"Zum Schreiben muss ich mutig sein"

Ute Gerhard im Gespräch mit Wibke Liebhart

Welche Schwierigkeiten haben Sie beim Schreiben?

Um schreiben zu können, brauche ich einen Tag, an dem ich mutig bin, an dem ich etwas Neues oder meiner Meinung nach Wichtiges sagen will. An manchen Tagen bin ich auch gar nicht produktiv. Ich muss ja etwas zu sagen haben und überzeugt sein von dem, was ich sagen möchte. Das Schreiben gelingt mir nicht automatisch. Im Übrigen bin ich keine Vielschreiberin, der die Sätze nur so aus der Feder fließen. Ich muss schon eine Idee und einen Anlass haben.

 

Und wann kommen Ihnen die Ideen zu Texten?

Bei mir gibt es meistens einen politischen oder wissenschaftspolitischen Auslöser – dann regt mich etwas auf, da will ich etwas richtigstellen, etwas zurechtrücken oder für etwas werben. Mein Lebensthema, die Geschlechterforschung, ist im Grunde immer politisch, weil ich hier etwas Neues denken will, etwas, das in der Mehrheit der Köpfe noch nicht angekommen ist. Dafür muss ich mich natürlich genau informieren: Wieviel gibt es dazu schon? Wer hat bereits darüber geschrieben? Interessant ist es doch nur dann, wenn ich wirklich etwas Eigenes beitragen kann.

 

Zu welchem Thema können und wollen Sie aktuell Stellung nehmen?

Momentan habe ich eher das Bedürfnis, auszubrechen und etwas ganz anderes zu machen, etwas anderes zu schreiben. Dieses Gefühl ist im Augenblick sehr stark. Ich habe versucht, noch ein Buch zu schreiben, und dabei gemerkt: Da bin ich jetzt gewissermaßen ausgeschrieben. Bestimmte aktuelle Diskussionen, die kann ich nicht mehr mitvollziehen und will es vielleicht auch gar nicht. Wenn Frauen heute fragen: ‚Wozu brauche ich überhaupt noch den Feminismus?‘, dann kann ich dazu nichts mehr sagen, weil ich es schon so oft gesagt habe, dass ich mich nicht mehr wiederholen will. Übrigens gilt das auch für das Schreiben generell: Verständigung braucht einen Kommunikationsraum, in dem und für den man denkt, spricht und schreibt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ein solcher Verständigungsraum zwischen den verschiedenen Generationen von Feministinnen fehlt. Und deshalb will ich zu gewissen Debatten eigentlich auch nichts mehr beitragen.

 

Lässt sich ein solcher Kommunikationsraum herstellen, kann man ihn willentlich erschaffen?

Ja, sicher. Nach meiner Erfahrung kann beispielsweise eine gute Lektüre als Inspiration und Einstimmung funktionieren. Gerade beim wissenschaftlichen Schreiben kommt es darauf an, dass die Studierenden lernen, wie sie die Literatur verwenden: Schreibe ich sie einfach ab? Tue ich so, als ob es meine eigene Meinung wäre? Oder erlerne ich einen eigenen Umgang mit den Argumenten, die ich gelesen habe? Das bedeutet, mich mit ihnen auseinanderzusetzen und sie in meinen eigenen Argumentationsstrang einzubinden? Die Unterscheidung zwischen dem, was wir gelesen haben, und dem, was wir selbst dazu lernen und meinen, die ist entscheidend. Sie ist eine Art wissenschaftlicher Fühler und den müssen wir erst einmal entwickeln. Sich das klar zu machen und es auch wirklich zu verstehen, ist schwierig. Die Auseinandersetzung mit Argumenten muss man als Wissenschaftlerin dann in eine gute und verständliche Sprache überführen. Das ist kompliziert und reizvoll zugleich, weil wir dabei lernen, uns auseinanderzusetzen mit den Meinungen, den Erfahrungen und dem Wissen anderer. Daran scheitern wir natürlich auch immer wieder.

Interessanterweise habe ich gerade während des Schreibens die wichtigsten Erkenntnisse. Um die richtigen Worte zu ringen, ist ein Erkenntnisprozess. Wenn es mir gelingt, das Gedachte sprachlich gut auf die Reihe zu bringen, bin ich am Ende klüger. Insofern ist das Zusammensetzen der Argumente ein Formulierungsprozess, in dem man selbst Erkenntnisse gewinnt und erzeugt. Darum ist der Vorgang des Schreibens auch so schwierig. Manchmal ist er ja auch schmerzhaft und tut weh. Andererseits macht diese Arbeit doch erst richtig Spaß und das Resultat ist erst dann gut zu lesen, wenn man beim Schreiben und durch das Geschriebene in irgendeiner Weise angefasst wird, wenn eine Empfindung entsteht oder eine Idee ihre passende Gestalt bekommt.

 

Welche Autorinnen und Autoren sind für Sie in diesem Sinne besonders inspirierend?

In der Wissenschaft habe ich wenige Vorbilder. Anregungen gewinne ich eher in der allgemeinen Literatur. Und da habe ich natürlich meine Lieblinge. Bloch lese ich zum Beispiel sehr gerne, obwohl er einen etwas verschrobenen Stil hat. Dennoch finde ich anregend, wie er alltägliche Empfindungen, Erfahrungen und hohe Philosophie miteinander vermischt. Dadurch sind seine Gedanken sowohl ganz konkret als auch vorausschauend und utopisch. Das inspiriert mich. Zu den Autorinnen, die ich gerne lese, gehört gewiss Ingeborg Bachmann. Ihre Gedichte zeugen von einer unübertrefflichen Sprachfähigkeit, die ich nur bewundern kann. Wie sie komponiert, wie sie ihre Worte so zusammensetzt, dass sie mir als Leserin eine ganz neue Idee vermitteln – das finde ich hinreißend. Auf der Ebene bewege ich mich leider nicht, aber es gibt mir eine Vorstellung davon, wie vielfältig Schreiben sein kann und wie wichtig Stil ist. Die meisten Menschen müssen ein Sprachgefühl erst entwickeln, aber ich denke, man kann es lernen, man sollte es regelrecht üben. Und manchen ist es offenbar einfach in die Wiege gelegt.

Abgesehen davon gibt es einige Bücher, die mir die Augen geöffnet haben. Als Studentin habe ich Norbert Elias gelesen, Der Prozess der Zivilisation – René König hatte mir die beiden Bände empfohlen, bevor das bereits 1939 im Exil geschriebene Werk in den 1970er-Jahren breit rezipiert wurde. Bei der Lektüre ist mir so vieles klar geworden. Elias schreibt auch sehr gut und eröffnet dadurch neue Perspektiven auf die Geschichte: Das sind tolle Anregungen, die man durchs Lesen bekommt.

 

Wie halten Sie solche Anregungen fest, sodass Sie auch später darauf zurückgreifen können?

Ich habe Exzerpte schon immer von dem gemacht, was mir in Büchern wichtig ist. Als junge Studentin hatte ich einen ganzen Kasten mit solchen Exzerpten. Damals habe ich mir alles aufgeschrieben und alphabetisch sortiert. In diesem Kasten habe ich eine Menge Materialien gesammelt, graue Literatur, Kopien aus früheren Arbeiten oder Überlegungen zu Themen, die mich beschäftigt haben.

 

 

 

In dem Kasten werden die früheren Aufschriebe bis heute – alphabetisch sortiert – aufbewahrt. (Quelle: privat)

 

Heutzutage wäre das eine sehr altmodische Form mit Büchern zu arbeiten und ziemlich zeitaufwendig. Aber die Bücher, die ich mir auf diese Weise erschlossen habe, sind mir am längsten in Erinnerung geblieben. Kein Wunder, denn wir verstehen das, was in den Büchern zu lesen ist, in Wahrheit doch erst, wenn wir es für uns – in unserer eigenen Struktur oder mit eigenen Worten – aufschreiben. Ich brauche die Sachen auch immer haptisch, in Papierform. Ich muss sie richtig greifen können. Mittlerweile mache ich mir eigentlich nur noch kurze Notizen, damit ich den Faden nicht verliere und die Argumente parat habe.

 

Heißt das, Sie verwalten die Exzerpte, Notizen, Karteikarten und Dokumente, die Sie im Laufe Ihrer wissenschaftlichen Arbeit angesammelt haben, immer noch ohne Computerprogramm?

Nein, heute schreibe ich das auch mit dem Computer. Es gibt ja ganz wunderbare Programme, mit denen sich Exzerpte anlegen lassen. Ich habe schon ganz früh ein Literaturprogramm benutzt, das meine gesamte Fachliteratur in einem EndNote-Programm speichert. Mit so einem Programm fällt mir das Schreiben, die Verwendung der Literatur, viel leichter, weil ich dadurch nicht mehr jedes Mal den ganzen Titel neu hinschreiben oder das Erscheinungsjahr oder den Verlag heraussuchen muss. Es hat in meinem Fall aber auch den Nachteil, dass nicht mehr alle Einträge erfasst werden können. Außerdem ist mein Programm leider nicht mit anderen Programmen kompatibel. Also treten plötzlich unvorstellbare technische Probleme auf. Bei meinem letzten Buch hat diese „Cite while you write“-Funktion auf einmal gestreikt, als die Lektorin und ich uns die überarbeitete Datei hin- und hergeschickt haben. Das war schrecklich. Das Programm nutze ich jetzt nur noch als Lexikon für meine eigene Bibliografie. Es kann nicht mehr so zum Einsatz kommen, wie es eigentlich gedacht war. So lernt man, dass die technischen Vorteile schnell zu neuen Komplikationen führen. Ich kenne Kolleginnen, die aus diesem Grund immer noch jede Fußnote extra anlegen und schreiben.

 

Haben sich Ihre Schwierigkeiten beim Schreiben im Laufe der Zeit verändert?

Es fällt mir mittlerweile schwerer, mich zu entscheiden, was ich überhaupt schreiben will, weil der Kopf so voll ist. Außerdem bin ich nicht mehr so unbefangen wie früher. Ich bin komplizierter geworden, skrupulöser mit mir selbst. Bei den Fragen der Frauen- und Geschlechterforschung wiederholt sich so vieles, es gibt eine riesige Debatte, Unmengen an Literatur und derart viele Argumentationen. Heute träume ich, wie gesagt, gelegentlich davon, über ganz andere Dinge zu schreiben und mein Lebensthema einfach beiseite zu schieben. Viel lieber würde ich im Augenblick kleine Geschichten über meine persönlichen Erfahrungen aufschreiben, Begebenheiten festhalten, die mich geprägt haben – mehr so eine Art Selbstreflexion. Und die Adressaten wären zum Beispiel meine Töchter oder Enkelkinder, an eine Veröffentlichung würde ich dabei also gar nicht unbedingt denken. Aber zu solchen Sachen bin ich bis jetzt nie gekommen. Ich fürchte, ich schaffe es auch nicht mehr.

Was ich inzwischen richtig hasse, ist das Verfassen von Lexikon- oder Übersichtsartikel. Das ist eine ganz schwierige Aufgabe, mühsam und unbefriedigend. Viel lieber schreibe ich etwas Provokatives, das macht Spaß und dafür braucht es eben auch ein bisschen Feuer – womit wir wieder beim Anfang unseres Gesprächs wären: Es braucht eben einen Grund dafür, sich äußern zu wollen. Und einen Gegenstand oder ein Thema, zu dem man etwas beitragen möchte.

Mir sagen die Leute oft, ich würde gut schreiben. Und sie denken dann, das Schreiben fiele mir leicht. In Wirklichkeit ist es harte Arbeit. Ich korrigiere mich unentwegt und dieser Prozess der Selbstkorrektur wird, je älter ich werde, umso mühsamer, wegen der Skrupel mir selbst gegenüber. Denn im Versuch, die richtigen Worte zu finden, organisiert sich das zuvor Gedachte. Dabei zeigt sich zum einen, ob ich verstanden habe, und zum anderen, ob ich mich verständlich machen kann.

 

Gibt es Routinen oder Rituale, die Ihnen die mühsame Bearbeitung erleichtern?

Zum Schreiben brauche ich Stille und einen schönen Blick nach draußen. Ich brauche etwas, das mir ein angenehmes Lebensgefühl verschafft – eine Atmosphäre, in der ich das Gefühl habe, jetzt darf ich mich äußern, jetzt könnte ich aber genauso gut auch aufhören zu schreiben. Gerne sitze ich an einem angenehm eingerichteten Schreibplatz, auf dem ich meine Sachen ausbreiten kann.

Was die Zeit angeht, so schreibe ich inzwischen am liebsten vormittags. Weil ich da noch munter und kühn genug bin. Wie gesagt, zum Schreiben muss ich mutig sein. Als meine Kinder klein waren und ich mir die Zeit für meine Doktorarbeit wirklich abknapsen musste, habe ich abends geschrieben, wenn die drei im Bett waren. Da hatte ich eine ganz scharfe Zeitökonomie. Abends zu schreiben war damals gut, weil es nach hinten keine Begrenzung gab. Diese offene Zeit zum Überlegen war für mich ganz wichtig. Ich musste Zeit haben und sie mir auch nehmen. Nachts zu schreiben war manchmal wunderbar, weil ich gar nicht gemerkt habe, wie spät es wurde. Das ist eigentlich die beste und auch schönste Situation zum Schreiben.

 

Wie wichtig für die Verfertigung von Texten ist der Austausch mit anderen?

Ich habe es immer sehr genossen, in Diskussionszusammenhänge eingebunden zu sein, schon bevor ich Professorin wurde. Auch in der Zeitschrift feministische studien haben wir diskutiert bis aufs Messer.

[1] Der Austausch war unheimlich wichtig, um die eigenen Gedanken zu prüfen, um etwas benennbar und aussprechbar zu machen. Als Pensionärin ist die Situation komplizierter: Plötzlich findet man sich aus diesen Diskussionszusammenhängen herausgerissen. Selbstverständlich kann ich weiter Zeitschriften lesen und zu Vorträgen gehen. Doch während der Arbeit an meinem letzten Buch habe ich es sehr vermisst, keine kritische Begleitung zu haben. Es ist ganz wichtig, gleichberechtigte und gleich kluge Gefährtinnen oder Gefährten um sich zu wissen, die einen zurückrufen können, wenn man sich mal verrannt hat.

In unserem Graduiertenkolleg in Frankfurt, das über neun Jahre lief, hatten wir über die unterschiedlichen Themen der Doktorandinnen immer wirklich fruchtbare und produktive Diskussionen, im Kolloquium, aber auch in Einzelgesprächen. Da musste ich Tipps geben, welchen Weg sie besser vermeiden, und Ratschläge, mit welcher Methodik sie es stattdessen angehen sollten – gerade bei empirischen Arbeiten sind solche Beratungen besonders wichtig. Man braucht Hilfe und den Austausch, vielleicht auch mit einer guten Freundin, die zu verwandten Themen oder im selben Bereich forscht und arbeitet. Ohne solche Diskussionen schafft man es nicht.

 

Sie sagen, die Diskussionspartnerinnen und -partner sollten nach Möglichkeit im gleichen Bereich arbeiten. Welche Unterschiede im Schreiben sehen Sie in den verschiedenen Disziplinen?

Ich habe ja zuerst Jura studiert, später kamen die Fächer Geschichte und Soziologie dazu.[2] Deshalb kenne ich die unterschiedlichen Schreibstile dieser Disziplinen ganz gut. Bei den Juristen gibt es eigentlich gar keinen Stil, da geht es doch eher um eine genormte Form der Argumentation. In rechtsphilosophischen, rechtssoziologischen Arbeiten, die mehr auf gesellschaftliche Zusammenhänge eingehen, bestehen dann allerdings doch recht große stilistische Unterschiede – manche schreiben gut, andere meinen, sich so kompliziert wie möglich ausdrücken zu müssen.

Die Soziologie als Gesellschaftswissenschaft im engeren Sinne neigt dazu, sich in bestimmten Begrifflichkeiten, Argumentationsstrukturen und einer formalisierten Sprache auszudrücken. Da habe ich immer versucht, die Dinge in eine allgemein verständliche Sprache zu übersetzen. Sonst benutzt eine Ingroup eine besonders abstrakte Sprache, die auch politisch nicht besonders hilfreich ist. Vielleicht bin ich da altmodisch, weil ich immer noch an einem politischen Impetus festhalte und nicht nur innerhalb der Community über die mir wichtigen Themen sprechen möchte.

Und in der Geschichtswissenschaft muss man Geschichten erzählen. Sie ist viel deutlicher in unsere Lebensverhältnisse eingebunden. Also fällt es leichter, die Alltagssprache zu benutzen. Insofern hat die Geschichtswissenschaft kein Problem mit Unverständlichkeit, es existiert keine für sie typische, abstrakte Wissenschaftssprache. Und doch haben wir es hier mit einer methodisch angeleiteten Wissenschaft zu tun. Wahrscheinlich denke ich selbst auch eher historisch: Ich brauche die Anbindung an einen Kontext, an eine Zeit, an Fragen einer Zeit. Und aufgrund meiner Erfahrung mit Interdisziplinarität bin ich doch sehr interessiert daran, stets die Übersetzungsleistungen zu berücksichtigen, die das Wissenschaftliche generell erfordert. Sprache ist ja nicht nur ein wichtiges Werkzeug für die innerwissenschaftliche Kommunikation, sondern auch für jede Verständigung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

 

Apropos innerwissenschaftliche Kommunikation: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern?

Sobald man zu zweit oder zu dritt schreibt, muss man sich immer über den Stil verständigen. Dieser Prozess der Verständigung kann manchmal ausgesprochen fruchtbar und hilfreich sein. Das gemeinsame Schreiben ist wie ein Härtetest – nicht nur für das, was man vorher gedacht, sondern auch für alles, was man untereinander gesagt hat. Wenn es um’s Schreiben geht, wird also deutlich, ob und wie gut man sich verständigt hat. Und das gilt für die Verständigung mit sich selbst genauso wie für die Verständigung mit anderen. Sie gelingt nur, wenn man die passenden Worte findet, diejenigen, die auch den Anderen etwas sagen, die für sie verstehbar sind. Insofern kann – und muss – man bei allem Schreiben ein Sprachproblem lösen.

 

Was bedeutet Schreiben für Ihre Arbeit und Ihr Selbstverständnis als Wissenschaftlerin?

Ich verstehe mich als Autorin und habe immer gerne geschrieben. Es ist ein schöner Moment, wenn das Geschriebene gedruckt vor einem liegt. Eine gewisse Eitelkeit wird damit befriedigt. Außerdem funktioniert wissenschaftliches Arbeiten nur über das Medium des Schreibens. Selbst eine Physikerin, die Experimente macht, muss sie in einer Weise beschreiben, die nachvollziehbar ist. Schreiben ist eigentlich ein doppelter Erkenntnis- und Verständigungsprozess: Der erste Schritt ist die eigene Erkenntnis, die durch die Organisation der Gedanken und den Zwang zum Formulieren zustande kommt. Und dann muss man Anderen durch sein Schreiben den Nachvollzug dieser Erkenntnis ermöglichen. Nur so können diese Anderen ihrerseits antworten, sodass wir insgesamt weiterkommen in der wissenschaftlichen Forschung.

Fußnoten

[1] Ute Gerhard war Gründerin und langjähriges Redaktionsmitglied der feministischen studien, einer Peer-Review-Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung. Nach wie vor ist sie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift.

[2] Ute Gerhard legte 1962 ihr erstes juristisches Staatsexamen ab, promovierte 1977 zum Dr. phil und habilitierte sich zehn Jahre später für Geistes- und Sozialwissenschaften.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Stephanie Kappacher.