Sophie Houdart | Interview |

„Beschreiben, was uns modern macht“

Drei Fragen zum Werk von Bruno Latour

Welches Buch von Bruno Latour war für Sie besonders wichtig?

Es ist schwierig, diese Frage ohne Rücksicht auf die zeitlichen Umstände zu beantworten. Die Bücher von Bruno Latour, die für mich von Bedeutung waren, müssen jeweils im Kontext meiner Lektüre betrachtet werden: La vie de laboratoire (1988) war für mich in den 1990er-Jahren besonders wichtig; Enquête sur les modes d'existence (2012) und Où atterrir? (2017) waren es in den frühen beziehungsweise späten 2010er-Jahren. Aus dem einfachen Grund, dass jedes dieser Bücher die wichtigen Fragen seiner Zeit zugleich erfasste und mitgestaltete.

Was war der wichtigste Beitrag von Bruno Latour zur Soziologie beziehungsweise zur Anthropologie? (Und was kennzeichnet, wenn man so will, seine Art, über Soziologie nachzudenken und sie zu praktizieren?)

Meiner Meinung nach besteht einer der grundlegenden Beiträge Bruno Latours zur Anthropologie darin, dass er die Aufmerksamkeit auf das gelenkt hat, was für unsere modernen Gesellschaften konstitutiv war, und dessen Untersuchung [enquête] ermöglicht hat. Das Symmetrieprinzip, das verlangt, „die Sieger und die Besiegten“, aber auch Natur und Kultur mit denselben Begriffen zu beschreiben, ebenso wie die Methode des to go and see, die er auf die Fabrikationsstätten der Moderne anwandte, haben das Spektrum der Anthropologie erheblich erweitert: Nicht mehr nur die „exotischsten Sitten“, „aller nur denkbaren Stämme“ aufzulisten (eine, nebenbei bemerkt, recht drakonische Art, das Projekt der Ethnologie zu definieren), sondern die Funktionsweise dessen zu beschreiben, was uns modern macht, „unsere Industrie, unsere Technik, unsere Wissenschaft, unsere Verwaltung“, schreibt er in La vie de laboratoire (S. 26). Die volle Einbeziehung dieser Dimension in das anthropologische Projekt (anstelle ihrer Abtretung an die Soziologie) hat nicht nur das Gebiet der Anthropologie verändert, sondern auch ihre Begrifflichkeiten erneuert: „Solange wir für die Ethnographie unserer eigenen Welt nicht die gleichen Begriffe verwenden wie für die der anderen, werden wir einer Illusion über die Moderne erliegen, wir werden verfehlen, was wir waren, unser eigenes Erbe, unfähig uns eine Vergangenheit und damit eine Zukunft zu geben“, sagt er in einem Interview.[1]

Welches Konzept beziehungsweise welche Intervention von Bruno Latour sollten wir weiterdenken?

Es ist weniger ein bestimmtes Konzept als vielmehr die unglaubliche Sorgfalt, die er auf das Verständnis und die Beschreibung der Dinge verwendet hat, an der ich weiterhin festhalten möchte. Die unersättliche Neugier ebenso wie der Erfindungsreichtum – der Sinn für Experimente und für intellektuelle Abenteuer, könnte man sagen –, die Bruno Latour in sein Denken einfließen ließ, bleiben eine Quelle der Bewunderung und der Inspiration.

  1. Arnaud Fossier / Édouard Gardella, Entretien avec Bruno Latour, in : Tracés. Revue de Sciences humaines 2006, 10, S. 113–129.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Nikolas Kill, Karsten Malowitz.

Kategorien: Anthropologie / Ethnologie Lebensformen Moderne / Postmoderne Ökologie / Nachhaltigkeit Wissenschaft

Sophie Houdart

Sophie Houdart ist Anthropologin und Forschungsdirektorin am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Frankreich. Ihre Arbeit ist der Anthropologie der Wissenschaft und Technik und der Anthropologie der Katastrophen zuzuordnen. Sie interessiert sich insbesondere für die Konstruktionsweisen der Moderne in Japan, wo sie derzeit das Leben nach dem Tōhoku-Erdbeben im Jahr 2011 erforscht. Foto: © Basile Bord

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