Deadline: 15.04.2021

Zwischen Technokratie und Protest? Zur Politisierung und Popularisierung der Wissenschaft in der Öffentlichkeit

Call for Papers für eine Veranstaltung der DGS-Sektion Politische Soziologie auf dem gemeinsamen Kongress der DGS und ÖGS vom 23. bis 25. August 2021 in Wien, Österreich. Deadline: 15. April 2021

In der Coronakrise versuchen ganze Gesellschaften im Sinne einer "evidenzbasierten Politik" (Davies et al. 2004) durch konzertiertes Handeln eine Pandemie basierend auf wissenschaftlichen Empfehlungen politisch zu "steuern". Wissenschaftler – Virologinnen, Infektiologen, Epidemiologinnen etc.– und wissenschaftliche Vereinigungen erleben in dieser Zeit eine bis dato nicht gekannte öffentliche Aufmerksamkeit. In der Bevölkerung stößt der Kurs einer wissenschaftlich fundierten Pandemiebekämpfung auf breite Unterstützung. Teilweise kritisieren Bürger sogar das Zögern der Politik bei der Umsetzung von Maßnahmen und fordern eine noch strengere Ausrichtung an den Empfehlungen der Wissenschaft.

Auf den ersten Blick entspricht diese politische Ausgangslage der Pandemiebekämpfung weitgehend dem Bild einer wissenschaftsbasierten "technokratischen" Regierungsform, wie sie bis in die 1980er-Jahre hinein von Vertretern der kritischen Theorie immer wieder kritisiert wurde (Offe 1987; Habermas 1973; Marcuse 1967). Die Kritik richtete sich gegen eine bloß formale Demokratie, die sich auf "plebiszitäre Entscheidungen über alternative Führungsgarnituren des Verwaltungspersonals" (Habermas 1968: 506) beschränkt. In diesem System, so die Diagnose, würden die Aufgaben des Staates – also auch die Pandemiebekämpfung – nur noch als rein "technisch" zu lösende Probleme betrachtet. Die von den "Massenmedien verwaltete Öffentlichkeit" (Habermas 1968: 520) würde so entpolitisiert und funktionslos.

Auf den zweiten Blick ist die Öffentlichkeit aber alles andere als entpolitisiert – gerade auch gegenüber der Wissenschaft. Die Corona-Pandemie bietet dafür ein anschauliches Beispiel: Nach einer Schockstarre während des ersten "Lockdowns" wurde die wissenschaftlich legitimierte Pandemiebekämpfung von vielen Seiten scharf kritisiert. In den meisten europäischen Staaten wuchs die Schar der Unzufriedenen seit dem Sommer 2020 stark an. Tausende beteiligten sich regelmäßig an Protesten gegen die evidenzbasierte Corona-Politik. Das Verhältnis der Öffentlichkeit zur Wissenschaft ist somit durchaus gespalten zwischen Befürwortern und Skeptikern. Ähnliches zeigt sich auch auf anderen Politikfeldern wie etwa der Klimadebatte – allerdings unter umgekehrtem Vorzeichen: Hier werden die politischen Empfehlungen der Wissenschaft weithin als einziger Ausweg aus dem Katastrophenszenario der Erderwärmung betrachtet. Die Protestbewegung Fridays for Future fordert von der Politik dezidiert, dass wissenschaftlich fundierte Maßnahmen trotz drohender negativer Konsequenzen für die Wirtschaft umgesetzt werden sollen, wenn dies der Erreichung der Klimaziele dient.

In der soziologischen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft (Weingart 1983) dominiert bislang der typologisierende Vergleich sogenannter Experten- und Wissensregime, welche die Vernetzung zwischen beiden Bereichen in den Blick nehmen (Böschen 2016; Campbell/Pedersen 2015; Jasanoff 2007). Im Zentrum steht die Frage, wie sich einerseits die "Evidenzbasierung der Politik" und andererseits die "Ethisierung der Expertise" in unterschiedlichen Kontexten institutionalisiert und ausdifferenziert haben (Straßheim 2013; Bogner 2013). Mit der Fokussierung auf das Verhältnis zwischen staatlicher Verwaltung und Wissenschaft wird die Öffentlichkeit als eigene Kraft für die Mobilisierung von Protest und zentrale Quelle der Legitimation jedoch oft übersehen. Nicht nur die Politik, auch die Wissenschaft muss die Öffentlichkeit überzeugen. Der bloße Verweis auf die Überlegenheit wissenschaftlicher Methoden als Grundlage des Erkenntnisgewinns reicht dabei oft nicht aus. Das Vertrauen der Bevölkerung muss vielmehr immer wieder neu mobilisiert werden. Die Wissenschaft wird dabei immer häufiger zum Gegenstand von kollektiver Identifikation und scharfer Abgrenzung.

Daraus wird oft politisch gefolgert, dass Wissenschaftlerinnen ihre relativ geschlossenen Zirkel der "scientific communities" verlassen und ihre Ergebnisse über die Medien in die breite Bevölkerung hineintragen sollen (Weingart 2012, 2011). Allerdings kommt es in diesem Prozess fast automatisch zu einer Popularisierung der Wissenschaft und Entgrenzung wissenschaftlicher Diskurse (Knoblauch 2009). Die Regeln des wissenschaftlichen Wettbewerbs und die Verfahren der wissenschaftlichen Qualitätssicherung werden zunehmend der öffentlichen Kritik, Ideologisierung und Politisierung ausgesetzt (Gauchat 2010; Gauchat 2012; Gauchat et al. 2017). Dieser Prozess hat sich mit dem digitalen Wandel der Öffentlichkeit und der Ausbreitung sogenannter "sozialer Netzwerke" massiv beschleunigt.

Nicht erst seit der Klimakrise und mit der Coronakrise – aber hier in besonderer Schärfe – kommt es in der öffentlichen Debatte zu Mobilisierungs- und Gegenmobilisierungsprozessen, in deren Zentrum die Wissenschaft steht. Um wissenschaftliche Persönlichkeiten und ihre Kritiker bilden sich immer wieder "Fangemeinschaften", die in der Öffentlichkeit teilweise heftig aufeinanderprallen (Hitzler et al. 2008). Die Popularisierung der Wissenschaft und ihre Politisierung sind daher eng miteinander verknüpft. Die Wissenschaft gerät so immer stärker in den Sog öffentlicher Diskurse und sozialer Protestbewegungen, die sich entweder die Stärkung des Vertrauens in die Wissenschaft auf die Fahnen geschrieben haben – oder das genaue Gegenteil. Davon ausgehend suchen wir für die Sektionsveranstaltung empirische Studien sowie theoretisch-konzeptionelle Beiträge, die u.a. folgende Themen adressieren:

  • Expertenregime in Zeiten von Corona: Durch welche Merkmale zeichnet sich die Vernetzung von Wissenschaft und Politik in der Corona-Pandemie, auch im nationalstaatlichen Vergleich, aus? Wie wird epistemische Autorität öffentlich erzeugt?
  • Das Verhältnis von sozialen Bewegungen zur Wissenschaft: Welche Rolle spielt die Wissenschaft für die Protestmobilisierung? Wie wird Wissenschaftskritik geäußert? Welche wissenschaftlichen Argumente spielen im Framing sozialer Bewegungen eine Rolle? Wie wird Wissenschaft durch soziale Bewegungen politisiert?
  • Politisierung wissenschaftlicher Akteure: Inwiefern werden Wissenschaftler selbst zu politischen Aktivisten? Wie gestaltet sich der Einfluss von Wissenschaft im politischen Prozess? Welchen Einfluss nehmen die Medien und die Öffentlichkeit auf die Politisierung der Wissenschaft?
  • Öffentliches Vertrauen und Misstrauen in das Verhältnis von Wissenschaft und Politik: Welche Rolle spielen politische und religiöse Überzeugen für das Vertrauen in Wissenschaft und Politik? Welchen Einfluss haben die sozialen Medien im Prozess der Vertrauensbildung?
  • Wissenschaft, Demokratie und Öffentlichkeit: Wie verändert sich das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Demokratie durch einerseits die Popularisierung der Wissenschaft und andererseits die zunehmende Inanspruchnahme der Wissenschaft durch soziale Bewegungen?

Abstracts im Umfang von etwa 250 Wörtern sind herzlich willkommen und können bis 15. April 2021 an Insa Pruisken (insa.pruisken(at)uni-bamberg.de) und Thomas Kern (thomas.kern(at)uni-bamberg.de) geschickt werden.

Zum Call for Papers (PDF)

Literatur:

Bogner, Alexander. 2013. Ethisierung der Technik -Technisierung der Ethik. Der Ethik-Boom im Lichte der Wissenschafts- und Technikforschung, Bd. 11. 1. Auflage. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.

Böschen, Stefan. 2016. Hybride Wissensregime. Skizze einer soziologischen Feldtheorie, Bd. 13. 1. Auflage. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.

Campbell, John L. und Ove K. Pedersen. 2015. Policy ideas, knowledge regimes and comparative political economy. Socio-Economic Review 13: 679-701.

Davies, Huw T. O., Sandra M. Nutley und Peter Smith. 2004. What works? Evidence-based policy and practice in public services. Bristol: The Policy Press.

Gauchat, Gordon 2012. "Politicization of Science in the Public Sphere: A Study of Public Trust in the United States, 1974 to 2010." American Sociological Review 77.

Gauchat, Gordon, Timothy O’Brien, and Oriol Mirosa. 2017. "The Legitimacy of Environmental Scientists in the Public Sphere." Climatic Change 143: 297-306.

Gauchat, Gordon. 2010. "The Cultural Authority of Science: Public Trust and Acceptance of Organized Science." Public Understanding of Science 20: 751-770.

Habermas, Jürgen. 1968. "Technik und Wissenschaft als Ideologie?" Man and World 1: 483-523.

Habermas, Jürgen. 1973. Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus. Frankfurt: Suhrkamp.

Hitzler, Ronald, Anne Honer, and Michaela Pfadenhauer. 2008. "Posttraditionale Gemeinschaften: Theoretische und ethnografische Erkundungen." Pp. Online-Ressource. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden.

Jasanoff, Sheila. 2007. Designs on nature. Science and democracy in Europe and the United States. Princeton, N.J., Woodstock: Princeton University Press.

Knoblauch, Hubert. 2009. Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft. Frankfurt: Campus.

Marcuse, Herbert. 1967. Der eindimensionale Mensch: Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, vol. 40. Neuwied ; Berlin: Luchterhand.

Offe, Claus. 1987. "Toward a Theory of Late Capitalism." Pp. 324-339 in Modern German Sociology, edited by V. Meja, D. Misgeld, and N. Stehr. New York: Columbia University Press.

Straßheim, Holger. 2013. Politische Expertise im Wandel. Zur diskursiven und institutionellen Einbettung epistemischer Autorität. Der moderne Staat 6.

Weingart, Peter 1983. Verwissenschaftlichung der Gesellschaft - Politisierung der Wissenschaft. Zeitschrift für Soziologie 12: 225–241.

Weingart, Peter. 2011. "Die Wissenschaft der Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit der Wissenschaft1." Pp. 45-61 in Wissenschaft und Hochschulbildung im Kontext von Wirtschaft und Medien, edited by B. Hölscher and J. Suchanek. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Weingart, Peter. 2012. "The Lure of the Mass Media and Its Repercussions on Science." Pp. 17-32 in The Sciences’ Media Connection – Public Communication and its Repercussions, edited by S. Rödder, M. Franzen, and P. Weingart. Dordrecht: Springer Netherlands.