Henning Schmidt-Semisch | Rezension |

Coming out of the (Drug) Closet

Rezension zu "Drug Use for Grown-Ups. Chasing Liberty in the Land of Fear" von Carl L. Hart

Abbildung Buchcover Drug Use for Grown-Ups von Carl L. Hart

Carl L. Hart:
Drug Use for Grown-Ups. Chasing Liberty in the Land of Fear
USA
New York 2021: Penguin Press
S. 304, $ 50,00
ISBN 978-1101981641

Nachdem US-Präsident Richard Nixon am 24. Oktober 1969 den Drogen öffentlich den Krieg erklärt hatte, wurde die Drogenpolitik der Vereinigten Staaten in den 1970er- und 1980er-Jahren zunehmend repressiver. Während auch Nixons Nachfolger den sogenannten War on Drugs fortführten – unterstützt von nahezu allen Staaten der Welt –, reifte zugleich bei vielen Beobachter:innen die Erkenntnis, dass eine ‚drogenfreie Gesellschaft‘ weder auf diesem noch auf anderem Wege zu erreichen sein würde. „Mit Drogen Leben? Akzeptierende Drogenarbeit als Schadensbegrenzung gegen repressive Drogenpolitik!“ lautete daher das Motto des 1. Kongresses des Bundesverbands für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik (akzept e.V.) im Jahr 1991. In den folgenden drei Jahrzehnten etablierte sich die akzeptierende Drogenarbeit mit ihren gesundheitsorientierten niedrigschwelligen Hilfsangeboten in Deutschland und vielen anderen Ländern und löste damit die repressive Drogenpolitik zumindest ein Stück weit ab. Die Maßnahmen und Programme reichen von Übernachtungsmöglichkeiten und anderen pragmatischen Überlebenshilfen über einen sichereren Drogengebrauch (Safer-Use-Regeln, Spritzentausch etc.) bis hin zur Methadonsubstitution. Weiterhin geht es darum, sogenannte Drogenkonsumräume einzurichten und im Rahmen von Heroinprogrammen Heroin unter ärztlicher Aufsicht zu vergeben.[1]

Parallel zu diesen Entwicklungen gab es in den vergangenen Jahrzehnten zum einen verschiedene Forschungen zu moderaten nichtabhängigen Formen des Gebrauchs illegaler Drogen – im deutschsprachigen Raum steht hierfür exemplarisch eine Studie von Uwe Kemmesies, die zeigte, dass der Konsum illegaler Drogen weit verbreitet ist, auch im bürgerlichen Milieu in Deutschland, wo er in der Regel unproblematisch verläuft und daher oftmals nicht auffällt.[2] Zum anderen debattieren Politik und Gesellschaft immer wieder über Möglichkeiten, die Prohibition durch Regulation zu ersetzen, das heißt konkret, ob und wie Drogenkonsumierende zu entkriminalisieren oder Drogen zu legalisieren seien.[3] An diesen Diskussionen beteiligen sich neben Wissenschaftler:innen und Politiker:innen auch Akteur:innen aus Justiz und Polizei, die sich in der Gruppe Law Enforcement Against Prohibition (LEAP Deutschland) zusammengeschlossen haben und denen es unter anderem darum geht „den Respekt für die Arbeit der Polizei wieder herzustellen, der durch ihre Beteiligung bei der Durchsetzung der Anti-Drogengesetze beschädigt wurde“.[4]

Obwohl sich also verschiedene Institutionen und Personen für eine weniger repressive Drogenpolitik engagieren, haben sich die Deutungsmuster des Jahrzehnte währenden War on Drugs derart verfestigt, dass sie bis heute die gesellschaftliche Wahrnehmung weitgehend dominieren. Stephan Quensel bezeichnete die gesellschaftlich verbreitete Grundeinstellung gegenüber Drogen bereits 1980 als einen aus stereotypen Vorstellungen gebildeten „Hintergrund, in den wir unsere aktuellen Erfahrungen einbetten: Bilder von Drogentoten in Toiletten, ausgemergelten und arbeitsunfähigen Haschisch-Orientalen, Heroin-Laboratorien – Bilder, die durch entsprechend farbige Stories von minderjährigen Prostituierten, LSD-Selbstmorden und allmächtigen Dealerorganisationen plastisch ergänzt werden“.[5] Auch wenn einzelne Anleihen des Zitats veraltet erscheinen und durch ‚Crack-Zombies‘, ‚Crystall Meth-Exzesse‘, ‚Opioid-Krise‘ oder ‚Darknet-Händler‘ ersetzt werden müssten, so ist unsere grundsätzliche Haltung gegenüber den illegalisierten Drogen noch nahezu die gleiche: Sie sind so grundsätzlich negativ besetzt, dass wir kaum anders können als sie zu verteufeln.

Genau dieses Drogenverständnis veranlasste Carl Hart dazu, Neuroscience zu studieren, denn er glaubte, auf diese Weise das Drogenproblem in seiner Gemeinde lösen zu können: „It was clear to me that the poverty and crime in the resource-poor community from wich I came was a direct result of recreational drug use and addiction. I reasoned that if I could stop people from taking drugs, especially by fixing their broken brains, I could fix the poverty and crime in my community.“ (S. 89) In seinem jüngst erschienen Buch Drug Use for Grown-Ups beschreibt Hart, welche Veränderung bei ihm stattfand: Während er zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere Drogen und Drogenkonsum noch als ausschließlich schlecht wahrnahm, sei ihm irgendwann aufgefallen, dass negative Drogenwirkungen sowohl von ihm persönlich als auch von Politik und Gesellschaft systematisch überschätzt würden, während man positive Effekte in aller Regel übersehe oder ignoriere. Er habe immer deutlicher realisiert, „that drug-abuse scientists, especially government-funded ones, focus almost exclusively on the detrimental effects of drugs“ (S. 9). Rückblickend resümiert er: „I had been indoctrinated to be biased toward the negative effects of drug use. But over the past two-plus decades, I had gained a deeper, more nuanced understanding.“ (S. 246)

Mittlerweile ist Carl Hart Professor für Psychologie an der Columbia University in New York City, befasst sich insbesondere mit Aspekten der Neuropsychopharmakologie und ist ein entschiedener Verfechter wissenschaftlicher Evidenz. Durch sein gewandeltes Drogenverständnis kann er heute den positiven Drogeneffekten deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken und konstatiert, dass die positiven Wirkungen von und Erfahrungen mit Drogen die negativen bei weitem übertreffen (S. 9). Dies sei auch nicht erstaunlich, denn die Menschen würden Drogen ja nicht deshalb konsumieren, damit es ihnen schlecht gehe, sondern weil sie sich positive Wirkungen davon erhofften. Zudem kann er belegen, dass „nearly 80 percent of all illegal-drug users use drugs without problems such as addiction“ (S. 206). Das gelte im Übrigen nicht nur für Cannabis, Heroin, Kokain, LSD, MDMA etc., sondern auch für die vermeintliche Horrordroge Crack: „We now know unequivocally that the effects of crack have been rediculously exaggerated; crack is no more harmful than powder cocaine is. They are, in fact, the same drug.“ (ebd.)

Gerade Crack sei ein gutes Beispiel dafür, dass es der US-amerikanischen Drogenpolitik nicht um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Konsumierenden gehe, sondern dass diese auch heute noch von einem tief sitzenden Rassismus geleitet werde. Während der ‚Crackhysterie‘ der 1980er-Jahre galt: „Crack was being blamed for everything from black unemployment to misrepresented high murder rates to crack babies.“ (S. 202) Damals habe man die Strafen für im Zusammenhang mit Crack stehende Straftaten massiv erhöht, was zu der oft beschriebenen mass incarceration vor allem schwarzer Männer geführt habe: „A whopping 85 percent of those sentenced for crack offences were black, even though most users and dealers of the drug were, and are, white. Without a doubt, this type of racism has contributed to spine-chilling statistics, such as this one: despite making up only 6 percent of the general population, black males comprise nearly 40 percent of U.S. prisoners.“ (S. 204)

Diese Politik, so Hart, folge dabei einem altbekannten Dramatisierungsmuster. So habe man bereits in den 1930er-Jahren die „connection between marijuana use by blacks and violent crime“ (S. 161) aus rassistischen Motiven übermäßig betont. Harry Anslinger, seinerzeit Commissioner of the Federal Bureau of Narcotics, ließ sich gar zu der Aussage hinreißen: „Marijuana is the most violence-causing drug in the history of mankind.“ Die ‚Reefer-Madness‘-Rhetorik mit ihrem dahinterstehenden Skript des „crazed Negro drug fiend“ (S. 139) ziehe sich durch die gesamte US-amerikanische Drogenpolitik. Sie tauche mal als „superhuman Negro cocaine fiend“ (S. 185), mal als „crazy nigger on PCP“ (S. 190) auf und sei eine wiederkehrende Begründung in Fällen, in denen weiße Polizisten schwarze Männer brutal behandelten oder gar töteten. Der schwarze Autor Carl Hart, der selbst aus einer „resource-poor community“ (S. 89) kommt, spricht daher treffend vom Drogenkrieg als dem „War on Us“ (S. 15).

Aber es sind nicht nur die rassistischen Klischees und Übergriffe, die Hart umtreiben. Er stört sich auch daran, dass mit dem Krieg gegen die Drogen Ausgaben von etwa 35 Milliarden Dollar pro Jahr für Polizei, Gerichte und Gefängnisse verbunden sind. Soziale und ökonomische Probleme würden zu ‚Drogenproblemen‘ umdefiniert, um zusätzliche Ressourcen für die Strafverfolgung bereitzustellen, anstatt sich um die tatsächlichen Bedürfnisse armer Menschen und ihrer Communities zu kümmern. Vor allem aber hält er die repressive Drogenverbotspolitik auch aus gesundheitlicher Perspektive für desaströs: Die auf falschen Vorstellungen von Drogen beruhenden Maßnahmen hätten mehr Schaden angerichtet als die Drogen selbst. Um seine Einschätzung zu plausibilisieren, berichtet Hart in Drug Use for Grown-Ups von Reisen nach Brasilien, Portugal, Spanien und in die Schweiz, also in Länder, die in unterschiedlichem Maße eine akzeptierende, das heißt die Konsument:innen eher schützende statt strafende Drogenpolitik betreiben. Das unter anderem in Deutschland (noch) verbotenen drug-checking hat ihn beispielsweise vollends überzeugt: „I was more convinced than ever that drug-safety testing services ought to be more widely available. Imagine if we could provide the same services for communities around the world and give every user the opportunity to test their drugs to ensure they are safe. Deaths from contaminated drugs would be dramatically reduced.“ (S. 81) Ähnlich begeistert ist er von Schweizer Programmen, in denen (analog zu deutschen Diamorphin-Ambulanzen) Heroinabhänge mit Heroin behandelt werden. So könne man vermeiden, dass Menschen verunreinigte Substanzen konsumieren, und ihnen dadurch ein normales Leben ermöglichen. Schließlich habe sich gezeigt, dass Heroin eine wirksame Behandlung für Heroinabhängige sei: „Patients in these programs, like those in Switzerland, hold jobs, pay taxes, and live long, healthy, and productive lives.“ (S. 228)

Und damit kommen wir zur Pointe des Buches: Die mit legalem Heroin versorgten Personen in der Schweiz leben offenbar gut mit der Substanz. Genau wie Carl Hart selbst, der nun in sein fünftes Jahr als, wie er sagt, verantwortungsvoller Heroinkonsument geht. Opioide sind für ihn keine lebensgefährlichen Rauschgifte, sondern vor allem hervorragende Genussmittel, wie die meisten anderen in dem Buch behandelten (illegalen) Drogen auch. Immer wieder erzählt er von eigenen Konsumerfahrungen und -experimenten mit unterschiedlichen Substanzen, von den guten Gefühlen, die sie ihm und seinen Mitkonsumierenden bereiten. Seinen ersten Heroinkonsum beschreibt er zum Beispiel folgendermaßen: „My friend Kristen asked if I would be interested in trying heroin with her. She had never done it but wanted to try it. Same here. So one Friday evening, we did. Unlike in the movies, we didn’t use needles. (By the way, nor do most heroin users.) We each snorted a short, thin line. Immediately, we detected the nice, characteristic opioid effects, including a dreamy light sedation, free of stress. We talked, reminisced, laughed, exchanged ideas, and carefully documented our drug effects. After they had worn off, we called it an evening and went home.“ (S. 236)

Bei aller Leichtigkeit der Beschreibung weiß Hart durch seine wissenschaftliche Beschäftigung natürlich auch, dass Drogen manchen Personen in bestimmten Situationen und/oder mit bestimmten physischen oder psychischen Vorbelastungen durchaus schaden können (S. 246 f.). Zugleich aber ist er der evidenzbasierten Überzeugung (S. 230), dass ein weitgehend unproblematischer Drogengebrauch möglich und vor allem auch die Regel ist. Um einen solchen Konsum zu unterstützen, bedürfe es aber nicht einer repressiven Verbotspolitik gegenüber den Konsumierenden, sondern vielmehr politischer Rahmenbedingungen, die durch Regulierung einen risikoarmen Gebrauch ermöglichen: „We have already taken this approach with alcohol, tobacco, and, more recently, in a handful of states, with marijuana. The benefits are numerous. […S]uch a scheme would markedly reduce drug-related deaths caused by accidental overdoses. A large proportion of these deaths are caused by adulterated substances purchased on the illicit market. A regulated market, with uniform quality standards, would virtually put an end to contaminated drug consumption and greatly reduce fatal, accidental drug overdoses.“ (S. 253 f.)

Carl Hart möchte mit seinem Buch dazu beitragen, eine solche Politik gesellschaftlich akzeptiert umzusetzen: zum einen, indem es die verbreiteten Drogenmythen mit wissenschaftlicher Evidenz konfrontiert, zum anderen, indem der Autor die wissenschaftliche Evidenz um seine eigenen Drogenerfahrungen ergänzt. In diesem Sinne will er auch andere ermuntern, es seinem „coming out of the closet“ (S. 57) gleichzutun, denn wenn viele Personen ihren bislang heimlichen Drogengebrauch kundtäten, könnte man Drogenmythen als solche entlarven und dadurch die Erfolgsaussichten für eine humane Drogenpolitik steigern. Eine solche Politik, so Hart, entspräche nicht zuletzt auch den Werten der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, „[that] guarantees each of us ‚certain unalienable Rights‘, including ‚Life, Liberty and the pursuit of Happiness‘, so long as we don’t infringe upon the rights of others“ (S. 52).

Drug Use for Grown-Ups hat in den USA für einiges Aufsehen gesorgt. Eine Google-Suche für ‚Carl Hart‘ gibt Auskunft über die enorme mediale Aufmerksamkeit, die das Buch und insbesondere sein Autor auf sich gezogen haben. Wie oben skizziert, ist Hart zwar keineswegs der erste und auch nicht der Einzige, der mit guten Gründen eine humane Drogenpolitik und das Recht auf Drogenkonsum fordert, aber die offensive Verknüpfung von wissenschaftlicher Reputation und Evidenz mit der eigenen Biografie und Konsumgeschichte entwickelt eine ganz besondere Dynamik: „Remaining in the closet about my drug use felt cowardly, dishonorable. Why should I be required to conceal an activity that I enjoy, especially if it doesn’t negatively impact others? I am not a child, nor will I be treated as such. Living in American society, where black men are too often relegated to childlike status due to American racism, it’s too damn hard to stomach being made to feel like a child in yet another domain. Thus, out of the closet I will forever remain.“ (S. 57 f.)

  1. Hierzu ausführlicher Henning Schmidt-Semisch, Von der Abstinenz zur Akzeptanz. Wegmarken der deutschen Drogenpolitik und Suchthilfe, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 70 (2020), 49–50, S. 24–30.
  2. Uwe E. Kemmesies, Zwischen Rausch und Realität. Drogenkonsum im bürgerlichen Milieu, Wiesbaden 2004; vgl. weiterführend Birgitta Kolte / Henning Schmidt-Semisch, Kontrollierter Drogenkonsum. Ein prekäres Paradigma?, in: Robert Feustel / Henning Schmidt-Semisch / Ulrich Bröckling (Hg.), Handbuch Drogen in sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, Wiesbaden 2019, S. 173–191.
  3. Vgl. hierzu zum Beispiel die Beiträge in Ralf Gerlach / Heino Stöver (Hg.), Entkriminalisierung von Drogenkonsumenten – Legalisierung von Drogen, Frankfurt am Main 2012.
  4. Siehe Law Enforcement against Prohibition Deutschland [9.4.2021].
  5. Stephan Quensel, Unsere Einstellung zur Droge, in: Kriminologisches Journal 12 (1980), 1, S. 1–16, hier S.2.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Gewalt Konsum Rassismus / Diskriminierung

Henning Schmidt-Semisch

Henning Schmidt-Semisch ist Professor am Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen und leitet im Institut für Public Health und Pflegeforschung die Abteilung Gesundheit und Gesellschaft.

Alle Artikel

Empfehlungen

Thomas Hoebel, Wilhelm Heitmeyer

Rechte Gewalt erforschen

Wilhelm Heitmeyer im Gespräch mit Thomas Hoebel

Artikel lesen

Falko Schmieder

Für die Tonne

Rezension zu "Geschichte der Wegwerfgesellschaft. Die Kehrseite des Konsums" von Wolfgang König

Artikel lesen