Katja Schmidt | Rezension |

Boomer-Geschichte(n)

Rezension zu „Abschied von den Boomern“ von Heinz Bude

Heinz Bude:
Abschied von den Boomern
Deutschland
München 2024: Hanser Verlag
144 S., 22,00 EUR
ISBN 978-3-446-27986-5

In seinem jüngsten Buch „Abschied von den Boomern“ unternimmt der Soziologe Heinz Bude einen Ausflug in die jüngere deutsche Geschichte und zeichnet ein ebenso detailreiches wie nostalgisch anmutendes Porträt der Generation der „Babyboomer“. Anlässlich des sukzessiven Übergangs der Generation ins Rentenalter nimmt er seine Leserschaft mit auf einen Spaziergang durch die prägenden Lebensstationen der Boomer in Ost- und Westdeutschland, vollzieht ihren gesellschaftlichen Werdegang zeitgeschichtlich nach und spickt die Erzählung mit persönlichen Anekdoten. Damit reiht sich das Buch ein in das Genre der romanartigen Sachbücher, die Autobiografie mit sozialwissenschaftlicher Reflexion verknüpfen. Ähnlich wie Didier Eribon („Rückkehr nach Reims“),[1] Steffen Mau („Lütten Klein“)[2] und Lea Ypi („Frei“)[3] verflicht Bude eigene Erlebnisse gekonnt mit gesamtgesellschaftlichen Phänomenen.

Gleich zu Beginn des Buches führt der gebürtige Wuppertaler seine persönliche „Gruppe“ ein: „Das Wir ist eine Gruppe von Jungmenschen, die Ende der 1970er-Jahre zum Studium nach Westberlin gegangen waren, auf eine Insel mitten in der DDR, weit weg von Heilbronn, Wuppertal oder Trier.“ In 16 kurzen Kapiteln schreitet Bude dann durch die Geschichte des geteilten Deutschlands und schildert einfühlsam die kollektiven Erfahrungen einer Generation, indem er seine Leser:innen mit durch das Aufwachsen, Erwachsen-Sein und schließlich Alt-Werden der Boomer nimmt.

Babyboomer, kurz „Boomer“: Das sind die geburtenstärksten Jahrgänge nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie umfassen die Kohorten zwischen 1955 und 1964 (beziehungsweise 1970, so genau will sich Bude hier nicht festlegen, S. 9). Selbst 1954 geboren, ist Bude in der Generationenabfolge zwischen den „68ern“ und den „Babyboomern“ zu verorten. Er selbst schlägt sich jedoch klar auf die Seite der Letzteren.

Schon auf den ersten Seiten des Buches versetzt Bude die Soziolog:innen unter seinen Leser:innen zurück in jene Einführungsveranstaltungen ihres Studiums, die die Bevölkerungspyramide thematisierten, also die grafische Darstellung der Altersstruktur einer Gesellschaft. Dabei ist auf der x-Achse die Anzahl der Menschen eines Geburtsjahrgangs abgebildet (getrennt nach Frauen und Männern), auf der y-Achse das Lebensalter. Da schwankende Geburtsraten, verlustreiche Kriege oder Pandemien zu Abweichungen von ihrer idealtypischen Form führen, hat sich die Altersstruktur einer Gesellschaft nur in kurzen Perioden der menschlichen Geschichte tatsächlich als Pyramide dargestellt. Und auch heute ähnelt die „Pyramide“ – und hier scheiden sich Betrachtende in Optimisten und Pessimisten – eher einem Muffin respektive einem Atompilz: Spitze und Fundament sind schmal, zur Mitte hin wird die Figur jedoch breiter, bis sich links und rechts markante Auswüchse hervortun: Die Babyboomer – ein „Pulk geburtenstarker Jahrgänge“ (S. 11). Das Ende der Auswüchse markiert das Ende des Babybooms und schließlich das Ende der Generation. Ab den späten 1960er-Jahren sinken die Geburtenraten kontinuierlich. Bude resümiert: Der Babyboom der Nachkriegszeit erscheint eher als eine kriegsbedingte Anomalie (S. 13).

Im Kapitel „Frühe Prägungen“ beschreibt Bude die Kindheit der Boomer in den beiden Deutschlands. Zwar waren sie die erste Generation ohne direkte Kriegserfahrung, allerdings war der Krieg während ihres Aufwachsens omnipräsent. Durch Kriegsversehrte mit fehlenden Gliedmaßen, Tuscheleien über Nachbarn („Das waren stramme Nazis.“) und Proteste ihrer wütenden Vorgängergeneration, der 68er. In der Nachkriegszeit sozialisiert, waren die Boomer-Kinder in Ost und West Hoffnungsträger für einen gesellschaftlichen Neubeginn. Und: „Sie waren einfach immer zu viele“ (S. 18). Bude folgert: „Aus dieser Erfahrung rührt eine gewisse Skepsis gegenüber großen Erwartungen. Man verlässt sich besser auf sich selbst als auf die anderen“ (S. 18). Das ist mitnichten die einzige Boomer-Eigenschaft, die Bude auszumachen meint. Als Rezensentin blieb ich stets ein wenig verwundert zurück: Spricht Bude hier eigentlich für seine Freundesclique oder für seine Generation? Denn empirische Belege für seine Charakterisierungen sucht man vergeblich.

Die frühen Prägungen der Boomer lassen Analogien zum Aufwachsen der in den Jahren zwischen etwa 1997 und 2012 geborenen „Gen Z“ zu, aus deren Reihen die Boomer wohl am Schärfsten für ihre Einstellungen und Lebensweise kritisiert werden. Dabei sind viele der brennenden Themen heute dieselben wie damals: Wirtschaftlicher Abschwung, Sorgen vor galoppierender Inflation und zweifelhaftes Krisenmanagement, dazu wissenschaftliche Berichte über den klimatischen Kollaps. Einen Vergleich der beiden Generationen und eine genauere Analyse der Konfliktlinien bleibt Bude den Soziologie-interessierten Leser:innen bedauerlicherweise schuldig.

Den Ost-West-Unterschieden innerhalb der Boomer-Generation widmet sich Bude hingegen ausführlicher. Im sozial durchlässigeren Bildungssystem der BRD besuchen viele West-Boomer als erste in ihrer Familie eine Universität. Zwar in Gebäuden „im brutalistischen Stil mit viel Beton und wenig Ornament“ (S. 23), aber immerhin. Bei den Ost-Boomern steht der Verwirklichung von individuellen Talenten hingegen die soziale Nivellierung im Weg (S. 31). Insofern hängt Erfolg im Bildungssystem auch vom Gutdünken der Sozialistischen Einheitspartei ab. Dass die „lebensgeschichtliche Zwischenbilanz […] für Boomer in Ost und West bestimmt sehr unterschiedlich“ (S. 33) ausfällt, führt Bude mit Karl Mannheim auch darauf zurück, dass die Ost- und die West-Boomer keine Generationslagerung teilen. Denn:

„Die bloße Gleichaltrigkeit schafft indes noch keinen Zusammenhang benachbarter Geburtsjahrgänge. Die Bildung einer Generation, so Karl Mannheim in seinem klassischen Aufsatz zum Thema, geht auf die Gleichartigkeit von sozialen, politischen und kulturellen Einwirkungen in Jahren starker Aufnahmebereitschaft bei Menschen ungefähr gleichen Alters zurück. Man fühlt sich einander verbunden, weil man an bestimmten Übergängen des Lebenslaufs mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte, ähnliche Glücksfälle erlebt hat und ähnlichen Spannungen ausgesetzt war.“ (S. 26)

Ost- und West-Boomer – aufgewachsen in zwei unterschiedlichen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Systemen – hatten, verstärkt noch durch die Reisebeschränkungen, eben keinen gemeinsamen historisch-sozialen Lebensraum. Wohl auch ein wenig selbstironisch fügt Bude an:

„Viele Boomer aus dem Osten sind in der Tat der Auffassung, dass es sich bei den Boomern um ein westliches Phänomen handelt. Sie erkennen sich im Sommer auf Hiddensee oder auf Kreta oder auf der Fahrradtour entlang der Elbe oder der Donau trotz der gleichen praktischen Rucksäcke und des gleichen funktionalen Schuhwerks im Unterschied, aber nicht in der Einheit.“ (S. 34)

Im weiteren Verlauf des Buches schildert Bude wortgewandt und eingängig prägende Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur und die Konfrontation mit der Nazi-Vergangenheit durch TV-Ereignisse wie die Serie „Holocaust“ mit Meryl Streep oder die Dokumentation „Shoa“ von Claude Lanzmann, die von einem Millionenpublikum gesehen wurden. Er beschreibt die vergemeinschaftende Strahlkraft, die Willy Brandt auf die Boomer ausübte, sowie deren Politisierung durch eine quasi unvermeidbare Positionierung zur RAF. Damit gelingt Bude eine so bewegende wie erhellende Abhandlung der Jahrzehnte. Für die 1980er-Jahre legt er den Fokus auf die beiden dramatischen Krisen, die diese Dekade prägten: der Super-GAU in Tschernobyl und die AIDS-Pandemie. Deren Auswirkungen auf die Boomer-Mentalität beschreibt er folgendermaßen:

„Im Grunde bestätigten die beiden transnationalen Großereignisse die Ansicht der Boomer, dass trotz der Sicherungsstrukturen in der Systemkonkurrenz zwischen Ost und West nichts sicher war. In Berlin war die Mauer eine Naturtatsache und die Risse in der Mauer nichts mehr als ein Lebenszeichen. Auf beiden Seiten der Mauer nahmen die Boomer hin, was nicht zu ändern war. Im Osten glaubten sie weder an den Sozialismus noch an seinen Untergang, im Westen weder an den Kapitalismus noch an dessen Überwindung. Sie befanden sich, um es noch mal mit dem Gesamtdeutschen Heiner Müller zu sagen, in einem großen Wartesaal, in dem alles auf Geschichte wartet.“ (S. 97)

Apropos „Wartesaal“: hier sitzen bei Bude auch die Boomer-Frauen. Auf Seite 99 geht er ausführlicher auf deren Position innerhalb der Generationslagerung ein und hebt ihren Anspruch auf ein eigenes Leben außerhalb von Ehe und Familie hervor. Die Beschreibung der „Boomerin“ in Ost und West ist, wenn auch teils etwas unbeholfen, durchaus charmant, bleibt aber überwiegend unkritisch. Budes Schilderungen sind stärker auf die Rolle der Frauen in Sexual- und Liebesbeziehungen fokussiert als auf strukturelle Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Unerwähnt bleibt die doppelte Vergesellschaftung[4] der Boomer-Frauen, die neben ihrer Vollzeiterwerbstätigkeit auch noch „das bißchen Haushalt“ zu schmeißen hatten. Oder das in Westdeutschland dominante Male-Breadwinner-Modell, das die Ehefrauen und Mütter unter den Boomerinnen häufig in die Teilzeitfalle drängte und damit in die Abhängigkeit von ihren Ehemännern beziehungsweise in die Altersarmut (Gender Pension Gap). Auch geläufigere Begriffe wie „Gender Care Gap“ oder „Gender Pay Gap“, die Phänomene beschreiben, die die Lebensrealitäten der Boomer-Frauen maßgeblich beeinfluss(t)en, sucht man im Buch vergeblich.[5] So wirft Bude insgesamt einen recht männlichen Boomer-Blick auf seine Generation und vernachlässigt dabei nicht zuletzt die Anliegen des damaligen Feminismus.

Analytischer wird es, wenn Bude von den Boomer-Soziologen schreibt, die eine Gesellschaft sehen, die „nicht durch Orientierung an Werten, Gesellschaftscharakteren und Kulturmustern zustande kommt, sondern auf Aushandlungen beruht, Szenen bildet und mit Provisorien lebt“ (S. 123). Soziologen wie Armin Nassehi, Uwe Schimank, Ronald Hitzler oder Dirk Baecker hätten „den Glauben an die Erklärungskraft eines allgemeinen Gesetzes oder eines leitenden Prinzips für die Gegenwartsgesellschaft […]“ verloren. Diese zögerliche Soziologie rühre, so Bude, von der Boomer-Sozialisation derjenigen her, die sie betreiben. Darin steckt sicherlich eine wichtige Beobachtung. Doch sie ist auch recht selektiv. Weitet man den Blick auf spätere Boomer-Soziologen wie Steffen Mau (*1968), Andreas Reckwitz (*1970) oder Hartmut Rosa (*1965), lassen sich durchaus Gesellschaftsbeschreibungen finden, die über eine tentative Soziologie hinausgehen. Und wenn man es wagt, auch die Boomer-Soziologinnen mit einzubeziehen, wären Autorinnen wie Jutta Allmendinger (*1956), Paula-Irene Villa Braslavsky (*1968) oder Martina Löw (*1965) zu analysieren, die das Fach ebenfalls maßgeblich geprägt haben.

Insgesamt ist das Buch ein lesenswerter Ritt durch die jüngere deutsche Vergangenheit. Heinz Bude ist ein leidenschaftlicher und wahnsinnig guter Erzähler, der die Geschichte der Boomer-Generation mit stilistischer Leichtigkeit und historischem Kenntnisreichtum nachzeichnet. Dass ich als Soziologin etwas unbefriedigt zurückbleibe, liegt etwa an der bereits erwähnten, doch recht pauschal bleibenden Geschichte, die zwar detailliert die zeithistorischen Stationen der Boomer beschreibt, ihre Vielschichtigkeit und unterschiedliche Wirkkraft auf soziale Gruppen innerhalb der Generation jedoch unbehandelt lässt. Die Boomer sind eben keine homogene Masse. Die Nicht-Erwähnung von Chancenungleichheiten aufgrund des sozialen Familienhintergrunds, die Vernachlässigung der weiblichen Perspektive – die auch im Literaturverzeichnis erkennbar ist – sowie die Auslassung der Erfahrungen migrantischer Boomer bleibt – auch wenn letztere nicht allzu viele waren – ein Versäumnis. Hinzu kommt, dass Bude insgesamt wenig empirische Unterfütterung seiner Thesen bietet, seine Charakterisierungen damit immer etwas anekdotisch anmuten. Zuletzt hätte ich mir eine kritischere Auseinandersetzung mit dem Generationenkonflikt zwischen den Boomern und der Gen Z gewünscht. So gern ich das Buch als zeitgeschichtliche Abhandlung gelesen habe, weist es aus soziologischer Perspektive doch noch manche Leerstelle auf.

 

  1. Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016.
  2. Steffen Mau, Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Berlin 2019.
  3. Lea Ypi, Frei. Erwachsenwerden Am Ende Der Geschichte, Berlin 2022.
  4. Regina Becker-Schmidt, Zur doppelten Vergesellschaftung von Frauen. Soziologische Grundlegung, Empirische Rekonstruktion, 2003, online unter: https://www.fu-berlin.de/sites/gpo/soz_eth/Geschlecht_als_Kategorie/Die_doppelte_Vergesellschaftung_von_Frauen/becker_schmidt_ohne.pdf (01.03.2024)
  5. Clara Schäper /Annekatrin, Schrenker / Katharina Wrohlich, Gender Pay Gap und Gender Care Gap steigen bis zur Mitte des Lebens stark an, in: DIW Wochenbericht 90 (2923), 9, S. 99–105.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Gender Gesellschaft Politik Sozialer Wandel Sozialgeschichte

Katja Schmidt

Dr. Katja Schmidt ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrbereich Makrosoziologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort forscht und lehrt sie zu den Themen Migration, soziale Konflikte, Geschlechterungleichheiten und Generationen.

Alle Artikel

PDF

Zur PDF-Datei dieses Artikels im Social Science Open Access Repository (SSOAR) der GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften gelangen Sie hier.

Empfehlungen

Juri Auderset

Die bäuerliche Welt von Gestern

Rezension zu „Ein Hof und elf Geschwister. Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben in Deutschland“ von Ewald Frie

Artikel lesen

Marion Brandt

Polnischer Protest

Hella Dietz zur pragmatistischen Fundierung von Theorien sozialen Wandels

Artikel lesen

Lutz Raphael

Von Marx bis Piketty, von Schmoller bis Milanović

Rezension zu „Stabile UnGleichheiten. Eine praxeologische Sozialstrukturanalyse“ von Christoph Weischer

Artikel lesen

Newsletter