Bruno Heidlberger | Rezension |

Blinde Flecken

Rezension zu „370 Riverside Drive, 730 Riverside Drive. Hannah Arendt und Ralph Waldo Ellison. 17 Hinweise“ von Marie Luise Knott

Marie Luise Knott:
370 Riverside Drive, 730 Riverside Drive. Hannah Arendt und Ralph Waldo Ellison. 17 Hinweise
Deutschland
Berlin 2022: Matthes & Seitz
145 S., 22,00 EUR
ISBN 978-3-7518-0344-1

Vor dem Hintergrund der postkolonialen Wende in den Geistes- und Sozialwissenschaften und forciert durch Black-Lives-Matter und andere antirassistische Initiativen erfahren auch die Werke zahlreicher bekannter Philosophen gesteigerte kritische Aufmerksamkeit. Zu denjenigen, deren Schriften nun auf möglicherweise rassistische Inhalte gelesen werden, gehören nicht nur Philosophen der Aufklärung wie Immanuel Kant oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel, sondern auch die politische Theoretikerin Hannah Arendt. Davon zeugen sowohl die bei den 23. Hannah Arendt Tagen 2020 in Hannover geführten Diskussionen als auch die jüngst im Anschluss an Juliane Rebentischs Streit um Pluralität entfachte Debatte um Arendts vermeintlichen Rassismus.[1] Eine wichtige Rolle in diesen Auseinandersetzungen spielt dabei der Text Reflections on Little Rock, den die streitbare Intellektuelle im Winter 1959 in der Zeitschrift Dissent veröffentlichte[2] und der bereits bei seinem Erscheinen heftige Kontroversen auslöste.

Little Rock

Am 17. Mai 1954 erklärte der Oberste Gerichtshof der USA einstimmig die Rassentrennung an öffentlichen Schulen für unvereinbar mit dem Vierzehnten Verfassungszusatz, der unter anderem die Gleichbehandlungsklausel enthält. Besonders in den Südstaaten stieß das Urteil im Prozess Brown vs Board of Education auf erbitterten Widerstand. Mehr als drei Jahre nach dem Urteil, am 4. September 1957, versuchte ein weißer Mob, mit Unterstützung des damaligen Gouverneurs Orval Faubus und der Nationalgarde von Arkansas, die ersten neun schwarzen Jugendlichen, sechs Mädchen und drei Jungen, am Besuch der Little Rock Central High School zu hindern: „Die Neger kommen! Schnappt sie! Lyncht sie! Nehmt ein Seil und schleift sie rüber zu dem Baum!“[3] – mit diesen und anderen Beschimpfungen wurden die Little Rock Nine, wie sie in den Medien genannt wurden, bei ihrer Ankunft empfangen – unter den Augen der gesamten Nation, denn das Fernsehen berichtete live. Nach einem vergeblichen Vermittlungsversuch stellte Präsident Eisenhower die Nationalgarde unter Bundeskommando und entsandte weitere Einheiten, um den Konflikt zu befrieden und den Jugendlichen den Zugang zur Schule zu ermöglichen. Unter dem Schutz der nach Little Rock beorderten Soldaten der 101. US-Luftlandedivision gelangten die neun Schüler:innen schließlich am 25. September in die Schule.

Kurz nach den Ereignissen, die inner- und außerhalb der USA für Aufsehen sorgten, baten die Herausgeber der New Yorker Monatszeitschrift Commentary Arendt um eine Stellungnahme. Arendt sagte zu und verfasste einen Text, in dem sie sich kritisch mit der erzwungenen Aufhebung der Rassentrennung auseinandersetzte, der aber – vermutlich aufgrund politischer Differenzen mit den Herausgebern – nicht gedruckt wurde. Nach mehreren Monaten des Wartens zog Arendt den Text zurück und ließ ihn zunächst unpubliziert, bevor sie ihn – erweitert um eine kontextualisierende Vorbemerkung – 1959 in der Winterausgabe von Dissent veröffentlichte.

Stand Arendt mit ihrer Kritik am Vorgehen der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung, der sie vorwarf, die Schüler:innen schweren Zumutungen auszusetzen und ihnen eine Heldenrolle aufzuerlegen, diesmal auf der falschen Seite, wie etwa Juliane Rebentisch mutmaßt? War sie ignorant „gegenüber der Welt der Ausgeschlossenen“, hat sie „die Logik sozialer Diskriminierung im Namen der Pluralität verteidigt“?[4] Scheiterte Arendt an unreflektierten rassistischen Vorurteilen? Wurden hier „blinde Flecken“ deutlich, gar „rassistische Muster“?[5] Hatte ihre Bekanntschaft mit den Schriftstellern James Baldwin und Ralph Ellison „keinen Einfluss auf ihr Denken“, war sie „an manchen Punkten rassistisch“, wie die Schriftstellerin und Aktivistin Priya Basil formuliert?[6] Schaut man in den Text, kann man feststellen, dass Arendt die Praxis der Segregation weder befürwortete noch rechtfertigte. Vielmehr bezweifelte sie, „ob es klug war, mit der Durchsetzung von Bürgerrechten in einem Bereich zu beginnen, in dem kein fundamentales Menschenrecht und kein politisches Grundrecht auf dem Spiel“[7] stehe – eine Haltung, die sie später, in ihrem Brief an Ralph Ellison, korrigierte.

Arendts Brief an Ralph Ellison

Der Ausgangspunkt von Knotts Buch ist ein erst kürzlich wiederentdeckter Brief Hannah Arendts an den Schwarzen Schriftsteller Ralph Waldo Ellison. In diesem unveröffentlichten Brief vom 29. Juli 1965, von dem nur ein Durchschlag in Arendts Nachlass erhalten ist, heißt es mit Blick auf die Ereignisse in Little Rock:

„Sie haben völlig Recht: Genau dieses ,Ideal des Opfers' hatte ich tatsächlich nicht verstanden; und weil meine Überlegungen von der Lage schwarzer Kinder in zwangsintegrierten Schulen ausgingen, hatte mich dieses Nichtverstehen in eine völlig falsche Richtung gelenkt. Aber ich wusste immer, dass ich irgendwie falsch lag, und hatte das Gefühl, ich hatte die nackte Gewalt, die elementare körperliche Angst nicht begriffen. Aber Ihre Bemerkungen scheinen mir so zutreffend, dass ich jetzt erkenne, dass ich die Komplexität der Lage schlicht nicht verstanden habe.

Sincerely yours, (Hannah Arendt)“

Arendts Brief ist ihre Antwort auf Ellisons Kritik an ihrem Essay Little Rock, die 1965 in einer Sammlung von Interviews mit Schwarzen Schriftstellern und Bürgerechtlern erschienen war.[8] Nach der Lektüre des Buches suchte Arendt offenbar sofort das Gespräch mit dem Kritiker. Ihr Brief gilt heute als Revision ihres Essays. Öffentlich gemacht hat Arendt diese seinerzeit jedoch nicht. Ja, es ist nicht einmal bekannt, ob Arendt den Brief überhaupt abgeschickt hat, geschweige denn, ob sie die Adresse des Empfängers überhaupt kannte. In Ellisons Nachlass findet er sich nicht, auch eine Antwort Ellisons ist nicht überliefert. Diesem Brief und seiner Vorgeschichte widmet sich Knotts ideengeschichtlicher Essay, der in „17 Hinweisen“ die unterschiedlichen Emanzipationsgeschichten und die ihnen entsprechenden Perspektiven der beiden Charaktere ausleuchtet.

Knotts Deutung

Am Beginn von Knotts Auseinandersetzung stehen viele Fragen: „[W]as revidiert Arendt hier tatsächlich, und überhaupt: Was hat es mit der nackten Gewalt und der elementaren körperlichen Angst auf sich“ (S. 11), die Arendt nach eigener Aussage nicht verstanden habe? Warum rückte Arendt von ihren früheren Positionen ab und welchen Anteil daran hatte die Bürgerrechtsbewegung? Und was verbarg sich hinter Ellisons „Ideal des Opfers“? Der studierten Politikwissenschaftlerin Knott geht es, wie schon in einem ihrer früheren Bücher,[9] weniger darum, fertige Antworten zu geben, als Arendts „Denkwege“ zu untersuchen und transparent zu machen. Knott sucht nach „neuen Pfaden, nach neuen Aus- und Einsichten“ (ebd.).

Nicht zufällig spielt Knott zufolge das Recht eine zentrale Rolle in Arendts Essay. Die Bedeutung des Rechts habe Arendt am eigenen Schicksal und dem der Jüdin Rahel Varnhagen von Ense studieren können. Hoffnung auf Freiheit konnte es für Arendt nur „in einer aller Juden garantierten Rechtsposition“ geben (S. 19). Derlei Überlegungen dürften, so Knott, in Arendts Reflections on Little Rock eingeflossen sein. Vom „Schicksal „falscher Geburt“ und von der „falschen Scham“ ein Schwarzer zu sein, handelten auch viele Zeugnisse Schwarzer Bürgerrechtler. Wiederholt habe Arendt gemahnt, sich von der Scham nicht niederdrücken zu lassen, sondern „Scham in Stolz“ (S. 21) zu verwandeln und das Leid anderer nicht zu ignorieren.

Arendts Kritik habe sich denn auch nicht gegen Gleichberechtigung und Rassenintegration gerichtet, sondern gegen „die Entscheidung der Bundesregierung, mit der Rassenintegration ausgerechnet in den Schulen zu beginnen“ und den politischen Konflikt auf dem Rücken der Kinder auszutragen. „Einer Meinungsumfrage in Virginia zufolge“, so Arendt, „standen 92 Prozent der Bürger der Integration in den Schulen völlig ablehnend gegenüber.“[10] Mit weißer Gewalt war also zu rechnen. Angesichts dieser Ausgangslage erschien Arendt die forcierte Aufhebung der Rassentrennung an den öffentlichen Schulen zumindest fragwürdig, da sie die betroffenen Schwarzen Kinder nicht nur dem Risiko physischer und verbaler Gewalt aussetzte, sondern ihnen zudem eine große Verantwortung aufbürdete. „Dass auch ,Kinder‘, in diesem Fall 16-Jährige, politische Subjekte sein können“, merkt Knott kritisch an, „schien ihr ausgeschlossen“ (S. 42). Arendts Sorge habe der in ihren Augen leicht verletzbaren Würde und dem Stolz wie der persönlichen Integrität der Jugendlichen gegolten.

Knott macht aber nicht nur Arendts blinde Flecken sichtbar, sondern auch die ihrer Kritiker:innen. So weist sie nachdrücklich darauf hin, dass Arendts Argument, „die Aufhebung der Segregation in den Schulen sei keine politische, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe“, damals wie heute „auf völliges Unverständnis“ gestoßen sei (S. 46). Gleichwohl bleibe es „heute unverständlich, dass ihr Essay die Gewalt schwarzer Exklusion ausspart“ (S. 47). Arendt habe nicht nur das Ausmaß der „nackten Gewalt“, die den Schwarzen entgegenschlug, nicht begriffen, sondern auch das von Ellison angeführte „Ideal des Opfers“ nicht verstanden – die Tatsache nämlich, dass der politische Kampf für gleichberechtigte Bildungs-Teilhabe ein Meilenstein sein kann auf dem Weg zu dem Ziel, für das auch Arendt schon immer eingetreten war: echte politische Gleichberechtigung.

„Man spürt hier“, notiert Knott klarsichtig, „was man vielleicht nicht hören will, dass Hannah Arendt, [...] den Essay schrieb aus Verzweiflung darüber, dass der Bereich des Politischen – die Herstellung gleicher Rechte und die Ahndung aller Rechtsverstöße gegen dieses Gleichheitsprinzip – zunehmend gegenüber dem Sozialen ins Hintertreffen geriet“. Arendt forderte hingegen, „die politischen und privaten Grundrechte endlich im ganzen Land in ihr Recht zu setzen – das Wahlrecht, die Bürgerrechte und das Recht, zu heiraten, wen man will“ (S. 48). Ellison ging es – letztlich nicht anders als Arendt – um mehr als um die soziale Not der Schwarzen, vielmehr um Würde, Stolz, Gleichheit und Freiheit. Tatsächlich, so Knott, habe „in diesem Kampf nichts Geringeres als die Normen und Werte der Verfassung zur Diskussion“ gestanden (S. 56).

Im 17. Kapitel, dem Schlusskapitel, thematisiert Knott unter der Überschrift „Abbitte“ die produktive Relevanz des Briefes für Arendt (S. 99). Arendt reagierte schnell auf Ellisons Kritik und korrigierte ihre „blinden Flecken“. Sie entwarf unter anderem einen Verfassungszusatz, „der den Schwarzen vollständige Gleichberechtigung vor dem Gesetz garantieren sollte“ (S. 106). Ein Equal Rights Amendment: In den jüngsten Auseinandersetzungen um Arendts vermeintlichen Rassismus werde dieser Vorschlag allerdings, wie Knott bemängelt, „nicht einmal erwähnt“ (S. 107). Ungeachtet aller Kritik an Arendts anfangs unzureichendem Verständnis der politischen Bedeutung des Konflikts in Little Rock präsentiert Marie Luise Knott Arendt als Denkerin eines gemeinsinnorientierten Republikanismus, der sich in vielen Punkten nicht von dem Republikanismus unterschied, den auch ihre Schwarzen Kritiker für sich reklamierten.

„Die an der Geschichte des Judentums geschulte politische Theoretikerin“, so Knott, habe danach getrachtet, „die res publica ihres ,miesen Landes‘ so auszugestalten, dass in ihr allen Bürgern gleichermaßen garantiert wäre, ,ohne Angst verschieden zu sein‘ (Adorno) und als Verschiedene öffentlich in Erscheinung zu treten“ (S. 108). Die Verschiedenheit der Bürger:nnen war für Arendt stets ein ebenso fundamentaler Wert wie deren Gleichheit: als Handelnde, als Regierende und als Regierte. Gleichwohl wies sie mit Alexis de Tocqueville auf die Paradoxien der Gleichheit und damit auf „die dem Gleichheitsprinzip innewohnenden widerstreitenden Tendenzen“ (S. 262) hin und betonte die Gefahren, die einer Kultur der Pluralität in modernen Konsumgesellschaften durch Konformismus und Homogenität drohen.

Wie Knott betont, habe Arendt nie das Recht der Eltern auf freie Schulwahl bestritten. Sie „warnte aber vor einer erzwungenen Integration, weil das die Kinder einem verwirrenden Konflikt zwischen Elternhaus und Schule aussetzen würde“, der sowohl die Autorität der Lehrer wie der Eltern zerstören könnte.[11] „Arendt fürchtete, dass schlecht geplante Integrationsprojekte Gewaltausbrüche bei den Weißen provozieren würden, und dass solche Gewalt dann wiederum mit einer voll entfalteten rassistischen Ideologie gerechtfertigt werden könnte“.[12] Stattdessen forderte sie die Aufhebung der Rassentrennungsgesetze und meinte, dass „das wahre Problem“ der Schwarzen „die Gleichheit vor dem Gesetz“ sei.[13]

Knott deutet Arendts Reflections on Little Rock nicht als normative Anwendung sach- oder realitätsfremder Kategorien auf politische Ereignisse, sondern als Ausdruck einer ethischen Haltung, die Arendts Jüdischsein entsprang. Ihr zufolge spielten Arendts Diskriminierungserfahrungen als deutsche Jüdin eine zentrale Rolle für ihre Wahrnehmung der Situation. Knott sieht in diesen Erfahrungen nicht nur die Ursache für Arendts mangelndes Urteilsvermögen im Fall Little Rock, sondern auch ein wichtiges Motiv für ihre Empathie mit der Sache der Schwarzen „wie aller „unterdrückten und unterprivilegierten Völker“,[14] auch wenn die konkreten Opfererfahrungen der Juden und der Schwarzen sehr unterschiedlich waren. So habe Arendt beispielsweise „nie um ihr Abitur bangen müssen, weil sie eine Jüdin war“ (S. 44).

Maike Weißpflug hat darauf hingewiesen, dass Arendt wohl allein an Hand von verschiedenen Bildern urteilte, ohne den Kontext zu berücksichtigen.[15] In ihrem ursprünglichen Essay habe sie zudem die „politische Tiefendimension des Rassismus und vor allem der Rassentrennung in den USA“ nicht erkannt, da ihr die Erfahrung fehlte.[16] Sie verfügte deshalb über keinerlei Vorstellung von der Welt der Schwarzen im Süden der USA. Aber nicht deshalb, weil sie, wie viele Weiße, wegschaute. Ihre Stellungnahme spiegelte vielmehr ihre Erfahrung als Jüdin wider und die vergebliche Hoffnung vieler Juden, dass Minderheiten durch soziale Anpassung politische Gleichheit erreichen könnten. Arendt ging von gemeinsamen Unterdrückungserfahrungen aus, versäumte aber den notwendigen Austausch und eine informierte Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Perspektiven.

Trotz ihrer biografisch geprägten Perspektive kann man bei Arendt allerdings auch eine gewisse Weitsichtigkeit und ein Gespür für Probleme erkennen, die uns auch heute noch beschäftigen. Das politische Handeln vollzieht sich für Arendt vor dem Hintergrund der fragilen Pluralität menschlicher Interaktion. Diese Interaktion bedarf zu ihrem Gelingen eines gewissen wechselseitigen Grundvertrauens. Nur in diesem Zustand bietet der öffentliche Raum den Nährboden für freiheitliche Formen politischer Auseinandersetzung. 1964 begannen mit den Unruhen in Harlem die Aufstände der Schwarzen im Norden. „A riot is the language of the unheard”, erklärte Martin Luther King Jr. 1966. Als er im April 1968 in Chicago ermordet wurde, brannte es als ,Antwort‘ in 170 US-amerikanischen Städten. Das Vertrauen vieler Schwarzer in die Grundlagen der Gesellschaft war zutiefst erschüttert. Um es wiederherzustellen brauchte es nach Arendt zuvorderst die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Schwarzen. Diese Lektion, meint Knott, habe „Arendt aus der jüdischen Geschichte gelernt“: Vorurteile lassen sich nicht per Gesetz abschaffen; „weshalb es die dringlichste Aufgabe des Staates“ sei, „die rechtliche und politische Gleichheit zu garantieren und auf diese Weise dafür zu sorgen, dass jede Diskriminierung auf den Bereich des Gesellschaftlichen beschränkt bleibt“, wo man eine Chance habe, „die Meinungen im Miteinander zu verändern“ (S. 42).

Im Gegensatz zu vielen anderen Kritiker:innen, die Arendts Intervention zu den Ereignissen in Little Rock als Ergebnis ihres vermeintlich antiken Politikverständnisses deuten, hinter dem man bisweilen auch „white ignorance“ gegenüber der Lage der Schwarzen, rassistische Muster oder schlicht Vorurteile erkennen zu können glaubt, weitet Knott ihre Perspektive und nimmt neben Arendts Erfahrungen als Jüdin sowie ihren Fehlerkorrekturen auch Gemeinsamkeiten zwischen Arendt und Ellison in den Blick, etwa das Beharren auf dem Vorrang von Rechtsgarantien, von Grund- und Menschenrechten und die Überzeugung, dass Rassismus nicht allein eine Frage der Hautfarbe ist und menschliches Handeln die Kraft hat, den Lauf der Geschichte zu wenden. „Denn“, so Knott, „der Sinn von Politik ist nicht Abbitte, sondern: Freiheit“ (S. 109).

Die Autorin zeigt das Verbindende zwischen den Figuren von Arendts bewusstem Paria und Ellisons Sich-Opfernder, denen es in ihren Kämpfen auf je eigene Weise um die Durchsetzung ihrer Würde als Recht und nicht als Gnade geht. Arendt wie Ellison geben Gleichheit und Freiheit, den obersten Werten der Verfassung, den Vorrang vor dem Sozialen. Ellison hat Arendt mit einer ihr bis dahin unbekannten Schwarzen Perspektive bekannt gemacht. Der von ihm vertretenen Sichtweise, dass man, trotz aller Unterdrückung, die Verantwortung für das eigene Leben und Handeln trägt und sich selbst das Wort erteilen soll und muss, konnte Arendt sofort zustimmen. Mit ihrer Korrektur hinsichtlich der Bedeutung des Konflikts um das Ende der Rassentrennung an den öffentlichen Schulen musste sie nicht ihr gesamtes Politikverständnis infrage stellen, im Gegenteil.

Knott fokussiert sich nicht auf die bekannten Kritiken an Arendts Politikbegriff, wie etwa Juliane Rebentisch, für die Arendts Reflections on Little Rock der „gänzlich misslungene Versuch“ sind, die in Vita activa „entwickelten Unterscheidungen zwischen privater, sozialer und öffentlicher Sphäre“ auf eine zeitgenössische Problemstellung anzuwenden“.[17] Sie sucht vielmehr nach „neuen Pfaden, nach neuen Aus- und Einsichten“ ohne Arendts Politikbegriff zu destruieren. Knott gelingt es ausgesprochen gut, Arendts Absichten und Denkwege transparent zu machen, sodass Arendts umstrittener Essay nach der Lektüre nicht in einem gänzlich neuen, aber doch in einem sehr viel weniger grellen Licht erscheint. Ihr kundiger, unter Hinzuziehung des Fragments entstandener Text weist Arendt als aufrichtige Brückenbauerin zwischen jüdischer und afroamerikanischer Kultur aus. Knott ist eine bemerkenswerte Studie gelungen, die viele kluge Einsichten präsentiert und auch jenseits der Debatten um Arendts vermeintlichen Rassismus Aufmerksamkeit verdient. Davon zeugt auch die Auszeichnung mit dem Tractatus 2022, dem Essaypreis des Philosophicums Lech, den die Autorin vor wenigen Wochen erhalten hat.

  1. Franziska Martinsen (Hg): Fragil – Stabil. Dynamiken der Demokratie. Die 23. Hannah Arendt Tage 2020, Weilerswist 2021; Juliane Rebentisch, Der Streit um Pluralität. Auseinandersetzungen mit Hannah Arendt, Berlin 2022. Siehe dazu auch Grit Straßenberger, Über den Mut, Widersprüche zu riskieren, in: Soziopolis, 18.07.2022; Martin Hartmann, Rassistisch, aber knapp am Index vorbei, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2022.
  2. Hannah Arendt, Reflections on Little Rock, in: Dissent 6 (1959), 1, S. 45–56. Ich zitiere im Folgenden nach der deutschen Fassung: Hannah Arendt, Little Rock, in: dies., In der Gegenwart. Übungen im politischen Denken II, hrsg. von Ursula Ludz, München/Berlin/Zürich 2000, S. 258–279.
  3. Elisabeth Young-Bruehl, Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit, übers. von Hans Günter Holl, Frankfurt am Main 1991, S. 434 f.
  4. Juliane Rebentisch, Die Welt so eng. Interview mit Miryam Schellbach, in: Süddeutsche Zeitung, 10.02.2022.
  5. Iris Därmann im Gespräch mit René Aguigah, Rassismus bei Hannah Arendt: Blind für den Widerstand der Kolonisierten, in: Deutschlandfunk Kultur, 22.11.2020.
  6. Priya Basil, Gegen mich andenken, in: Martinsen (Hg): Fragil – Stabil, S. 139–148.
  7. Arendt, Little Rock, S. 274.
  8. Robert Penn Warren, Who Speaks for the Negro?, Chapter IV. Leadership from the Periphery [1965], New Haven / London 1993, S. 343.
  9. Marie Luise Knott, Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt, Berlin 2011.
  10. Arendt, Little Rock, S. 263.
  11. Young-Bruehl, Hannah Arendt, S. 428.
  12. Ebd., S. 432.
  13. Ebd., S. 431.
  14. Arendt, Little Rock, S. 259.
  15. Maike Weißpflug, Hannah Arendt. Die Kunst politisch zu denken, Berlin 2019, S. 77.
  16. Ebd., S. 79.
  17. Misslungen ist der Essay für Rebentisch „nicht zuletzt deshalb, weil Arendt durch diese Unterscheidungen stark“ beschränke, „was Pluralitätsgeschehen, was Streit um das Gemeinsame der gemeinsamen Welt beinhalten kann“. Rebentisch, Der Streit um Pluralität, S. 191.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Bildung / Erziehung Demokratie Geschichte der Sozialwissenschaften Gesellschaft Öffentlichkeit Politische Theorie und Ideengeschichte Rassismus / Diskriminierung Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen

Bruno Heidlberger

Bruno Heidlberger, Dr. phil., Politikwissenschaftler, Studienrat für Politik, Philosophie und Geschichte mit Lehraufträgen an der TU Berlin, der MHB Brandenburg und der Humboldt-Universität zu Berlin. Jüngste Buchpublikation: „Wohin geht unsere offene Gesellschaft? ,1968’ – Sein Erbe und seine Feinde“ (Berlin 2019). Im März 2023 erscheint sein Buch „Mit Hannah Arendt Freiheit neu denken. Gefahren der Selbstzerstörung von Demokratien“.

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