Felix Fink | Rezension |

Bekenntnis zum unfreiwilligen Zölibat

Rezension zu „Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“ von Veronika Kracher

Abbildung Buchcover Incels von Veronika Kracher

Veronika Kracher:
Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults
Deutschland
Mainz 2020: Ventil
280 S., 16,00 EUR
ISBN 978-3-95575-130-2

Ob JJ Bola mit seinem autobiografischen Essay Sei kein Mann[1] auf der Spiegel-Bestsellerliste landet, ob die Medien die erhöhte Sterblichkeit von Männern an COVID-19 thematisieren oder ob die Popularität des Ex-US-Präsidenten Donald Trump auf seine Inszenierung traditioneller Männlichkeit zurückgeführt wird – die Problematisierung von Männlichkeit hat Konjunktur. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit der rechtsradikalen Politisierung von Männlichkeit, die Thema einer ganzen Reihe an Publikationen der letzten zwei Jahre war.[2] Die Bücher richten ihr Augenmerk im Anschluss an die Arbeit der Medienwissenschaftlerin Angela Nagle verstärkt auf digitale Netzwerke. Nagle zeigte in ihrer 2017 publizierten Studie Kill All Normies, inwiefern die antifeministische Männerrechtsszene und ihr Affekt gegen eine liberalisierte Sexualmoral die „online culture wars“[3] im Vorfeld der US-Wahlen 2016 prägten.[4] In diesem Zusammenhang kommt Nagle auch auf die Online-Community der Incels – ein Akronym aus involuntary celibad, zu Deutsch: unfreiwilliges Zölibat – zu sprechen, deren männliche und überwiegend junge Mitglieder behaupten, unter unfreiwilliger unabwendbarer Sexlosigkeit zu leiden. Die Schuld dafür geben sie Frauen sowie dem Feminismus.

Mit Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults liefert die Soziologin und Literaturwissenschaftlerin Veronika Kracher nun die erste Monografie, die sich umfassend und ausschließlich mit diesem Phänomen auseinandersetzt; ihr Buch erschien im Mainzer Ventil Verlag.[5] In Deutschland wurden Incels vor allem durch den 2019 verübten Terroranschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale bekannt, weil sich in Aussagen und im Video des Attentäters Referenzen auf die Incel-Szene fanden.[6] Das „Gefahrenpotential online radikalisierter junger Männer“ ist für Kracher denn auch Anlass für ihre Forschung zu Incels. Den Anschlag in Halle bewertet sie zwar als „primär antisemitisch“ (S. 10), in den USA und Kanada seien seit 1989 jedoch bereits „über 50 Menschen durch Incel-Attentate ums Leben gekommen“ (S. 37, siehe auch S. 180 ff.). Daneben ist ihr daran gelegen, Incels nicht als Freaks oder Außenseiter zu labeln, sondern im Zuge einer „Kritik am patriarchal strukturierten Kapitalismus“ (S. 15) zu zeigen, dass und inwiefern „der durchschnittliche Mann und der Incel ideologisch gar nicht so weit voneinander entfernt sind“ (S. 13). Der oft ironische Ton des 275-seitigen Buches schafft mitunter eine erholsame Distanz zur schwer verdaulichen Verächtlichkeit des untersuchten Feldes, gerät aber zwischendurch auch in unangenehme Nähe zum Zynismus desselben. Die Arbeit lässt sich in vier Abschnitte unterteilen: Kracher entfaltet die Geschichte und Entwicklung der Incel-Bewegung (S. 17–62), analysiert deren Ideologie anhand empirischen Materials (S. 63–138) und interpretiert sie daraufhin sozialpsychologisch (S. 139–201). Im letzten Abschnitt (S. 202–251) diskutiert sie Perspektiven im Umgang mit Incels, bevor das Buch mit einem Glossar der Begriffe und Memes aus der Incel-Welt schließt.

Übersichtlich und kenntnisreich zeichnet die Autorin zunächst Eckpunkte, Entwicklungslinien und Dynamiken der Incel-Community nach. So geht sie beispielsweise auf die „bittere Ironie der Geschichte“ (S. 25) ein, dass ausgerechnet eine queere Frau den Begriff des „Incel“ etablierte, als sie 1993 eine Mailingliste zum Austausch über Sorgen und Probleme bezüglich Sex- oder Partner*innenlosigkeit gründete (S. 25–37). Entlang von Beiträgen und Umfragen auf verschiedenen Online-Plattformen beschreibt Kracher die Entwicklung der ehemals diversen und einfühlsamen Incel-Community hin zu einer ausschließlich von (jungen) Männern frequentierten Gruppe, die von Fatalismus und Hass gegen Frauen geprägt sei (S. 38–62). Als Kipppunkt identifiziert sie die Gründung der Website love-shy.org im Jahr 2003, auf der die folgenreiche Idee der Incels, „das eigene Aussehen determiniere für immer den Dating-Erfolg“ (S. 30), aufkam und auf große Resonanz stieß.

Mit der dichten Beschreibung der Incel-Foren und ihrer kommunikativen Dynamik liefert Kracher einen wichtigen Beitrag zur Erforschung von Prozessen der Selbstradikalisierung.[7] Sie bezeichnet die Foren als hermetisch abgeschlossene kultartige Echokammern, in denen alle Ansichten und Informationen kategorisch ausgeschlossen, verleugnet oder umgedeutet werden, die dem fatalistischen Weltbild der Incels widersprechen: Verboten sind unter anderem „Hinweise darauf, dass auch kleine und unattraktive Männer Partnerinnen haben“ (S. 50). Wenn ein User wider Erwarten sexuelle Erfahrungen macht und davon berichtet, wird er beschimpft oder bekommt seine Identität als Incel aberkannt. Eine wichtige Rolle für die Radikalisierung der Szene spielen laut Kracher die sogenannten pick up artists (PUA), in deren Seminaren viele der Incels auf der Suche nach einer Partnerin früher oder später gelandet seien (S. 30 ff.). Enttäuscht über den ausbleibenden Erfolg der dort erlernten ‚Strategien‘ zur Verführung von Frauen besuchten viele Incels Anfang der 2010er-Jahre das Forum PUAhate.com. Dort war auch Elliot Rodger registriert, der seit seinem Terroranschlag 2014 in Isla Vista (USA) als Held der Szene gilt (S. 32).

Anhand dessen Manifest My Twisted World sowie ausgewählter Foreneinträge analysiert Kracher im zweiten Abschnitt ihres Buches die Ideologie der Incels. Eindrücklich beschreibt sie dabei deren paradoxes und projektives Weltbild: Während Incels selbst andere Menschen entlang einer Attraktivitätsskala einteilen, verachten sie umgekehrt Frauen wegen ihrer Oberflächlichkeit und weil sich ihr ganzes Leben nur darum drehe, mit Männern der obersten Attraktivitätsstufe Sex haben zu können (S. 89–96). Wie Kracher zeigt, fühlen sich Incels geradezu verfolgt von Frauen (S. 68) und unterstellen ihnen, sie zu „hassen“ (S. 93) und gerne mit falschen Hoffnungen zu quälen. Entsprechend sind die Incel-Foren voll von misogynen Gewalt- und Vernichtungsfantasien (S. 75, S. 106 f.). Zugleich verzehren sich Incels nach Aufmerksamkeit oder Zuwendung, sodass sie dem „Lächeln einer Frau fast schon heilende Kräfte“ (S. 93) zuschreiben. Der Autorin zufolge betrachten sich Incels einerseits als Looser, die aufgrund ihres Äußeren zu ewiger Sex- und Bedeutungslosigkeit verdammt sind, andererseits halten sie sich für verkannte Genies, die wegen ihrer Grandiosität Anspruch auf Anerkennung und vor allem auf Sex mit Frauen haben (S. 122–138). Ihre politische Utopie basiere auf dem Zerrbild eines vergangenen Patriachats, in dem allen Männern entsprechend ihres Attraktivitätsniveaus Partnerinnen garantiert gewesen seien. Erst der Feminismus hätte Frauen die Anspruchshaltung eingeimpft, selbst über ihr Sexualleben entscheiden zu wollen. Auch wenn sich die komplette Existenz von Incels um den angeblich ersehnten, aber versagten Sex dreht, haben sie gleichzeitig „panische Angst“ (S. 74) davor; wie Kracher unter anderem anhand des Manifests von Rodger zeigt, in dessen idealer Welt Sex „gesetzlich verboten“ (S. 75) sein sollte.

In den nächsten Kapiteln stellt Veronika Kracher ihre sozialpsychologische Interpretation der Incel-Ideologie vor, bei deren Vertretern es sich nicht um „irgendwelche verrückten Typen aus dem Internet“ (S. 140) handle. Die Incels würden die Normalität des patriarchalen Eisbergs lediglich „auf die wahnhafte Spitze“ (ebd.) treiben. Die auch, aber nicht nur bei Incels vorzufindende „männliche Anspruchshaltung“ (S. 152), dass Frauen „Fürsorge, Gefühle, Zeit, […] Liebe“ und vieles mehr „zur Verfügung zu stellen“ (S. 146) hätten, versteht sie als Effekt eines historischen Prozesses, in dem Kulturindustrie, Prostitution und geschlechtliche Arbeitsteilung die Geschlechterverhältnisse geformt hätten (S. 139–153). Unklar bleibt dabei, welchen analytischen oder theoretischen Mehrwert Krachers Konzept der „Anspruchshaltung“ gegenüber dem der „sozialen Erwartung“ bringt, mit dem die subjektive Seite gesellschaftlicher Normen ebenso erfasst und untersucht werden könnte.

Neben der Anspruchshaltung der Incels interpretiert Kracher deren paradoxes Verhältnis zu Sex, nach dem sie sich einerseits verzehren und den sie andererseits zu fürchten scheinen (S. 154–163): Da sexuelles Begehren abhängig von anderen Menschen macht, dies aber der Illusion männlicher Autonomie widerspricht, hassten Incels Frauen nicht nur für die Verweigerung ihrer Wünsche, sondern auch dafür, „in ihnen den Wunsch nach Zuwendung überhaupt“ (S. 158) hervorzurufen. Kracher versteht Incels zudem als autoritäre Persönlichkeiten, die sich mit den „herrschenden Strukturen“ (S. 184) eines „patriarchalen Kapitalismus“ (S. 165) identifizieren und sich dabei noch für Rebellen – gegen die Unterdrückung durch Frauen und den Feminismus – halten (S. 164–176). Anstatt die gesellschaftlichen Anforderungen an Männer, unter denen sie offensichtlich leiden, zurückzuweisen, griffen Incels nicht selten auf „Gewalt als Mittel zur Mannwerdung“ (S. 177) zurück, um „erfahrenes Unrecht […] aus der Welt zu schaffen“ (S. 182) und damit ihre Ehre wiederherzustellen (S. 177–201).

Im letzten Abschnitt schildert Kracher anhand der Erfahrungsberichte der Ex-Freundin eines Incels und eines Ex-Incels sowie einiger Beiträge aus dem Forum IncelExit, dass und wie es möglich ist, aus dem Incel-Kult auszusteigen und sich von der hassgetränkten Szene abzuwenden. Ihre Beschreibungen sind überzeugend, in der folgenden Diskussion über den gesellschaftspolitischen Umgang mit Incels irritiert allerdings der starke Fokus auf „gendersensible Pädagogik“ (S. 221) und „profeministische Männergruppen“ (S. 225). Jeder Mann, der „kein sexistisches Arschloch sein oder sexistische Arschlöcher unterstützen will“ (S. 223), habe nicht nur die Aufgabe, gegen sexistisches und übergriffiges Verhalten vorzugehen, sondern auch in Männergruppen sein eigenes „geschlechtsspezifisches Verhalten zu reflektieren“ (S. 226), um „‚ein besserer Mann‘“ zu werden und letztlich „das Geschlechterverhältnis“ (S. 227) in Gänze abzuschaffen.

Krachers so formulierte gesellschaftspolitische Utopie ist ein Selbstoptimierungs-, Bekenntnis- und Askeseprogramm: Unabhängig von individuellem oder bewusstem Fehlverhalten soll jeder Mann seine geschlechtliche Schuld bekennen und im Verzicht auf die unverdienten Privilegien Buße leisten, um dadurch Läuterung zu erlangen.[8] Damit verschiebt die Autorin – entgegen ihrer eigenen Absichten (siehe nur S. 13, 139 ff., 220, 227) – das Problem der Incels von der gesellschaftlichen auf eine individuelle Ebene, namentlich die der eigenverantwortlichen Psychohygiene. Umgekehrt lässt sich die Incel-Bewegung selbst als eine Bekenntniskultur verstehen: Statt als Zeichen bereitwilliger Buße wollen Incels ihr Bekenntnis zur Ideologie des unfreiwilligen Zölibats als trotzige Selbstbehauptung von Märtyrern gegen eine feministische Herrschaft verstanden wissen.[9] Dies schließt wiederum an eine der zentralen Thesen Angela Nagles an, nach der die „moral transgression“[10] – die jedem Bekenntnis innewohnt – über politische Lager hinweg der modus operandi und das Hauptmerkmal der Online-Kulturkämpfe sei.

Mein Einwand gegen selbsttherapeutische Konzepte als politisches Programm schmälert keineswegs den Erkenntnisgewinn des besprochenen Buches: Kracher leistet mit ihrer Studie zu Incels Pionierinnenarbeit, indem sie das schwer greifbare Phänomen in einer Dichte und Kohärenz kartografiert, die weitere theoretische oder zeitdiagnostische Überlegungen erst möglich machen. Bemerkenswert ist außerdem ihr Verhältnis zum Gegenstand, eine Mischung aus kompromissloser Kritik und empathischer Einfühlung, wovon auch der im letzten Kapitel formulierte „Brief an einen Incel“ (S. 229) zeugt. Auch wenn in dem Brief die Hoffnung auf Verständigung mit den politischen „Gegnerfreunden“[11] zum Ausdruck kommt, bleibt offen, ob Kracher ihn tatsächlich abgeschickt hat und ob er bei der Incel-Community angekommen ist – zu wünschen wäre es.

  1. JJ Bola, Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist, übers. von Malcom Ohanwe, München 2020.
  2. Siehe nur Julia Ebner, Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren, übers. von Kirsten Riesselmann, Berlin 2019; Susanne Kaiser, Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen, Berlin 2020; Eike Sanders / Anne O. Berg / Judith Goetz, Frauen*rechte und Frauen*hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt, Berlin 2019; Karolin Schwarz, Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus, Freiburg 2019.
  3. Angela Nagle, Kill All Normies. The Online Culture Wars from Tumblr and 4chan to the Alt-Right and Trump, Winchester / Washington, D.C. 2017, S. 9.
  4. Vgl. ebd., S. 86–100. Die antifeministische Männerrechtsszene ist eine heterogene und unterschiedlich stark vernetzte Bewegung, deren Gemeinsamkeit ihr maskulinistisches Weltbild ist, also die Vorstellung, alle Männer würden systematisch (und planvoll) von Frauen unterdrückt. Oft taucht diese Überzeugung in Kombination mit der antisemitisch-rassistischen Verschwörungsideologie auf, der Feminismus sei eine jüdische Erfindung und Strategie zur Vernichtung der ‚weißen Rasse‘.
  5. Für eine Übersicht der sozial- und kulturwissenschaftlichen Beiträge zu Incels siehe Alyssa M. Glace / Tessa L. Dover / Judith G. Zatkin, Taking the Black Pill. An Empirical Analysis of the „Incel“, in: Psychology of Men & Masculinities 22 (2021), S. 1–10, hier S. 1 f.
  6. Unter anderem war der Livestream der Tat mit einem Lied unterlegt, in welchem der Kanadier und selbstbezeichnende Incel Alek Minassian besungen wird. Er raste am 23. April 2018 in Toronto mit einem Lieferwagen in eine Menschenmenge und tötete dabei zehn Menschen, wofür ihn die Incel-Community feierte.
  7. Glace/Dover/Zatkin, Taking the Black Pill, S. 9.
  8. Dieses Argument findet sich ausführlicher und bezogen auf critical whiteness bei Ladelle McWhorter, Where Do White People Come From? A Foucaultian Critique of Whiteness Studies, in: Philosophy & Social Criticism 31 (2005), 5–6, S. 533–556.
  9. Bernhard Unterholzner, Bekennerschreiben. Kommunikation als Ereignis, Saarbrücken 2007, S. 17–25.
  10. Nagle, Kill All Normies, S. 37.
  11. Peter Brückner, Über linke Moral [1980], in: ders., Vom unversöhnlichen Frieden. Aufsätze zur politischen Kultur und Moral, Berlin 1984, S. 7–9, hier S. 9.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Digitalisierung Feminismus Gender Gewalt Gruppen / Organisationen / Netzwerke Kommunikation Psychologie / Psychoanalyse

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Felix Fink

Felix Fink hat Soziologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg studiert. In seiner Masterarbeit untersuchte er das Bekennerschreiben zum antisemitischen Terroranschlag in Halle 2019. Zu seinen Forschungsinteressen zählen Rechtsterrorismus, Psychoanalyse, digitale Kultur und qualitative Sozialforschung.

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