Susanne Heeg | Rezension |

Boomender Immobilienmarkt, marode Bauwirtschaft

Rezension zu „Der Bauarbeitsmarkt. Soziologie und Ökonomie einer Branche“ von Gerhard Bosch und Frederic Hüttenhoff

Gerhard Bosch und Frederic Hüttenhoff:
Der Bauarbeitsmarkt. Soziologie und Ökonomie einer Branche
unter Mitarbeit von Thorsten Kalina, Angelika Kümmerling und Claudia Weinkopf
Deutschland/USA
Frankfurt / New York 2022: Campus
346 S., 40 EUR
ISBN 9783593515403

Der Bauarbeitsmarkt von Gerhard Bosch und Frederic Hüttenhoff gewährt vielfältige Einsichten in eine Branche, die sich in den letzten Jahren grundlegend verändert hat. Der Band blickt einerseits zurück in Zeiten, als nationale Grenzen noch mit denen des Wirtschaftsraums identisch waren, und gibt andererseits einen Überblick über einen zwischenzeitlich transnationalisierten Bauarbeitsmarkt. Das Buch eignet sich als Grundlagenlektüre für all jene, die sich für Arbeitsmarktpolitik, industrielle Beziehungen sowie Markt- und Konkurrenzsituationen in der Bauwirtschaft interessieren. Die Autoren arbeiten die Besonderheiten der Branche heraus, die Beschäftigungssituation und Arbeitslosigkeit, die bauspezifische Tarif- und Arbeitsmarktpolitik, die Berufsausbildung und weitere Aspekte. Insofern ist diese aktuelle Darstellung ein Muss für alle, die sich mit der Geschichte und dem Status quo der deutschen Bauwirtschaft auseinandersetzen wollen. Allerdings – das sei hier schon erwähnt – verwundert die Darstellung an einzelnen Stellen, da Altes und Neues zum Teil unvermittelt nebeneinanderstehen, ohne dass Leser:innen über die umkämpfte Neuordnung beziehungsweise „Koexistenz“ und „Gleichzeitigkeit“ von Ordnungen unterrichtet werden.

Das ändert jedoch nichts an dem Umstand, dass das im Buch zusammengetragene Wissen über Bauarbeitsmarkt und Bauwirtschaft außergewöhnlich umfangreich und detailliert ist. Doch ist dies dem Lesefluss nicht immer zuträglich, da der Zugriff auf einzelne Gegenstandsbereiche zum Teil sehr „technisch“, sprich: dokumentarisch, geraten ist. Die Autoren begründen den Aufbau und ihren Zugriff auf das Thema damit, dass die Bauwirtschaft wissenschaftlich bislang recht stiefmütterlich behandelt worden ist. Das trifft wohl zu, denn im Vergleich etwa zur Automobilindustrie, die quasi von Beginn an Forschungsinteressen geweckt hat und Bibliotheken füllt, ist die sozialwissenschaftliche Literatur über die Bauwirtschaft übersichtlich.

Die zentrale These der Autoren ist, dass die Entwicklung der Bauarbeit nicht allein durch technologische Entwicklungen, neue Bauverfahren oder die Globalisierung vorgegeben wurde. Vielmehr seien staatliche (De-)Regulierungen dafür verantwortlich, insbesondere veränderte Arbeitsmarktbedingungen und eine neue Tarifpolitik, die Auswirkungen auf die Attraktivität der Baubranche als Arbeitgeber sowie die Berufsausbildung hatten und immer noch haben. Insofern wollen die Autoren die Weichenstellungen thematisieren, die die Modernisierung der Branche vorangetrieben haben.

Gleich die Einführung thematisiert die Charakteristika der Branche, nämlich ihre Standortgebundenheit, Kapitalintensität und eine gewisse Rationalisierungsresistenz. Diese Besonderheiten sind darin begründet, dass jeder Standort zunächst nur einmal bebaut und genutzt werden kann, das heißt, er strukturiert weitere Planungen. Nach wie vor ist es so, dass viele Gebäude hinsichtlich ihrer Lage und topografischen Voraussetzungen, ihrer Nutzung und Ausführung einzigartig sind, so dass jeweils sehr spezifische Planungsleistungen notwendig sind. Diese sind nur begrenzt kopierbar, da es kaum ein Gebäude gibt, das einem anderen bis ins kleinste Detail in Raum und Zeit gleicht. Kennzeichnend für die Baubranche – im Unterschied zur bereits herangezogenen Automobilindustrie – ist die große Bedeutung der Kund:innenwünsche. In der Automobilindustrie können Kund:innen aus einem begrenzten Katalog an Sonderausstattungen wählen. In der Baubranche ist eine solche Begrenzung eher die Ausnahme; die errichteten Gebäude sind überwiegend Unikate.

Aber auch wenn die Leistungen in der Bauwirtschaft nur begrenzt reproduzierbar und rationalisierbar sind, so haben sich seit der Nachkriegszeit wichtige Änderungen im Verhältnis der einzelnen Produzentengruppen zueinander ergeben. Grundsätzlich lässt sich die Bauwirtschaft unterteilen in

  1. das Bauhauptgewerbe mit Hoch- (Errichtung des Rohbaus) und Tiefbau (Bau von Straßen, Verkehrswegen, Sportanlagen etc.),
  2. das Ausbaugewerbe (Elektroinstallationen, Maler- und Lackierergewerbe, Gas-, Wasser-, Heizungs-, Lüftungs- und Klimagewerbe etc.) und
  3. Dienstleistungen (Architekt:innen, Bau- und Vermessungsingenieur:innen, Bauämter, Immobilienmakler:innen, Notar:innen etc.).

Im Wiederaufbau der Nachkriegsjahre machte das Bauhauptgewerbe den größten Anteil an Umsatz und Investitionssumme aus. In den 1970er-Jahren gewannen Ausbaugewerbe und Dienstleistungen an Relevanz, weil Sanierungen und Umbauten von bestehenden Gebäuden in den Vordergrund gerieten. Gegenwärtig gewinnt der Dienstleistungsbereich an Bedeutung, da mit der Ausdifferenzierung der bauwirtschaftlichen Wertschöpfungskette die Planungsintensität durch eine Vielzahl von Sub- und Nachunternehmen zunimmt.

Wichtig ist diese Entwicklung Bosch und Hüttenhoff zufolge auch im Hinblick auf die gewerkschaftliche Organisierung der Branche: Während es sich beim Bauhauptgewerbe eher um Großunternehmen mit gewerkschaftlicher Vertretungsmacht handelt, bestehen Ausbaugewerbe und Dienstleistungsbereich aus einer Vielzahl kleinerer (Handwerks-)Betriebe, deren Grad an gewerkschaftlicher Organisation geringer ist. Das war nicht immer so.

In dem Maße, in dem sich seit den 1980er-Jahren die wirtschaftlichen Gewichte zugunsten von Ausbaubetrieben und Dienstleistungsunternehmen verschoben, außerdem ab den 1990er-Jahren staatlicherseits eine neoliberale Deregulierung verfolgt wurde und sich mit den 2000er-Jahren eine Transnationalisierung des Bauarbeitsmarktes abzeichnete, habe die einst starke Sozialpartnerschaft in der Baubranche erste Risse bekommen. Der abnehmende gewerkschaftliche Organisationsgrad sei jedoch, so die Autoren, nicht nur der Gewerkschaft IG BAU zuzurechnen, auch die Arbeitgeberverbände, die insbesondere nach der Wiedervereinigung Schwierigkeiten bei der Organisation ihrer Mitgliederunternehmen hatten, seien hier als Verantwortliche zu nennen. Als Folge dieser Ereignisse habe sich die einst von einer starken Sozialpartnerschaft gekennzeichnete Branche zu einer gewandelt, in der es für jeden der Sozialpartner selbst schwierig geworden sei, in den jeweils eigenen Reihen noch einen Konsens herzustellen.

Dieser Umstand lässt sich besonders gut an Branchenspezifika wie der Winterarbeitslosigkeit, der Urlaubszahlung und der Berufsausbildung aufzeigen (Kapitel 4, 5 und 7). Bis auf die Landwirtschaft gebe es keine weitere Branche, deren Tätigkeiten derart witterungsabhängig sind; entsprechend unstet seien auch die Arbeitsverhältnisse. Bis Ende der 1950er-Jahre sei Arbeitslosigkeit im Winter für Bauarbeiter der Normalfall gewesen. In den 1960er-Jahren einigten sich die Sozialpartner, mit Hilfe staatlicher Unterstützung, auf ein branchenübergreifendes Umlageverfahren. Dieses sah vor, den Arbeitskräften ein durchgängiges Beschäftigungsverhältnis und somit mehr soziale Sicherheit zu bieten; ähnliches galt für das Ausbildungswesen sowie die Renten- und Urlaubszahlungen: Alle Unternehmen hatten eine Umlage an die Sozialkasse (SOKA BAU) zu entrichten, die damit die für Ausbildung, Winterarbeitslosigkeit, Rentenansprüche sowie Urlaubszeiten anfallenden Kosten ausglich. Dies machte die Branche trotz harter körperlicher Arbeit und Krisenanfälligkeit für Arbeitnehmer:innen attraktiv. Aber spätestens seit den 2000er-Jahren wurden Regelungen wie die SOKA BAU-Umlage und Tarifvereinbarungen in Frage gestellt, viele Unternehmen versuchten, sie zu umgehen und so Kosten zu reduzieren.

Die sich den konkreten Regelungsbereichen widmenden Kapitel des Buches (Kapitel 4 zu Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, S. 87–129 sowie Kapitel 5 über industrielle Beziehungen, Tarifpolitiken und Sozialkassen, S. 131–190) sind sehr spannend und aufschlussreich: Sie belegen die These der Autoren und zeigen, dass Bauarbeit nicht ausschließlich von ökonomischen Imperativen geprägt, sondern vielmehr von politischen Weichenstellungen im Bereich von Arbeitsmarktbedingungen, Branchenanforderungen und der Sozialpartnerschaft beeinflusst wird. Es sind politische Kämpfe und Aushandlungsprozesse, die die Branche strukturieren, keine blinde ökonomische Logik.

Das Buch weist noch zahlreiche weitere informative Kapitel und Abschnitte auf, so etwa Kapitel 6 (S. 191–217) zur bauspezifischen Arbeitsmarktpolitik und Kapitel 8 (S. 261–302 ff.) zur Transnationalisierung des Bauarbeitsmarktes. Sie zeigen zum einen, dass die politische Flankierung des Bauarbeitsmarktes entscheidend für die soziale Absicherung der Bauarbeit war und auch heute noch ist. Zum anderen verdeutlichen sie, dass Neuerungen weniger technischer Natur sind als vielmehr das Resultat politischer Setzungen wie etwa die Öffnung des Arbeitsmarktes für transnationale Bauarbeiter. In Folge dieser Entwicklung gerät die Bauarbeit unter Druck: Die Tarifpolitik verliert an Verbindlichkeit unter den Tarifpartnern, die Löhne orientieren sich insbesondere in Ostdeutschland am Mindestlohn und die Arbeit ist zunehmend dereguliert. Weil die Bauarbeit nach wie vor eine körperlich sehr fordernde Facharbeit ist, vermuten Bosch und Hüttenhoff zu Recht, dass die Bauwirtschaft in nicht allzu ferner Zukunft mit Nachwuchsproblemen konfrontiert sein wird. Junge Menschen können kaum für ein Arbeitsfeld begeistert werden, in dem es keine existenzsichernden Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen gibt. Die Autoren argumentieren implizit für einen Korporatismus, schließlich seien nur die Sozialpartner in der Lage, die Anforderungen und Notwendigkeiten der Branche zufriedenstellend in den Griff zu bekommen. Doch Bosch und Hüttenhof weisen zugleich selbst darauf hin, dass die IG BAU stetig Mitglieder verliert und die Arbeitgeberverbände Probleme haben, ihre Mitglieder (auf Linie) zu halten. Der wiederholte Hinweis der Autoren darauf, dass nur eine (mitglieder-)starke Gewerkschaft eine gute Verhandlungsposition habe, klingt in diesem Kontext leider etwas beschwörend.

Inhaltlich bietet das Buch eine Zusammenstellung zahlreicher wichtiger Aspekte und Themen– was sowohl Segen als auch Fluch ist: Einerseits ist der Band sehr informativ, zugleich kann seine schiere Flut an Informationen Leser:innen zeitweise überfordern. Darüber hinaus thematisiert das Buch eher zwischen den Zeilen die Spannungen, die sich aus einer kooperativen Sozialpartnerschaft, einer Erosion der Tarifpartnerschaft und verschlechternden Arbeitsbedingungen ergeben. Arbeitskämpfe werden eher stiefmütterlich behandelt. Vielmehr habe ich als Leserin den Eindruck, dass die Autoren die Sozialpartnerschaft als einziges realistisches Erfolgsmodell beschreiben, das unbedingt fortgeschrieben werden muss. Antworten, die außerhalb des korporatistischen Feldes liegen, fehlen. Das unterschwellige, stets durchscheinende Argument der Autoren lautet, dass den Interessen der Beschäftigten mit sozialpartnerschaftlichen Verhandlungen eher gedient sei als durch Arbeitskämpfe. Das ist als Tenor sicher nicht falsch, stößt zugleich aber doch laut in das Horn der Gewerkschaften. Das bisher Erkämpfte stellt ohne Zweifel eine bedeutsame Errungenschaft der Gewerkschaften dar, doch schiene mir auch eine kämpferischere Position angesichts der zukünftigen Herausforderungen vielversprechend.

Nach meinem Eindruck zeichnen die Autoren ein positiveres Bild von der Situation in der Bauwirtschaft als es tatsächlich ist und bemühen sich um einen hoffnungsvollen Ausblick. Das mag respektabel sein, doch scheint es mir notwendig, den Preiswettkampf, der insbesondere in den großstädtischen Arbeitsmärkten auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird, stärker zu thematisieren. Es ist zum Teil verwunderlich, wie im Buch von widerstreitenden Entwicklungen die Rede ist, ohne diese mit mehr Tiefgang zu beleuchten. Auf der einen Seite werden Erfolge wie zentrale tarifpolitische Vereinbarungen, tarifliche Mindestlöhne und Beiträge der Sozialkassen zum Saison-Kurzarbeitergeld beschrieben und andererseits eine immer schwächere Tarifbindung von Betrieben sowie eine geringere Orientierung an Tarifverträgen. Bosch und Hüttenhof stellen dar, dass ostdeutsche Baubetriebe ihre Facharbeitskräfte in der Mehrheit nur noch zum Mindestlohn bezahlen. Es würde Sinn machen zu ergänzen, dass nicht nur ostdeutsche Beschäftigte häufig überlange Arbeitstage haben, ihr Urlaubsgeld wieder abarbeiten und schlechte, überteuerte Unterbringungen akzeptieren müssen. Die letzten beiden Punkte gelten wohl vor allem für ausländische, sprich: osteuropäische Arbeiter. Insgesamt gibt es eine Tendenz, dass sich immer mehr Betriebe nicht an tarifpolitisch verhandelte Mindeststandards halten. Zugegebenermaßen basiert mein Wissen vor allem auf einer informierten Zeitungslektüre und stellt – da Zeitungsbeiträge häufig eine Neigung zur Skandalisierung haben, um möglichst viel Interesse zu wecken – insofern nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit dar. Aber auch das gewerkschaftsnahe PECO-Institut und das Projekt „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes prangern massive Verletzungen von Arbeitnehmerrechten an, die weniger deutsche Arbeitskräfte treffen als internationale beziehungsweise osteuropäische. Deren Stimmen sind im Buch jedoch kaum zu hören.

Neben den genannten Stärken weist das Buch auch einige Schwächen wissenschaftlicher Natur auf. So verwundert etwa, dass der Band im engen Sinn keine Forschungsfrage stellt, sondern nur ein Ziel benennt. Letzteres wird auf S. 303 so beschrieben, dass ein aktuelles Gesamtbild des deutschen Bauarbeitsmarktes, seiner Umbrüche und seiner Neugestaltung gezeichnet werden soll. Trotz der Betonung von Neugestaltungen fragen die Autoren nicht unbedingt nach dem Neuen. Im Buch wird dargestellt – was keine Neuigkeit ist –, dass es nicht nur wirtschaftliche und wettbewerbliche Imperative sind, die die Bauwirtschaft prägen, sondern die Besonderheiten der Branche, also die politischen Rahmensetzungen und die kooperative Verfasstheit etc.

Darüber hinaus hätte ein gründlicheres Redigat dem Buch gutgetan, etwa um die inhaltlichen Wiederholungen zu vermeiden, wie beispielsweise die Betonung der unterschiedlichen Phasen der deutschen Bauwirtschaft auf S. 60 ff. sowie auf S. 87 f. Ähnliches gilt für Aussagen zum Rückzug des Staates und der Besonderheit des Umlagesystems. Diese Aussagen werden im letzten Kapitel 9 nochmals und zum Teil inhaltsnahe beziehungsweise wortgleich wiederholt. Insbesondere im ersten Kapitel gibt es gleichlautende Sätze von einer auf die nächste Seite. Ein Beispiel hierfür findet sich auf Seite 27 mittig und Seite 28 oben: „Die hohen zyklischen und konjunkturellen Schwankungen der Nachfrage und die körperlich schweren Arbeitsbedingungen teilt die Bauwirtschaft mit der Landwirtschaft und der Industrie ebenso wie die hohen Unfallrisiken mit dem Transportgewerbe und dem Bergbau“. Wortgleich finden sich auf denselben beiden Seiten auch folgende Sätze: „Schließlich sind Bauwerke Vertrauensgüter, deren Qualität nur Fachleute beurteilen können und auch das oft erst nach einiger Zeit, da nicht alle Mängel sofort sichtbar sind. Zum Schutz der Kunden, der Allgemeinheit (zum Beispiel vor gefährlichen Schäden) und der Umsetzung gesellschaftlicher Ziele, etwa des Umweltschutzes, sind zahlreiche Bauvorschriften und Regulierungen notwendig, die der Markt aus sich heraus nicht zustande bringt.“ Außerdem gibt es Flüchtigkeitsfehler, die ins Auge stechen, etwa auf Seite 31. Hier steht, Bauunternehmen würden auch nur wenige Produkte aus anderen Ländern „laufen“, wobei natürlich „kaufen“ gemeint ist. Wenig hilfreich ist auch der Verweis auf Syben 1999 (S. 33), mit dem eine Rationalisierungssperre in der Bauwirtschaft begründet werden soll. Seitdem hat sich jedoch viel getan und aktuellere Literatur wäre für ein Buch wie das hiesige angemessen. Auf Seite 164 ist die Rede von Ecklöhnen, ohne jedoch zu erläutern, was das ist und was deren Unterschied zu Durchschnittslöhnen ist. Wenig glücklich ist auch eine Formulierung, wonach sich die Altersstruktur der Baubeschäftigten deutlich verbessert habe (S. 94). Gemeint ist sicherlich, dass der Anteil jüngerer Beschäftigter gestiegen ist – aber warum sollte „jung“ gleich „besser“ sein?

Im letzten Kapitel (S. 303–338) folgen auf den vielversprechenden Titel Zur Ökonomie und Soziologie des Bauarbeitsmarkts wider Erwarten keine Ausführungen zur Ökonomie und Soziologie des Bauarbeitsmarktes, sondern vor allem eine Zusammenfassung der Kapitel 2 bis 8. Eine Neuerung gibt es aber tatsächlich: Im letzten Kapitel wird eine „gute, dem Gegenstand angemessene Theorie“ (S. 303) angekündigt. Dieser Anspruch zum Ende des Buches kommt überraschend, würde man einen solchen doch viel eher am Anfang erwarten, um Leser:innen die Rahmensetzungen der Analyse zu verdeutlichen. Tatsächlich ist es aber so, dass die Funktion der gewählten Segmentationstheorie darin zu bestehen scheint, verworfen zu werden, um die Perspektive der Autoren zu bestätigen.

Denn mit Bezug auf die Segmentationstheorie argumentieren die Autoren, dass es sich beim Bauarbeitsmarkt weder um einen unstrukturierten noch um einen betrieblichen Arbeitsmarkt oder einen Berufsarbeitsmarkt handele (S. 324–328). Vielmehr sei im Verlauf der Zeit ein branchenspezifischer Arbeitsmarkt entstanden, was mit Verweis auf die SOKA BAU und die Umlagefinanzierung der Ausbildungsgänge belegt wird. Das ist eine weitgehend angemessene Analyse. Aber zum einen handelt es sich hierbei weniger um eine Theorie als um einen konzeptionellen Zugriff, der versucht, Ordnung in komplexe Sachverhalte zu bringen. Zum anderen können mit den Begriffen des branchenspezifischen Arbeitsmarktes Tendenzen der Deregulierung und schwächerer Neuregelungen im Kontext eines sich transnationalisierenden Bauarbeitsmarktes nicht adäquat erklärt werden. Arbeitskräfte – auch solche mit Qualifikationen – werden zunehmend aus dem Ausland geholt. Es mangelt insofern noch an einer Theorie oder einem Theoriekorpus zur Erklärung der Veränderungen.

Unabhängig von meinen kritischen Bemerkungen bietet das Buch – wie eingangs betont – einen umfassenden Einblick in die deutsche Bauwirtschaft. Es sei all denen ans Herz gelegt, die sich aus einer sektoralen Perspektive mit der Bauwirtschaft auseinandersetzen wollen. All jene, die theoretische Begründungen und innovative Fragestellungen erwarten, werden wohl eher enttäuscht.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Arbeit / Industrie Politik Politische Ökonomie Stadt / Raum Wirtschaft

Susanne Heeg

Prof. Dr. Susanne Heeg ist Professorin für geographische Stadtforschung. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich der gebauten Umwelt und der gesellschaftlichen Gestaltung von Stadtraum. Gegenwärtig ist sie als Fellow am THE NEW INSTITUTE in Hamburg tätig, wo sie im Programm „Reclaiming Common Wealth“ das Commoning von Wohnen untersucht. Davor war sie als Expertin in der „Kommission zur Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen in Berlin“ tätig.

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