische und anti‐feministische Akteure und Gruppen mas­siv gegen zentrale gesellschaftliche Werte wie die Gleichberechtigung der Frau, Selbstbestimmung der sexuellen Identität sowie Politiken wie der Le­ga­­­­lisierung von Abtreibung, Anerkennung und Gleichstellung gleich­ge­­schlech­­t­licher Ehe und Partner*innenschaften, einer gendersensiblen Spra­che sowie eine Erziehung und Bildung im Sinne der sexuellen Auf­klä­rung. Diese Kampagnen und Mobilisierungen gegen Frauen und femi­ni­sti­sche An­­­­liegen sind nicht beschränkt auf ein europäisches Land oder eine Alters­grup­pe und sind sowohl in traditionellen als auch in sozialen und digi­ta­len Medien präsent. Auch wenn laut jüngster Umfrageergebnisse der Wert der Gleich­heit der Geschlechter hohe Zustimmung in der Bevölkerung ver­schiedener europäischer Länder erhält, scheinen die Konflikte um Gender zu­nehmend zu polarisieren und Teile der Gesellschaft zu radikalisieren.

Vor diesem Hintergrund widmet sich dieses Plenum folgendem Fragen­kom­­plex: Die hohe Befürwortung von Geschlechtergleichheit in der Ge­sell­schaft steht nicht nur im Kontrast zu bestehenden vielfältigen Ge­schlech­ter­ungleichheiten, sondern auch zur massiven Mobilisierung gegen Gender(-the­­men) durch verschiedene gesellschaftliche und politische Akteure. Wie las­­sen sich diese unterschiedlichen Beobachtungen verstehen und aus ver­schie­­de­nen soziologischen Perspektiven erklären? Dazu la­den wir Vor­schlä­ge ein, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven den Zu­sam­men­hängen zwi­schen manifesten Geschlechterungleichheiten, gesell­schaft­lichen Orien­tie­run­­gen und Werten, politischer Mobilisierung und Kon­flik­ten und/oder me­dialen Diskursen um Gender in Europa widmen.

Ausrichtende Sektionen:            

  • Europasoziologie
  • Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse

Jury:

Die sechs Plenarveranstaltungen finden am Dienstag, den 27. September 2022 und Donnerstag, den 29. September 2022 von 9:00 bis 11:45 Uhr statt, jeweils drei pro Tag parallel. Über die konkrete Verteilung der Veranstaltungen auf die beiden Termine wird voraussichtlich im Juni 2022 entschieden. Bitte senden Sie Ihr Exposé zur Bewerbung um einen Plenarvortrag (max. 5.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) bis zum 31. März 2022 an beide jeweils genannten Juror:innen. Von den zwei Vorträgen, die auf dem Kongress von einer Person gehalten werden können, darf höchstens einer ein Plenarvortrag sein. Pro Plenum sind insgesamt vier Vorträge zugelassen.

CfP (PDF)