Deadline: 10.01.2022

Zur Soziologie des Rechts als Fundamentalinstitution der Wirtschaft

Call for Papers für eine Tagung vom 12. bis 13. Mai 2022 in Hamburg: Deadline: 10. Januar 2022

Call for Papers
Zu einer Soziologie des Rechts als Fundamentalinstitution der Wirtschaft
Mittelbautagung der DGS-Sektion Wirtschaftssoziologie
12./13. Mai 2022 in Hamburg (HIS)
Organisation: Dr. Philipp Degens (Universität Hamburg) – Lars Döpking (Hamburger Institut für Sozialforschung) -– Katharina Legantke (Universität Hamburg)

Welche Rolle spielt das Recht in der Wirtschaftssoziologie? Einst als wesentliches Thema der Soziologie gesetzt, scheint dieses Forschungsfeld aus dem Blick der Disziplin geraten zu sein (Schweitzer 2021). So konstatiert Richard Swedberg, dass „die Neue Wirtschaftssoziologie sehr wenig Interesse an der Rolle [zeigt], die das Recht in der Wirtschaft spielt“, wodurch sie das Erbe Max Webers und der klassischen Soziologie verworfen habe (Swedberg 2017, S. 73). Wir bezweifeln jedoch, dass diese Diagnose (noch) zutrifft. Stattdessen besteht unserer Ansicht nach ein beträchtliches Interesse daran, die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Recht soziologisch zu analysieren und zu theoretisieren – was nicht zuletzt Swedberg (2003) selbst zeigt. Obwohl es in der Wirtschaftssoziologie zahlreiche Arbeiten gibt, die rechtliche Institutionen in den Blick nehmen (zu Erb-, Haftungs-, und Unternehmensrecht siehe Beckert 2004; Djelic 2013; Fligstein und Choo 2005) finden die Diskussionen bislang hauptsächlich in anderen fachlichen Disziplinen statt, so zum Beispiel in den Rechts-, Wirtschafts- und Politikwissenschaften (Deakin et al. 2017; Grewal und Purdy 2015; Pistor 2020; Posner 1995). Aktuell wird zudem die Rolle des Rechts für die Wirtschaft durch zahlreiche gerichtliche Entscheidungen mit potentiell gravierenden Auswirkungen unterstrichen. So sind es Gerichte, die verfügen, dass Gigworker keine Selbstständigen sind (z.B. BAG 01.12.2020, UK Supreme Court 19.02.2021), dass Politik wie Wirtschaft Klimaschutzziele beachten müssen (BVerfG 24.03.2021, 3/21, Rechtsbank Den Haag 26.05.2021), und in welchem Rahmen Zentralbankpolitik rechtmäßig ist (BverfG 05.05.2020). Für eine Fortentwicklung der Wirtschaftssoziologie scheint es daher fruchtbar, juridische Institutionen, Konventionen, Rahmen, Imaginationen und Praktiken noch stärker in die Analyse einzubeziehen.

Die Fokussierung des Rechts als eine „Fundamentalinstitution für die Ökonomie“ (Diaz-Bone 2015, S. 115) bietet dabei die Chance, die Wirtschaftssoziologie über die Analyse von Märkten hinauszutreiben: Weil die Analyse von Recht notwendigerweise die (politischen) Auseinandersetzungen darum einschließt, ist die Brücke von der Wirtschaftssoziologie zur Politischen Ökonomie schnell geschlagen (Dukes 2019). Dies ist gerade in den Untersuchungen illegaler Märkte deutlich geworden: Nicht nur bildet das Recht auch hier für wirtschaftliches Handeln einen unerlässlichen Bezugspunkt, zugleich geraten die Produktionsbedingungen des Rechts und damit staatliches und politisches Handeln unweigerlich in den Blick (Beckert und Dewey 2017). Der Zugriff auf Wirtschaft durch die Linse des Rechts erlaubt auch eine neue Perspektive auf Vermarktlichungsprozesse. Dass Vermarktlichung nicht De- sondern Re-Regulierung bedeutet, ist bekannt, die konkrete Bestimmung dieser Transformation fällt aber schwer (Knafo 2020) und könnte von einem Fokus auf das Recht als Medium dieser Transformation profitieren.

Recht als eine Fundamentalinstitution der Wirtschaft zu verstehen, erlaubt darüber hinaus, zeitgenössische und historische Transformationsprozesse einzuholen. Schließlich werden Globalisierung wie Europäisierung, Finanzialisierung, Digitalisierung, (Neo)Liberalisierung, Ökologisierung oder zunehmende Polarisierung der Wirtschaft in großem Umfang durch rechtsförmiges Handeln und die Akteure des Rechtsystems gestaltet. Aktuelle Arbeiten fragen daher nach dem Beitrag, den das Recht zu den Transformationen von Staaten und Ökonomien leistet. Pistor (2020) rückt etwa die Frage in den Mittelpunkt, wie die rechtlichen Bausteine des Kapitalismus erschaffen werden und wie Akteure in der Verfolgung ihrer wirtschaftlichen Interessen die nationalstaatlichen rechtlichen Ordnungen kreativ ausnutzen, aushöhlen, aber auch transzendieren. Dabei scheinen transnationale Perspektiven (Frerichs 2021) sowie die Berücksichtigung von Rechtspluralismus und Harmonisierung (Carruthers 2015) zentrale Stichwörter an die Hand zu geben.

Ziel der Tagung ist es, aus soziologischer Perspektive über die Zusammenhänge zwischen Recht und Wirtschaft nachzudenken und zu eruieren, wie die Wirtschaftssoziologie das Recht angemessen in den Blick nehmen kann. Dafür wünschen wir uns theoretische und empirische Beiträge, bei denen die Frage nach der Bedeutung des Rechts (und seiner Entstehungsbedingungen) für die Wirtschaft erkenntnisleitend ist.

Beiträge zu folgenden Schwerpunkten sind denkbar:

  • Beiträge, die das Verhältnis von Wirtschaft und Recht theoretisch neu konzeptualisieren oder klassische Perspektiven aufarbeiten
  • Beiträge, welche rechtliche Institutionen der Wirtschaft in den Blick nehmen (Verträge, Eigentum, Arbeit, Erbschaft, Geld, Patente, Zölle, Märkte etc.) oder zeigen, welche Auswirkungen die Gestaltung verschiedener Rechtsgebiete (Privat-, Steuer-, Wettbewerbs-, Subventions-, Körperschaftsrecht aber auch Naturschutz- oder Familienrecht) auf die Wirtschaft hat
  • Beiträge, die Akteure, Dynamik und Machtverhältnisse im Rechtssystem in den Blick nehmen und nach deren Auswirkungen auf wirtschaftliche Ordnung und Dynamik fragen
  • Beiträge, die zeigen, wie das Recht mit ökonomische Ungleichheitskategorien wie Race, Class und Gender verbunden ist und welche Konsequenzen sich daraus ergeben

Beiträge, die sich mit diesen oder verwandten Themen auseinandersetzen, sind herzlich willkommen. Abstracts im Umfang von bis zu 1500 Zeichen sollten bis zum 10.01.2022 an Philipp Degens (philipp.degens(at)uni-hamburg), Lars Döpking (lars.doepking(at)his-online.de) und Katharina Legantke (katharina.legantke(at)uni-hamburg.de) gesendet werden. Angenommene Referent:innen werden bis zum 26.01.2022 über die Teilnahme informiert und sind gebeten, bis zum 15.04.2022 ein Extended Abstract (ca. 5 Seiten) einzureichen.

Zum Call for Papers inkl. Literaturangaben (Pdf)