R. Swedberg (Hrsg.): Theorizing in Social Science

Richard Swedberg und die theoretische Kreativität

Richard Swedberg, theoretischer Soziologe und Protagonist der ‚Neuen Wirtschaftssoziologie‘, der 2002 von Stockholm an die Cornell University gewechselt ist, hat einen Vorschlag für die Entwicklung neuer Theorien präsentiert1 und einige prominente US-amerikanische Soziologinnen und Soziologen gebeten, diesen zu kommentieren. Das Ergebnis ist die vorliegende Textsammlung über theorizing – so nennt Swedberg die von ihm anvisierte Praxis der Theoriebildung. Die Themen der einzelnen Beiträge reichen von autobiografischen Skizzen über Praktiken des Theoretisierens bis zu kognitionstheoretischen oder neurophysiologischen Erklärungen theoretischer Kreativität.

Swedbergs Motiv ist ein von ihm konstatierter Mangel an „creative theorizing“ (ix) in der zeitgenössischen Soziologie. Es sei gleich vermerkt, dass dieser Problemhintergrund weder von ihm noch von anderen Autorinnen des Sammelbandes weiter soziologisch ergründet wird. Swedberg moniert in diesem Zusammenhang, dass die Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg zwar viele methodische Innovationen hervorgebracht habe, aber nur wenige theoretische.2 Die Frage nach dem Maßstab für theoretische Neuerungen oder danach, ob Theorien wie die von Peter L. Berger und Thomas Luckmann, Niklas Luhmann, Theodor W. Adorno, Pierre Bourdieu und vieler anderer, die den Leserinnen soziologischer Einführungsbände noch einfallen mögen, die Methodenentwicklung nicht aufwiegen, wird nicht gestellt.

Beschränkt man sich auf die letzten Jahre, dürfte jenseits nahezu inflationärer Begriffsschöpfungen deutlich sein, dass sich in der Soziologie ein Typus von Theorie durchsetzt, der vornehmlich als Deutungsschema für empirische Forschung dient.3 Auch Swedberg favorisiert diesen Typus, bemängelt aber einen Stillstand bei der Entwicklung neuer Deutungsmuster.4 Der Schwerpunkt seines Beitrags liegt darauf, zu systematisieren, welche Schritte im Vorfeld eines Forschungsprojekts unternommen werden müssen, um erfolgreich neue Arten der Erklärung zu schaffen und sich nicht auf Gelerntes zurückzuziehen. Im Kern favorisiert er die auf Charles S. Peirce zurückgehende Technik der Abduktion: Der Einsatz von Überraschung, ‚Raten‘ und Inspiration soll neue Hypothesen generieren.

Da Swedberg das Theoretisieren bereits im „Entdeckungszusammenhang“ beginnen lassen möchte (9), stellt er der eigentlichen soziologischen Analyse („main study“) eine Vorstudie („prestudy“) voran. Hier empfiehlt Swedberg die Benutzung eines Instrumentariums, mit dem in verschiedenen Schritten abduziert werden kann: Beobachtung, Benennung, Konzeptualisierung, Typologisierung und sogar schon vorsichtiges Erklären (siehe die Liste auf S. 17). Diese Vorgehensweise ermögliche eine kreative Theorieentwicklung, bevor es in die ‚sauber‘ durchzuführende Hauptstudie gehe, in der das „Forschungsdesign“ wie gewohnt angewendet werde (11, 27). Wer sich in seiner eigenen Theoretisierung oder für die Lehre der Theoriearbeit inspirieren lassen möchte, dem sei die kombinierte Lektüre von Swedbergs Beitrag mit seiner Monografie zum selben Thema empfohlen.5

Was bei Swedberg etwas abstrakt klingt, wird von Karin Knorr Cetina und Diane Vaughan autobiografisch konkretisiert. Mit Bezug auf neurophysiologische Literatur spricht Knorr Cetina von „intuitionist theorizing“ (38) und beschreibt den Menschen als „skilled processor“ (S. 39), der Umweltreize nicht nur auf kognitive, sondern auch auf emotionale Weise verarbeite. Im Folgenden schildert sie ihre eigene Forschung als ‚intuitionistisches Theoretisieren‘ mit spontanen Eingebungen, indem sie betont, ihre Emotionen, etwa pure „Begeisterung“ (57), hätten die kognitive Durchdringung ihrer Forschungsobjekte maßgeblich vorangetrieben. Vaughan dagegen beschreibt ihr eigenes Vorgehen als langwieriges Herausarbeiten von Analogien, um gleichartige Muster zwischen verschiedenen Studien erkennen und generalisierbare Aussagen erzeugen zu können. Ihr Text zeigt eindrücklich, wie sich Erkenntnisse aus vorherigen Fallanalysen in andere übertragen lassen, sodass situationsgebundene Analysen in Erklärungen mit höherer Reichweite transformiert werden können.

Stephen Turner fasst den Akt des Theoretisierens exklusiver auf. In Abgrenzung zur bloßen Anwendung oder Kombination von Theorien – worunter er wahrscheinlich auch Vaughans Strategie der Analogiebildung subsumieren dürfte (135f.) – spricht er deshalb von „Bildung“ als „höherer“ Form des Theoretisierens beziehungsweise von „theorizing in the large sense“ (148). Zu Letzterem zählt er auch die Auseinandersetzung mit vorhandenen Theorien, die „empathisch“, „sensitiv“ für Lücken und „schonungslos kritisch“ sein müsse (154ff.). Karl E. Weick fragt sich dagegen, was es heißt, „sich das Hirn zu zermartern“ (178), und möchte den kognitiven Prozess des Theoretisierens genauer aufschlüsseln. Für ihn ist dies mit dem beständigen Hin- und Herschwenken zwischen Perzeption und Konzeption sowie zwischen dem Konkreten und dem Abstrakten verbunden. Weick ist im Übrigen der Autor, der innerhalb des Bandes die meisten konkreten Vorschläge – etwa zum Nutzen der Abstraktion oder den Vorteilen von Irritationen (190ff.) – für die Praxis des Theoretisierens liefert. Diese lassen sich gut mit dem Programm Swedbergs verbinden.

Der Beitrag von Isaac Ariail Reed und Mayer N. Zald fordert schließlich erstaunlicherweise als einziger im ganzen Band, die soziale Struktur des Entdeckungszusammenhangs soziologisch zu durchdringen. Die beiden Verfasser entwickeln ein Forschungsprogramm zur Theorieentwicklung innerhalb von „communities of inquiry“ (87). Dabei gehen sie anschließend an die Arbeiten Thomas S. Kuhns und Imre Lakatos’ davon aus, dass solche Gemeinschaften von „civilizational concerns“ und sozialem Sinn getrieben sind; es komme darauf an, die kontingenten Verläufe der Auseinandersetzung mit diesen ‚zivilisatorischen‘ und sozialen Einflüssen nachzuzeichnen (93). Im Gegensatz zu Turner betonen die Autoren nicht nur den sozialen Charakter des Theoretisierens, sondern auch die Synergien zwischen „Sozialtheorie“ im Sinne von Sozialphilosophie und „soziologischer Theorie“, womit sie auf die Empirie angewendete soziologische Konzepte meinen (101ff.). Obwohl sie dafür einige Beispiele anführen, bleiben ihre Vorschläge für eine gezielte Vermittlung zwischen beiden Arten von Theorie im Dienste der Theorieinnovation etwas blass. Wie könnte die von ihnen vorgeschlagene Supervision theoretischen Fortschritts (105) genau aussehen? Darüber hinaus wäre es meines Erachtens – zumindest wenn man wissenschaftssoziologisch argumentiert – sinnvoll zu fragen, wie sich in den jeweiligen Forschungsgemeinschaften Vorstellungen von theoretischem Fortschritt herauskristallisieren und welche Bedeutungen sie für den Stellenwert der unterschiedlichen Theorietypen haben.

In diesem Zusammenhang ist Daniel B. Kleins Beitrag instruktiv, der auf der Grundlage einer empirischen Studie über die Nachbardisziplin Wirtschaftswissenschaft informiert. Er berichtet, dass in von ihm und einem Kollegen untersuchten Artikeln in einer wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschrift nicht nur die Erklärungen verknöchern würden, sondern die Referenz in der sozialen Wirklichkeit abhanden zu kommen drohe Die Folge sei, dass oftmals nicht mehr ersichtlich werde, auf welche sozialen Fakten sich die Artikel überhaupt bezögen (111f.). Dies scheint damit zusammenzuhängen, dass Ökonominnen sich – das ist zumindest an der von Klein zitierten Reaktion eines Autors der analysierten Artikel ablesbar (116) – zu stark an innerdisziplinären Konventionen des Artikelschreibens orientieren.

Was im Sammelband leider zu kurz kommt, sind die sozialen Aspekte des Theoretisierens. Vor allem Reed und Zald erinnern die Leserinnen daran, dass ‚Verstehen‘ nicht nur ein Vorgang im Gehirn, sondern vor allem ein sozialer ist, in dem die vorgefundenen Strukturen des Wissenschaftsbetriebs eine entscheidende Rolle spielen. Abgesehen von ihrem Beitrag finden sich dazu nur Andeutungen, etwa wenn Turner – Gross’ Befürchtungen im Nachwort gehen in eine ähnliche Richtung (212ff.) – das ‚gebildete‘ Theoretisieren im gegenwärtigen Klima der akademischen Soziologie als potenziellen Karrierekiller beschreibt, weil es im heutigen Wissenschaftsbetrieb kaum noch gefragt sei (149) oder James G. March in seiner kürzeren Notiz der Soziologie beinahe ‚Modellplatonismus‘, nämlich eine Abschottung gegen die Erfahrung, unterstellt. Aus dieser Lücke dürfte sich auch erklären, dass die Ursachen des Theoretisierungsmangels durchweg nicht ergründet werden.

Vielleicht verspricht weniger die Besinnung auf die menschlichen Fähigkeiten zu kreativem Denken Abhilfe als die Reflexion über geeignete Bedingungen im Wissenschaftsbetrieb. Eine lohnenswerte Ergänzung zu den Themen des Bandes könnte deshalb die systematische soziologische Untersuchung des Entdeckungszusammenhangs sein, die sowohl die internen sozialen Strukturen der Disziplin als auch ihrer Rolle in Wissenschaft und Gesellschaft wissen(schafts)soziologisch beleuchtet. Dazu müsste unter anderem das instrumentelle beziehungsweise empirisch-anwendungsorientierte Verständnis von Theorie, das die Autorinnen mit Ausnahme von Turner implizit voraussetzen, kontextualisiert werden. Gross’ (209f.) Einschätzung, dass sich die Beiträge um ein besseres Verständnis von Theorie bemühen, mutet in diesem Zusammenhang aus der Luft gegriffen an; vielmehr scheinen sie die Debatten um unterschiedliche Arten von Theorie völlig auszublenden. Der Band bietet zwar eine beträchtliche Menge an Ideen, wie Theorien im Dienste der Interpretation empirischer Daten (weiter-)entwickelt werden können, aber über andere Arten von Theorie (etwa Sozialtheorie oder Gesellschaftstheorie), unterschiedliche Formen des Erklärens oder Ähnliches erfährt man nur wenig. Es bleibt deshalb zu hoffen, dass dieser Sammelband auch zu Diskussionen anregt, die selbst nur zwischen seinen Zeilen stehen.

Fußnoten

1 Richard Swedberg, Theorizing in sociology and social science: turning to the context of discovery, in: Theory and Society 41 (2012), S. 1–40.

2 Swedberg, Theorizing in Sociology and Social Science, S. 2.

3 Andere Typen wären Zeitdiagnosen, die Auseinandersetzung mit den soziologischen Klassikern, Sozialtheorien u.a., zur Übersicht siehe Gabriel Abend, The Meaning of ‚Theory‘, in: Sociological Theory 26 (2008), S. 173–199.

4 Das legt zumindest seine knappe Anmerkung zu seinem Theorieverständnis nahe, siehe Richard Swedberg, The Art of Social Theory, Princeton / Oxford 2014, S. 17.

5 Swedberg, The Art of Social Theory.

 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Tilman Reitz.